Einfach nur da sein

Über die Kunst, die Langeweile aushalten zu können …

Durch Ablenkung verstellen wir uns den Blick auf das wahre Leben. Technik und Geselligkeit ermöglichen es uns, dass wir uns in jedem Augenblick unterhalten fühlen. Doch ist es das, wofür wir leben wollen?
Lass die Einsamkeit zu, die Langeweile, die Leere. Nur in den leeren Momenten fühlen wir, was Leben heißt: einfach da sein, anwesend sein, atmen. Existieren.

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Die Leere in mir

Mache dich selbst von allem leer.
Lass den Geist in Ruhe weilen.
Die zehntausend Dinge entstehen und vergehen, während der Geist ihr Zurückgehen betrachtet.
– Lao Tse

In einigen Momenten können wir es noch erahnen, was es heißt ein lebendiges Wesen zu sein. Da zu sein. Einfach nur ein anwesender Mensch.

Als Kinder hatten wir sie oft, diese Momente des unverstellten Zugangs zur Welt – in unserer Trauer und Wut, in unserer Freude und sinnlosem Lachen. Im Schmerz unserer  Einsamkeit und im hoffnungsvollen Gefühl, irgendwann jemand anders sein zu können.

Vor allem in der irrsinnig lang erscheinenden Dauer all der Stunden und Tage. In der Unendlichkeit eines Jahres – wie haben wir gedacht, unsre Kindheit würde niemals enden. Wie haben wir gefühlt, wie lang eine halbe Stunde sein kann. Wie haben wir uns gelangweilt. Stundenlang.

Wir haben uns gefühlt und das reine Vergehen der Zeit.

Youth always tries to fill the void, an old man learns to live with it.
― Mark Z. Danielewski

Wie lang ist das her – als wäre es ein anderes Leben. Als hätte jemand anderes so gefühlt. Heute leben wir nicht mehr so. Wir langweilen uns höchstens für ein paar Minuten. Wir sind nicht allein, nie nur mit uns selbst.

Wir füllen die Leere. Füllen jede Sekunde, sobald wir auch nur ein wenig Unruhe verspüren, die ersten Anzeichen von Unzufriedenheit, von Ungenügen an der bloßen Gegenwart. Das Kribbeln in den Fingern, der Druck in der Magengrube. Alles in uns strebt danach, die Leere so schnell wie möglich auszufüllen, denn die Natur fürchtet das Vakuum.

leereUnd wir haben nun die Möglichkeiten, die wir als Kind nicht hatten: die technischen Möglichkeiten um der Leere in uns zu entgehen.

In beinahe jedem Moment haben wir Musik, Filme, Spiele, Lektüre, bekannte und unbekannte Gesprächspartner in Reichweite. Wir können alles tun um der Langeweile zu entkommen. Dem bloßen, bedeutungslosen Augenblick.

Aber mit ihm entkommen wir auch unsrem Leben selbst. Denn das, was unser Leben ausmacht, sind seine unmittelbaren Momente. Das, was zählt, ist das Dabeisein. Auch in der Leere anwesend zu sein, ihren Schmerz zuzulassen, muss man wieder lernen, falls man nicht Kind geblieben ist.

Warum aber haben wir heutzutage diesen Schutz angelegt, der es nicht zulässt, dass wir unverstellt der Welt gegenüberstehen? Weil uns die Welt mit ihrer Sinnlosigkeit und Leere im Grunde ängstigt? Weil wir mit der Beschäftigung dem Gefühl entgehen können nutzlos zu sein?

Glücklich sein heißt, ohne Schrecken seiner selbst innewerden können.
– Walter Benjamin

Aber die Leere zuzulassen bedeutet, mit dem Leben in Kontakt zu kommen. Die kleinen Momente des Nichts, der Abwesenheit von Beschäftigung sind die einzigen, in denen wir wieder fühlen können, was um uns herum ist: die Zeit, das Leben, uns selbst.

Aus dieser gefühlten, wahrgenommen Leere heraus können wir irgendwann zu wahrem Handeln kommen – zu einem, das nicht nur eine Flucht, ein verzweifeltes Suchen nach Sinn, eine sublimierte Begierde ist. Wenn wir üben, so oft wie möglich die Möglichkeiten der Flucht aus der Leere nicht zu ergreifen, sondern dem Gefühl standzuhalten, zu merken, was wirklich passiert, dann können wir auch unseren Schmerz, unsere Verzweiflung, unsere Langeweile begreifen und akzeptieren.

The artist’s job is not to succumb to despair but to find an antidote for the emptiness of existence.
― Woody Allen

Kurzmitteilung

Arbeit und Achtsamkeit

Arbeit könnte so schön sein, bedeutete sie nicht vor allem Stress, Unbequemlichkeit, Freudlosigkeit, Langeweile, Schmerz. Denn Arbeit, so ekelhaft und unwürdig für einen freidenkenden Menschen sie auch sein mag, hat doch auch ihr Gutes: sie versorgt uns mit Sinn, denn das, was wir machen, kann uns zeigen, was wir sind. Das, was wir auf die Beine stellen, kann uns einen Hinweis darauf geben, wozu wir in der Lage sind.

Die Mühen der Arbeit

Gleichwohl bleibt die Arbeit eben in erster Linie, wie es in der etymologischen Wurzel des Wortes steckt, Mühsal und Qual, und Müßiggang ist nicht immer erreichbar. Nicht jede Anstrengung gibt unserem Leben Sinn, und nicht jede sinnlose Arbeit kann umgangen werden.

Doch sie muss es auch nicht. Eine Arbeit muss nicht sinnvoll sein, um sinnvoll zu sein.

Was aber bereitet uns eigentlich ein solches Unbehagen am Arbeiten? Die Handlungen der Arbeit selbst sind es nicht, die diese Mühsal und Qual hervorrufen – Handlungen sind nur Handlungen, die eben getan werden. Wenn eine Arbeit beispielsweise körperlich anstrengend ist, dann ist es nicht in erster Linie diese Anstrengung, die uns Schmerz bereitet. Denn beim Sport strengen wir uns auch an und der daraus resultierende Schmerz ist uns willkommen.

Es ist unsere Reaktion auf die Arbeit, die Stress und Leid verursacht: unser Festhalten an dem Wunsch, dass die Dinge anders wären, als sie tatsächlich sind.

Wenn eine Arbeit geistig fordernd ist, dann ist es nicht in erster Linie diese Herausforderung, die Schmerz bereitet: Wenn wir Rätsel lösen oder Bücher lesen, kann dies auch geistig herausfordernd sein, und diese Herausforderung suchen wir. Und auch die ständigen Unterbrechungen, die uns frustrieren, weil wir uns nicht so auf eine Sache konzentrieren können, wie wir es geplant haben –  all das sind nur Ereignisse, die um uns herum passieren, wie ein Blatt, das vom Baum fällt. Ohne Bedeutung.

Wir halten stets an Vorstellungen fest, Vorstellung von dem, wie die Dinge zu laufen haben, wie man selber handeln sollte, wie die Menschen sein sollten und überhaupt wie unser ganzes Leben eigentlich aussehen sollte.  Doch genau dieses Festhalten ist es, was uns frustriert, nicht die Dinge an sich. Und dieses Festhalten an Vorstellungen ist es auch,  was die Arbeit wirklich unangenehm macht.

BuddhaDie fünf Arten des Festhaltens am Sein sind Leiden.

Buddha

Die anderen Menschen um uns herum sind nicht das Problem, wenn sie auch oft genug so erscheinen mögen: sie sind nur andere Menschen, die versuchen, ihr Bestes zu geben. Es ist unser Festhalten an der Vorstellung, dass sie sich auf eine bestimmte Weise zu verhalten haben, dass sie mehr oder weniger dazu da sind, um uns glücklich zu machen – diese Vorstellung bereitet uns Schwierigkeiten.

Es ist nicht die  Zahl an Aufgaben, Zielen, Projekten, Informationen und Nachrichten, die uns stressen: es ist unsere Reaktion auf sie. Eine To-Do-Liste ist nur eine To-Do-Liste und ein klingelndes Telefon nur ein klingelndes Telefon – an sich harmlose Dinge.  Wir empfinden erst dann Stress, wenn wir an der Vorstellung festhalten, dass wir all diese Dinge tun können und müssen und zwar zur gleichen Zeit und am besten noch heute. Oder wenn wir denken, wir könnten mit unserer Zeit auch besseres anfangen, als hier herumzusitzen und zu arbeiten.

Der Stress entsteht daraus, dass die Wirklichkeit nicht mit unseren Plänen übereinstimmt. Das versetzt unserem Ego einen herben Schlag: Die Welt ist nicht so, wie ICH sie mir vorgestellt habe? Frechheit!

Die Lösung besteht darin, das Loslassen zu lernen.

Der Mensch lasse zuerst sich selbst, dann hat er alles gelassen.

Meister Eckhart

Natürlich – die Arbeit muss erledigt werden, manche zumindest. (Meistens allerdings weniger, als man gedacht hätte – es ist eine tägliche Entscheidung, welche Arbeit man wirklich erledigen will und welche eigentlich vernachlässigt werden kann, wenn man die Konsequenzen dieser Vernachlässigung in Kauf nimmt. Oft fallen diese Konsequenzen allerdings weniger lebensgefährdend aus als gedacht.)

Aber die Frustrationen, der Stress, der Ärger, die Gereiztheit, das Gefühl der Überforderung … alles wird durch das Festhalten verursacht, und dieses existiert nur in unserem Denken. Wir halten zudem daran fest, was früher passiert ist – an dem, was jemand getan oder nicht getan hat, an der Erinnerung an einen Fehler, den wir begangen haben – aber das hält den Schmerz nur fest und lässt ihn endlos wiederkehren. Wir müssen diesen Vorstellungen erlauben zu gehen.

Sicher, loslassen nicht immer einfach. Es ist umso schwerer, wenn man denkt, man könnte für sein kleines Ich noch etwas gewinnen, wenn man festhielte. In Schiffbruch mit Tiger von Yann Martel heißt es:

Ich nehme an, das ganze Leben ist gewissermaßen eine Übung darin, loszulassen.

Diese Übung besteht darin, stete Achtsamkeit zu erlernen. Achtsamkeit ermöglicht es uns, die Denkprozesse, die Schmerz und Leid verursachen, zu beenden.

Achtsamkeit verhilft uns auch zu dem eigentlichen Augenblick zurück – wir nehmen die Dinge wieder so wahr, wie sie sind, ohne Bedeutung und ohne die Macht, uns wirklich zu ärgern und Stress zu bereiten. Alles, was in unserem Kopf an Erwartungen und Wünschen und Ängsten abläuft, kann dann schwächer werden und nach und nach verblassen und wir können in dem leben, was tatsächlich hier und jetzt passiert.

Wir erledigen eine Aufgabe ohne an andere Aufgaben zu denken oder daran, was andere Menschen uns angetan haben. Wir erledigen eine Aufgabe, und dann lassen wir sie los, und gehen weiter zur nächsten Aufgabe. Dabei achten wir einfach auf das, was passiert – auf unseren Atem, auf unseren Körper, auf die Geräusche und Gerüche, auf die Menschen um uns herum.

Dies erfordert Übung, die im Alltag fest verankert werden sollte. Man kann dazu übergehen, den Alltag als Übung zu betrachten, wie es Karlfried Graf Dürckheim formuliert. In ruhigen Minuten können wir meditieren und so unsere Fähigkeit steigern, uns ganz auf den Moment zu konzentrieren – uns ganz auf die Dinge einzulassen. Dann wird irgendwann auch die unangenehmste, langweilige und sinnloseste Arbeit zu einer Übung in Achtsamkeit und Gelassenheit.  Dann kann auch sinnlose Arbeit unserem Leben Sinn verleihen.

Weg ist das Ziel, und es gibt keinen Weg!

Wenn wir uns irgendwann befreit haben aus der Tyrannei des Augenblicks, in dem wir stets nur dem folgen wollen, was uns unser Körper, unsere Gefühle, unser unkontrolliertes Denken von Moment zu Moment in den Sinn kommen lässt, dann gehen wir – meist im Zuge unseres Erwachsen- und Reiferwerdens – in die Phase über, unserem Leben eine Richtung zu geben, ein Ziel und einen Sinn, der über und hinter dem je Momentanen und Zufälligen liegt. Wir entscheiden uns – meist in Augenblicken der Einsamkeit und Reflexion – der Autor unseres eigenen Schicksals zu werden, und überlegen, welche Werte und Ziele mit unserer Persönlichkeit und dem Bild, das wir von uns haben, übereinstimmen könnten.

Doch auch dies ist nur eine Phase, und vielleicht liegt die Steigerung unserer charakterlichen Reife darin, auch andere Phasen und Seinsweisen kennen zu lernen, vielleicht von der einen zur anderen zu wechseln, ganz den Notwendigkeiten der jeweiligen Lebensphase.

1. Ich bin mein Projekt

Die erste Phase ist die uns bekannte Phase des Zielesetzens und Zieleverfolgens. Ihr Motto ist: Ich bin mein Projekt! Ich habe mich selbst entworfen, da ich mich frei fühle und nun unabhängig, selbstbestimmt und individuell sein will.

Ich mache mir Gedanken über Ziele und Wege. Ich überlege, welche Schritte nötig sind, um meine Ziele zu erreichen. Ich plane, wann und wo ich die Schritte gehen will. Meine Ziele müssen SMART sein: spezifisch, messbar, akzeptiert, realistisch, terminierbar. Der Weg zu ihnen hin ist nur das Mittel zum Zweck – schön, wenn ich ihn genießen und ein paar Blumen am Wegesrand pflücken kann, aber eigentlich spielt das keine Rolle. Ich gehe den Weg nicht wegen der Blumen, sondern weil ich mein Ziel fest im Blick habe und es wirklich erreichen will. Dazu brauche ich Willenskraft und Selbstdisziplin, die ich mir am besten so früh wie möglich in einer harten Selbstschulung aneigne. Ich muss von meinen Werten und Zielen überzeugt sein und ein commitment eingehen. Ich muss Hindernisse überwinden, und darauf gefasst sein, dass mein Weg zur Qual, zum Kampf wird, in dem es vor allem auf Ausdauer, Geduld, Hartäckigkeit ankommt.

Meine Schritte müssen nicht schön sein, und ich muss sie auch nicht mögen. Sie müssen möglich sein. Mit meinen Werten übereinstimmen. Ich muss regelmäßig prüfen, ob ich noch in Übereinstimmung mit meinen Zielen bin, ob ich noch auf dem rechten Weg bin. Wenn nicht, dann besteht die Aufgabe darin, so schnell wie möglich wieder auf die Beine zu kommen. Der Weg erhält seinen Sinn durch das Ziel: Wenn das Ziel gut ist, ist auch der Weg gut. Und wenn ich das Ziel erreicht habe (aber erst dann!), dann war alles sinnvoll und gut.
Mein Eigenwert als Person besteht in dieser Phase vor allem darin, wie sehr ich den Weg verfolge um zum Ziel zu gelangen. Welche Hindernisse ich überwinde, und wie oft ich nach Tiefschlägen des Schicksals wieder aufgestanden bin.

Ein Beispiel für diese Geisteshaltung wäre das Kochen eines Gerichts: Mein Ziel – das Stillen meines Hungers – fest im Blick, beginne ich mit der Herstellung einer Mahlzeit. Das Kochen selber (und die damit verbundenen Aufgaben wie das Einkaufen, Putzen, Schneiden, Tischdecken, Spülen usw.) dient ausschließlich meiner Sättigung, und könnte ich diese auch anders und schneller erreichen, wäre mir das auch recht.

2. Der Weg ist das Ziel

Die erste Phase ist keine schöne Phase. Die Schritte derer, die so denken, mit einem fernen Ziel im festen Blick, sind weder anmutig noch leicht. Sie gleichen eher einem strammen Marschieren. Aber wie viele Errungenschaften hat uns diese Geisteshaltung nicht schon gebracht: das Rad, die Pyramiden, die Schokolade …

Doch irgendwann merke ich, dass es doch noch etwas anderes geben muss im Leben als die sture Ausrichtung auf ein paar ferne Ziele, oder auf einige seltene Momente der Belohnung: das Wochenende, die Ferien, ein Sabbatjahr. Und ich spüre, dass ich selbst dann nicht richtig glücklich werde, wenn ich meine Ziele erreiche. Je mehr Ziele ich erreiche, desto klarer wird mir, dass sie mich nicht befriedigen. Dass die Verheißung, die in ihnen lag, die Mühe nicht wert war, die ich zu ihrer Erreichung investiert habe. Ich habe geackert und mich angestrengt, nun halte ich das Ziel in Händen und das erhoffte Gefühl der Sättigung stellt sich nicht ein, und wenn, dann nur für kurze Zeit, und auf das Gefühl der Befriedigung folgt eine unbestimmte Leere, dann eine unzufriedene Rastlosigkeit und schließlich ein neues Ziel. Ich werde mit Schopenhauer gewahr:

 

SchopenhauerAlle äußeren Quellen des Glückes und Genusses sind, ihrer Natur nach, höchst unsicher, misslich, vergänglich und dem Zufall unterworfen.

Ich merke, dass ich auf dem Weg zu meinen Zielen die Momente nicht genossen habe, sondern Zeit verschwendet habe für die Verfolgung eines Ziels, das sich jetzt als schal darstellt. Nun habe ich zwei Möglichkeiten: Ich stelle das Streben ganz ein, entsage allem Wollen und bescheide mich. Doch dieses asketische Ideal ist mir kaum möglich. Zu sehr ist noch das alte Denken in mir, man müsse doch etwas tun, man könne doch nicht untätig sein. Dann gibt es noch die Möglichkeit, den Weg als Ziel anzusehen. Die vielzitierte Weisheit soll besagen, dass diejenigen, die sie sich zum Motto machen, auf ihrem Weg irgendwohin auch Spaß haben. Dass sie sich durchaus Zeit nehmen, die Blumen am Wegesrand wahrzunehmen. Sie schalten einen Gang runter in der Verfolgung ihrer Ziele, denn sie wissen, dass die Ziele nicht ganz so wichtig sind, und auch der Weg geehrt werden muss.

Wer es ganz ernst damit meint, der stellt sich darauf ein, auch die unangenehmen Seiten des Weges, Schmerz, Langeweile und Einsamkeit, als notwendiges Übel zu akzeptieren – sie vielleicht sogar schätzen und ein bisschen lieben zu lernen.

Und es tritt eine leichte Linderung in mein gestresstes Leben, denn ich besinne mich darauf, dass ich auch das Kochen selber – und nicht nur die Sättigung durch die Mahlzeit hinterher – durchaus wahrnehmen, akzeptieren und schätzen lernen kann. Sogar die unangenehmen Arbeiten kann ich ein wenig schätzen, sind sie doch ein Teil des Weges.

3. Es gibt keinen Weg, es gibt nur gehen.

Ich setze mir also ein Ziel, plane meinen Weg dorthin und nehme mir vor, den Weg mit Achtsamkeit zu gehen – um die Blumen auch genießen zu können und nicht allzu enttäuscht zu sein, wenn ich mein Ziel nicht erreiche oder es doch nicht so befriedigend herausstellt, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich marschiere nicht mehr, ich wandere und genieße dabei die Aussicht. Aber es bleibt doch noch der Weg, der zu gehen ist, um irgendwohin zu gelangen. Und ich merke, dass ich trotz der vielen Blumen, die ich mittlerweile auf dem Weg genießen kann, immer noch auf Hindernisse stoße, und dass diese Hindernisse etwas sind, was ich nicht haben und akzeptieren will – aus dem einfachen Grund, weil sie mich vom vorgestellten Weg abbringen, weil sie nicht zu ihm gehören. Durch sie brauche ich nur länger bis zum Ziel und folglich kann ich den Weg selber nicht mehr so gut genießen, wenn ich von ihm abgebracht werde.

Aber das ist die Welt. Das ist das Leben. Ich merke, dass es meinen Weg eigentlich gar nicht gibt, zumindest nicht in der Wirklichkeit, sondern nur in meiner Vorstellung, als Plan und Entwurf. Ich habe mir Gedanken darüber gemacht, wohin ich gehen will und welche Schritte ich setzen will – und nun, da ich zur Tat schreite, kommt mir etwas dazwischen, was mit meinen Gedanken nicht übereinstimmt. Meine Reaktion darauf, egal, ob ich das Ziel als Hauptsache ansehe oder den Weg als Ziel betrachte, ist die eines erhöhten Stresslevels, einer mehr oder weniger leichten Verärgerung, die sich unmittelbar körperlich bemerkbar macht: meist als ein Gefühl der Enge in der Kehle oder im Brustkorb, als ein Grummeln im Bauch, ein leichtes Zittern der Hände. Ich habe meinen Weg geplant und nun will ich ihn auch gehen, und alles, was mich davon abhält, verursacht mir ein Gefühl der Unzufriedenheit – bis hin zur Aggression.

Ich bin auf Reisen, habe Zeit und Muße, und mein Weg ist gut geplant, sodass ich ihn genießen kann – aber mein Zug hat Verspätung, ein Stau hindert mich an der Weiterfahrt, mir wird meine Tasche gestohlen, jemand braucht unerwartet meine Hilfe – schon bin ich von meinem Plan abgebracht worden und kann weder Weg noch Ziel genießen.

Die Karte ist nicht das Gebiet

Irgendwann also merke ich, dass das, was ich als meinen Weg bezeichne, gar kein Weg ist, sondern nur meine Vorstellung davon, wie die Welt aussehen, was die Zukunft mir bringen, wie ich handeln könnte. Der Weg, den ich gehe, ich gar nicht der Weg, den zu gehen ich mir vorgenommen habe – es ist das tatsächliche Leben mit all seinen Unwägbarkeiten, Zufälligkeiten und Hindernissen, die früher oder später auf mich zukommen. Und ich muss mich entscheiden: Will ich mein Leben als fortwährenden Kampf führen, als ständige Auseinandersetzung zwischen meinen Vorstellungen und dem, was sich tatsächlich abspielt (mit der sich notwendig einstellenden Enttäuschung oder Verärgerung über die Nicht-Kompatibilität beider Seiten) – oder will ich es so erleben, wie es sich tatsächlich, ungeschminkt und bar jeder Verstellung darbietet?

Wenn ich jetzt koche, um satt zu werden, dann genieße ich nicht nur das Kochen und die dazugehörigen Aufgaben, sondern ich akzeptiere auch das Ei, das auf den Boden fällt, und die Tatsache, dass ich kein Salz mehr im Haus habe.

Vom Marschieren über das Wandern zum Tanzen

Im Grunde, merke ich, gibt es keinen Weg. Es gibt nur das Gehen. Und auch hier eigentlich nur jeden einzelnen Schritt, wie er auch aussehen mag. Genauso wenig, wie es in der wirklichen Welt da draußen ein Ziel gibt, gibt es den Plan und die Vorstellung, die ich mir von der Welt und meinem Leben mache. Je mehr ich das verinnerliche, je mehr ich tatsächlich einfach nur gehe, anstatt das Gehen zu planen und die meine Schritte mit dem zu vergleichen, was zu tun ich mir vorgenommen hatte – desto stärker werde ich eins mit dem, was wirklich ist. Mit jedem einzelnen Tanzschritt, mag er auch noch so unbeholfen aussehen. Und je einverstandener ich werde mit meinem Leben, desto achtsamer und intensiver lebe ich wirklich.

Die Kunst des Müßiggangs

»O Müßiggang, Müßiggang! du bist die Lebensluft der Unschuld und der Begeisterung; dich atmen die Seligen, und selig ist wer dich hat und hegt, du heiliges Kleinod! einziges Fragment von Gottähnlichkeit, das uns noch aus dem Paradiese blieb.« (Friedrich Schlegel: Lucinde)Bild

Faulheit und Nichtstun sind eigentlich nur andere Begriffe für das vollkommene Leben. Im Alltagsgebrauch haben sie oft etwas Anrüchiges, etwas, was man mit mangelndem Ehrgeiz und schlechtem Charakter verbindet. Etwas, was man gerne über andere sagt, aber nicht über sich selbst hören möchte.

Im philosophischen Sprachgebrauch aber kennt man sie unter den Namen Muße und vita contemplativa, und als solche sind sie seit der griechischen Antike positiv konnotiert. Ein kontemplatives Leben führen heißt, das Leben in seinem eigentlichen, dem Menschen zukommenden Sinne zu führen. All der Fleiß und die Mühen der Arbeit, all das Zielesetzen und Aufgabenerledigen, all das Aktivsein und  sind doch im Vergleich zur Ruhe des gekonnten Müßiggangs niedere, geistlose und unkünstlerische Veranstaltungen.

Faulheit, Nichtstun, Müßiggang, Muße, Kontemplation und dergleichen Begriffe haben sicherlich nicht die gleiche Bedeutung – sie unterscheiden sich vor allem in dem Grad von Nützlichkeit bzw. Schädlichkeit, den wir ihnen zusprechen. Während Faulheit bisweilen als moralisch fragwürdig bis gefährlich angesehen wird und Müßiggang als aller Laster Anfang (aber auch als notwendige Auszeit zur Reproduktion von Arbeitskraft), finden Muße und Kontemplation ihren Wert oft in ihrer dienenden Funktion für einen innovativen, kreativen Geist: aus der äußeren Passivität resultiert vermehrte innere Aktivität und Schöpferkraft, die sich wiederum zu Fortschritt und Wohlstand einsetzen lassen.

Aber gemeinsam ist all diesen Begriffen doch eines: die (befristete) Abkehr von unhinterfragter Arbeit und geist- und zwecklos gewordenem Handeln. Und mag es dem Menschen auch nicht gegeben sein, schicksallos wie der schlafenden Säugling in ewiger, stiller Klarheit zu ruhen, so ist es ihm doch erlaubt, zugunsten seines eigenen Glücks Momente der Ruhe und des Nichtstuns zu erleben – wenn er sie sucht!

Die wahre Kunst des Lebens besteht sicherlich darin, Muße und Arbeit, Passivität und Aktivität, Geschehenlassen und In-die-Hand-nehmen miteinander in Einklang zu bringen. Doch während wir in den westlichen Gesellschaften aufgrund unserer kulturellen Prägung seit Jahrhunderten kein Problem damit haben, das Handeln bis zum blinden Aktivismus gutzuheißen, fällt uns das indisch-meditative Einfach-nur-da-sein schwer.

Nichtstun: Es muss begründet werden (als müsste man begründen, dass man „nur“ lebt), es muss seine Rechtfertigung finden (als müsste nicht eher jede Aktion, jedes In-die-Welt-gehen gerechtfertigt werden), man muss es mit gutem Gewissen tun können (als wäre unser gutes Gewissen etwas anderes als die vehement in die Kinderseele eingebleute Instanz der Lehrer, Eltern, Politiker, Unternehmer, deren Lebenszweck schon seit jeher im unhinterfragten Handeln und blinden Fortschreiten in welche Richtung auch immer bestand).

Warum aber kann ich nicht stundenlang am Weiher liegen und den Mücken und Libellen zusehen?

Warum fällt es uns so schwer, die gottähnliche Kunst des Müßiggangs zu pflegen? Und was können wir tun, um das Leben so zu genießen, wie es ist, ohne vermessene Ansprüche, ohne sich Sorgen um die Zukunft zu machen oder reuevoll in der Vergangenheit zu verweilen? Wie können wir den Augenblick wieder heiligen, wie wir es als Kinder taten?