Kümmert euch nicht um die Früchte eures Handelns

Es ist paradox: Den größten Erfolg haben wir, wenn wir uns nicht um ihn scheren. Wie oft haben wir schon erlebt, dass uns eine gute Idee genau dann gekommen ist, wenn wir nicht mehr nach ihr gesucht haben. Wie oft haben wir genau in dem Moment den richtigen Menschen oder den richtigen Augenblick gefunden, sobald wir einmal von unserem krampfhaften Bemühen abgelassen haben.

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Kann man sich selbst verbessern?

Schon seit Urzeiten kreisen die Sorgen der Menschen darum, besser zu werden. Ihren Geist zu schulen, ihren Charakter zu veredeln, ihren Körper gesünder, kräftiger und beweglicher zu machen. Unserer gesamten (westlichen) Zivilisation wohnt ein Streben inne, sowohl individuell wie gesellschaftlich, das Peter Sloterdijk in seinem Traktat „Du musst dein Leben ändern“ mit dem Begriff der „Vertikalspannung“ bezeichnet hat. Bei Galen heißt es:

Um ein vollendeter Mensch zu werden, muss sich ein jeder sein ganzes Leben lang üben.

Aber was wäre, wenn es diese Möglichkeit gar nicht gibt? Wenn man sein Denken gar nicht transformieren kann, wenn man gar kein anderer, besserer Mensch werden kann? Wenn das alles nur eine Illusion ist, die uns ständig im Hamsterrad der Selbstoptimierung laufen lässt? Denn bei jedem „Ich muss besser werden“, das wir uns ins Tagebuch schreiben, besteht ja schon der Widerspruch, dass das Ich, das diese Worte schreibt, das ist, das verbessert werden muss, gleichzeitig muss es selber ja handeln und seine Verbesserung anstreben, also schon irgendwie „gut“ sein.

Und worin soll die Verbesserung bestehen? Dass wir eine Fähigkeit besser ausüben können, dass wir besser auf eine bestimmte, immer wiederkehrende Situation reagieren, dass wir uns mehr bewegen, gesünder ernähren und öfter meditieren? Warum soll das besser sein als das, was wir jetzt bereits machen? Nur, weil wir uns vorgenommen haben, das zu tun? Oder weil uns jemand gesagt hat, es sei besser? Aber das, was wir getan haben, war keine Fähigkeit, und unsere Reaktion in diesem speziellen Moment war kein Charakterzug, und unsere gelassene Stimmung an diesem Morgen war keine Geisteshaltung. Es war eine einzelne Tat, die wir getan haben, und auch morgen wird es wieder nur eine einzelne Tat sein: ein gesundes Essen, eine halbe Stunde Meditation, eine freundliche Geste, ein Geschenk an andere … Nirgendwo gibt es Fähigkeiten und Charaktereinstellungen, es gibt nur Handlungen, Gefühle und Gedanken im Hier und Jetzt.

DaoTaoUnd woran könnten wir es messen, dass wir wirklich besser geworden wären? An unserem ehemaligen Ich, das „schlechter“ war? Aber das existiert schon längst nicht mehr, daher ist es auch Unsinn, sich mit ihm messen zu wollen. Oder sollten wir uns vergleichen mit dem, was wir sein könnten? Mit einem vagen Ideal, mit einer Wunschvorstellung von uns selbst? Aber die bleibt unerreichbar, oder zumindest bewegt sie sich genau so schnell von uns weg wie wir uns weiterbewegen. Denn unsere Wunschvorstellungen ändern sich, unsere Ziele entfernen sich von uns, und so können wir niemals dort ankommen, wo wir wirklich sein möchten: ein besserer Mensch zu sein.

Es scheint wirklich eine Illusion zu sein, dieser Wunsch, sich selbst zu verbessern. In dem Moment, wo wir verstehen, dass es nicht darauf ankommt, ja, dass es gar nicht möglich ist, ein besserer Mensch zu werden, verspüren wir eine große Erleichterung. Wir merken, dass es nur darauf ankommt, in diesem Moment so zu handeln, wie wir es für richtig halten. Immer und immer wieder. So wie es beim Meditieren nicht darauf ankommt, dreißig Minuten lang in sich selbst versunken zu sein, sondern nur auf diesen einen Atemzug, ihn so richtig wie möglich zu bemerken, immer und immer wieder.

Die Natur brüstet sich nicht, dass sie Natur ist, noch hält das Wasser über die Technik des Fliessens eine Tagung ab. So viel Gerede wäre an die verschwendet, die es nicht brauchen. Der Mensch des Tao lebt im Tao wie ein Fisch im Wasser. Wenn wir dem Fisch beizubringen versuchen, dass Wasser physikalisch aus zwei Drittel Wasserstoff und einem Drittel Sauerstoff besteht, würde er sich schieflachen.

Alan Watts

Vom rechten Üben

Wer hat nicht in der Vergangenheit sich vorgenommen, zu üben – ein Musikinstrument, eine Sprache, einen Sport, meditieren, tanzen, Handstand, Yoga, Klimmzüge, malen – und es dann nach einiger Zeit aufgegeben? Weil sich der rechte Erfolg nicht einstellen wollte oder weil das Ziel doch nicht mehr so verführerisch schien – der Mensch, den man mit seinen Handstandfähigkeiten beeindrucken wollte, hat sich jemand anderen gesucht, Schlagzeugspielen ist einfach nicht gut für die Ohren und die ganzen ölbemalten Leinwände stauen sich auf dem Speicher. Oder man hat sein Ziel verändert, weil es so viele andere tolle Fähigkeiten gibt in diesem Leben, die es sich zu erwerben lohnt.

Uns begegnen täglich vielerlei Hindernisse auf dem Weg zu unseren Zielen, sei es auch nur in der Form der Furcht vor ihrem Eintreten:

zu wenig Zeit
zu wenig Energie
zu aufwendig,
zu unbequem
zu langweilig
zu schmerzhaft
zu herausfordernd
zu teuer
zu wenig gute Lehrer
zu viele andere Übungen und Ziele
und, und, und …

Der übliche Ansatz, diese Stolpersteine zu überwinden, ist der von Willenskraft und Selbstdisziplin. Wir müssen uns einfach nur mehr, öfter und stärker anstrengen. Und dazu müssen wir uns einfach stärker auf unsere Ziele konzentrieren. Doch paradoxerweise scheint das Gegenteil zuzutreffen: Wir werden diesen Hindernissen so lange begegnen, wie wir unseren Fokus zu sehr auf das Ziel gerichtet haben.
Wie kann das sein? Das Ziel im Fokus haben soll negativ sein? Ich kann doch auch keinen Ort erreichen, wenn ich mich nicht auf ihn konzentriere!
Das ist richtig. Im geeigneten Moment ist es notwendig, sich an seine Ziele zu erinnern und an die Wünsche und Hoffnungen, die man mit ihrem Erreichen verbunden hat. Das kann durchaus motivierend sein.

Aber:

Viele denken, wenn sie zehn oder zwanzig Jahre üben, werden sie schließlich etwas erreichen. Das ist aber nur ein Aufschieben, denn wenn sie jetzt nicht völlig lebendig sind, weshalb glauben sie dann, dass sie es einen fernen Tages sein werden. Dieser Tag wird nämlich nie kommen. Es gibt immer nur das Hier und Jetzt, und wer im Hier und Jetzt, in der Übung und Anstrengung heute nicht vollkommen lebendig und da ist, der wird es nie sein. (Alan Watts)

 
Während des Übens selber also, beim Ausführen einer bestimmen Tätigkeit, ist es nicht unbedingt von Vorteil, nur an das Ziel zu denken. Einen Ort erreichen wir ja auch nicht hauptsächlich durch die Konzentration auf ihn, sondern durch das Gehen. Und während wir üben, müssen wir unseren Fokus verändern: Wir müssen im Moment bleiben, im Hier und Jetzt des Tuns selber sein, und das Tun genießen.

Nach Aristoteles trägt „jedes Lebewesen Ziel und Zweck in sich selber und entfaltet sich dieser seiner inneren Zielstrebigkeit gemäß.“ Dies macht gleichzeitig seine Lebendigkeit aus und seine Schönheit. Das rechte Üben ist also viel mehr als der Weg zur Erreichung eines bestimmten Ziels, von dem wir uns Seelenruhe, Glückseligkeit, Zufriedenheit, Befriedigung, Lust, Freude, usw. erhoffen, ein Gehen ohne Ankommen. Aber ein Gehen, das zugleich ein lustvolles, befriedigendes ist, bereits während seiner Ausführung. Wenn man das Üben richtig begreift und in ihm aufgeht, „seiner inneren Zielstrebigkeit gemäß“, im Hier und Jetzt des Übens, dann kann man Zufriedenheit verspüren, ohne dass man dazu erst das Ziel erreicht haben müsste. Beim Üben muss man nicht an das Ziel denken, nicht einmal an den Weg, sondern nur im Üben selbst ganz da sein. Gemäß dem spanischen Sprichwort: „Es gibt keinen Weg, es gibt nur Gehen.“ Und wenn das Üben langweilig, unangenehm oder schmerzhaft ist, heißt es, diese Gefühle anzunehmen und ins Tun hinüberzunehmen. Dann übe ich heute eben unter Langeweile.

Es geht darum, die richtige Technik einer Fertigkeit, die man einüben will, nicht so sehr um das Ergebnis, das Produkt willen erreichen zu wollen (das allerdings ein angenehmer Nebenwert ist), sondern um der Technik selber willen. In der Tradition der Zen-Kalligrafie wird das besonders anschaulich, wenn das Produkt (das Bild) hinter dem Tun (dem Malen) zurücktritt.

Eigentliches Produkt ist dann nicht so sehr ein äußeres materielles, sondern der Mensch, der produziert, selber. Der Sinn der Übung ist die Verwandlung, sagt Karlfried Graf Dürckheim. Leistung kann dann nicht so sehr als Ergebnis eines willentlichen Könnens, sondern einer „Verwandlung im Sein“ begriffen werden.

Diese rechte Einstellung zum Üben bedarf selber einiger Übung. Das Gute daran ist aber, dass es nicht noch eine Tätigkeit ist, die hinzukommt und unseren vollen Terminkalender zum Überlaufen bringt mit noch einer Trainingseinheit. Das Einüben ins rechte Üben kann vielmehr jederzeit geschehen, vor allem bei jeder Übung, die wir ausführen. Denn was ist unser Alltag anderes als eine Abfolge von Übungen? Wenn wir mit Menschen sprechen, üben wir uns im empathischen Zuhören. Wenn wir allein sind, üben wir uns in der Sorge um uns selbst. Sogar das triviale Putzen kann dann zum Selbstzweck werden und zur Gelegenheit, das achtsame Tun einzuüben. Das Leben ist dann nicht mehr bloß eine langweilige Abfolge notwendiger Schritte zur Erreichung eines fernen Ziels, sondern voller Gelegenheiten, im Hier und Jetzt zu sein, das Tun zu genießen und uns im Üben selber zu verwandeln.