Woher kommt die Angst?

Wenn wir zögern, wenn wir zweifeln, wenn wir nicht handeln, wo wir handeln könnten … wenn wir schweigen, wo wir sprechen müssten, wenn wir nicht die Wahrheit sagen, obwohl wir sie kennen, wenn wir nicht für jemanden oder etwas einstehen, der oder das uns wichtig ist … woher kommt das? Warum weichen wir dem Leben so oft auVon der Angst zum jetzigen Moments?

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Die Leere in mir

Mache dich selbst von allem leer.
Lass den Geist in Ruhe weilen.
Die zehntausend Dinge entstehen und vergehen, während der Geist ihr Zurückgehen betrachtet.
– Lao Tse

In einigen Momenten können wir es noch erahnen, was es heißt ein lebendiges Wesen zu sein. Da zu sein. Einfach nur ein anwesender Mensch.

Als Kinder hatten wir sie oft, diese Momente des unverstellten Zugangs zur Welt – in unserer Trauer und Wut, in unserer Freude und sinnlosem Lachen. Im Schmerz unserer  Einsamkeit und im hoffnungsvollen Gefühl, irgendwann jemand anders sein zu können.

Vor allem in der irrsinnig lang erscheinenden Dauer all der Stunden und Tage. In der Unendlichkeit eines Jahres – wie haben wir gedacht, unsre Kindheit würde niemals enden. Wie haben wir gefühlt, wie lang eine halbe Stunde sein kann. Wie haben wir uns gelangweilt. Stundenlang.

Wir haben uns gefühlt und das reine Vergehen der Zeit.

Youth always tries to fill the void, an old man learns to live with it.
― Mark Z. Danielewski

Wie lang ist das her – als wäre es ein anderes Leben. Als hätte jemand anderes so gefühlt. Heute leben wir nicht mehr so. Wir langweilen uns höchstens für ein paar Minuten. Wir sind nicht allein, nie nur mit uns selbst.

Wir füllen die Leere. Füllen jede Sekunde, sobald wir auch nur ein wenig Unruhe verspüren, die ersten Anzeichen von Unzufriedenheit, von Ungenügen an der bloßen Gegenwart. Das Kribbeln in den Fingern, der Druck in der Magengrube. Alles in uns strebt danach, die Leere so schnell wie möglich auszufüllen, denn die Natur fürchtet das Vakuum.

leereUnd wir haben nun die Möglichkeiten, die wir als Kind nicht hatten: die technischen Möglichkeiten um der Leere in uns zu entgehen.

In beinahe jedem Moment haben wir Musik, Filme, Spiele, Lektüre, bekannte und unbekannte Gesprächspartner in Reichweite. Wir können alles tun um der Langeweile zu entkommen. Dem bloßen, bedeutungslosen Augenblick.

Aber mit ihm entkommen wir auch unsrem Leben selbst. Denn das, was unser Leben ausmacht, sind seine unmittelbaren Momente. Das, was zählt, ist das Dabeisein. Auch in der Leere anwesend zu sein, ihren Schmerz zuzulassen, muss man wieder lernen, falls man nicht Kind geblieben ist.

Warum aber haben wir heutzutage diesen Schutz angelegt, der es nicht zulässt, dass wir unverstellt der Welt gegenüberstehen? Weil uns die Welt mit ihrer Sinnlosigkeit und Leere im Grunde ängstigt? Weil wir mit der Beschäftigung dem Gefühl entgehen können nutzlos zu sein?

Glücklich sein heißt, ohne Schrecken seiner selbst innewerden können.
– Walter Benjamin

Aber die Leere zuzulassen bedeutet, mit dem Leben in Kontakt zu kommen. Die kleinen Momente des Nichts, der Abwesenheit von Beschäftigung sind die einzigen, in denen wir wieder fühlen können, was um uns herum ist: die Zeit, das Leben, uns selbst.

Aus dieser gefühlten, wahrgenommen Leere heraus können wir irgendwann zu wahrem Handeln kommen – zu einem, das nicht nur eine Flucht, ein verzweifeltes Suchen nach Sinn, eine sublimierte Begierde ist. Wenn wir üben, so oft wie möglich die Möglichkeiten der Flucht aus der Leere nicht zu ergreifen, sondern dem Gefühl standzuhalten, zu merken, was wirklich passiert, dann können wir auch unseren Schmerz, unsere Verzweiflung, unsere Langeweile begreifen und akzeptieren.

The artist’s job is not to succumb to despair but to find an antidote for the emptiness of existence.
― Woody Allen

Dabei sein ist alles.

I did not care what it was all about. All I wanted to know was how to live in it. Maybe if you found out how to live in it you learned from that what it was all about.

Ernest Hemingway


Worauf kommt es eigentlich wirklich an im Leben?

Wir hetzen von einem Moment zum anderen, von einem Ort zum anderen, von einem Produkt zum anderen, von einem Partner zum anderen. Wie heißt es bei Lawrence Sterne:

Was ist des Menschen Leben? Ein Schwanken hierhin – dorthin – von Sorge zu Sorge. Ein Loch stopft man zu, – ein anderes ist gleich wieder da.

Aber der Wechsel an sich ist doch nichts Schlechtes! Schließlich liegt das Wesen des Lebens in Veränderung und Wandel: „Wer lebt, muß auf Wechsel gefasst sein.“ (Goethe) Wir müssen uns verändern, um uns treu zu bleiben, und nichts ist doch schlimmer als der Spruch „Bleib wie du bist.“

Das Problem ist jedoch zweierlei: erstens, dass die Veränderung immer schneller vonstatten geht. Dass wir uns mit dieser Veränderung Schritt halten müssen, um etwas zu gelten. Und dass wir das Gefühl haben, irgendwann nicht mehr nachkommen zu können. Wir wollen uns ja verändern, aber doch nicht in dieser Geschwindigkeit.

Zweitens verliert die Veränderung ihren Zweck. Im Grunde wissen wir gar nicht so genau, wo wir eigentlich so schnell hinwollen. Dies führt zu dem Gefühl der Entfremdung – einem aus der Soziologie bekannten Begriff, der das Empfinden einer Distanz von unserem eigenen Erleben beschreibt: die Dinge, die Orte, unsere Mitmenschen,unsere Arbeit, unsere Tätigkeiten, jeder Moment scheint uns umso fremder zu werden, je schneller sich alles um uns herum verändert und je zweckfreier der ganze Stress ist. Und je mehr wir dabei mitmachen wollen, desto eher erleben wir, dass wir uns in all dem nicht mehr zu Hause fühlen.

Lineares vs. zyklisches Zeitempfinden

Alles hängt damit zusammen, wie wir unsere Zeit wahrnehmen. Bekanntlich gibt es zwei Arten, Zeit und Veränderung zu empfinden: die lineare und die zyklische.
Die lineare Zeit ist die der Uhr und der Objektivität. Solange wir in der Art linearen Zeitempfindens denken, ist die Abfolge der Geschehnisse für uns nichts anderes als ein Weg, auf dem wir die unterschiedlichsten Schritte setzen, um ein fernes Ziel zu erreichen. Wir tun die Dinge, die wir tun, um etwas damit zu erlangen: Besitz, Ruhm, Macht, Anerkennung, Liebe. Nach Aristoteles kann am Schluss unserer Bestrebungen immer nur das höchste Gut stehen, und das ist immer unsere eigene Glückseligkeit. Alles andere tun wir nur, weil wir uns davon Glückseligkeit versprechen.

Das Problem ist nun, dass unser letztes Ziel sich stets vor unseren Augen von uns entfernt. Wenn wir etwas erreicht haben, finden wir es schnell langweilig und wollen etwas Neues. Setzen uns ein neues Ziel. Und müssen weitergehen auf dem linearen Weg, um in ferner Zukunft einmal – so hoffen wir – Seelenfrieden und Glück zu erlangen.

Das alles wäre ja noch gar nicht so schlimm, wenn wir unser Seelenheil nicht oft aus dem Vergleich mit anderen ziehen wollten. Ob wir etwas wert sind, ob wir mit uns zufrieden, ob wir glücklich sein dürfen, bemessen wir oft danach, wo wir verglichen mit anderen stehen: Wie viel Geld wir im Verhältnis zum Durchschnitt verdienen, wie viel wir verglichen mit unseren Nachbarn besitzen, wie gebildet, sportlich, attraktiv wir sind – alles immer im Vergleich. Daher dürfen wir niemals stoppen, wir müssen uns bemühen, müssen üben, müssen weitergehen auf unserem linearen Weg zum Glück.

Dieses Denken beeinflusst uns noch in den grundlegendsten Momenten unseres Lebens: alles wird der Logik der linearen Zeit, mit ihr der Effizienz und Zweckgerichtetheit unterworfen. Wenn wir essen, tun wir dies beispielsweise vornehmlich, um uns gesund zu halten. Wenn wir kochen, tun wir das, um essen zu können und gesund zu bleiben. Könnten wir schneller essen und kochen, wäre das aus dieser Sicht ein Gewinn.Das Essen selber verliert an Eigenwert.

Natürlich denken wir nicht dauernd alle so. Die Gefahr besteht jedoch, dass wir immer öfter so denken, auch in Bereichen, die eigentlich einer anderen Zeit angehören: dem körperlichen Genuss, dem Gespräch mit Menschen, dem Erleben von Natur und Kunst, dem Schaffen von Neuartigem, dem Schlafen und Träumen.

Doch die Welt hat auch eine andere Art von Zeit. Es ist die Zeit des biologischen Rhythmus. Es gibt hier keine Eile, denn diese Zeit ist zyklisch – was einmal geschieht, wird wiederkehren. Die Abfolge der Tage und der Jahreszeiten sind das Vorbild für diese Form des Zeitempfindens.

Wenn wir uns in diesem Zeitempfinden bewegen, verliert unser Handeln plötzlich an Bedeutung, wenn es nur darauf ausgerichtet war, ein fernes Ziel zu erreichen. So verliert auch jeder einzelne Moment an Wichtigkeit, da wir ihn nicht wirklich erlebt haben. Das Essen und das Kochen haben keinen Wert mehr, wenn sie morgen sowieso wieder kehren. Wir haben es verpasst, weil wir geistig auf das ausgerichtet waren, was wir damit erreichen wollen. Wir haben unsere Momente entwertet und mit ihnen unser Leben. Und plötzlich fragen wir uns: Was ist denn sonst wichtig, wenn es nicht das Erreichen von Glückseligkeit zu einem zukünftigen Zeitpunkt ist?

Dabei sein ist alles

Die Qualität unseres Lebens hängt von den Momenten ab, die wir erlebt haben. Und die Qualität unserer Momente hängt von der Aufmerksamkeit ab, die wir ihnen geschenkt haben. Ein Moment, den wir nicht bewusst und achtsam erlebt haben, ist ein verschenkter Moment. Je mehr Momente wir verschenken, desto ärmer wird unser Leben. Wir verschenken unsere Momente, wenn wir mit ihnen in erster Linie etwas anderes erreichen wollen – wenn wir im Moment des Tuns und Empfindens bereits etwas anderes denken – sei es, dass wir Künftiges befürchten oder Vergangenes bedauern.

Während des ganzen Lebens geht es nicht darum, etwas zu erreichen, an dem wir uns vielleicht irgendwann erfreuen könnten. Denn entweder werden wir es nicht erreichen oder es wird uns nicht die erhoffte Freude bringen. Während des ganzen Lebens geht es darum, jeden einzelnen Moment bewusst zu erleben: bei unseren Empfindungen und Gefühlen während des jeweiligen Augenblicks. Es geht darum, das Essen wirklich zu essen. Dabei sein ist alles.

Der Umweg ist der Weg ist das Ziel

Wenn Sie mit jedem Schuss die Scheibe treffen, sind Sie nichts anderes als ein Kunstschütze, der sich sehen lassen kann… Die ‘Große Lehre’ des Bogenschießens hält dies für reine Teufelei. Sie weiß nichts von einer Scheibe, die in bestimmter Entfernung vom Schützen aufgestellt ist. Sie weiß nur von dem Ziel, das sich auf keine Weise technisch erzielen lässt, und dieses Ziel nennt sie, wenn sie es überhaupt nennt, Buddha… Es gibt Stufen der Meisterschaft, und erst, wer die letzte erreicht hat, kann auch das äußere Ziel nicht mehr verfehlen…“

Eugen Herrigel: Zen in der Kunst des Bogenschießens

Wenn man sagt, der Weg sei das Ziel, so will man damit betonen, dass man ihn nicht deswegen geht, weil man mit ihm irgendetwas erreichen will, sondern eben weil man ihn geht. Wohin man geht, ist aus dieser Sichtweise zweitrangig. Bezogen auf unser eigenes Leben geht es darum, dass wir es nicht leben, um irgendein fernes Ziel zu erreichen, um irgendetwas zu werden, um irgendetwas zu besitzen. Sondern dass es Zweck in sich ist.
Aber wenn wir genau hinsehen, ist der Weg nicht das Ziel. Er ist nicht einmal der Weg. Unser Leben ist kein Weg, den wir gehen. Es ist nur eine Abfolge von Schritten, die wir unternommen haben. Denn das, was wir für unseren Weg halten, ist meistens nicht das, was wir wirklich tun, leben und gehen.
Wir machen einen Plan, setzen Fristen und machen Termine, und all das ist oft notwendig, um mit der Außenwelt auf organisierte Weise zurecht zu kommen. Wir stellen uns unser Leben vor, wie es im Idealfall aussehen soll, und diesem Muster streben wir nach. Wir haben ein Modell der Wirklichkeit, eine Landkarte des Gebiets – die wir leider zu oft miteinander gleichsetzen. Wir denken, was wir von der Wirklichkeit erwarten und wie wir unser Leben planen, sei irgendwie mit der Wirklichkeit und dem Leben identisch.
Aber wenn wir losgehen, wenn wir wirklich handeln, haben wir den Plan verlassen – wir sind in der Wirklichkeit angekommen.
Jetzt befinden wir uns nicht mehr in der Vorstellungswelt von Plänen und Projekten … sondern in der Wirklichkeit.
Oft genug machen wir aber den Fehler, diese Wirklichkeit auf unsere Pläne abstimmen zu wollen. Den geplanten Weg wollen wir durchsetzen, Hindernisse stören da nur und bringen uns von unserem eigentlichen Ziel ab. Hindernisse sind schlecht, weil sie uns daran hindern, das zu sein, was wir eigentlich sein wollen.
Doch wenn wir nur das sein wollen, was wir uns für uns ausdenken, wäre es dann nicht am besten, wenn die Welt mit ihren Grenzen, Hindernissen und Widerständen uns gar nicht erst in die Quere kommen würde? Am besten blieben wir in einer virtuellen Welt, die uns so wenig Widerstände wie möglich entgegensetzt. Das Ausführen unserer Pläne dient aus dieser Sichtweise eigentlich nur der Bestätigung unseres Wertes durch andere, die erst sehen können, wer wir sind, wenn wir etwas getan haben, dass eine bestimmte Wirkung hat. Wenn wir unser Ziel erreicht haben, so denken wir, werden die anderen schon anerkennen, wie toll wir sind.
Wenn es gar nicht nötig wäre, in der Außenwelt etwas zu bewirken, um anerkannt zu werden, dann müssten wir auch gar nicht handeln, sondern könnten ganz im Einklang mit uns selbst in unserem Innenleben bleiben und unsere Träume ungehindert weiterträumen.
Da das leider nicht so ist, ringen wir uns dazu durch, gegen Hindernisse anzugehen und unsere Träume in die Tat umzusetzen. Gleichwohl stoßen wir auf Hindernisse, die uns von unserem Ziel abbringen wollen, und gehen mal gut, mal schlecht mit ihnen um: Gemeinhin sehen wir es als gut an, wenn wir auf ein Hindernis vorbereitet sind und ihm mit einem Plan B begegnen, oder wenn wir, nachdem wir getroffen wurden, wieder aufstehen und allen beweisen, wie groß unser Wille und unser Durchsetzungsvermögen ist. Frustrationstoleranz.
Allerdings können wir Hindernisse nicht als solche voraussehen, und wir können auch nicht stur durchs Leben gehen, ohne die Zeichen der Zeit zu beachten.

Wir müssen also lernen, Hindernisse und eigene „Fehler“ als Bestandteil unseres Weges anzusehen. Erst, wenn wir merken, dass unser Plan vom rechten Leben nur eine Fantasie ist, die mit der Wirklichkeit so wenig zu tun hat wie unser Traum von einem besseren Leben, dann können wir der Wirklichkeit angemessen begegnen. Wenn wir losgehen, wissen wir, dass uns früher oder später etwas von unserem geplanten Weg abbringen wird. Wir wissen dann auch, dass dieser Umweg der eigentliche Weg ist.

Unseren eigenen Weg können wir nämlich nicht planen und voraussehen, sondern erst im Nachhinein als solchen beschreiben. Es sind die Schritte, die wir wirklich gegangen sind, mit allen vermeintlichen Umwegen.

Es ist ganz wahr, was die Philosophie sagt, daß das Leben rückwärts verstanden werden muß. Aber darüber vergißt man den andern Satz, daß vorwärts gelebt werden muß.
Sören Kierkegaard

Unser Leben und das, was wir tun, ist der Umweg, den wir gegangen sein werden. Diese Einstellung weigert sich, das Leben in ein eigentliches, richtiges und in eine falsches, verfehltes einzuteilen. Es gibt in diesem Sinne keine guten Momente oder schlechten. Es gibt in diesem Sinne keine guten oder schlechten Entscheidungen. Unsere „Fehler“ haben einen Sinn. Wir leben richtig, wir müssen es nur bemerken.

Weg ist das Ziel, und es gibt keinen Weg!

Wenn wir uns irgendwann befreit haben aus der Tyrannei des Augenblicks, in dem wir stets nur dem folgen wollen, was uns unser Körper, unsere Gefühle, unser unkontrolliertes Denken von Moment zu Moment in den Sinn kommen lässt, dann gehen wir – meist im Zuge unseres Erwachsen- und Reiferwerdens – in die Phase über, unserem Leben eine Richtung zu geben, ein Ziel und einen Sinn, der über und hinter dem je Momentanen und Zufälligen liegt. Wir entscheiden uns – meist in Augenblicken der Einsamkeit und Reflexion – der Autor unseres eigenen Schicksals zu werden, und überlegen, welche Werte und Ziele mit unserer Persönlichkeit und dem Bild, das wir von uns haben, übereinstimmen könnten.

Doch auch dies ist nur eine Phase, und vielleicht liegt die Steigerung unserer charakterlichen Reife darin, auch andere Phasen und Seinsweisen kennen zu lernen, vielleicht von der einen zur anderen zu wechseln, ganz den Notwendigkeiten der jeweiligen Lebensphase.

1. Ich bin mein Projekt

Die erste Phase ist die uns bekannte Phase des Zielesetzens und Zieleverfolgens. Ihr Motto ist: Ich bin mein Projekt! Ich habe mich selbst entworfen, da ich mich frei fühle und nun unabhängig, selbstbestimmt und individuell sein will.

Ich mache mir Gedanken über Ziele und Wege. Ich überlege, welche Schritte nötig sind, um meine Ziele zu erreichen. Ich plane, wann und wo ich die Schritte gehen will. Meine Ziele müssen SMART sein: spezifisch, messbar, akzeptiert, realistisch, terminierbar. Der Weg zu ihnen hin ist nur das Mittel zum Zweck – schön, wenn ich ihn genießen und ein paar Blumen am Wegesrand pflücken kann, aber eigentlich spielt das keine Rolle. Ich gehe den Weg nicht wegen der Blumen, sondern weil ich mein Ziel fest im Blick habe und es wirklich erreichen will. Dazu brauche ich Willenskraft und Selbstdisziplin, die ich mir am besten so früh wie möglich in einer harten Selbstschulung aneigne. Ich muss von meinen Werten und Zielen überzeugt sein und ein commitment eingehen. Ich muss Hindernisse überwinden, und darauf gefasst sein, dass mein Weg zur Qual, zum Kampf wird, in dem es vor allem auf Ausdauer, Geduld, Hartäckigkeit ankommt.

Meine Schritte müssen nicht schön sein, und ich muss sie auch nicht mögen. Sie müssen möglich sein. Mit meinen Werten übereinstimmen. Ich muss regelmäßig prüfen, ob ich noch in Übereinstimmung mit meinen Zielen bin, ob ich noch auf dem rechten Weg bin. Wenn nicht, dann besteht die Aufgabe darin, so schnell wie möglich wieder auf die Beine zu kommen. Der Weg erhält seinen Sinn durch das Ziel: Wenn das Ziel gut ist, ist auch der Weg gut. Und wenn ich das Ziel erreicht habe (aber erst dann!), dann war alles sinnvoll und gut.
Mein Eigenwert als Person besteht in dieser Phase vor allem darin, wie sehr ich den Weg verfolge um zum Ziel zu gelangen. Welche Hindernisse ich überwinde, und wie oft ich nach Tiefschlägen des Schicksals wieder aufgestanden bin.

Ein Beispiel für diese Geisteshaltung wäre das Kochen eines Gerichts: Mein Ziel – das Stillen meines Hungers – fest im Blick, beginne ich mit der Herstellung einer Mahlzeit. Das Kochen selber (und die damit verbundenen Aufgaben wie das Einkaufen, Putzen, Schneiden, Tischdecken, Spülen usw.) dient ausschließlich meiner Sättigung, und könnte ich diese auch anders und schneller erreichen, wäre mir das auch recht.

2. Der Weg ist das Ziel

Die erste Phase ist keine schöne Phase. Die Schritte derer, die so denken, mit einem fernen Ziel im festen Blick, sind weder anmutig noch leicht. Sie gleichen eher einem strammen Marschieren. Aber wie viele Errungenschaften hat uns diese Geisteshaltung nicht schon gebracht: das Rad, die Pyramiden, die Schokolade …

Doch irgendwann merke ich, dass es doch noch etwas anderes geben muss im Leben als die sture Ausrichtung auf ein paar ferne Ziele, oder auf einige seltene Momente der Belohnung: das Wochenende, die Ferien, ein Sabbatjahr. Und ich spüre, dass ich selbst dann nicht richtig glücklich werde, wenn ich meine Ziele erreiche. Je mehr Ziele ich erreiche, desto klarer wird mir, dass sie mich nicht befriedigen. Dass die Verheißung, die in ihnen lag, die Mühe nicht wert war, die ich zu ihrer Erreichung investiert habe. Ich habe geackert und mich angestrengt, nun halte ich das Ziel in Händen und das erhoffte Gefühl der Sättigung stellt sich nicht ein, und wenn, dann nur für kurze Zeit, und auf das Gefühl der Befriedigung folgt eine unbestimmte Leere, dann eine unzufriedene Rastlosigkeit und schließlich ein neues Ziel. Ich werde mit Schopenhauer gewahr:

 

SchopenhauerAlle äußeren Quellen des Glückes und Genusses sind, ihrer Natur nach, höchst unsicher, misslich, vergänglich und dem Zufall unterworfen.

Ich merke, dass ich auf dem Weg zu meinen Zielen die Momente nicht genossen habe, sondern Zeit verschwendet habe für die Verfolgung eines Ziels, das sich jetzt als schal darstellt. Nun habe ich zwei Möglichkeiten: Ich stelle das Streben ganz ein, entsage allem Wollen und bescheide mich. Doch dieses asketische Ideal ist mir kaum möglich. Zu sehr ist noch das alte Denken in mir, man müsse doch etwas tun, man könne doch nicht untätig sein. Dann gibt es noch die Möglichkeit, den Weg als Ziel anzusehen. Die vielzitierte Weisheit soll besagen, dass diejenigen, die sie sich zum Motto machen, auf ihrem Weg irgendwohin auch Spaß haben. Dass sie sich durchaus Zeit nehmen, die Blumen am Wegesrand wahrzunehmen. Sie schalten einen Gang runter in der Verfolgung ihrer Ziele, denn sie wissen, dass die Ziele nicht ganz so wichtig sind, und auch der Weg geehrt werden muss.

Wer es ganz ernst damit meint, der stellt sich darauf ein, auch die unangenehmen Seiten des Weges, Schmerz, Langeweile und Einsamkeit, als notwendiges Übel zu akzeptieren – sie vielleicht sogar schätzen und ein bisschen lieben zu lernen.

Und es tritt eine leichte Linderung in mein gestresstes Leben, denn ich besinne mich darauf, dass ich auch das Kochen selber – und nicht nur die Sättigung durch die Mahlzeit hinterher – durchaus wahrnehmen, akzeptieren und schätzen lernen kann. Sogar die unangenehmen Arbeiten kann ich ein wenig schätzen, sind sie doch ein Teil des Weges.

3. Es gibt keinen Weg, es gibt nur gehen.

Ich setze mir also ein Ziel, plane meinen Weg dorthin und nehme mir vor, den Weg mit Achtsamkeit zu gehen – um die Blumen auch genießen zu können und nicht allzu enttäuscht zu sein, wenn ich mein Ziel nicht erreiche oder es doch nicht so befriedigend herausstellt, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich marschiere nicht mehr, ich wandere und genieße dabei die Aussicht. Aber es bleibt doch noch der Weg, der zu gehen ist, um irgendwohin zu gelangen. Und ich merke, dass ich trotz der vielen Blumen, die ich mittlerweile auf dem Weg genießen kann, immer noch auf Hindernisse stoße, und dass diese Hindernisse etwas sind, was ich nicht haben und akzeptieren will – aus dem einfachen Grund, weil sie mich vom vorgestellten Weg abbringen, weil sie nicht zu ihm gehören. Durch sie brauche ich nur länger bis zum Ziel und folglich kann ich den Weg selber nicht mehr so gut genießen, wenn ich von ihm abgebracht werde.

Aber das ist die Welt. Das ist das Leben. Ich merke, dass es meinen Weg eigentlich gar nicht gibt, zumindest nicht in der Wirklichkeit, sondern nur in meiner Vorstellung, als Plan und Entwurf. Ich habe mir Gedanken darüber gemacht, wohin ich gehen will und welche Schritte ich setzen will – und nun, da ich zur Tat schreite, kommt mir etwas dazwischen, was mit meinen Gedanken nicht übereinstimmt. Meine Reaktion darauf, egal, ob ich das Ziel als Hauptsache ansehe oder den Weg als Ziel betrachte, ist die eines erhöhten Stresslevels, einer mehr oder weniger leichten Verärgerung, die sich unmittelbar körperlich bemerkbar macht: meist als ein Gefühl der Enge in der Kehle oder im Brustkorb, als ein Grummeln im Bauch, ein leichtes Zittern der Hände. Ich habe meinen Weg geplant und nun will ich ihn auch gehen, und alles, was mich davon abhält, verursacht mir ein Gefühl der Unzufriedenheit – bis hin zur Aggression.

Ich bin auf Reisen, habe Zeit und Muße, und mein Weg ist gut geplant, sodass ich ihn genießen kann – aber mein Zug hat Verspätung, ein Stau hindert mich an der Weiterfahrt, mir wird meine Tasche gestohlen, jemand braucht unerwartet meine Hilfe – schon bin ich von meinem Plan abgebracht worden und kann weder Weg noch Ziel genießen.

Die Karte ist nicht das Gebiet

Irgendwann also merke ich, dass das, was ich als meinen Weg bezeichne, gar kein Weg ist, sondern nur meine Vorstellung davon, wie die Welt aussehen, was die Zukunft mir bringen, wie ich handeln könnte. Der Weg, den ich gehe, ich gar nicht der Weg, den zu gehen ich mir vorgenommen habe – es ist das tatsächliche Leben mit all seinen Unwägbarkeiten, Zufälligkeiten und Hindernissen, die früher oder später auf mich zukommen. Und ich muss mich entscheiden: Will ich mein Leben als fortwährenden Kampf führen, als ständige Auseinandersetzung zwischen meinen Vorstellungen und dem, was sich tatsächlich abspielt (mit der sich notwendig einstellenden Enttäuschung oder Verärgerung über die Nicht-Kompatibilität beider Seiten) – oder will ich es so erleben, wie es sich tatsächlich, ungeschminkt und bar jeder Verstellung darbietet?

Wenn ich jetzt koche, um satt zu werden, dann genieße ich nicht nur das Kochen und die dazugehörigen Aufgaben, sondern ich akzeptiere auch das Ei, das auf den Boden fällt, und die Tatsache, dass ich kein Salz mehr im Haus habe.

Vom Marschieren über das Wandern zum Tanzen

Im Grunde, merke ich, gibt es keinen Weg. Es gibt nur das Gehen. Und auch hier eigentlich nur jeden einzelnen Schritt, wie er auch aussehen mag. Genauso wenig, wie es in der wirklichen Welt da draußen ein Ziel gibt, gibt es den Plan und die Vorstellung, die ich mir von der Welt und meinem Leben mache. Je mehr ich das verinnerliche, je mehr ich tatsächlich einfach nur gehe, anstatt das Gehen zu planen und die meine Schritte mit dem zu vergleichen, was zu tun ich mir vorgenommen hatte – desto stärker werde ich eins mit dem, was wirklich ist. Mit jedem einzelnen Tanzschritt, mag er auch noch so unbeholfen aussehen. Und je einverstandener ich werde mit meinem Leben, desto achtsamer und intensiver lebe ich wirklich.

Meditieren ist ja wohl das Sinnloseste überhaupt

Immer, wenn wir uns für eine Weile hinsetzen und uns Momente gönnen, die nicht von unserem dauernden Gehetztsein zwischen der Sorge um das Morgen und der Trauer um das Gestern geprägt sind, wenn wir also einmal für ein paar Sekunden ganz hier sind und einfach nur beobachten, was in uns vorgeht, dann merken wir, dass unter dem ständigen Rauschen unseres Alltags etwas Beständiges liegt, das immer da ist, aber nur wahrgenommen wird, wenn wir es zulassen. Stille, die Stille hinter der Stille, das Nichts, die Leere, bloßes Dasein.

Das geht vielleicht für fünf, sechs Sekunden gut, geübten Meditierenden gelingt es besser, aber irgendwann treten die Gedanken wieder ein und statt auch dies von einem höheren Standpunkt aus zu beobachten und zu akzeptieren, tauchen wir wieder ein in den Strom unseres Bewusstseins und denken daran, was wir sonst noch tun könnten, anstatt hier untätig zu sitzen, oder an das, was diese oder jene Person gestern gesagt hat, oder an das, was morgen an Aufgaben auf uns wartet usw.

Pure Präsenz

Vielleicht merken wir, wenn wir uns stark genug verpflichtet haben, die Zeit auf dem Kissen, auf dem Stuhl, beim Gehen der Meditation zu opfern, dass wir abgeschweift sind, und richten unsere Aufmerksamkeit wieder auf den Atem, den Körper, den Schmerz in den Beinen, das reine Dasein. Pure Präsenz, wie es Richard Rohr nennt. Das geht mal mehr, mal weniger gut, je nach Übung, geistiger und körperlicher Verfassung, Willensstärke, den äußeren Umständen.

Richard Rohr

Nach einiger Zeit schließlich, wenn der Wecker klingelt oder unsere Geduld erschöpft ist, erheben wir uns, verbeugen uns und beenden die Meditation. Und hierin liegt der Haken. Wir beenden unsere Meditation, und wir beenden den Zustand der Aufmerksamkeit und Achtsamkeit, da wir uns vorgenommen hatten, eine halbe Stunde zu meditieren und dann den Aufgaben des Tages nachzugehen.

Und dann tauchen wir wieder ein in den Strom unserer Gedanken, unaufhörlich und stetig, im Hintergrund oder im Vordergrund, und wir navigieren durch das Chaos unseres Denkens, Fühlens und Tuns, von morgens früh bis wir abends mühselig zur Ruhe kommen. Wir haben Aufgaben erledigt oder nicht, haben auf die Menschen freundlich reagiert oder nicht, haben auf Situationen angemessen reagiert oder nicht – der Alltag eben. Und wir haben nur ein gewisses Quantum an Zeit und Energie dafür zur Verfügung, die wir möglichst geschickt, d. h. effizient, einsetzen müssen.

Wie sinnlos war das denn?

Aber dann gibt es im Alltag diesen einen Moment des Innehaltens. Wir merken, dass wir mit unserer Zeit nicht hinkommen, und dass die Aufgaben, die zu leisten wir uns vorgenommen haben, nicht in die Zeitspanne passen, die uns zur Verfügung gestellt wird. Und schon gar nicht passen all die Vorhaben und Pläne in den Energiehaushalt, der sich im Laufe des Tages unmerklich, aber unaufhaltsam leert.

Und dann können wir einer Sache gewahr werden: Die Meditation am Morgen, so kurz und stümperhaft sie gewesen sein mag, war doch eigentlich das Sinnloseste überhaupt am ganzen Tag. Die halbe Stunde, die wir geopfert haben, um untätig dazusitzen und zu atmen (als würden wir das nicht auch sonst tun!), die hätten wir doch für sinnvollere Aufgaben nutzen können. Unsere geopferte Zeit scheint sinn- und nutzlos gegenüber dem, was wir uns alles vorgenommen haben und was an Anforderungen auf uns einströmt.

Hätten wir nur diese eine halbe Stunde jetzt zur Verfügung! Dann könnten wir ein wenig stressfreier agieren, denn wir hätten etwas mehr Zeit für die ganzen Dinge, die zu erledigen sind.

Und sobald wir das denken, sobald uns wirklich klar wird, was wir da denken – können wir erneut innehalten. Denn wenn wir es wirklich ernst gemeint haben mit dem Meditieren, wenn es für uns ein Weg war, um in Kontakt mit dem höheren Selbst und mit dem reinen Dasein zu kommen, dann ist unser Alltag nur dann sinnvoll, wenn wir diese Meditation mit in ihn hineinnehmen.

24 Stunden am Tag einfach nur da sein

Wenn wir während des Alltags und all der Aktivitäten merken, dass wir eigentlich nur präsent sein müssen. Dass alles schon da ist, dass die Stille unter dem ständigen Rauschen immer noch da ist und wir sie nur wahrnehmen müssen. Wie sinnlos wäre meine ganze Zeit geopfert, wenn ich nachher beim Kartoffelschälen hetze, beim Gehen auf der Straße in Gedanken versinke, wenn ich meine Aufgaben lieblos und wie nebenbei erledige und beim Gespräch mit anderen nicht voll und ganz da bin!

Wenn wir nicht deswegen meditieren, weil es uns gesünder macht, unsere Gedächtnisleistung und Aufmerksamkeitsspanne erhöht, weil es uns ruhiger macht und weniger aggressiv (was alles nette Nebenerscheinungen sind) – sondern einfach nur, weil wir in dieser Zeit uns selbst und dem Leben nah sein können, dann merken wir, dass unsere Meditation das Sinnloseste überhaupt ist, wenn unser Alltag ihr nicht entspricht. Dann können wir uns sagen: Da ich am Morgen bereits eine halbe Stunde verschenkt habe, habe ich mir selbst gesagt, dass es nicht darauf ankommt, seine Zeit mit Aktivität und effizientem Aufgabenerledigen auszufüllen. Ich war bereits unproduktiv, also kann ich es auch weiterhin sein und muss nicht so tun, als läge der Sinn meiner Existenz im Abarbeiten von To-Do-Listen (auf der Meditation nur ein Punkt unter weiteren ist).

Dann müssen wir nicht zu meditieren aufhören, wenn der Wecker klingelt. Dann müssen wir uns den Rest den Zeit auch nicht mehr hetzen. Dann können wir 24 Stunden am Tag einfach nur da sein.

 

PS: Vom Dalai Lama ist bekannt, dass es an Tagen mit besonders vollem Terminkalender morgens zwei Stunden meditiert statt eine …

Wie wäre es, jeden Moment zu nutzen?

Allein die Frage klingt schon schrecklich. Klingt nach Effizienz, Kosten-Nutzen-Rechnung, nach Produktivität um jeden Preis, nach schnödem Zweckdenken, nach der Prosa der Verhältnisse und überhaupt nach der optimalen Ausnutzung humaner Ressourcen – nichts, was wir in einem wahrhaft philosophischen Leben haben wollen. Im Gegenteil – wir brauchen zwecklose Schönheit, Poesie und Besinnung, Nachdenklichkeit bis ins Grüblerische, Verschwendung und Faulheit, Muße und Müßiggang – erst dann werden wir ein wahrhaft weises Leben führen können. In Friedrich Schlegels „Lucinde“ findet sich die Schlussfolgerung:

Und also wäre ja das höchste vollendetste Leben nichts als ein reines Vegetieren.

                                        Friedrich Schlegel: Lucinde

Reines Vegetieren also. Klingt einfach, doch wer tut es? Sicher, niemand tut es, weil es niemand (bis auf ein paar gesellschaftliche missfits) als wertvoll anerkennt. Weil jeder, der etwas auf sich hält, dem Diktat der Selbstverbesserung, des „Du musst dein Leben ändern“ unterworfen ist. Aber gesetzt den Fall, man wollte ernst machen mit dem Dahinvegetieren – harte Arbeit würde unser harren. Und wir würden es „progressive Entspannung“, „geführte Meditation“, „mystische Selbstversenkung“ nennen, gemäß der Anekdote von der Frau, die einer Mutter auf deren Auskunft, ihr Sohn habe jetzt mit Meditation angefangen, antwortet: „Na, besser, als wenn er nur rumsitzt und nichts tut.“

Aber wenn wir die Frage anders verstehen, nicht als Ausgeburt neo-liberalen Rationalisierungsdenkens, das den Menschen zur Verfügungsmasse wirtschaftlichen Handelns machen will, sondern als ernsthaftes Nachdenken über die Art und Weise, wie wir unsere Zeit verwenden – dann könnten wir ihr doch für eine weise Lebensführung einigen Nutzen abgewinnen. Denn uns ist Zeit gegeben, jeden Tag aufs Neue. Genauer und mit Augustinus gesagt: Uns ist Gegenwart gegeben, denn Vergangenheit ist stets nur Erinnerung und Zukunft nichts als Erwartung. Was wir haben, ist der Moment.

Er wird uns geschenkt, von wem auch immer. Doch wie lange diese Gabe, mag sie als Last oder als Segen empfunden werden, noch andauert, bleibt uns verborgen. Das ist das Tragische: Jack Kornfield formuliert es so: „The trouble is that you think you have time.“

Es kommt vor allem darauf an, ob es jemand anderes ist, der diesen Anspruch an uns richtet, oder ob das Verlangen nach einem produktiv geführten Leben in uns selbst seine Quelle hat und wir als autonome Subjekte handeln. Das mag schwer zu entscheiden sein, ist doch alles Verlangen auch wieder von außen, vom Anderen vermittelt. Aber mit ein wenig Selbstprüfung wird sich bald auch ein klarer Blick auf den wahren Ursprung unserer Wünsche einstellen.

Wenn der Imperativ „Nutze den Tag“ also nicht von anderen an uns gerichtet wird, sondern aus dem echten persönlichen Willen heraus, das Beste aus seinem Leben, seiner Zeit und seinen Fähigkeiten zu machen, sich selbst und anderen Lebewesen zum Gefallen: dann wäre es vielleicht doch klug, sich zu fragen, ob man jeden Moment auch so nutzt, wie man ihn in einem idealen Leben nutzen würde.

Man könnte sich mit Nietzsche beispielsweise vorstellen, dass dieses Leben und jeder Augenblick in ihm immer wiederkehren würde:

Wenn jener Gedanke über dich Gewalt bekäme, er würde dich, wie du bist, verwandeln und vielleicht zermalmen; die Frage bei Allem und jedem „willst du dies noch einmal und noch unzählige Male?“ würde als das größte Schwergewicht auf deinem Handeln liegen!

                      Friedrich Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft

Das wäre eine wahrhaft schwere Aufgabe. Nietzsches Aphorismus weist darauf hin, dass jeder Moment zwei Seiten hat: das, über das wir verfügen, und das, über das wir nicht verfügen.

Das, worüber wir nicht verfügen in den Augenblicken unseres Lebens, mag uns übermächtig vorkommen: oft genug verfügen wir nicht einmal über genug Zeit, um das zu tun, was wir wirklich tun wollen. Wir verfügen nicht immer über genug Geld, Macht, Ruhm, Ansehen, intellektuelle, seelische oder körperliche Fähigkeiten. Nicht einmal das Wetter können wir beeinflussen.

Doch in jedem Moment haben wir die Macht, etwas zu wollen bzw. nicht zu wollen –  unsere Einstellung gegenüber den Dingen zu ändern.

Also müssen wir akzeptieren, was nicht zu ändern ist, und mehr noch: wir können damit zufrieden sein, denn es ist das, was der Kosmos für uns vorgesehen hat. Das heißt freilich nicht, dass wir nicht versuchen sollten Dinge zu ändern, die wir für schlecht halten. Aber ändern können wir nur, was wir zuvor als real existent anerkannt haben.

Alle Momente lassen sich einteilen in zwei Oberkategorien:

  • Momente, in denen du allein bist.
  • Momente, in denen du mit Menschen zusammen bist.

Die Momente des Alleinseins lassen sich wiederum einteilen:

  • Momente, in denen du frei über deine Zeit verfügen kannst.
  • Momente, in denen du verpflichtet bist, irgendetwas zu tun.

Und auch die mit anderen Menschen verbrachten Momente lassen sich einteilen:

  • Momente, in denen du in relativ engem persönlichem Kontakt mit den Menschen stehst.
  • Momente, in denen der Kontakt eher rein physischer Natur ist (man teilt sich beispielsweise das gleiche Zugabteil mit Fremden)

In den Momenten, in denen wir allein sind, aber Verpflichtungen zu erfüllen haben, denen wir eine Priorität in unserem Leben zusprechen, ist es einfach, das Richtige zu erkennen: „Tu, was getan muss sein, und eh man dir’s gebeut“, wie es in einem Gedicht Paul Flemings heißt. Und es ist ratsam, den Dingen, mit denen man umgeht, uneingeschränke Aufmerksamkeit zu schenken.

In den Momenten, die wir mit Menschen verbringen, die uns und denen wir aus irgendeinem Grunde wichtig sind – sei es generell oder nur in dieser einen Situation – sollten wir ganz bei diesen Menschen sein. Wir sollten uns und den anderen die Höflichkeit und den Respekt schenken, den wir als fühlende Wesen verdienen, indem wir dem anderen vollkommene Aufmerksamkeit zukommen lassen. Das kann ein geliebtes Wesen, ein Kind, für das man sorgt, ein Mensch, mit dem man zusammen arbeitet, sein – aber auch der Verkäufer, der Postbote, der Nachbar im Treppenhaus sein.

Die Momente, die wir mit Menschen verbringen, die aber in dieser Situation keine absolute Priorität beanspruchen, gestalten sich hingegen etwas schwieriger: Wir können nicht immer tun, was wir wollen, haben aber bisweilen die Möglichkeit, uns uns selbst zu widmen. Ein gutes Beispiel ist die Warteschlange. Wir können nichts tun, außer warten, wir müssen aber auch nichts tun, außer warten. Hier beginnt es, problematisch zu werden, wenn wir unzufrieden darüber werden, dass wir jetzt warten müssen und nicht tun können, was wir wollen. Wir empfinden Langeweile, wir driften in Gedanken ab, wir werden unruhig, wir führen innere Selbstgespräche, wir sind nicht im Moment. Jedes Mal, wo wir denken: „Wäre ich doch jetzt …“, „Könnte ich doch jetzt …“, „Hätte ich doch …“ fliehen wir vor dem einzigen, das wir haben, und verneinen das Angebot, dass der Moment uns mit seiner Gegenwart macht.

Im Bus, in der Bahn, beim Gehen auf der Straße, im Auto, in der Warteschlange, überall dort, wo wir weder richtig alleine noch richtig in Gesellschaft sind, wird es gefährlich. Dies sind die Momente, in denen wir uns jedes Mal aufs Neue entscheiden müssen: gedanklich fliehen oder im Hier und Jetzt bleiben. Sich dem Leben stellen.

Die Möglichkeiten, sich „die Zeit zu vertreiben“, den Moment zu nutzen, sind natürlich dank diversen Tools und Gadgets ins Verführerische gestiegen. Die Nötigung, Einsamkeit, Langweile und Leere auszuhalten, ist aus unserem modernen Leben verschwunden. Aber gleichzeitig wissen wir, dass diese Nötigung für unseren hektischen Alltag vielleicht die allernützlichste sein. Diesen Moment zu nutzen hieße, ihn als solchen zu akzeptieren, ihn nicht zu fliehen. Ihn als Angebot aktiver Meditation wahrzunehmen. Sobald wir merken, dass wir nicht mit dem Moment und seinem Geschenk an uns eins sind, sobald wir Schmerz, Sehnsucht, Langeweile empfinden, können wir gewahr werden, dass nun die Zeit gekommen ist zu wachsen. Das Leben wahr- und hinzunehmen. Umgehen wir das reale Leben nicht mithilfe technischer Krücken. Sondern nutzen wir den Moment, um uns selber darin zu trainieren, achtsamer und aufmerksamer zu sein. Unser Glück und unsere Seelenruhe könnte davon abhängen.

Through meditation and by giving full attention to one thing at a time, we can learn to direct attention where we choose.

                                                               Eknath Eawaran