Einfach nur da sein

Über die Kunst, die Langeweile aushalten zu können …

Durch Ablenkung verstellen wir uns den Blick auf das wahre Leben. Technik und Geselligkeit ermöglichen es uns, dass wir uns in jedem Augenblick unterhalten fühlen. Doch ist es das, wofür wir leben wollen?
Lass die Einsamkeit zu, die Langeweile, die Leere. Nur in den leeren Momenten fühlen wir, was Leben heißt: einfach da sein, anwesend sein, atmen. Existieren.

Kümmert euch nicht um die Früchte eures Handelns

Es ist paradox: Den größten Erfolg haben wir, wenn wir uns nicht um ihn scheren. Wie oft haben wir schon erlebt, dass uns eine gute Idee genau dann gekommen ist, wenn wir nicht mehr nach ihr gesucht haben. Wie oft haben wir genau in dem Moment den richtigen Menschen oder den richtigen Augenblick gefunden, sobald wir einmal von unserem krampfhaften Bemühen abgelassen haben.

Weiterlesen

Das Gesetz von Ursache und Wirkung

Wir verdrängen es gerne, aber wie alles Verdrängte wird es uns irgendwann doch schmerzlich bewusst: Jede einzelne unserer Taten verursacht eine Energie, die früher oder später zu uns zurückfällt. „Wie du säst, so wirst du ernten“, heißt es bei Cicero, und der römische Philosoph drückt damit nichts anderes aus als das ewige Gesetz des Karmas, oder: das Gesetz von Ursache und WirkunToppledominosg. Das Ergebnis mag sich nicht sofort einstellen, wie bei dem aggressiven Autofahrer, der uns rechts überholt und eine Sekunde später gegen die Leitplanke knallt.

Es mag auch nicht immer eindeutig identifizierbar sein, vor allem nicht für Außenstehende – wissen wir doch von Menschen, die in diesem Leben offensichtlich keinerlei Strafe für ihre Taten erhalten, wäre sie auch noch so gerechtfertigt; und auch Dinge, die getan zu haben wir selber bereuen würden, wenn wir an unsere Vergangenheit dächten, scheinen sich manchmal sogar ausgezahlt zu haben. Tatsächlich aber geht es bei dem Gesetz des Karmas um eine Art Einfluss unserer Taten auf unsere Seele; einen Einfluss, den wir nur in uns selber fühlen können – über andere sollten wir daher auch nicht urteilen.

Weiterlesen

Das Gesetz des Gebens und Nehmens

DesignWir wollen sie oft nicht wahrhaben, und unsere Sprache versteckt sie manchmal vor uns: die einfache Tatsache, dass das Leben in dauerndem Wechsel begriffen ist. Dass wir vergänglich sind, dass wir nichts festhalten können im Leben, erscheint uns oft als eine schreckliche Vorstellung, die unsere ganze Existenz der Sinnlosigkeit preis gibt. Doch alles in der Welt lebt von diesem ständigen Hin und Her, das erst für den Austausch zwischen allen Formen sorgt.

Weiterlesen

Das Gesetz der reinen Möglichkeit

Was sind wir eigentlich? Was macht uns aus? Was sind wir in unserem innersten Wesen, wenn alles andere – Alter, Geschlecht, Rasse, Nationalität, Familie, Erziehung, Erfahrungen, Vorlieben … – weggefallen ist? Wenn wir nicht das sind, was wir denken und fühlen, was bleibt dann noch?IMG_0023

Die reine Bewusstheit, die bloße Achtsamkeit. in unserem tiefsten Inneren sind und bleiben wir immer dieses nackte Sich-bewusst-sein. Und in diesem Bereich sind wir wirklich frei, denn in ihm liegt jede Möglichkeit unseres Lebens begründet. Aus der reinen Aufmerksamkeit heraus entspringt alles Wissen, alle Fühlen, jegliche Intuition – sie ist die Stille, die allen Formen erst zu ihrem Dasein verhilft.

Dieses stille Gegenwärtigkeit ist etwas in uns, was nicht beeinflusst ist von äußerem Geschehen. Es ist immer da, unterliegt allen Regungen in uns und allen Handlungen, die wir vornehmen, während es selber aber nicht von diesen Regungen und Handlungen verändert wird. Die Regungen, Gefühle und Gedanken, sind es, die unsere Individualität ausmachen. Woran wir uns erinnert können und was wir uns wünschen, das bildet den Kern unseres Ego – doch das ist wiederum nur eine Rolle, eine soziale Maske, die wir an- und ausziehen können. Manchmal haben wir diese Erinnerungen, manchmal jene, je nach Situation wünschen wir uns unterschiedliche Dinge, wir handeln und sprechen verschieden je nach den Umständen. Dieses Ego ist es, was uns vergessen lässt, dass wir in unserem Inneren eigentlich bloße Aufmerksamkeit sind. Das Ego ist unersättlich, es braucht stets Bestätigung von außen und es will die Kontrolle behalten. Dabei hat es nur Angst, all dies zu verlieren, und deshalb ist all sein Handeln darauf bestrebt, noch größere Macht zu erlangen.

Doch das ist nicht unser wahres Selbst. Wenn wir uns für einen Moment von unserem Ego befreien, merken wir, dass wir eigentlich ohne Angst sind. Unsere Seele braucht diese Bestätigung durch Erfolge, Befriedigung oder Zuspruch nicht – sie ist immun gegen Kritik und hat keine Angst vor Herausforderungen. Wir können das manchmal erfahren, wenn wir die Stille in uns vergrößern, ihr Raum geben. In Distanz zum alltäglichen Stress, zum Geplauder der Gedanken, zu den Anforderungen und Erwartungen, die man erfüllen zu müssen glaubt, können wir eine Stille erleben, die uns Zugang zu unserem wahren, furchtlosen Selbst verspricht. In dieser Stille – die wir körperlich und geistig erfahren – müssen wir nichts erledigen, wir müssen nur achtsam auf den Moment sein, bloß da sein.

In kleinen Momenten können wir im Alltag immer wieder versuchen, zu dieser Stille, zu dem Raum der reinen Möglichkeiten, Zugang zu erhalten. Am besten üben wir es, wenn wir uns bewusst zurückziehen, in die Natur, in die Betrachtung des Himmel, in das Hören eines Tons, in das Riechen einer Blume. Von diesem Punkt innerer Seelenstille heraus können wir lernen, auch die alltäglichen Aktivitäten um uns herum zu beobachten, ohne sie zu bewerten. Wenn wir davon absehen, alles immer zu bewerten, können wir die Freiheit und die Möglichkeiten um uns herum vermehren. Die Urteile, die wir routinemäßig von uns geben und mit der wir die Welt in Gut und Böse (für uns angenehm oder unangenehm) einteilen, hindern uns oft nur daran, die Welt so wahrzunehmen, wie sie wirklich ist. Erst dann, wenn wir uns das erlauben, können wir schließlich lernen, uns selbst zu akzeptieren.

O-Naami – Das Leben ohne Stress

Jeder von uns hat die Pflicht, sein Leben so angenehm und erfüllt wie möglich zu gestalten.

John M. Perkins

Die entwickeltste Gesellschaft sollte wohl die sein, deren Mitglieder am effektivsten mit Stress umgehen, ja ihn sogar weitgehend vermeiden oder ins Positive wenden können. Unsere westlichen Gesellschaften scheinen da noch zu suchen, ein kollektives Wissen darum, mit welchen Mitteln sich Stress am besten bewältigen lässt, existiert nicht. Solche Mittel, Jahrtausende alt, gibt es, doch ihre Einübung wird nicht durchgängig in Schulen gelehrt oder von Eltern weitergegeben, und es bleibt dem Einzelnen überlassen herauszufinden, wie er oder sie mit den Widrigkeiten des Alltags umgehen soll.

Im Gegenteil, Stress und Zeitdruck wird noch als Zeichen des Erfolgs angesehen, und Burn-Out gilt als Modekrankheit, deren Opfern heimlich-neidvoll zugestanden wird, wenigstens für etwas gebrannt zu haben.

Die „fortgeschrittene“ westlichen Kultur hat die individuelle Sorge um sich selbst als ganzen Menschen, spirituell, geisonaamitig und körperlich, zugunsten des technischen Fortschritts und des materiellen Wohlstands vernachlässigt. In Gesellschaften in asiatischen und lateinamerikanischen Ländern dagegen ist der bewusste Umgang mit Stress ein fester Bestandteil des Alltags – wenn auch, dank Globalisierung und Kapitalismus, auch dort traditionelle Fähigkeiten zu verschwinden drohen.

Überall dort, wo sich ganzheitlichere Lebensauffassungen, nicht-materielle Weltbilder und nicht-mechanistische Menschenbilder gehalten haben, wo Religion und Spiritualität eine Rolle im Alltag spielen, kennen, lehren und pflegen die Menschen die Methoden, mit denen sie zu großen Stress verhindern. Der amerikanische Schriftsteller und Politaktivist John Perkins hat in seinem Buch O-Naami solche Methoden gesammelt und in fünf Lebensregeln zusammengefasst:

Grundlage der Stressbewältigung ist die Einsicht, dass alles, was uns tagtäglich widerfährt, einen Einfluss auf unseren Körper und Geist hat – meist unbewusst. Dieser Einfluss schlägt sich, wenn sich der Stress häuft, negativ auf den Körper nieder: die Muskeln verkrampfen, der Blutdruck steigt, die Atmung flach ab, wir bekommen Kopfschmerzen, Herzrasen, Schweißausbrüche, Rückenschmerzen und, wenn der Stress chronisch wird, zahlreiche Krankheiten, die mit unserem vegetativen Nervensystem zusammen hängen. Denn dieses autonome, also vom bewussten Willen unabhängige System, das Atmung, Herzschlag und Puls, Körpertemperatur, Schlaf- und Wachphasen und vieles mehr regelt, will uns durch seine Reaktionen davor schützen, dem Stress zu erliegen. Leider hören wir zu selten auf die Zeichen, die der Körper uns gibt, und übergehen Kopfschmerzen oder Müdigkeit, oder wir stellen sie mit Mittelchen äußerlich ruhig.

Der Schlüssel für einen gesunden Umgang mit dem täglichen Stress liegt nun in der Fähigkeit, das autonome Nervensystem zu kontrollieren. Wer seine körperlichen Reaktionen bewusst bestimmen kann, kann die beschriebenen Symptome gar nicht erst entstehen lassen.

Perkins Ratschläge, fünf Grundsätze für ein angenehmes und erfülltes Leben, erscheinen auffällig wenig körperorientiert; sie sind eher Regeln für die eigene innere Einstellung dem Leben gegenüber.

1. Seien Sie das, was Sie sein möchten. Hören Sie auf, zu versuchen, etwas zu werden, und seien Sie es stattdessen. Denken Sie an die Person in sich, die das verkörpert, was Sie am meisten schätzen. Seien Sie diese Person, so weit es ihnen möglich ist. Machen Sie dies zu einem ständigen Teil Ihres Lebens.

2. Wägen Sie Probleme gegenüber Lösungen ab. Begreifen Sie, dass nicht das Problem das Problem ist, sondern dass die fehlende Lösung das Problem ist. Erlauben Sie sich nicht, in Panik zu geraten oder negativ zu sein. Entscheiden Sie sich für eine Lösung und probieren Sie diese aus.

3. Konzentrieren Sie sich. Gewöhnen Upanishad_Quotes1Sie es sich an, sich zu konzentrieren und ihr Leben in verschiedene Bereiche zu untergliedern. Arbeiten Sie, wenn Sie bei Ihrer Arbeit sind. Aber wenn Sie nach Hause gehen, gehen Sie wirklich, und konzentrieren Sie sich auf Ihre Familie, Ihr Hobby oder was immer Sie tun wollen.

4. Glauben Sie an etwas. Glauben Sie an das, von dem Sie wissen, dass es für Sie richtig ist. Glauben Sie an eine Religion, an sich selbst, an eine Idee oder ein Ziel. Woran Sie glauben, ist nicht wichtig. Entscheidend ist, dass Sie an das glauben, was für Sie am wichtigsten ist. Öffnen Sie Ihr Herz, hören Sie ihm zu und führen Sie aus, was es Ihnen sagt.

5. Meditieren Sie. Meditation verbindet die anderen vier Bestandteile und verschafft Ihnen 10-15 Minuten regelmäßiger Entspannung. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie still sitzen, beten oder sich bewegen.

 

Die großen und geheimen Lehren des Waldes

Die „Brihad Aranyaka Upanischad“  (बृहदारण्यक उपनिषद्, zu deutsch etwa „Die großen und geheimen Lehren des Waldes“) ist einer der ältesten und gleichzeitig wichtigsten Teile der Upanischaden, der zwischen 700 und 200 v. Chr. entstandenen Sammlung philosophischer Grundtexte des Hinduismus.Die Essenz der Upanischaden von Eknath Easwaran

In ihr werden einige Gedanken entfaltet, die auch für unsere heutiges Leben große Bedeutung haben können. Die grundsätzliche Annahme dabei ist, dass es in der Welt ein einziges Prinzip gibt, das alles im Innersten zusammenhält. Die Welt der Vielfalt ist eigentlich eine der Einheit, in der alles mit allem verbunden ist. Die Upanischaden nennen dieses Prinzip Brahman. Es ist nicht nur in der Welt, es ist die Welt. Es ist zugleich immanent und transzendent.

Es ist aber auch zugleich jenseits der Welt, die wir mit unseren Sinnen erfahren können. Daher hat es keine Eigenschaften, die wir an ihm benennen können. Es ist nicht dieses, nicht jenes. Wir selber können es also nicht direkt erkennen, doch wir können seiner bewusst werden. In unserem normalen Alltagsleben jedoch achten wir nicht auf Brahman, weil wir von den Dingen unserer Wahrnehmung sowie von unseren Gedanken und Gefühlen abgelenkt sind. Wir sind von unserer Individualität abgelenkt, auf unsere Besonderheiten, auf die wir so stolz sind. Wir denken, dass uns diese Besonderheiten ausmachen.

Eigentlich jedoch sind wir etwas anderes. Wir sind ein Selbst, das nicht autonom ist, das nicht unabhängig von anderen Wesen wirkt, sondern ein Teil des großen, mit allem verbundenen Netzwerks der Wirklichkeit. Dieses höhere Selbst nennen die Upanischaden Atman.Upanishad_Quotes1

Das Selbst als „Ego“ dagegen ist das, was mit dem Körper und dem sozialen Leben des Menschen verbunden ist. Dieses Selbst ist normalerweise unsere Antwort auf die Frage „Wer bist du?“ – ein Selbst, das einen Namen hat, das wir zu bewahren versuchen, das wir zu bilden und zu verwirklichen versuchen, dem wir Bedeutung beilegen, weil es uns ausmacht: unsere Eigenheiten, unsere Identität, unsere Individualität: das, was uns von anderen unterscheidet, was uns begrenzt und definiert, was uns eben besonders macht.

Das aber ist nicht die wahre Identität des Menschen. Es ist nur eine Maske, endlich und mehr oder weniger zufällig, und mit dieser Maske verbergen wir unsere wahre und unendliche Natur.

Atman selber ist nicht definierbar.

Es ist ungreifbar, denn es kann nicht ergriffen werden. Es ist unverderblich, denn es ist dem Verderben nicht unterworfen. Es ist ungebunden; und doch zittert es weder vor Furcht noch leidet es Unrecht.

Dieses wahre Selbst – „jenseits von Hunger und Durst, Sorge und Illusion, Alter und Tod“ – ist die ewige Dimension der Wirklichkeit. Das, was eigentlich wirklich und wichtig ist, im Gegensatz zu dem, was wir in unserem Alltag so alles für wirklich und wichtig halten. Unser eigentliches, wesentliches Selbst geht über alle Begrenzungen hinaus, auch über Leid und Tod.

619px-Rigveda_MS2097

Atman selber ist „der innere Lenker des Lebens“ – es ist kein Gegenstand unseres Bewusstsein, etwas, über das wir nachdenken, oder das wir gar sinnlich wahrnehmen könnten. Atman ist der Wahrnehmer der Wahrnehmung, also das, was allem Bewusstsein zugrunde liegt. Das, was in uns fühlt und denkt. Seiner bewusst zu werden, ist der Weg, auf dem wir uns bewegen sollten, wenn wir die Wirklichkeit erkennen und glücklich leben wollen. Wir bewegen uns dann von der vergänglichen Ich-Identität zum höheren Selbst, das unvergänglich und nicht vom Ganzen unterschieden ist. Ziel des menschlichen Lebens ist es somit, die ursprüngliche Einheit des Atman mit dem Brahman zu erkennen.

Die Leere in mir

Mache dich selbst von allem leer.
Lass den Geist in Ruhe weilen.
Die zehntausend Dinge entstehen und vergehen, während der Geist ihr Zurückgehen betrachtet.
– Lao Tse

In einigen Momenten können wir es noch erahnen, was es heißt ein lebendiges Wesen zu sein. Da zu sein. Einfach nur ein anwesender Mensch.

Als Kinder hatten wir sie oft, diese Momente des unverstellten Zugangs zur Welt – in unserer Trauer und Wut, in unserer Freude und sinnlosem Lachen. Im Schmerz unserer  Einsamkeit und im hoffnungsvollen Gefühl, irgendwann jemand anders sein zu können.

Vor allem in der irrsinnig lang erscheinenden Dauer all der Stunden und Tage. In der Unendlichkeit eines Jahres – wie haben wir gedacht, unsre Kindheit würde niemals enden. Wie haben wir gefühlt, wie lang eine halbe Stunde sein kann. Wie haben wir uns gelangweilt. Stundenlang.

Wir haben uns gefühlt und das reine Vergehen der Zeit.

Youth always tries to fill the void, an old man learns to live with it.
― Mark Z. Danielewski

Wie lang ist das her – als wäre es ein anderes Leben. Als hätte jemand anderes so gefühlt. Heute leben wir nicht mehr so. Wir langweilen uns höchstens für ein paar Minuten. Wir sind nicht allein, nie nur mit uns selbst.

Wir füllen die Leere. Füllen jede Sekunde, sobald wir auch nur ein wenig Unruhe verspüren, die ersten Anzeichen von Unzufriedenheit, von Ungenügen an der bloßen Gegenwart. Das Kribbeln in den Fingern, der Druck in der Magengrube. Alles in uns strebt danach, die Leere so schnell wie möglich auszufüllen, denn die Natur fürchtet das Vakuum.

leereUnd wir haben nun die Möglichkeiten, die wir als Kind nicht hatten: die technischen Möglichkeiten um der Leere in uns zu entgehen.

In beinahe jedem Moment haben wir Musik, Filme, Spiele, Lektüre, bekannte und unbekannte Gesprächspartner in Reichweite. Wir können alles tun um der Langeweile zu entkommen. Dem bloßen, bedeutungslosen Augenblick.

Aber mit ihm entkommen wir auch unsrem Leben selbst. Denn das, was unser Leben ausmacht, sind seine unmittelbaren Momente. Das, was zählt, ist das Dabeisein. Auch in der Leere anwesend zu sein, ihren Schmerz zuzulassen, muss man wieder lernen, falls man nicht Kind geblieben ist.

Warum aber haben wir heutzutage diesen Schutz angelegt, der es nicht zulässt, dass wir unverstellt der Welt gegenüberstehen? Weil uns die Welt mit ihrer Sinnlosigkeit und Leere im Grunde ängstigt? Weil wir mit der Beschäftigung dem Gefühl entgehen können nutzlos zu sein?

Glücklich sein heißt, ohne Schrecken seiner selbst innewerden können.
– Walter Benjamin

Aber die Leere zuzulassen bedeutet, mit dem Leben in Kontakt zu kommen. Die kleinen Momente des Nichts, der Abwesenheit von Beschäftigung sind die einzigen, in denen wir wieder fühlen können, was um uns herum ist: die Zeit, das Leben, uns selbst.

Aus dieser gefühlten, wahrgenommen Leere heraus können wir irgendwann zu wahrem Handeln kommen – zu einem, das nicht nur eine Flucht, ein verzweifeltes Suchen nach Sinn, eine sublimierte Begierde ist. Wenn wir üben, so oft wie möglich die Möglichkeiten der Flucht aus der Leere nicht zu ergreifen, sondern dem Gefühl standzuhalten, zu merken, was wirklich passiert, dann können wir auch unseren Schmerz, unsere Verzweiflung, unsere Langeweile begreifen und akzeptieren.

The artist’s job is not to succumb to despair but to find an antidote for the emptiness of existence.
― Woody Allen

Was will der Kosmos von mir?

Wir sind nicht Herr unseres Lebens. Auch wenn der Augenschein dagegen sprechen mag – wir sind dem Schicksal unterworfen.

Normalerweise denken wir so nicht. Unsere Einstellung als modernes Individuum, als freies, unabhängiges Subjekt, verbietet uns das. Wir lernen früh, dass wir unser Schicksal in der Hand haben, dass wir keine Opfer sein dürfen, dass wir unseres Glückes Schmied sind. Dass es darauf ankomme, sich selbst zu verwirklichen. Dass wir uns als Autoren unseres eigenen Lebens begreifen müssen, engagiert, selbstbestimmt. Und dass der Erfüllung unserer Träume und Wünsche kaum mehr Grenzen gesetzt sind als die unseres Willens.

Daher begreifen wir uns als frei und darin finden unseren Wert und unsere Selbstbestätigung.

All dies ist nicht vollständig falsch. Doch es hinterlässt in uns das Gefühl, wir könnten gänzlich über unser Leben bestimmen und wären für das verantwortlich, was mit uns geschieht. Und hätten Schuld an dem, was nicht funktioniert hat wie geplant – denn unsere Schuld liegt darin, dass wir schlecht geplant haben.

Die Illusion der Kontrolle 

Aber im Grund ahnen wir, wie wenig wir wirklich unter Kontrolle haben. Wir geben uns nur der Illusion hin, unsere Kontrolle wäre größer als die Unwägbarkeiten des Lebens.

Im Grunde ahnen wir, auf wie dünnem Eis unsere Existenz eigentlich steht – wenn wir es wirklich wüssten, wären wir schon nicht mehr handlungsfähig.

Im Grunde sind wir nicht mal Herren im eigenen Haus, haben weder Gedanken noch Gefühle im Griff. Auch unsere Wünsche und Begierden können wir kaum steuern.

Auch unsere Selbstverwirklichung, die Richtung unseres Werdens und Wachsens, scheint nur für den jetzigen Moment in unserer Hand zu liegen. Wenn wir später auf unser Leben zurückblicken, merken wir, wie wenig wir davon selber gesteuert haben. Wie sehr das, was wir geworden sind, von einer unsichtbaren Hand geführt zu sein scheint.

Das wäre alles noch kein großes Problem – was soll dabei sein, wenn wir glauben wir wären der Autor unseres Lebens, doch in Wirklichkeit schreibt sich das Buch unseres Lebens selbst? Eine weitere kleine Selbsttäuschung unter vielen …

Wäre da nicht die Isolation, die wir empfinden. Mit jedem Plan, den wir gegen „die Welt“ durchsetzen. Mit jedem Wunsch, der an der „Realität“ scheitert. Stets begreifen wir uns dann als im Wesen einzelne, vereinzelte, einsame. Natürlich können wir Freunde haben – aber wehe, wenn sie unseren Zielen im Weg stehen. Natürlich können wir unsere Mitmenschen sympathisch finden – aber wehe, wenn sie unsere Selbstentfaltung behindern. Natürlich können wir die Welt schön finden  – aber wehe, wenn sie uns daran hindert unseren Weg zu gehen. Wehe, wenn irgendetwas nicht so funktioniert, wie wir es geplant hatten.

Dann merken wir, was vielleicht unser Grundgefühl ist: dass wir und die Welt verschieden sind, dass die Welt uns feindlich gesinnt ist und wir ihr nicht vertrauen können. Dass wir uns nicht voll und ganz auf sie verlassen können, um erst einmal zu sehen, was das Leben uns bringt. Wir müssen kämpfen, sind getrennt und allein.

Ich wechsele die Perspektive

Ich versuche, das Leben als weise anzusehen. Das Leben, die Welt, das Schicksal, das dharma, das taiji, das dao – wie immer man es nennen mag – ist älter als ich und erfahrener. Es ist länger da und weiß vielleicht mehr. Vielleicht hat es einen Plan für mich und ist nicht bloß unvorhersagbares Chaos. Vielleicht bin ich Teil dieses Plans und Teil des Kosmos. Vielleicht bin ich der Kosmos, habe es nur noch nicht erkannt.dharma

Daher frage ich mich: „Was will der Kosmos von mir?“ In allen Momenten, in denen ich merke, dass jetzt etwas mit meinem Leben passiert, was ich nicht vorhergesehen habe, was ich ablehne, was ich vermeiden will, frage ich mich: „Was will der Kosmos von mir?“

Immer, wenn ich auf etwas stoße, das mich an der Durchführung meiner Pläne hindert, frage ich mich: „Was will der Kosmos von mir?“

Immer, wenn ich irgendwo unerwartet anhalten muss, von meinem Weg abweichen muss,

wenn ich merke, dass sich Stress, Druck und Angst in mir ausbreiten, sage ich mir: Der Kosmos wird in seiner Weisheit schon seine Gründe dafür haben. Und ich frage mich: „Was will der Kosmos von mir?“

Und die Antwort darauf ist immer: Das, was jetzt geschieht. Denn immer ist das, was geschieht, das, was geschehen soll. Das, was der Kosmos für mich vorgesehen hat. Der Kosmos will anscheinend, dass ich jetzt hier stehen bleibe, dass ich einen Umweg gehen muss, denn es scheint keine vernünftige Alternative zu geben.

Der Kosmos will anscheinend, dass mir das jetzt passiert, wie schlimm es auch sein mag. Irgendetwas daran scheint notwendig zu sein, denn sonst wäre es nicht geschehen.

Und sobald ich dies denke, sobald ich mich dem höheren kosmischen Willen anheim gebe, kehrt innerlich Ruhe ein und der Druck löst sich. Ich fühle mich nicht vereinzelt und im Kampf gegen das Schicksal, sondern in Harmonie mit dem Leben.

„Schon wieder so ein Idiot, der mit dem Kosmos im Einklang ist.“
Funny van Dannen

Und aus diesem Gefühl heraus, dem Gefühl ruhiger Akzeptanz des Gegebenen, kann ich Wege finden, die mich die Situation verändern lassen. Die mir zeigen, wie ich angemessen, mit dem Wissen grundlegenden Einssein, mit dem Leben umgehen kann.

Ich kämpfe nicht. Ich suche mit dem Leben zusammen nach dem Weg, den der Kosmos für mich will.

Alles hinter sich lassen

Je stärker uns das Effizienzdenken ergreift, desto verführerischer wird die Einstellung, immer mehr in immer weniger Zeit zu tun. Schneller zu werden und die Pausen ausfallen zu lassen, wenn sie nicht wirklich wichtig sind. Auch die kleinen, oft unmerklichen Übergange von einer Aktivität zur anderen, von einem Menschen zum anderen lassen wir unbewusst ausfallen. Je schneller wir uns der nächsten Aufgabe widmen – denken wir –, desto schneller können wir sie erledigen. Desto erfolgreicher wird unser Leben sein.

Nicht nur den Momente, die der Arbeit gewidmet sind, sondern auch in denen, die wir schöpferisch, kontemplativ, spielerisch, liebend verbringen, nehmen wir mehr und mehr die Logik der Maschine an. Wir denken und erleben in quantitativen Kategorien, weil wir unsere Identität und unseren Selbstwert von der Zahl der erzählbaren Erlebnisse, der fotografierten Momente, der gelesenen Bücher und der aufzählbaren Freunde abhängig machen.confirmez

Das führt oft dazu, dass wir die einzelnen Momente gar nicht mehr unterscheiden, sondern von einem zum anderen hetzen, ohne innezuhalten und wirklich dazusein. Ohne den Moment wirklich genießen zu können. Schließlich erleben wir unseren Alltag als Abfolge von stressigen Situationen, die Menschen um uns herum als nervig und die Zeit als immer zu knapp.

Dabei haben wir für das, was zählt, genau so viel Zeit, wie wir brauchen. Wir müssen nur dabei sein. Wenn wir irgendwo ankommen, sollten wir innehalten, durchatmen, lächeln, wahrnehmen, einfach nur da sein. Ebenso, wenn wir mit einem anderen Menschen zu tun haben oder uns einer anderen Aufgabe widmen. Wir können in diesen Pausen ein Teil von dem, was wir emotional und mental „im Gepäck“ haben, zurücklassen: unsere Gedanken und Gefühle, unsere Erwartungen und Wünsche, unseren Stress und Zeitdruck.

Normalerweise schleppen wir all das ständig mit uns herum, egal wo wir sind und wo wir hinkommen. Dementsprechend sind auch unsere Gespräche, unser gesamtes Tun davon beeinflusst, wie viel wir mit uns herumtragen.

Sobald wir uns aber bewusst die Zeit dafür genommen haben, wirklich innezuhalten und wahrzunehmen, wo wir sind, wer die anderen sind, wie alles aussieht, riecht,sich anhört und anfühlt, dann können wir mit dem neuen Moment in unserem Leben besser und stressfreier umgehen. Denn dann erinnern uns daran: wir sind genau da, wo wir sein sollen. Die vergangenen Momente sind vorbei, sie haben nichts mehr zu bedeuten – es sein denn, wir halten krampfhaft oder auch nur unbewusst an ihnen fest. Die zukünftigen Momente existieren noch nicht, also müssen wir uns auch nicht mit ihnen herumschlagen. Wenn wir loslassen, merken wir, dass wir dem Moment offener gegenüber treten können. Das kann nur über bewusste sinnliche Wahrnehmung geschehen, die uns den Wert des Moments vermittelt.
Wie beim Atmen.

Das Lassen – das Nicht-Tun – und die Pause sind essenziell beim Atmen und im Leben und lassen ein ‚Ausbrennen’ nicht zu.

Erst dann können wir ihn wirklich genießen. Können wir unser Leben genießen.