Glücklich sein trotz Sinnlosigkeit? Schopenhauers Lebensweiheiten

Was kann uns Arthur Schopenhauer heute noch sagen? Wo für ihn das Leben doch eh sinnlos und Glück für den Menschen unerreichbar war …
Trotzdem gibt er in seinen „Aphorismen zur Lebensweisheiten“ einige praktische Tipps, worauf wir achten sollten, wenn wir Momente der Zufriedenheit erleben wollen.

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Die großen und geheimen Lehren des Waldes

Die „Brihad Aranyaka Upanischad“  (बृहदारण्यक उपनिषद्, zu deutsch etwa „Die großen und geheimen Lehren des Waldes“) ist einer der ältesten und gleichzeitig wichtigsten Teile der Upanischaden, der zwischen 700 und 200 v. Chr. entstandenen Sammlung philosophischer Grundtexte des Hinduismus.Die Essenz der Upanischaden von Eknath Easwaran

In ihr werden einige Gedanken entfaltet, die auch für unsere heutiges Leben große Bedeutung haben können. Die grundsätzliche Annahme dabei ist, dass es in der Welt ein einziges Prinzip gibt, das alles im Innersten zusammenhält. Die Welt der Vielfalt ist eigentlich eine der Einheit, in der alles mit allem verbunden ist. Die Upanischaden nennen dieses Prinzip Brahman. Es ist nicht nur in der Welt, es ist die Welt. Es ist zugleich immanent und transzendent.

Es ist aber auch zugleich jenseits der Welt, die wir mit unseren Sinnen erfahren können. Daher hat es keine Eigenschaften, die wir an ihm benennen können. Es ist nicht dieses, nicht jenes. Wir selber können es also nicht direkt erkennen, doch wir können seiner bewusst werden. In unserem normalen Alltagsleben jedoch achten wir nicht auf Brahman, weil wir von den Dingen unserer Wahrnehmung sowie von unseren Gedanken und Gefühlen abgelenkt sind. Wir sind von unserer Individualität abgelenkt, auf unsere Besonderheiten, auf die wir so stolz sind. Wir denken, dass uns diese Besonderheiten ausmachen.

Eigentlich jedoch sind wir etwas anderes. Wir sind ein Selbst, das nicht autonom ist, das nicht unabhängig von anderen Wesen wirkt, sondern ein Teil des großen, mit allem verbundenen Netzwerks der Wirklichkeit. Dieses höhere Selbst nennen die Upanischaden Atman.Upanishad_Quotes1

Das Selbst als „Ego“ dagegen ist das, was mit dem Körper und dem sozialen Leben des Menschen verbunden ist. Dieses Selbst ist normalerweise unsere Antwort auf die Frage „Wer bist du?“ – ein Selbst, das einen Namen hat, das wir zu bewahren versuchen, das wir zu bilden und zu verwirklichen versuchen, dem wir Bedeutung beilegen, weil es uns ausmacht: unsere Eigenheiten, unsere Identität, unsere Individualität: das, was uns von anderen unterscheidet, was uns begrenzt und definiert, was uns eben besonders macht.

Das aber ist nicht die wahre Identität des Menschen. Es ist nur eine Maske, endlich und mehr oder weniger zufällig, und mit dieser Maske verbergen wir unsere wahre und unendliche Natur.

Atman selber ist nicht definierbar.

Es ist ungreifbar, denn es kann nicht ergriffen werden. Es ist unverderblich, denn es ist dem Verderben nicht unterworfen. Es ist ungebunden; und doch zittert es weder vor Furcht noch leidet es Unrecht.

Dieses wahre Selbst – „jenseits von Hunger und Durst, Sorge und Illusion, Alter und Tod“ – ist die ewige Dimension der Wirklichkeit. Das, was eigentlich wirklich und wichtig ist, im Gegensatz zu dem, was wir in unserem Alltag so alles für wirklich und wichtig halten. Unser eigentliches, wesentliches Selbst geht über alle Begrenzungen hinaus, auch über Leid und Tod.

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Atman selber ist „der innere Lenker des Lebens“ – es ist kein Gegenstand unseres Bewusstsein, etwas, über das wir nachdenken, oder das wir gar sinnlich wahrnehmen könnten. Atman ist der Wahrnehmer der Wahrnehmung, also das, was allem Bewusstsein zugrunde liegt. Das, was in uns fühlt und denkt. Seiner bewusst zu werden, ist der Weg, auf dem wir uns bewegen sollten, wenn wir die Wirklichkeit erkennen und glücklich leben wollen. Wir bewegen uns dann von der vergänglichen Ich-Identität zum höheren Selbst, das unvergänglich und nicht vom Ganzen unterschieden ist. Ziel des menschlichen Lebens ist es somit, die ursprüngliche Einheit des Atman mit dem Brahman zu erkennen.

Jetzt mal was Originelles, bitte.

Auf eine meiner letzten Notizen auf philosophisch-leben.deBild erhielt ich den Kommentar: „jetzt mal was originelles bitte“.

Leider hat der Kommentator seinen Beitrag wieder entfernt – aus welchen Gründen auch immer. Denn das, was seine Forderung suggeriert, ist ja nicht falsch. Alle meine Texte drehen sich im Grunde genommen um ein und dasselbe Thema, und viel Abwechslung ist da nicht auszumachen. Weder inhaltlicher noch formaler Art.

Es geht in ihnen um Achtsamkeit, Im-Moment-sein und Loslassen. Viel mehr ist da nicht.

Soll da aber auch nicht sein. Vielfalt und Abwechslungsreichtum sind mir nicht wichtig. Trotzdem scheint das Thema einen inneren Reichtum zu entfalten, da es mir in zahlreichen Situationen auf verschiedene Art wiederkehrt. Achtsamkeit und Arbeit, unser Verhältnis zur Natur, zum Spielen, zum Müßiggang, zum eigenen Körper … all diese Facetten drängen sich mir auf und wollen beschrieben werden.

Neu ist das alles nicht und originell schon gar nicht. Aber im Grunde genommen ist sowieso schon alles gesagt. Für philosophische Weisheit und Lebenskunst reichen ein paar der Klassiker – wenn man sie nur genau liest, versteht und lebt. Lao-Tses „Tao te King“, Buddhas Reden, Senecas Briefe, Montaignes Essays, Schopenhauers „Aphorismen zur Lebensweisheit“ … alles ist gesagt, nur noch nicht von mir. Wer sich dann noch Selbsthilfe-Literatur kauft, in der Hoffnung auf Neues, wird enttäuscht werden.

Wie heißt es doch in Schopenhauers „Aphorismen zur Lebensweisheit“:

Im allgemeinen freilich haben die Weisen aller Zeiten immer dasselbe gesagt, und die Toren, d. h. die unermeßliche Majorität aller Zeiten, haben immer dasselbe, nämlich das Gegenteil, getan: und so wird es denn auch ferner bleiben.

Wer Originalität und Abwechslungsreichtum will, soll ins Kino gehen. Wenn ich einen Film gesehen habe, den es so oder so ähnlich schon einmal gegeben hat, sage ich mir auch: „Jetzt mal was Originelles, bitte.“ Ich wollte unterhalten werden und wurde gelangweilt.

Doch bei philosophischen Texten zur Lebenskunst scheint mir diese Haltung nicht angebracht. Sie offenbart die Einstellung eines unreifen Teenagers: Unterhalte mich! Wenn man Buddhas Reden zum zwölften Mal liest, wird man hinterher auch nicht klagen: „Jetzt mal was Originelles, bitte.“ Wenn man der Predigt in der Kirche lauscht oder das Vaterunser betet, wird man hinterher auch nicht klagen: „Jetzt mal was Originelles, bitte.“ Wenn man sich zur Meditation niedersetzt, wird man hinterher auch nicht klagen: „Jetzt mal was Originelles, bitte.“ Wenn man in einem Retreat den Gedanken des Zenmeisters zuhört, wird man hinterher auch nicht sagen: „Jetzt mal was Originelles, bitte.“

Weil man eine andere Einstellung zu diesen Dingen hat. Man versucht, sie in sein Leben hineinzulassen. Diesen pseudo-philosophischen Texten zur Lebenskunst auf philosophisch-leben.de ebenfalls mit dieser Einstellung zu begegnen, bewahrt vor Enttäuschung und vertaner Lebenszeit.