Woher kommt die Angst?

Wenn wir zögern, wenn wir zweifeln, wenn wir nicht handeln, wo wir handeln könnten … wenn wir schweigen, wo wir sprechen müssten, wenn wir nicht die Wahrheit sagen, obwohl wir sie kennen, wenn wir nicht für jemanden oder etwas einstehen, der oder das uns wichtig ist … woher kommt das? Warum weichen wir dem Leben so oft auVon der Angst zum jetzigen Moments?

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Was ist dein Problem?

Unser Verstand liebt Probleme. Er liebt sie so sehr, dass er selber welche erschaffen muss, wenn es keine gibt. Das macht ihn aus, das verschafft ihm Genugtuung, denn nur, wenn wir Probleme haben, brauchen wir ihn. Unser Verstand ist wie der Staat – täglich ist er damit beschäftigt, uns neue, nervenaufreibende Probleme zu bereiten, damit wir ihm dankbar sind, seine Hilfe annehmen und auf ihn hören.Die Kraft der Stille

Das ist seine Existenzberechtigung. Von der Energie, die wir in die Lösung unserer täglichen Probleme stecken, ernährt er sich. Von dieser Nahrung wird er groß und stark, so stark, dass er immer mehr Macht über unser Leben bekommt. Und mit dieser Macht wiederum erschafft und erfindet er Probleme – Probleme die wir ohne ihn gar nicht hätten.

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Kann man sich selbst verbessern?

Schon seit Urzeiten kreisen die Sorgen der Menschen darum, besser zu werden. Ihren Geist zu schulen, ihren Charakter zu veredeln, ihren Körper gesünder, kräftiger und beweglicher zu machen. Unserer gesamten (westlichen) Zivilisation wohnt ein Streben inne, sowohl individuell wie gesellschaftlich, das Peter Sloterdijk in seinem Traktat „Du musst dein Leben ändern“ mit dem Begriff der „Vertikalspannung“ bezeichnet hat. Bei Galen heißt es:

Um ein vollendeter Mensch zu werden, muss sich ein jeder sein ganzes Leben lang üben.

Aber was wäre, wenn es diese Möglichkeit gar nicht gibt? Wenn man sein Denken gar nicht transformieren kann, wenn man gar kein anderer, besserer Mensch werden kann? Wenn das alles nur eine Illusion ist, die uns ständig im Hamsterrad der Selbstoptimierung laufen lässt? Denn bei jedem „Ich muss besser werden“, das wir uns ins Tagebuch schreiben, besteht ja schon der Widerspruch, dass das Ich, das diese Worte schreibt, das ist, das verbessert werden muss, gleichzeitig muss es selber ja handeln und seine Verbesserung anstreben, also schon irgendwie „gut“ sein.

Und worin soll die Verbesserung bestehen? Dass wir eine Fähigkeit besser ausüben können, dass wir besser auf eine bestimmte, immer wiederkehrende Situation reagieren, dass wir uns mehr bewegen, gesünder ernähren und öfter meditieren? Warum soll das besser sein als das, was wir jetzt bereits machen? Nur, weil wir uns vorgenommen haben, das zu tun? Oder weil uns jemand gesagt hat, es sei besser? Aber das, was wir getan haben, war keine Fähigkeit, und unsere Reaktion in diesem speziellen Moment war kein Charakterzug, und unsere gelassene Stimmung an diesem Morgen war keine Geisteshaltung. Es war eine einzelne Tat, die wir getan haben, und auch morgen wird es wieder nur eine einzelne Tat sein: ein gesundes Essen, eine halbe Stunde Meditation, eine freundliche Geste, ein Geschenk an andere … Nirgendwo gibt es Fähigkeiten und Charaktereinstellungen, es gibt nur Handlungen, Gefühle und Gedanken im Hier und Jetzt.

DaoTaoUnd woran könnten wir es messen, dass wir wirklich besser geworden wären? An unserem ehemaligen Ich, das „schlechter“ war? Aber das existiert schon längst nicht mehr, daher ist es auch Unsinn, sich mit ihm messen zu wollen. Oder sollten wir uns vergleichen mit dem, was wir sein könnten? Mit einem vagen Ideal, mit einer Wunschvorstellung von uns selbst? Aber die bleibt unerreichbar, oder zumindest bewegt sie sich genau so schnell von uns weg wie wir uns weiterbewegen. Denn unsere Wunschvorstellungen ändern sich, unsere Ziele entfernen sich von uns, und so können wir niemals dort ankommen, wo wir wirklich sein möchten: ein besserer Mensch zu sein.

Es scheint wirklich eine Illusion zu sein, dieser Wunsch, sich selbst zu verbessern. In dem Moment, wo wir verstehen, dass es nicht darauf ankommt, ja, dass es gar nicht möglich ist, ein besserer Mensch zu werden, verspüren wir eine große Erleichterung. Wir merken, dass es nur darauf ankommt, in diesem Moment so zu handeln, wie wir es für richtig halten. Immer und immer wieder. So wie es beim Meditieren nicht darauf ankommt, dreißig Minuten lang in sich selbst versunken zu sein, sondern nur auf diesen einen Atemzug, ihn so richtig wie möglich zu bemerken, immer und immer wieder.

Die Natur brüstet sich nicht, dass sie Natur ist, noch hält das Wasser über die Technik des Fliessens eine Tagung ab. So viel Gerede wäre an die verschwendet, die es nicht brauchen. Der Mensch des Tao lebt im Tao wie ein Fisch im Wasser. Wenn wir dem Fisch beizubringen versuchen, dass Wasser physikalisch aus zwei Drittel Wasserstoff und einem Drittel Sauerstoff besteht, würde er sich schieflachen.

Alan Watts

Festhalten – loslassen – festhalten – loslassen

Warum halten wir in unserem Leben überhaupt an Dingen und Menschen fest? Von allen Seiten hören wir doch, man müsse nur loslassen, dann habe man die Hände frei und es lebe sich leichter. Trotzdem sind wir traurig, wenn uns genommen wird, was wir hatten, oder zornig, wenn wir nicht bekommen, was wir uns wünschten.

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Dabei hat das Festhalten für uns eine wichtige Bedeutung: wir wollen glücklich leben, und seit unserer Kindheit haben wir erfahren, dass Glück oder zumindest Lust, aus den äußeren Dingen kommt. Wenn unsere Bedürfnisse befriedigt werden durch Essen oder Trinken, wenn unsere Wünsche erfüllt werden durch ein nettes Gespräch mit jemandem, wenn unser Ehrgeiz befriedigt wird durch einen Sieg bei einem Spiel – immer dann, wenn unser Ich an etwas Äußerem anhaftete, empfanden wir Vergnügen – und dieses Vergnügen trug das Versprechen der Dauer in sich.

Doch alle Lust will Ewigkeit -,

– will tiefe, tiefe Ewigkeit.

Friedrich Nietzsche

Freilich ein trügerisches Versprechen, denn das Wesen des Vergnügens ist eben seine Vergänglichkeit. Alles Festhalten an den weltlichen Dingen kann uns doch keine ewige Befriedigung verschaffen.

Doch es scheint, dass es noch eine andere Art von Glück gibt. Eine Art höheres Glück, nämlich das des spirituellen Wachstums, das dem der sinnlichen Befriedigung entgegengesetzt ist. Denn wenn man einem Gegenstand oder einem Menschen verhaftet bleibt, ist es doch nur unser nach sinnlicher Befriedigung dürstendes Ego, das sich davon Glück verspricht.

Alles Festhalten beginnt damit, dass wir etwas sinnlich erfahren. Wir empfangen einen Reiz und reagieren auf ihn. Wir sehen oder riechen, hören oder fühlen etwas, das in uns eine Reaktion auslöst. Nun haben wir zwei Möglichkeiten: entweder, wir lassen das Ego reagieren, das uns erzählt, mit dem Reiz sei die Möglichkeit einer Befriedigung verbunden. Dieses Ego jedoch, das unser Selbstbild ausmacht, das also definiert, wer wir sein wollen, ist nur die äußere Oberfläche unseres Wesens. Diese äußere Oberfläche ist darauf aus, sich selbst zu stärken und zu bestätigen, und dies kann sie nur durch äußere Reize: unsere Identität baut auf unserem Status auf, auf unserer Kontrolle über uns selbst und auf den sinnlichen Glücksmomenten, die wir genießen. Das Ego sich gut und besonders fühlen, und es will uns glauben machen, all dies könnte gestärkt werden, wenn wir nur diese eine Sache genießen: dieses eine Ding kaufen, diese eine Süßigkeit essen, diese eine Ablenkung zulassen, dieses eine Kompliment bekommen usw.

Dabei hat unser Ego in Wirklichkeit nur Angst. In Wirklichkeit ist es von seinem Wissen getrieben, nur oberflächlich zu sein, nur Vergänglichem nachzujagen und früher oder später sterben zu müssen. Also muss es sich gegen seine Angst auflehnen, und dieses Auflehnen verursacht unser Festhalten an den Dingen. Und die Enttäuschung, die ausgelöst wird, wenn das Begehrte sich als langweiliger, weniger befriedigend entpuppt als erhofft, erzeugt im Ego neue Angst. Erneut sind wir gezwungen zu handeln, auf Reize zu reagieren, zu klammern, damit wir unsere Angst erst gar nicht bemerken.

Doch wahres Glück entsteht natürlich nicht dadurch, dass wir unser endliches Ich stärken und vergänglichen Genüssen nachjagen. Es besteht nicht im Erlangen von Status und Kontrolle. Wahres Glück besteht nicht in der Abhängigkeit von etwas außerhalb von uns. Das wissen wir, doch wir wissen nicht, wie wir es erreichen können. Es besteht im Loslassen, und auch so viel ist uns oft klar, zumindest auf einer oberflächlichen Ebene.

Das Loslassen muss geübt werden. Es muss uns zu einer zweiten Natur werden – eigentlich zu einer ersten, zu einer tieferen, wahreren Natur. Dieses Üben kann immer dann geschehen, wenn unsere Sinne durch Äußeres gereizt werden. Wenn wir die Chance sehen, unser Ego zu befriedigen, müssen wir gewahr werden, dass jetzt die Zeit ist, loszulassen.

Wir können das Loslassen üben, indem wir immer wieder vom Festhalten zum Loslassen wechseln. Es ist eine ständige Bewegung – das Ego will festhalten, weil es ängstlich ist und süchtig nach Ablenkung, und das höhere Selbst will loslassen, weil es weiß, dass sein Glück nicht in Äußerlichkeiten liegt. Wenn wir unser Leben als stete Übung im Loslassen begreifen, können wir auch die Momente schätzen lernen, in denen wir versucht werden.

Die Übung besteht dabei in zwei Schritten:

1. Gewahrwerden, dass ein Reiz vorliegt, und dass unser Ego darauf zu reagieren wünscht, indem wir etwas kaufen, essen, trinken, sagen sollen, was wir ohne diesen Reiz nicht tun würden.

2. Abstand nehmen. Wir verschieben „einfach“ den Moment der Befriedigung auf einen Zeitpunkt in der Zukunft. Wir nehmen uns vor, in einer Woche zur gleichen Zeit auf den Reiz zu reagieren. Oder auch in einer Stunde, wenn wir es gar nicht aushalten können. Mit der Zeit kann man die Abstände auch größer machen.

Dadurch lernen wir, uns nicht von den Reizen und Versuchungen überwältigen zu lassen. Wir nehmen dem kleinen Ego die Herrschaft über unser Handeln. Wir werden uns darüber klar, dass unser Leben aus mehr besteht als aus einem einzigen Reiz-Reaktions-Schema.

Manchmal nimmt uns das Leben auch die Mühe ab, aktiv verschieben zu müssen. Wenn eine erhoffte Gelegenheit nicht eintritt, wenn eine Glück verheißende Erfahrung doch nicht gemacht wird, wenn wir eine Meinung nicht äußern können – dann verschiebt das Leben für uns den Moment der Erfüllung. Üblicherweise ärgern wir uns darüber und fragen uns, warum das Schicksal es böse mit uns meint und warum es immer uns trifft. Doch es meint es in Wirklichkeit gut mit uns, da es uns wieder einmal Gelegenheit gibt, loszulassen und dafür, sich zu sagen: Wenn es jetzt nicht sein sollte, dann wird es vielleicht später geschehen. Vielleicht sollte es auch einfach nicht sein. Unser höheres Selbst wird es uns danken.

Kurzmitteilung

Arbeit und Achtsamkeit

Arbeit könnte so schön sein, bedeutete sie nicht vor allem Stress, Unbequemlichkeit, Freudlosigkeit, Langeweile, Schmerz. Denn Arbeit, so ekelhaft und unwürdig für einen freidenkenden Menschen sie auch sein mag, hat doch auch ihr Gutes: sie versorgt uns mit Sinn, denn das, was wir machen, kann uns zeigen, was wir sind. Das, was wir auf die Beine stellen, kann uns einen Hinweis darauf geben, wozu wir in der Lage sind.

Die Mühen der Arbeit

Gleichwohl bleibt die Arbeit eben in erster Linie, wie es in der etymologischen Wurzel des Wortes steckt, Mühsal und Qual, und Müßiggang ist nicht immer erreichbar. Nicht jede Anstrengung gibt unserem Leben Sinn, und nicht jede sinnlose Arbeit kann umgangen werden.

Doch sie muss es auch nicht. Eine Arbeit muss nicht sinnvoll sein, um sinnvoll zu sein.

Was aber bereitet uns eigentlich ein solches Unbehagen am Arbeiten? Die Handlungen der Arbeit selbst sind es nicht, die diese Mühsal und Qual hervorrufen – Handlungen sind nur Handlungen, die eben getan werden. Wenn eine Arbeit beispielsweise körperlich anstrengend ist, dann ist es nicht in erster Linie diese Anstrengung, die uns Schmerz bereitet. Denn beim Sport strengen wir uns auch an und der daraus resultierende Schmerz ist uns willkommen.

Es ist unsere Reaktion auf die Arbeit, die Stress und Leid verursacht: unser Festhalten an dem Wunsch, dass die Dinge anders wären, als sie tatsächlich sind.

Wenn eine Arbeit geistig fordernd ist, dann ist es nicht in erster Linie diese Herausforderung, die Schmerz bereitet: Wenn wir Rätsel lösen oder Bücher lesen, kann dies auch geistig herausfordernd sein, und diese Herausforderung suchen wir. Und auch die ständigen Unterbrechungen, die uns frustrieren, weil wir uns nicht so auf eine Sache konzentrieren können, wie wir es geplant haben –  all das sind nur Ereignisse, die um uns herum passieren, wie ein Blatt, das vom Baum fällt. Ohne Bedeutung.

Wir halten stets an Vorstellungen fest, Vorstellung von dem, wie die Dinge zu laufen haben, wie man selber handeln sollte, wie die Menschen sein sollten und überhaupt wie unser ganzes Leben eigentlich aussehen sollte.  Doch genau dieses Festhalten ist es, was uns frustriert, nicht die Dinge an sich. Und dieses Festhalten an Vorstellungen ist es auch,  was die Arbeit wirklich unangenehm macht.

BuddhaDie fünf Arten des Festhaltens am Sein sind Leiden.

Buddha

Die anderen Menschen um uns herum sind nicht das Problem, wenn sie auch oft genug so erscheinen mögen: sie sind nur andere Menschen, die versuchen, ihr Bestes zu geben. Es ist unser Festhalten an der Vorstellung, dass sie sich auf eine bestimmte Weise zu verhalten haben, dass sie mehr oder weniger dazu da sind, um uns glücklich zu machen – diese Vorstellung bereitet uns Schwierigkeiten.

Es ist nicht die  Zahl an Aufgaben, Zielen, Projekten, Informationen und Nachrichten, die uns stressen: es ist unsere Reaktion auf sie. Eine To-Do-Liste ist nur eine To-Do-Liste und ein klingelndes Telefon nur ein klingelndes Telefon – an sich harmlose Dinge.  Wir empfinden erst dann Stress, wenn wir an der Vorstellung festhalten, dass wir all diese Dinge tun können und müssen und zwar zur gleichen Zeit und am besten noch heute. Oder wenn wir denken, wir könnten mit unserer Zeit auch besseres anfangen, als hier herumzusitzen und zu arbeiten.

Der Stress entsteht daraus, dass die Wirklichkeit nicht mit unseren Plänen übereinstimmt. Das versetzt unserem Ego einen herben Schlag: Die Welt ist nicht so, wie ICH sie mir vorgestellt habe? Frechheit!

Die Lösung besteht darin, das Loslassen zu lernen.

Der Mensch lasse zuerst sich selbst, dann hat er alles gelassen.

Meister Eckhart

Natürlich – die Arbeit muss erledigt werden, manche zumindest. (Meistens allerdings weniger, als man gedacht hätte – es ist eine tägliche Entscheidung, welche Arbeit man wirklich erledigen will und welche eigentlich vernachlässigt werden kann, wenn man die Konsequenzen dieser Vernachlässigung in Kauf nimmt. Oft fallen diese Konsequenzen allerdings weniger lebensgefährdend aus als gedacht.)

Aber die Frustrationen, der Stress, der Ärger, die Gereiztheit, das Gefühl der Überforderung … alles wird durch das Festhalten verursacht, und dieses existiert nur in unserem Denken. Wir halten zudem daran fest, was früher passiert ist – an dem, was jemand getan oder nicht getan hat, an der Erinnerung an einen Fehler, den wir begangen haben – aber das hält den Schmerz nur fest und lässt ihn endlos wiederkehren. Wir müssen diesen Vorstellungen erlauben zu gehen.

Sicher, loslassen nicht immer einfach. Es ist umso schwerer, wenn man denkt, man könnte für sein kleines Ich noch etwas gewinnen, wenn man festhielte. In Schiffbruch mit Tiger von Yann Martel heißt es:

Ich nehme an, das ganze Leben ist gewissermaßen eine Übung darin, loszulassen.

Diese Übung besteht darin, stete Achtsamkeit zu erlernen. Achtsamkeit ermöglicht es uns, die Denkprozesse, die Schmerz und Leid verursachen, zu beenden.

Achtsamkeit verhilft uns auch zu dem eigentlichen Augenblick zurück – wir nehmen die Dinge wieder so wahr, wie sie sind, ohne Bedeutung und ohne die Macht, uns wirklich zu ärgern und Stress zu bereiten. Alles, was in unserem Kopf an Erwartungen und Wünschen und Ängsten abläuft, kann dann schwächer werden und nach und nach verblassen und wir können in dem leben, was tatsächlich hier und jetzt passiert.

Wir erledigen eine Aufgabe ohne an andere Aufgaben zu denken oder daran, was andere Menschen uns angetan haben. Wir erledigen eine Aufgabe, und dann lassen wir sie los, und gehen weiter zur nächsten Aufgabe. Dabei achten wir einfach auf das, was passiert – auf unseren Atem, auf unseren Körper, auf die Geräusche und Gerüche, auf die Menschen um uns herum.

Dies erfordert Übung, die im Alltag fest verankert werden sollte. Man kann dazu übergehen, den Alltag als Übung zu betrachten, wie es Karlfried Graf Dürckheim formuliert. In ruhigen Minuten können wir meditieren und so unsere Fähigkeit steigern, uns ganz auf den Moment zu konzentrieren – uns ganz auf die Dinge einzulassen. Dann wird irgendwann auch die unangenehmste, langweilige und sinnloseste Arbeit zu einer Übung in Achtsamkeit und Gelassenheit.  Dann kann auch sinnlose Arbeit unserem Leben Sinn verleihen.

Den Körper trainieren

Es ist mehr Vernunft in deinem Leibe als in deiner besten Wahrheit.

Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra

Wir brauchen in unserem Leben ein neues Bewusstsein für unseren Körper. Aber was wir aus unserem Körper machen, ist davon abhängig, wie wir uns selber sehen, wer und was wir sein wollen, was wir für den Zweck unseres Lebens halten. Wir haben dabei zwei Möglichkeiten, weil jeder Mensch zwei verschiedenen Bereichen angehört: dem äußerlichen Leben einerseits – dem Weltlichen mit seinen Anforderungen und  Reizen – und dem inneren Leben andererseits – dem Übersinnlichen, der Seite, die uns mit dem Kosmos verbindet, mit unserem höheren Selbst, mit dem echten Menschen in uns.

Beides müssen wir kultivieren, in beiden Welten müssen wir zurechtkommen, wenn wir ein gutes Leben führen wollen.  Normalerweise sind wir in den westlichen Gesellschaften darauf fixiert, unser äußerliches Leben erfolgreich zu gestalten – wir wollen eine funktionierende Partnerschaft, einen angesehenen Beruf, ein hohes Einkommen, ein schönes Haus, eine gute körperliche Verfassung usw. Wir wollen etwas erreichen im Leben, etwas, was man sehen, anfassen und messen kann. Doch es steht uns immer auch eine Sichtweise zur Verfügung, in der wir uns als spirituelle Wesen wahrnehmen – als Teil eines großen Ganzen, gegen das wir nicht ankämpfen können und müssen, in dem wir gut sind, so wie wir sind, und in dem wir uns mit niemandem vergleichen müssen, um uns besser zu fühlen.

Und so ist es auch in Bezug auf unseren Körper und das Bewusstsein, das wir für ihn haben.

Wir können ihm aus weltlicher Sicht begegnen; dann besteht sein Zweck darin, dass wir physisch existieren, dass wir eine körperliche Grundlage in der äußeren Welt haben. Wenn wir unseren Körper trainieren, dann mit dem Ziel, ihn gesund und fit zu halten, damit wir weiterhin in der Welt bestehen können. Auch alle anderen Angelegenheiten, die unserem Körper zugute kommen sollen – Hygiene, Ernährung und Schlaf beispielsweise – dienen dann dem weltlichen Zweck seiner Wiederherstellung, damit wir auch morgen noch kraftvoll zupacken können. Dieser Zweck ist  wichtig, aber er macht uns noch nicht zu ganzen Menschen. Nur ihn zu verfolgen macht unser Leben nicht vollständig – und nicht einmal, ihn zu erreichen.

Unser spirituelles Leben gerät darüber oft genug ins Hintertreffen. Denn eine Einstellung, die uns nur auf das Äußere konzentriert, auf unseren weltlichen Erfolg, macht unseren Geist geradezu „kriegerisch“, wie es Krishnamurti nennt.

Der kriegerische Geist macht euch gehorsam, er macht euch körperlich sehr diszipliniert, aber innerlich wird euer Geist allmählich zerstört, weil ihr imitiert, folgt, nachahmt.

Jiddu Krishnamurti

Sobald wir uns und unseren Körper aber aus der Perspektive des höheren Selbst betrachten, dann trainieren wir, um geistig und seelisch und körperlich ganz da sein zu können. Unser Körper ist dann nicht mehr bloß ein physikalisches Objekt unter anderen in der äußeren Welt, in dem unsere Seele wohnt, wie es noch bei der Hl. Teresa von Ávila zum Ausdruck kommt:

Tu deinem Leib etwas Gutes, damit deine Seele Lust hat, darin zu wohnen. 

Wenn wir uns als ganze Menschen sehen wollen, dann SIND wir auch „Leib“, und haben nicht nur einen Körper, der womöglich wie bei Platon noch das Grab unserer Seele wäre. Und unser Leib kann, wenn wir bewusst trainieren, das Mittel zu einem meditativen Zustand sein, einem Zustand der Achtsamkeit des Geistes. Das geschieht immer genau dann, wenn wir eins sind mit unserem Körper, wenn wir ganz Körper sind, wenn Geist und Körper nicht mehr getrennt sind, getrennte Wege gehen und getrennte Dinge tun. Wenn wir uns im Einklang mit unserer Verfassung befinden, wenn unser inneres Erleben keinen Widerspruch mehr darstellt zu unserem körperlichen Empfinden.

Dabei bemerken wir, dass die Trennung, die wir immer dann vornehmen, wenn wir von „Körper“ oder „Leib“ auf der einen und „Geist“ oder „Seele“ auf der anderen Seite sprechen, gar keine wirkliche Trennung ist, sondern ein Konstrukt. Natürlich haben wir eine körperliche, äußerliche Seite und eine geistige, innerliche. Aber beide Seiten sind nur die Formen, in denen der Mensch sich ausdrückt. Es sind die Formen, in denen wir uns wahrnehmen, obwohl wir immer eins, immer ein Ganzes sind. Manchmal legen wir die Betonung auf das Körperliche, manchmal auf das Geistige. Das Ziel jeder körperlich-geistigen Übung ist es also, diese ursprüngliche Einheit wahrzunehmen, zu erkennen und zuzulassen. Wir können das erreichen durch stetes Einüben in Achtsamkeit – durch ein gelassenes, aber beharrliches Training in der Fähigkeit, das, was ist, ohne Vorbehalt zu sehen und zuzulassen. Wir werten nicht, wir meiden nicht, wir führen nicht herbei, sondern wir achten nur auf das, was sich um uns herum und in uns abspielt. Beispielsweise auf den Atem, der in vielen Religionen die spirituelle Seite des Körperlichen darstellt. Der Atem und die Rückbesinnung auf ihn ist wie eine Synchronisation, die Geist und Körper wieder in Gleichklang geraten lässt.

Aber auch andere Tätigkeiten des Alltags, vor allem die repetitiven, eignen sich dazu, Körper und Geist in Einklang zu bringen. Putzen, Kochen, Essen, Abwaschen, Liegen, Gehen, Stehen aber auch das Reden mit anderen Menschen, das Zuhören, das Schreiben eines Textes, das Üben eines Instruments – all das können wir als Weg dazu ansehen, uns vollständig zu entfalten. Auch sportliche Betätigung, Laufen, Radfahren, Schwimmen, Kraftübungen usw. können wir nicht nur als Körpertraining, sondern auch als Schulung des Geistes und Mittel zur Selbstverwirklichung ansehen. Yoga ist dafür ein gutes Beispiel: Man kann es als reine Körperübung betreiben, zur Kräftigung der Muskulatur, zum Dehnen der Bänder, zur Senkung des Blutdrucks – und das ist nicht der schlechteste „Zeitvertreib“. Aber man kann Yoga auch, wie er ursprünglich konzipiert ist, als körperliche Form der Meditation sehen, als die Art und Weise, wie wir Körper und Geist in Übereinstimmung miteinander bringen können. Dafür müssen wir aber den einzelnen Übungen, den Haltungen und Bewegungen, dem Atem und unseren Gedanken während der Ausführung, ausschließliche Achtsamkeit widmen – gemäß dem Yogasutra des Patanjali:

Yoga ist jener innere Zustand, in dem die seelisch-geistigen Vorgänge zur Ruhe kommen. 

Yoga und alle anderen Tätigkeiten, die wir ausführen, können wir also auch als geistig-seelisch-körperliche Übung betrachten. Wie viel „Körper“ steckt doch z. B. in einer so simplen Tätigkeit wie dem Waschen von Karotten? Die sinnliche Wahrnehmung des ganzen Vorgangs, des kalten Wassers, der rauen Oberfläche, der Farbe, des Geruchs des Gemüses … Das ist es, was Karlfried Graf Dürckheim den „Alltag als Übung“ nennt. „Den Alltag“ bedeutet, auch die scheinbar unbedeutenden, kleinen Momente unseres Lebens können achtsam erlebt werden. Dann gibt es keine sinnlosen, unnützen Augenblicke mehr, die weniger wert wären, nur weil wir uns in ihnen nicht unseren weltlichen Zielen oder Freuden widmen können. Dann gibt es nur das Eine Leben, in dem Alltag und Feiertag nicht getrennt sind, sondern jeder Moment dazu benutzt werden kann, uns selbst in Einklang mit dem höheren Selbst zu bringen.

Wie wäre es, jeden Moment zu nutzen?

Allein die Frage klingt schon schrecklich. Klingt nach Effizienz, Kosten-Nutzen-Rechnung, nach Produktivität um jeden Preis, nach schnödem Zweckdenken, nach der Prosa der Verhältnisse und überhaupt nach der optimalen Ausnutzung humaner Ressourcen – nichts, was wir in einem wahrhaft philosophischen Leben haben wollen. Im Gegenteil – wir brauchen zwecklose Schönheit, Poesie und Besinnung, Nachdenklichkeit bis ins Grüblerische, Verschwendung und Faulheit, Muße und Müßiggang – erst dann werden wir ein wahrhaft weises Leben führen können. In Friedrich Schlegels „Lucinde“ findet sich die Schlussfolgerung:

Und also wäre ja das höchste vollendetste Leben nichts als ein reines Vegetieren.

                                        Friedrich Schlegel: Lucinde

Reines Vegetieren also. Klingt einfach, doch wer tut es? Sicher, niemand tut es, weil es niemand (bis auf ein paar gesellschaftliche missfits) als wertvoll anerkennt. Weil jeder, der etwas auf sich hält, dem Diktat der Selbstverbesserung, des „Du musst dein Leben ändern“ unterworfen ist. Aber gesetzt den Fall, man wollte ernst machen mit dem Dahinvegetieren – harte Arbeit würde unser harren. Und wir würden es „progressive Entspannung“, „geführte Meditation“, „mystische Selbstversenkung“ nennen, gemäß der Anekdote von der Frau, die einer Mutter auf deren Auskunft, ihr Sohn habe jetzt mit Meditation angefangen, antwortet: „Na, besser, als wenn er nur rumsitzt und nichts tut.“

Aber wenn wir die Frage anders verstehen, nicht als Ausgeburt neo-liberalen Rationalisierungsdenkens, das den Menschen zur Verfügungsmasse wirtschaftlichen Handelns machen will, sondern als ernsthaftes Nachdenken über die Art und Weise, wie wir unsere Zeit verwenden – dann könnten wir ihr doch für eine weise Lebensführung einigen Nutzen abgewinnen. Denn uns ist Zeit gegeben, jeden Tag aufs Neue. Genauer und mit Augustinus gesagt: Uns ist Gegenwart gegeben, denn Vergangenheit ist stets nur Erinnerung und Zukunft nichts als Erwartung. Was wir haben, ist der Moment.

Er wird uns geschenkt, von wem auch immer. Doch wie lange diese Gabe, mag sie als Last oder als Segen empfunden werden, noch andauert, bleibt uns verborgen. Das ist das Tragische: Jack Kornfield formuliert es so: „The trouble is that you think you have time.“

Es kommt vor allem darauf an, ob es jemand anderes ist, der diesen Anspruch an uns richtet, oder ob das Verlangen nach einem produktiv geführten Leben in uns selbst seine Quelle hat und wir als autonome Subjekte handeln. Das mag schwer zu entscheiden sein, ist doch alles Verlangen auch wieder von außen, vom Anderen vermittelt. Aber mit ein wenig Selbstprüfung wird sich bald auch ein klarer Blick auf den wahren Ursprung unserer Wünsche einstellen.

Wenn der Imperativ „Nutze den Tag“ also nicht von anderen an uns gerichtet wird, sondern aus dem echten persönlichen Willen heraus, das Beste aus seinem Leben, seiner Zeit und seinen Fähigkeiten zu machen, sich selbst und anderen Lebewesen zum Gefallen: dann wäre es vielleicht doch klug, sich zu fragen, ob man jeden Moment auch so nutzt, wie man ihn in einem idealen Leben nutzen würde.

Man könnte sich mit Nietzsche beispielsweise vorstellen, dass dieses Leben und jeder Augenblick in ihm immer wiederkehren würde:

Wenn jener Gedanke über dich Gewalt bekäme, er würde dich, wie du bist, verwandeln und vielleicht zermalmen; die Frage bei Allem und jedem „willst du dies noch einmal und noch unzählige Male?“ würde als das größte Schwergewicht auf deinem Handeln liegen!

                      Friedrich Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft

Das wäre eine wahrhaft schwere Aufgabe. Nietzsches Aphorismus weist darauf hin, dass jeder Moment zwei Seiten hat: das, über das wir verfügen, und das, über das wir nicht verfügen.

Das, worüber wir nicht verfügen in den Augenblicken unseres Lebens, mag uns übermächtig vorkommen: oft genug verfügen wir nicht einmal über genug Zeit, um das zu tun, was wir wirklich tun wollen. Wir verfügen nicht immer über genug Geld, Macht, Ruhm, Ansehen, intellektuelle, seelische oder körperliche Fähigkeiten. Nicht einmal das Wetter können wir beeinflussen.

Doch in jedem Moment haben wir die Macht, etwas zu wollen bzw. nicht zu wollen –  unsere Einstellung gegenüber den Dingen zu ändern.

Also müssen wir akzeptieren, was nicht zu ändern ist, und mehr noch: wir können damit zufrieden sein, denn es ist das, was der Kosmos für uns vorgesehen hat. Das heißt freilich nicht, dass wir nicht versuchen sollten Dinge zu ändern, die wir für schlecht halten. Aber ändern können wir nur, was wir zuvor als real existent anerkannt haben.

Alle Momente lassen sich einteilen in zwei Oberkategorien:

  • Momente, in denen du allein bist.
  • Momente, in denen du mit Menschen zusammen bist.

Die Momente des Alleinseins lassen sich wiederum einteilen:

  • Momente, in denen du frei über deine Zeit verfügen kannst.
  • Momente, in denen du verpflichtet bist, irgendetwas zu tun.

Und auch die mit anderen Menschen verbrachten Momente lassen sich einteilen:

  • Momente, in denen du in relativ engem persönlichem Kontakt mit den Menschen stehst.
  • Momente, in denen der Kontakt eher rein physischer Natur ist (man teilt sich beispielsweise das gleiche Zugabteil mit Fremden)

In den Momenten, in denen wir allein sind, aber Verpflichtungen zu erfüllen haben, denen wir eine Priorität in unserem Leben zusprechen, ist es einfach, das Richtige zu erkennen: „Tu, was getan muss sein, und eh man dir’s gebeut“, wie es in einem Gedicht Paul Flemings heißt. Und es ist ratsam, den Dingen, mit denen man umgeht, uneingeschränke Aufmerksamkeit zu schenken.

In den Momenten, die wir mit Menschen verbringen, die uns und denen wir aus irgendeinem Grunde wichtig sind – sei es generell oder nur in dieser einen Situation – sollten wir ganz bei diesen Menschen sein. Wir sollten uns und den anderen die Höflichkeit und den Respekt schenken, den wir als fühlende Wesen verdienen, indem wir dem anderen vollkommene Aufmerksamkeit zukommen lassen. Das kann ein geliebtes Wesen, ein Kind, für das man sorgt, ein Mensch, mit dem man zusammen arbeitet, sein – aber auch der Verkäufer, der Postbote, der Nachbar im Treppenhaus sein.

Die Momente, die wir mit Menschen verbringen, die aber in dieser Situation keine absolute Priorität beanspruchen, gestalten sich hingegen etwas schwieriger: Wir können nicht immer tun, was wir wollen, haben aber bisweilen die Möglichkeit, uns uns selbst zu widmen. Ein gutes Beispiel ist die Warteschlange. Wir können nichts tun, außer warten, wir müssen aber auch nichts tun, außer warten. Hier beginnt es, problematisch zu werden, wenn wir unzufrieden darüber werden, dass wir jetzt warten müssen und nicht tun können, was wir wollen. Wir empfinden Langeweile, wir driften in Gedanken ab, wir werden unruhig, wir führen innere Selbstgespräche, wir sind nicht im Moment. Jedes Mal, wo wir denken: „Wäre ich doch jetzt …“, „Könnte ich doch jetzt …“, „Hätte ich doch …“ fliehen wir vor dem einzigen, das wir haben, und verneinen das Angebot, dass der Moment uns mit seiner Gegenwart macht.

Im Bus, in der Bahn, beim Gehen auf der Straße, im Auto, in der Warteschlange, überall dort, wo wir weder richtig alleine noch richtig in Gesellschaft sind, wird es gefährlich. Dies sind die Momente, in denen wir uns jedes Mal aufs Neue entscheiden müssen: gedanklich fliehen oder im Hier und Jetzt bleiben. Sich dem Leben stellen.

Die Möglichkeiten, sich „die Zeit zu vertreiben“, den Moment zu nutzen, sind natürlich dank diversen Tools und Gadgets ins Verführerische gestiegen. Die Nötigung, Einsamkeit, Langweile und Leere auszuhalten, ist aus unserem modernen Leben verschwunden. Aber gleichzeitig wissen wir, dass diese Nötigung für unseren hektischen Alltag vielleicht die allernützlichste sein. Diesen Moment zu nutzen hieße, ihn als solchen zu akzeptieren, ihn nicht zu fliehen. Ihn als Angebot aktiver Meditation wahrzunehmen. Sobald wir merken, dass wir nicht mit dem Moment und seinem Geschenk an uns eins sind, sobald wir Schmerz, Sehnsucht, Langeweile empfinden, können wir gewahr werden, dass nun die Zeit gekommen ist zu wachsen. Das Leben wahr- und hinzunehmen. Umgehen wir das reale Leben nicht mithilfe technischer Krücken. Sondern nutzen wir den Moment, um uns selber darin zu trainieren, achtsamer und aufmerksamer zu sein. Unser Glück und unsere Seelenruhe könnte davon abhängen.

Through meditation and by giving full attention to one thing at a time, we can learn to direct attention where we choose.

                                                               Eknath Eawaran

 

Vom rechten Üben

Wer hat nicht in der Vergangenheit sich vorgenommen, zu üben – ein Musikinstrument, eine Sprache, einen Sport, meditieren, tanzen, Handstand, Yoga, Klimmzüge, malen – und es dann nach einiger Zeit aufgegeben? Weil sich der rechte Erfolg nicht einstellen wollte oder weil das Ziel doch nicht mehr so verführerisch schien – der Mensch, den man mit seinen Handstandfähigkeiten beeindrucken wollte, hat sich jemand anderen gesucht, Schlagzeugspielen ist einfach nicht gut für die Ohren und die ganzen ölbemalten Leinwände stauen sich auf dem Speicher. Oder man hat sein Ziel verändert, weil es so viele andere tolle Fähigkeiten gibt in diesem Leben, die es sich zu erwerben lohnt.

Uns begegnen täglich vielerlei Hindernisse auf dem Weg zu unseren Zielen, sei es auch nur in der Form der Furcht vor ihrem Eintreten:

zu wenig Zeit
zu wenig Energie
zu aufwendig,
zu unbequem
zu langweilig
zu schmerzhaft
zu herausfordernd
zu teuer
zu wenig gute Lehrer
zu viele andere Übungen und Ziele
und, und, und …

Der übliche Ansatz, diese Stolpersteine zu überwinden, ist der von Willenskraft und Selbstdisziplin. Wir müssen uns einfach nur mehr, öfter und stärker anstrengen. Und dazu müssen wir uns einfach stärker auf unsere Ziele konzentrieren. Doch paradoxerweise scheint das Gegenteil zuzutreffen: Wir werden diesen Hindernissen so lange begegnen, wie wir unseren Fokus zu sehr auf das Ziel gerichtet haben.
Wie kann das sein? Das Ziel im Fokus haben soll negativ sein? Ich kann doch auch keinen Ort erreichen, wenn ich mich nicht auf ihn konzentriere!
Das ist richtig. Im geeigneten Moment ist es notwendig, sich an seine Ziele zu erinnern und an die Wünsche und Hoffnungen, die man mit ihrem Erreichen verbunden hat. Das kann durchaus motivierend sein.

Aber:

Viele denken, wenn sie zehn oder zwanzig Jahre üben, werden sie schließlich etwas erreichen. Das ist aber nur ein Aufschieben, denn wenn sie jetzt nicht völlig lebendig sind, weshalb glauben sie dann, dass sie es einen fernen Tages sein werden. Dieser Tag wird nämlich nie kommen. Es gibt immer nur das Hier und Jetzt, und wer im Hier und Jetzt, in der Übung und Anstrengung heute nicht vollkommen lebendig und da ist, der wird es nie sein. (Alan Watts)

 
Während des Übens selber also, beim Ausführen einer bestimmen Tätigkeit, ist es nicht unbedingt von Vorteil, nur an das Ziel zu denken. Einen Ort erreichen wir ja auch nicht hauptsächlich durch die Konzentration auf ihn, sondern durch das Gehen. Und während wir üben, müssen wir unseren Fokus verändern: Wir müssen im Moment bleiben, im Hier und Jetzt des Tuns selber sein, und das Tun genießen.

Nach Aristoteles trägt „jedes Lebewesen Ziel und Zweck in sich selber und entfaltet sich dieser seiner inneren Zielstrebigkeit gemäß.“ Dies macht gleichzeitig seine Lebendigkeit aus und seine Schönheit. Das rechte Üben ist also viel mehr als der Weg zur Erreichung eines bestimmten Ziels, von dem wir uns Seelenruhe, Glückseligkeit, Zufriedenheit, Befriedigung, Lust, Freude, usw. erhoffen, ein Gehen ohne Ankommen. Aber ein Gehen, das zugleich ein lustvolles, befriedigendes ist, bereits während seiner Ausführung. Wenn man das Üben richtig begreift und in ihm aufgeht, „seiner inneren Zielstrebigkeit gemäß“, im Hier und Jetzt des Übens, dann kann man Zufriedenheit verspüren, ohne dass man dazu erst das Ziel erreicht haben müsste. Beim Üben muss man nicht an das Ziel denken, nicht einmal an den Weg, sondern nur im Üben selbst ganz da sein. Gemäß dem spanischen Sprichwort: „Es gibt keinen Weg, es gibt nur Gehen.“ Und wenn das Üben langweilig, unangenehm oder schmerzhaft ist, heißt es, diese Gefühle anzunehmen und ins Tun hinüberzunehmen. Dann übe ich heute eben unter Langeweile.

Es geht darum, die richtige Technik einer Fertigkeit, die man einüben will, nicht so sehr um das Ergebnis, das Produkt willen erreichen zu wollen (das allerdings ein angenehmer Nebenwert ist), sondern um der Technik selber willen. In der Tradition der Zen-Kalligrafie wird das besonders anschaulich, wenn das Produkt (das Bild) hinter dem Tun (dem Malen) zurücktritt.

Eigentliches Produkt ist dann nicht so sehr ein äußeres materielles, sondern der Mensch, der produziert, selber. Der Sinn der Übung ist die Verwandlung, sagt Karlfried Graf Dürckheim. Leistung kann dann nicht so sehr als Ergebnis eines willentlichen Könnens, sondern einer „Verwandlung im Sein“ begriffen werden.

Diese rechte Einstellung zum Üben bedarf selber einiger Übung. Das Gute daran ist aber, dass es nicht noch eine Tätigkeit ist, die hinzukommt und unseren vollen Terminkalender zum Überlaufen bringt mit noch einer Trainingseinheit. Das Einüben ins rechte Üben kann vielmehr jederzeit geschehen, vor allem bei jeder Übung, die wir ausführen. Denn was ist unser Alltag anderes als eine Abfolge von Übungen? Wenn wir mit Menschen sprechen, üben wir uns im empathischen Zuhören. Wenn wir allein sind, üben wir uns in der Sorge um uns selbst. Sogar das triviale Putzen kann dann zum Selbstzweck werden und zur Gelegenheit, das achtsame Tun einzuüben. Das Leben ist dann nicht mehr bloß eine langweilige Abfolge notwendiger Schritte zur Erreichung eines fernen Ziels, sondern voller Gelegenheiten, im Hier und Jetzt zu sein, das Tun zu genießen und uns im Üben selber zu verwandeln.