Einfach nur da sein

Über die Kunst, die Langeweile aushalten zu können …

Durch Ablenkung verstellen wir uns den Blick auf das wahre Leben. Technik und Geselligkeit ermöglichen es uns, dass wir uns in jedem Augenblick unterhalten fühlen. Doch ist es das, wofür wir leben wollen?
Lass die Einsamkeit zu, die Langeweile, die Leere. Nur in den leeren Momenten fühlen wir, was Leben heißt: einfach da sein, anwesend sein, atmen. Existieren.

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Das Gesetz des Gebens und Nehmens

DesignWir wollen sie oft nicht wahrhaben, und unsere Sprache versteckt sie manchmal vor uns: die einfache Tatsache, dass das Leben in dauerndem Wechsel begriffen ist. Dass wir vergänglich sind, dass wir nichts festhalten können im Leben, erscheint uns oft als eine schreckliche Vorstellung, die unsere ganze Existenz der Sinnlosigkeit preis gibt. Doch alles in der Welt lebt von diesem ständigen Hin und Her, das erst für den Austausch zwischen allen Formen sorgt.

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Kann man sich selbst verbessern?

Schon seit Urzeiten kreisen die Sorgen der Menschen darum, besser zu werden. Ihren Geist zu schulen, ihren Charakter zu veredeln, ihren Körper gesünder, kräftiger und beweglicher zu machen. Unserer gesamten (westlichen) Zivilisation wohnt ein Streben inne, sowohl individuell wie gesellschaftlich, das Peter Sloterdijk in seinem Traktat „Du musst dein Leben ändern“ mit dem Begriff der „Vertikalspannung“ bezeichnet hat. Bei Galen heißt es:

Um ein vollendeter Mensch zu werden, muss sich ein jeder sein ganzes Leben lang üben.

Aber was wäre, wenn es diese Möglichkeit gar nicht gibt? Wenn man sein Denken gar nicht transformieren kann, wenn man gar kein anderer, besserer Mensch werden kann? Wenn das alles nur eine Illusion ist, die uns ständig im Hamsterrad der Selbstoptimierung laufen lässt? Denn bei jedem „Ich muss besser werden“, das wir uns ins Tagebuch schreiben, besteht ja schon der Widerspruch, dass das Ich, das diese Worte schreibt, das ist, das verbessert werden muss, gleichzeitig muss es selber ja handeln und seine Verbesserung anstreben, also schon irgendwie „gut“ sein.

Und worin soll die Verbesserung bestehen? Dass wir eine Fähigkeit besser ausüben können, dass wir besser auf eine bestimmte, immer wiederkehrende Situation reagieren, dass wir uns mehr bewegen, gesünder ernähren und öfter meditieren? Warum soll das besser sein als das, was wir jetzt bereits machen? Nur, weil wir uns vorgenommen haben, das zu tun? Oder weil uns jemand gesagt hat, es sei besser? Aber das, was wir getan haben, war keine Fähigkeit, und unsere Reaktion in diesem speziellen Moment war kein Charakterzug, und unsere gelassene Stimmung an diesem Morgen war keine Geisteshaltung. Es war eine einzelne Tat, die wir getan haben, und auch morgen wird es wieder nur eine einzelne Tat sein: ein gesundes Essen, eine halbe Stunde Meditation, eine freundliche Geste, ein Geschenk an andere … Nirgendwo gibt es Fähigkeiten und Charaktereinstellungen, es gibt nur Handlungen, Gefühle und Gedanken im Hier und Jetzt.

DaoTaoUnd woran könnten wir es messen, dass wir wirklich besser geworden wären? An unserem ehemaligen Ich, das „schlechter“ war? Aber das existiert schon längst nicht mehr, daher ist es auch Unsinn, sich mit ihm messen zu wollen. Oder sollten wir uns vergleichen mit dem, was wir sein könnten? Mit einem vagen Ideal, mit einer Wunschvorstellung von uns selbst? Aber die bleibt unerreichbar, oder zumindest bewegt sie sich genau so schnell von uns weg wie wir uns weiterbewegen. Denn unsere Wunschvorstellungen ändern sich, unsere Ziele entfernen sich von uns, und so können wir niemals dort ankommen, wo wir wirklich sein möchten: ein besserer Mensch zu sein.

Es scheint wirklich eine Illusion zu sein, dieser Wunsch, sich selbst zu verbessern. In dem Moment, wo wir verstehen, dass es nicht darauf ankommt, ja, dass es gar nicht möglich ist, ein besserer Mensch zu werden, verspüren wir eine große Erleichterung. Wir merken, dass es nur darauf ankommt, in diesem Moment so zu handeln, wie wir es für richtig halten. Immer und immer wieder. So wie es beim Meditieren nicht darauf ankommt, dreißig Minuten lang in sich selbst versunken zu sein, sondern nur auf diesen einen Atemzug, ihn so richtig wie möglich zu bemerken, immer und immer wieder.

Die Natur brüstet sich nicht, dass sie Natur ist, noch hält das Wasser über die Technik des Fliessens eine Tagung ab. So viel Gerede wäre an die verschwendet, die es nicht brauchen. Der Mensch des Tao lebt im Tao wie ein Fisch im Wasser. Wenn wir dem Fisch beizubringen versuchen, dass Wasser physikalisch aus zwei Drittel Wasserstoff und einem Drittel Sauerstoff besteht, würde er sich schieflachen.

Alan Watts

Festhalten – loslassen – festhalten – loslassen

Warum halten wir in unserem Leben überhaupt an Dingen und Menschen fest? Von allen Seiten hören wir doch, man müsse nur loslassen, dann habe man die Hände frei und es lebe sich leichter. Trotzdem sind wir traurig, wenn uns genommen wird, was wir hatten, oder zornig, wenn wir nicht bekommen, was wir uns wünschten.

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Dabei hat das Festhalten für uns eine wichtige Bedeutung: wir wollen glücklich leben, und seit unserer Kindheit haben wir erfahren, dass Glück oder zumindest Lust, aus den äußeren Dingen kommt. Wenn unsere Bedürfnisse befriedigt werden durch Essen oder Trinken, wenn unsere Wünsche erfüllt werden durch ein nettes Gespräch mit jemandem, wenn unser Ehrgeiz befriedigt wird durch einen Sieg bei einem Spiel – immer dann, wenn unser Ich an etwas Äußerem anhaftete, empfanden wir Vergnügen – und dieses Vergnügen trug das Versprechen der Dauer in sich.

Doch alle Lust will Ewigkeit -,

– will tiefe, tiefe Ewigkeit.

Friedrich Nietzsche

Freilich ein trügerisches Versprechen, denn das Wesen des Vergnügens ist eben seine Vergänglichkeit. Alles Festhalten an den weltlichen Dingen kann uns doch keine ewige Befriedigung verschaffen.

Doch es scheint, dass es noch eine andere Art von Glück gibt. Eine Art höheres Glück, nämlich das des spirituellen Wachstums, das dem der sinnlichen Befriedigung entgegengesetzt ist. Denn wenn man einem Gegenstand oder einem Menschen verhaftet bleibt, ist es doch nur unser nach sinnlicher Befriedigung dürstendes Ego, das sich davon Glück verspricht.

Alles Festhalten beginnt damit, dass wir etwas sinnlich erfahren. Wir empfangen einen Reiz und reagieren auf ihn. Wir sehen oder riechen, hören oder fühlen etwas, das in uns eine Reaktion auslöst. Nun haben wir zwei Möglichkeiten: entweder, wir lassen das Ego reagieren, das uns erzählt, mit dem Reiz sei die Möglichkeit einer Befriedigung verbunden. Dieses Ego jedoch, das unser Selbstbild ausmacht, das also definiert, wer wir sein wollen, ist nur die äußere Oberfläche unseres Wesens. Diese äußere Oberfläche ist darauf aus, sich selbst zu stärken und zu bestätigen, und dies kann sie nur durch äußere Reize: unsere Identität baut auf unserem Status auf, auf unserer Kontrolle über uns selbst und auf den sinnlichen Glücksmomenten, die wir genießen. Das Ego sich gut und besonders fühlen, und es will uns glauben machen, all dies könnte gestärkt werden, wenn wir nur diese eine Sache genießen: dieses eine Ding kaufen, diese eine Süßigkeit essen, diese eine Ablenkung zulassen, dieses eine Kompliment bekommen usw.

Dabei hat unser Ego in Wirklichkeit nur Angst. In Wirklichkeit ist es von seinem Wissen getrieben, nur oberflächlich zu sein, nur Vergänglichem nachzujagen und früher oder später sterben zu müssen. Also muss es sich gegen seine Angst auflehnen, und dieses Auflehnen verursacht unser Festhalten an den Dingen. Und die Enttäuschung, die ausgelöst wird, wenn das Begehrte sich als langweiliger, weniger befriedigend entpuppt als erhofft, erzeugt im Ego neue Angst. Erneut sind wir gezwungen zu handeln, auf Reize zu reagieren, zu klammern, damit wir unsere Angst erst gar nicht bemerken.

Doch wahres Glück entsteht natürlich nicht dadurch, dass wir unser endliches Ich stärken und vergänglichen Genüssen nachjagen. Es besteht nicht im Erlangen von Status und Kontrolle. Wahres Glück besteht nicht in der Abhängigkeit von etwas außerhalb von uns. Das wissen wir, doch wir wissen nicht, wie wir es erreichen können. Es besteht im Loslassen, und auch so viel ist uns oft klar, zumindest auf einer oberflächlichen Ebene.

Das Loslassen muss geübt werden. Es muss uns zu einer zweiten Natur werden – eigentlich zu einer ersten, zu einer tieferen, wahreren Natur. Dieses Üben kann immer dann geschehen, wenn unsere Sinne durch Äußeres gereizt werden. Wenn wir die Chance sehen, unser Ego zu befriedigen, müssen wir gewahr werden, dass jetzt die Zeit ist, loszulassen.

Wir können das Loslassen üben, indem wir immer wieder vom Festhalten zum Loslassen wechseln. Es ist eine ständige Bewegung – das Ego will festhalten, weil es ängstlich ist und süchtig nach Ablenkung, und das höhere Selbst will loslassen, weil es weiß, dass sein Glück nicht in Äußerlichkeiten liegt. Wenn wir unser Leben als stete Übung im Loslassen begreifen, können wir auch die Momente schätzen lernen, in denen wir versucht werden.

Die Übung besteht dabei in zwei Schritten:

1. Gewahrwerden, dass ein Reiz vorliegt, und dass unser Ego darauf zu reagieren wünscht, indem wir etwas kaufen, essen, trinken, sagen sollen, was wir ohne diesen Reiz nicht tun würden.

2. Abstand nehmen. Wir verschieben „einfach“ den Moment der Befriedigung auf einen Zeitpunkt in der Zukunft. Wir nehmen uns vor, in einer Woche zur gleichen Zeit auf den Reiz zu reagieren. Oder auch in einer Stunde, wenn wir es gar nicht aushalten können. Mit der Zeit kann man die Abstände auch größer machen.

Dadurch lernen wir, uns nicht von den Reizen und Versuchungen überwältigen zu lassen. Wir nehmen dem kleinen Ego die Herrschaft über unser Handeln. Wir werden uns darüber klar, dass unser Leben aus mehr besteht als aus einem einzigen Reiz-Reaktions-Schema.

Manchmal nimmt uns das Leben auch die Mühe ab, aktiv verschieben zu müssen. Wenn eine erhoffte Gelegenheit nicht eintritt, wenn eine Glück verheißende Erfahrung doch nicht gemacht wird, wenn wir eine Meinung nicht äußern können – dann verschiebt das Leben für uns den Moment der Erfüllung. Üblicherweise ärgern wir uns darüber und fragen uns, warum das Schicksal es böse mit uns meint und warum es immer uns trifft. Doch es meint es in Wirklichkeit gut mit uns, da es uns wieder einmal Gelegenheit gibt, loszulassen und dafür, sich zu sagen: Wenn es jetzt nicht sein sollte, dann wird es vielleicht später geschehen. Vielleicht sollte es auch einfach nicht sein. Unser höheres Selbst wird es uns danken.