Kümmert euch nicht um die Früchte eures Handelns

Es ist paradox: Den größten Erfolg haben wir, wenn wir uns nicht um ihn scheren. Wie oft haben wir schon erlebt, dass uns eine gute Idee genau dann gekommen ist, wenn wir nicht mehr nach ihr gesucht haben. Wie oft haben wir genau in dem Moment den richtigen Menschen oder den richtigen Augenblick gefunden, sobald wir einmal von unserem krampfhaften Bemühen abgelassen haben.

Weiterlesen

Kann man sich selbst verbessern?

Schon seit Urzeiten kreisen die Sorgen der Menschen darum, besser zu werden. Ihren Geist zu schulen, ihren Charakter zu veredeln, ihren Körper gesünder, kräftiger und beweglicher zu machen. Unserer gesamten (westlichen) Zivilisation wohnt ein Streben inne, sowohl individuell wie gesellschaftlich, das Peter Sloterdijk in seinem Traktat „Du musst dein Leben ändern“ mit dem Begriff der „Vertikalspannung“ bezeichnet hat. Bei Galen heißt es:

Um ein vollendeter Mensch zu werden, muss sich ein jeder sein ganzes Leben lang üben.

Aber was wäre, wenn es diese Möglichkeit gar nicht gibt? Wenn man sein Denken gar nicht transformieren kann, wenn man gar kein anderer, besserer Mensch werden kann? Wenn das alles nur eine Illusion ist, die uns ständig im Hamsterrad der Selbstoptimierung laufen lässt? Denn bei jedem „Ich muss besser werden“, das wir uns ins Tagebuch schreiben, besteht ja schon der Widerspruch, dass das Ich, das diese Worte schreibt, das ist, das verbessert werden muss, gleichzeitig muss es selber ja handeln und seine Verbesserung anstreben, also schon irgendwie „gut“ sein.

Und worin soll die Verbesserung bestehen? Dass wir eine Fähigkeit besser ausüben können, dass wir besser auf eine bestimmte, immer wiederkehrende Situation reagieren, dass wir uns mehr bewegen, gesünder ernähren und öfter meditieren? Warum soll das besser sein als das, was wir jetzt bereits machen? Nur, weil wir uns vorgenommen haben, das zu tun? Oder weil uns jemand gesagt hat, es sei besser? Aber das, was wir getan haben, war keine Fähigkeit, und unsere Reaktion in diesem speziellen Moment war kein Charakterzug, und unsere gelassene Stimmung an diesem Morgen war keine Geisteshaltung. Es war eine einzelne Tat, die wir getan haben, und auch morgen wird es wieder nur eine einzelne Tat sein: ein gesundes Essen, eine halbe Stunde Meditation, eine freundliche Geste, ein Geschenk an andere … Nirgendwo gibt es Fähigkeiten und Charaktereinstellungen, es gibt nur Handlungen, Gefühle und Gedanken im Hier und Jetzt.

DaoTaoUnd woran könnten wir es messen, dass wir wirklich besser geworden wären? An unserem ehemaligen Ich, das „schlechter“ war? Aber das existiert schon längst nicht mehr, daher ist es auch Unsinn, sich mit ihm messen zu wollen. Oder sollten wir uns vergleichen mit dem, was wir sein könnten? Mit einem vagen Ideal, mit einer Wunschvorstellung von uns selbst? Aber die bleibt unerreichbar, oder zumindest bewegt sie sich genau so schnell von uns weg wie wir uns weiterbewegen. Denn unsere Wunschvorstellungen ändern sich, unsere Ziele entfernen sich von uns, und so können wir niemals dort ankommen, wo wir wirklich sein möchten: ein besserer Mensch zu sein.

Es scheint wirklich eine Illusion zu sein, dieser Wunsch, sich selbst zu verbessern. In dem Moment, wo wir verstehen, dass es nicht darauf ankommt, ja, dass es gar nicht möglich ist, ein besserer Mensch zu werden, verspüren wir eine große Erleichterung. Wir merken, dass es nur darauf ankommt, in diesem Moment so zu handeln, wie wir es für richtig halten. Immer und immer wieder. So wie es beim Meditieren nicht darauf ankommt, dreißig Minuten lang in sich selbst versunken zu sein, sondern nur auf diesen einen Atemzug, ihn so richtig wie möglich zu bemerken, immer und immer wieder.

Die Natur brüstet sich nicht, dass sie Natur ist, noch hält das Wasser über die Technik des Fliessens eine Tagung ab. So viel Gerede wäre an die verschwendet, die es nicht brauchen. Der Mensch des Tao lebt im Tao wie ein Fisch im Wasser. Wenn wir dem Fisch beizubringen versuchen, dass Wasser physikalisch aus zwei Drittel Wasserstoff und einem Drittel Sauerstoff besteht, würde er sich schieflachen.

Alan Watts

Die Leere in mir

Mache dich selbst von allem leer.
Lass den Geist in Ruhe weilen.
Die zehntausend Dinge entstehen und vergehen, während der Geist ihr Zurückgehen betrachtet.
– Lao Tse

In einigen Momenten können wir es noch erahnen, was es heißt ein lebendiges Wesen zu sein. Da zu sein. Einfach nur ein anwesender Mensch.

Als Kinder hatten wir sie oft, diese Momente des unverstellten Zugangs zur Welt – in unserer Trauer und Wut, in unserer Freude und sinnlosem Lachen. Im Schmerz unserer  Einsamkeit und im hoffnungsvollen Gefühl, irgendwann jemand anders sein zu können.

Vor allem in der irrsinnig lang erscheinenden Dauer all der Stunden und Tage. In der Unendlichkeit eines Jahres – wie haben wir gedacht, unsre Kindheit würde niemals enden. Wie haben wir gefühlt, wie lang eine halbe Stunde sein kann. Wie haben wir uns gelangweilt. Stundenlang.

Wir haben uns gefühlt und das reine Vergehen der Zeit.

Youth always tries to fill the void, an old man learns to live with it.
― Mark Z. Danielewski

Wie lang ist das her – als wäre es ein anderes Leben. Als hätte jemand anderes so gefühlt. Heute leben wir nicht mehr so. Wir langweilen uns höchstens für ein paar Minuten. Wir sind nicht allein, nie nur mit uns selbst.

Wir füllen die Leere. Füllen jede Sekunde, sobald wir auch nur ein wenig Unruhe verspüren, die ersten Anzeichen von Unzufriedenheit, von Ungenügen an der bloßen Gegenwart. Das Kribbeln in den Fingern, der Druck in der Magengrube. Alles in uns strebt danach, die Leere so schnell wie möglich auszufüllen, denn die Natur fürchtet das Vakuum.

leereUnd wir haben nun die Möglichkeiten, die wir als Kind nicht hatten: die technischen Möglichkeiten um der Leere in uns zu entgehen.

In beinahe jedem Moment haben wir Musik, Filme, Spiele, Lektüre, bekannte und unbekannte Gesprächspartner in Reichweite. Wir können alles tun um der Langeweile zu entkommen. Dem bloßen, bedeutungslosen Augenblick.

Aber mit ihm entkommen wir auch unsrem Leben selbst. Denn das, was unser Leben ausmacht, sind seine unmittelbaren Momente. Das, was zählt, ist das Dabeisein. Auch in der Leere anwesend zu sein, ihren Schmerz zuzulassen, muss man wieder lernen, falls man nicht Kind geblieben ist.

Warum aber haben wir heutzutage diesen Schutz angelegt, der es nicht zulässt, dass wir unverstellt der Welt gegenüberstehen? Weil uns die Welt mit ihrer Sinnlosigkeit und Leere im Grunde ängstigt? Weil wir mit der Beschäftigung dem Gefühl entgehen können nutzlos zu sein?

Glücklich sein heißt, ohne Schrecken seiner selbst innewerden können.
– Walter Benjamin

Aber die Leere zuzulassen bedeutet, mit dem Leben in Kontakt zu kommen. Die kleinen Momente des Nichts, der Abwesenheit von Beschäftigung sind die einzigen, in denen wir wieder fühlen können, was um uns herum ist: die Zeit, das Leben, uns selbst.

Aus dieser gefühlten, wahrgenommen Leere heraus können wir irgendwann zu wahrem Handeln kommen – zu einem, das nicht nur eine Flucht, ein verzweifeltes Suchen nach Sinn, eine sublimierte Begierde ist. Wenn wir üben, so oft wie möglich die Möglichkeiten der Flucht aus der Leere nicht zu ergreifen, sondern dem Gefühl standzuhalten, zu merken, was wirklich passiert, dann können wir auch unseren Schmerz, unsere Verzweiflung, unsere Langeweile begreifen und akzeptieren.

The artist’s job is not to succumb to despair but to find an antidote for the emptiness of existence.
― Woody Allen

Der Umweg ist der Weg ist das Ziel

Wenn Sie mit jedem Schuss die Scheibe treffen, sind Sie nichts anderes als ein Kunstschütze, der sich sehen lassen kann… Die ‘Große Lehre’ des Bogenschießens hält dies für reine Teufelei. Sie weiß nichts von einer Scheibe, die in bestimmter Entfernung vom Schützen aufgestellt ist. Sie weiß nur von dem Ziel, das sich auf keine Weise technisch erzielen lässt, und dieses Ziel nennt sie, wenn sie es überhaupt nennt, Buddha… Es gibt Stufen der Meisterschaft, und erst, wer die letzte erreicht hat, kann auch das äußere Ziel nicht mehr verfehlen…“

Eugen Herrigel: Zen in der Kunst des Bogenschießens

Wenn man sagt, der Weg sei das Ziel, so will man damit betonen, dass man ihn nicht deswegen geht, weil man mit ihm irgendetwas erreichen will, sondern eben weil man ihn geht. Wohin man geht, ist aus dieser Sichtweise zweitrangig. Bezogen auf unser eigenes Leben geht es darum, dass wir es nicht leben, um irgendein fernes Ziel zu erreichen, um irgendetwas zu werden, um irgendetwas zu besitzen. Sondern dass es Zweck in sich ist.
Aber wenn wir genau hinsehen, ist der Weg nicht das Ziel. Er ist nicht einmal der Weg. Unser Leben ist kein Weg, den wir gehen. Es ist nur eine Abfolge von Schritten, die wir unternommen haben. Denn das, was wir für unseren Weg halten, ist meistens nicht das, was wir wirklich tun, leben und gehen.
Wir machen einen Plan, setzen Fristen und machen Termine, und all das ist oft notwendig, um mit der Außenwelt auf organisierte Weise zurecht zu kommen. Wir stellen uns unser Leben vor, wie es im Idealfall aussehen soll, und diesem Muster streben wir nach. Wir haben ein Modell der Wirklichkeit, eine Landkarte des Gebiets – die wir leider zu oft miteinander gleichsetzen. Wir denken, was wir von der Wirklichkeit erwarten und wie wir unser Leben planen, sei irgendwie mit der Wirklichkeit und dem Leben identisch.
Aber wenn wir losgehen, wenn wir wirklich handeln, haben wir den Plan verlassen – wir sind in der Wirklichkeit angekommen.
Jetzt befinden wir uns nicht mehr in der Vorstellungswelt von Plänen und Projekten … sondern in der Wirklichkeit.
Oft genug machen wir aber den Fehler, diese Wirklichkeit auf unsere Pläne abstimmen zu wollen. Den geplanten Weg wollen wir durchsetzen, Hindernisse stören da nur und bringen uns von unserem eigentlichen Ziel ab. Hindernisse sind schlecht, weil sie uns daran hindern, das zu sein, was wir eigentlich sein wollen.
Doch wenn wir nur das sein wollen, was wir uns für uns ausdenken, wäre es dann nicht am besten, wenn die Welt mit ihren Grenzen, Hindernissen und Widerständen uns gar nicht erst in die Quere kommen würde? Am besten blieben wir in einer virtuellen Welt, die uns so wenig Widerstände wie möglich entgegensetzt. Das Ausführen unserer Pläne dient aus dieser Sichtweise eigentlich nur der Bestätigung unseres Wertes durch andere, die erst sehen können, wer wir sind, wenn wir etwas getan haben, dass eine bestimmte Wirkung hat. Wenn wir unser Ziel erreicht haben, so denken wir, werden die anderen schon anerkennen, wie toll wir sind.
Wenn es gar nicht nötig wäre, in der Außenwelt etwas zu bewirken, um anerkannt zu werden, dann müssten wir auch gar nicht handeln, sondern könnten ganz im Einklang mit uns selbst in unserem Innenleben bleiben und unsere Träume ungehindert weiterträumen.
Da das leider nicht so ist, ringen wir uns dazu durch, gegen Hindernisse anzugehen und unsere Träume in die Tat umzusetzen. Gleichwohl stoßen wir auf Hindernisse, die uns von unserem Ziel abbringen wollen, und gehen mal gut, mal schlecht mit ihnen um: Gemeinhin sehen wir es als gut an, wenn wir auf ein Hindernis vorbereitet sind und ihm mit einem Plan B begegnen, oder wenn wir, nachdem wir getroffen wurden, wieder aufstehen und allen beweisen, wie groß unser Wille und unser Durchsetzungsvermögen ist. Frustrationstoleranz.
Allerdings können wir Hindernisse nicht als solche voraussehen, und wir können auch nicht stur durchs Leben gehen, ohne die Zeichen der Zeit zu beachten.

Wir müssen also lernen, Hindernisse und eigene „Fehler“ als Bestandteil unseres Weges anzusehen. Erst, wenn wir merken, dass unser Plan vom rechten Leben nur eine Fantasie ist, die mit der Wirklichkeit so wenig zu tun hat wie unser Traum von einem besseren Leben, dann können wir der Wirklichkeit angemessen begegnen. Wenn wir losgehen, wissen wir, dass uns früher oder später etwas von unserem geplanten Weg abbringen wird. Wir wissen dann auch, dass dieser Umweg der eigentliche Weg ist.

Unseren eigenen Weg können wir nämlich nicht planen und voraussehen, sondern erst im Nachhinein als solchen beschreiben. Es sind die Schritte, die wir wirklich gegangen sind, mit allen vermeintlichen Umwegen.

Es ist ganz wahr, was die Philosophie sagt, daß das Leben rückwärts verstanden werden muß. Aber darüber vergißt man den andern Satz, daß vorwärts gelebt werden muß.
Sören Kierkegaard

Unser Leben und das, was wir tun, ist der Umweg, den wir gegangen sein werden. Diese Einstellung weigert sich, das Leben in ein eigentliches, richtiges und in eine falsches, verfehltes einzuteilen. Es gibt in diesem Sinne keine guten Momente oder schlechten. Es gibt in diesem Sinne keine guten oder schlechten Entscheidungen. Unsere „Fehler“ haben einen Sinn. Wir leben richtig, wir müssen es nur bemerken.

Kurzmitteilung

Arbeit und Achtsamkeit

Arbeit könnte so schön sein, bedeutete sie nicht vor allem Stress, Unbequemlichkeit, Freudlosigkeit, Langeweile, Schmerz. Denn Arbeit, so ekelhaft und unwürdig für einen freidenkenden Menschen sie auch sein mag, hat doch auch ihr Gutes: sie versorgt uns mit Sinn, denn das, was wir machen, kann uns zeigen, was wir sind. Das, was wir auf die Beine stellen, kann uns einen Hinweis darauf geben, wozu wir in der Lage sind.

Die Mühen der Arbeit

Gleichwohl bleibt die Arbeit eben in erster Linie, wie es in der etymologischen Wurzel des Wortes steckt, Mühsal und Qual, und Müßiggang ist nicht immer erreichbar. Nicht jede Anstrengung gibt unserem Leben Sinn, und nicht jede sinnlose Arbeit kann umgangen werden.

Doch sie muss es auch nicht. Eine Arbeit muss nicht sinnvoll sein, um sinnvoll zu sein.

Was aber bereitet uns eigentlich ein solches Unbehagen am Arbeiten? Die Handlungen der Arbeit selbst sind es nicht, die diese Mühsal und Qual hervorrufen – Handlungen sind nur Handlungen, die eben getan werden. Wenn eine Arbeit beispielsweise körperlich anstrengend ist, dann ist es nicht in erster Linie diese Anstrengung, die uns Schmerz bereitet. Denn beim Sport strengen wir uns auch an und der daraus resultierende Schmerz ist uns willkommen.

Es ist unsere Reaktion auf die Arbeit, die Stress und Leid verursacht: unser Festhalten an dem Wunsch, dass die Dinge anders wären, als sie tatsächlich sind.

Wenn eine Arbeit geistig fordernd ist, dann ist es nicht in erster Linie diese Herausforderung, die Schmerz bereitet: Wenn wir Rätsel lösen oder Bücher lesen, kann dies auch geistig herausfordernd sein, und diese Herausforderung suchen wir. Und auch die ständigen Unterbrechungen, die uns frustrieren, weil wir uns nicht so auf eine Sache konzentrieren können, wie wir es geplant haben –  all das sind nur Ereignisse, die um uns herum passieren, wie ein Blatt, das vom Baum fällt. Ohne Bedeutung.

Wir halten stets an Vorstellungen fest, Vorstellung von dem, wie die Dinge zu laufen haben, wie man selber handeln sollte, wie die Menschen sein sollten und überhaupt wie unser ganzes Leben eigentlich aussehen sollte.  Doch genau dieses Festhalten ist es, was uns frustriert, nicht die Dinge an sich. Und dieses Festhalten an Vorstellungen ist es auch,  was die Arbeit wirklich unangenehm macht.

BuddhaDie fünf Arten des Festhaltens am Sein sind Leiden.

Buddha

Die anderen Menschen um uns herum sind nicht das Problem, wenn sie auch oft genug so erscheinen mögen: sie sind nur andere Menschen, die versuchen, ihr Bestes zu geben. Es ist unser Festhalten an der Vorstellung, dass sie sich auf eine bestimmte Weise zu verhalten haben, dass sie mehr oder weniger dazu da sind, um uns glücklich zu machen – diese Vorstellung bereitet uns Schwierigkeiten.

Es ist nicht die  Zahl an Aufgaben, Zielen, Projekten, Informationen und Nachrichten, die uns stressen: es ist unsere Reaktion auf sie. Eine To-Do-Liste ist nur eine To-Do-Liste und ein klingelndes Telefon nur ein klingelndes Telefon – an sich harmlose Dinge.  Wir empfinden erst dann Stress, wenn wir an der Vorstellung festhalten, dass wir all diese Dinge tun können und müssen und zwar zur gleichen Zeit und am besten noch heute. Oder wenn wir denken, wir könnten mit unserer Zeit auch besseres anfangen, als hier herumzusitzen und zu arbeiten.

Der Stress entsteht daraus, dass die Wirklichkeit nicht mit unseren Plänen übereinstimmt. Das versetzt unserem Ego einen herben Schlag: Die Welt ist nicht so, wie ICH sie mir vorgestellt habe? Frechheit!

Die Lösung besteht darin, das Loslassen zu lernen.

Der Mensch lasse zuerst sich selbst, dann hat er alles gelassen.

Meister Eckhart

Natürlich – die Arbeit muss erledigt werden, manche zumindest. (Meistens allerdings weniger, als man gedacht hätte – es ist eine tägliche Entscheidung, welche Arbeit man wirklich erledigen will und welche eigentlich vernachlässigt werden kann, wenn man die Konsequenzen dieser Vernachlässigung in Kauf nimmt. Oft fallen diese Konsequenzen allerdings weniger lebensgefährdend aus als gedacht.)

Aber die Frustrationen, der Stress, der Ärger, die Gereiztheit, das Gefühl der Überforderung … alles wird durch das Festhalten verursacht, und dieses existiert nur in unserem Denken. Wir halten zudem daran fest, was früher passiert ist – an dem, was jemand getan oder nicht getan hat, an der Erinnerung an einen Fehler, den wir begangen haben – aber das hält den Schmerz nur fest und lässt ihn endlos wiederkehren. Wir müssen diesen Vorstellungen erlauben zu gehen.

Sicher, loslassen nicht immer einfach. Es ist umso schwerer, wenn man denkt, man könnte für sein kleines Ich noch etwas gewinnen, wenn man festhielte. In Schiffbruch mit Tiger von Yann Martel heißt es:

Ich nehme an, das ganze Leben ist gewissermaßen eine Übung darin, loszulassen.

Diese Übung besteht darin, stete Achtsamkeit zu erlernen. Achtsamkeit ermöglicht es uns, die Denkprozesse, die Schmerz und Leid verursachen, zu beenden.

Achtsamkeit verhilft uns auch zu dem eigentlichen Augenblick zurück – wir nehmen die Dinge wieder so wahr, wie sie sind, ohne Bedeutung und ohne die Macht, uns wirklich zu ärgern und Stress zu bereiten. Alles, was in unserem Kopf an Erwartungen und Wünschen und Ängsten abläuft, kann dann schwächer werden und nach und nach verblassen und wir können in dem leben, was tatsächlich hier und jetzt passiert.

Wir erledigen eine Aufgabe ohne an andere Aufgaben zu denken oder daran, was andere Menschen uns angetan haben. Wir erledigen eine Aufgabe, und dann lassen wir sie los, und gehen weiter zur nächsten Aufgabe. Dabei achten wir einfach auf das, was passiert – auf unseren Atem, auf unseren Körper, auf die Geräusche und Gerüche, auf die Menschen um uns herum.

Dies erfordert Übung, die im Alltag fest verankert werden sollte. Man kann dazu übergehen, den Alltag als Übung zu betrachten, wie es Karlfried Graf Dürckheim formuliert. In ruhigen Minuten können wir meditieren und so unsere Fähigkeit steigern, uns ganz auf den Moment zu konzentrieren – uns ganz auf die Dinge einzulassen. Dann wird irgendwann auch die unangenehmste, langweilige und sinnloseste Arbeit zu einer Übung in Achtsamkeit und Gelassenheit.  Dann kann auch sinnlose Arbeit unserem Leben Sinn verleihen.

Ziellos leben

And now that you don’t have to be perfect, you can be good.

 John Steinbeck

Lange Zeit dachte ich, Ziele zu haben wäre das Wichtigste im Leben. Ohne Ziele kein Fortschritt, ohne Ziele keine Veränderung. Wenn man sich nicht vornimmt, etwas zu erreichen, dann wird man auch nie etwas erreichen. Man muss doch bewusst planen, wer und was man werden will, sonst wird man vielleicht jemand oder etwas, aber wer oder was genau man wird, das ist dann dem Zufall überlassen. Wenn man sich nichts vornimmt, wird man immer der unperfekte kleine Mensch bleiben, der man ist, immer unzufrieden mit sich selbst, oft im Stress, neidisch auf andere und den Blick sorgenvoll in eine ferne Zukunft gerichtet.

Seltsamerweise wird man aber auch mit Zielen niemals der perfekte Mensch sein, der zu sein man sich aus welchen Gründen auch immer vorgenommen hat. Man wird nicht einmal besonders zufrieden oder gar glücklich werden. Die Ursache dafür liegt einfach in der falschen Wahrnehmung auf sich selbst, die sich darin zeigt, dass man Ziele überhaupt für nötig hält. Denn gerade in einem Leben voller Ziele bleibt der Stress, der Vergleich, der sorgenvolle Blick in die Zukunft – da wir in Gedanken woanders sind, nicht hier und jetzt, wenn wir an unsere Ziele denken.

Du bist bereits vollkommen

Man hält Ziele für nötig, weil man sich selber für unvollkommen hält. Man hält sich zwar nicht unbedingt für einen schlechten Menschen, zumindest nicht in allen Belangen, einige finden sich sogar in diesem oder jenem Bereich ganz passabel, und auch nicht alle Menschen streben Vollkommenheit an. Aber man denkt doch immer, man könnte noch etwas tun.

Hinzu kommt ein innerer Imperativ, hinter dem sich die böse Gesellschaft versteckt: Du musst dein Leben ändern. Werden wir ihr nicht schon früh und penetrant in der Schule ausgesetzt,  dieser Forderung, man müsse sich entwickeln, man müsse sich bilden, man müsse etwas aus sich machen, man müsse etwas werden, was man noch nicht ist? Irgendwann, zumeist recht früh in unserem Leben, übernehmen wir diese Auffassung und meinen, wir wären ein besserer Mensch, wenn wir vortragsreif vor großem Publikum reden oder fließend Italienisch parlieren oder singen oder tanzen oder Klavier spielen könnten … Oder wenn wir Ruhm und Reichtum, Geld und Größe, Besitz und Beliebtheit erlangt haben. Nun steht sich zu verändern jedem frei, der mit sich unzufrieden ist. Das Paradox liegt allerdings darin, dass die Änderung eines Wechsels der Einsicht bedarf: in die eigene Vollkommenheit.

Niemals wird man vollkommen sein, solange man sich sich nicht selber eingesteht, dass man bereits vollkommen ist – mit all seinen Unzulänglichkeiten.

Verwirrung stiften

Denn mit dem Leben ist es wie mit einem guten Gespräch, einer Wanderung, einer sexuellen Begegnung – es wird besser, wenn man sich keine Gedanken darüber macht, was man damit erreichen will. Wenn man nicht weiß, wo man hin will, sondern sich einfach dem Moment überlässt. Das kann verwirrend sein, aber die Verwirrung im Leben immer wieder anzunehmen kann die erleichterndste Übung überhaupt sein. Dass sein Leben nunmal keinem Schweizer Uhrwerk gleicht, sondern einem Astwerk, das im Laufe der Zeit verwirrend krumm gewachsen ist und weiter wachsen wird – dies sich einzugestehen ist durchaus befreiend – so wie es in Jack Kerouacs Roman Unterwegs heißt:

I had nothing to offer anybody except my own confusion.

Das Leben ist nicht dafür gemacht, Ziele erreichen zu wollen. Denken wir nur an die Begrenztheit unserer Zeit und die Endlichkeit unseres Lebens … wie alles hinfällig wird mit dem Gedanken an den eigenen Tod.

Ziele sind nicht wirklich nötig

Ziele scheinen uns daran zu hindern, mit dem zufrieden zu sein, was wir haben, was wir sind. Denn sie sind nicht real. Sie sind häufig nicht einmal an der Realität orientiert, manchmal sogar nicht an ihr interessiert. Sie sind Gedankenkonstrukte, wie sie nur der Mensch als imaginierendes Wesen (und vielleicht einige Affenarten) erstellen kann. Das bedeutet, dass es relativ wahrscheinlich ist, dass sie mit der Realität nichts zu tun haben. Sobald wir uns auf das Ziel konzentrieren, machen wir uns blind für Möglichkeiten, die das Leben bietet. Wir sind nicht mehr im Fluss, schwingen nicht mehr im Gleichklang mit dem Kosmos. Wir merken nicht, oder nicht schnell genug, wann wir eher in eine andere Richtung gehen sollten. Und Ziele werden niemals wirklich erreicht, und wenn doch, dann finden wir in ihnen nicht die Befriedigung, die wir uns erhofft hatten, wie wir spätestens seit Schopenhauer wissen:

Der erfüllte Wunsch macht gleich einem neuen Platz: jener ist ein erkannter, dieser noch ein unerkannter Irrtum.

Ein Ziel wie Klavierspielen lernen – wann können wir sagen, ob wir es wirklich in die Tat umgesetzt haben? Wenn wir so spielen wie Alfred Brendel? Oder reichen uns die Fähigkeiten eines Barpianisten? Selbst wenn wir unsere Ziele, wie es die Forschung rät, operationalisierter machen, also genau angeben können, was gegeben sein muss, damit das Ziel als erreicht gilt, (110 Tastenanschläge pro Minute), dann verschiebt sich der Horizont unserer Zielsetzung unmerklich nach vorne – und trotz aller Mühe und Anstrengung bleiben wir die abwesend dreinblickenden Zukunftszombies, die wir sind. Oder eben die unermüdlichen Ratten:

The trouble with the rat race is that even if you win, you’re still a rat.

Werte statt Ziele

Aber ist ein zielloses Leben nicht ein vergeblich gelebtes Leben? Man muss doch schließlich darüber nachdenken, was man will! Man darf sein Leben doch nicht einfach nur vorbeiziehen lassen wie einen vertrödelten Sommertag!

Natürlich ist es gut, sich Gedanken darüber zu machen, was man für ein gelungenes Leben hält und was genau dazu gehört. Denn das ungeprüfte Leben ist für den Menschen nicht lebenswert, mit diesen Worten hat Sokrates in seiner Verteidigungsrede vor den Athener Richtern den Wert der philosophischen Selbstreflexion hochgehalten. Tragisch wäre es aber, wenn wir dadurch die Trennung von uns selbst und von dem jetzigen Moment, den einzigen, den wir haben, noch größer machen als er eh schon ist. Und das tun wir immer dann, wenn wir die Dinge, die wir tun, nur als Mittel zum Zweck, zum erhofften Nutzen in einem fernen zukünftigen Augenblick tun.

Natürlich geht es nicht ohne Orientierung – wir wollen den Erfolg unseres Lebens nicht gänzlich den Launen des Zufalls überlassen. Wir sind auch keine Lebewesen, die rein nach ihrem Instinkt vertrauen könnten und mit dem Ergebnis zufrieden wären. Wir brauchen Orientierung. Aber auch ohne Ziele können wir Dinge erreichen. Auch ohne Ziele können wir ein gelingendes, nutzvolles Leben führen. Können wir uns verändern, lernen, wachsen. Der Weg besteht darin, Ziele immer öfter durch Werte zu ersetzen. Prinzipien, Ideale, Wertvorstellungen, die wir haben, geleiten uns viel motivierender und inspirierender durchs Leben als strenge Ziele. Wir sollten uns öfter fragen: Tue ich etwas, was mit meinen Werten und Prinzipien übereinstimmt?

Der Unterschied zwischen Zielen und Werten besteht darin, dass Werte den Spielraum meiner Handlungsmöglichkeiten zwar einschränken, dies jedoch nicht so strikt tun wie Ziele. Ziele sagen mir, was ich tun muss, um eine bestimmte Wirkung zu erzielen – ein Produkt, ein Ergebnis, eine Lösung. Ein Objekt (auch eine erworbene Fähigkeit kann ein Objekt der Außenwelt sein), dessen Existenz mich befriedigt und dessen Nicht-Existenz für mich bedauernswert und leidvoll ist. Werte hingegen sagen mir, ob ich im Einklang mit mir selbst, mit meinem eigentlichen Selbst bin. Handle ich im Einklang mit meinen Werten, dann hat mein Handeln seinen Sinn schon erreicht – unabhängig vom zukünftigen Resultat meiner Tätigkeit. Dies meint der römische Stoiker Seneca:

Seneca

Das größte Hindernis des Lebens ist die Erwartung, die vom Morgen abhängt.

Seneca

Wenn wir uns von der Erwartung, ein bestimmtes Ziel erreichen zu müssen, frei machen, und wenn wir unsere Handlungen von den Zielen, die wir mit ihnen erreichen wollen, frei machen, dann können wir einsehen, dass alles bereits da ist. Dass auch die unangenehme Handlung zufriedenstellend ist, wenn sie mit unseren Idealen übereinstimmt.

Den Körper trainieren

Es ist mehr Vernunft in deinem Leibe als in deiner besten Wahrheit.

Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra

Wir brauchen in unserem Leben ein neues Bewusstsein für unseren Körper. Aber was wir aus unserem Körper machen, ist davon abhängig, wie wir uns selber sehen, wer und was wir sein wollen, was wir für den Zweck unseres Lebens halten. Wir haben dabei zwei Möglichkeiten, weil jeder Mensch zwei verschiedenen Bereichen angehört: dem äußerlichen Leben einerseits – dem Weltlichen mit seinen Anforderungen und  Reizen – und dem inneren Leben andererseits – dem Übersinnlichen, der Seite, die uns mit dem Kosmos verbindet, mit unserem höheren Selbst, mit dem echten Menschen in uns.

Beides müssen wir kultivieren, in beiden Welten müssen wir zurechtkommen, wenn wir ein gutes Leben führen wollen.  Normalerweise sind wir in den westlichen Gesellschaften darauf fixiert, unser äußerliches Leben erfolgreich zu gestalten – wir wollen eine funktionierende Partnerschaft, einen angesehenen Beruf, ein hohes Einkommen, ein schönes Haus, eine gute körperliche Verfassung usw. Wir wollen etwas erreichen im Leben, etwas, was man sehen, anfassen und messen kann. Doch es steht uns immer auch eine Sichtweise zur Verfügung, in der wir uns als spirituelle Wesen wahrnehmen – als Teil eines großen Ganzen, gegen das wir nicht ankämpfen können und müssen, in dem wir gut sind, so wie wir sind, und in dem wir uns mit niemandem vergleichen müssen, um uns besser zu fühlen.

Und so ist es auch in Bezug auf unseren Körper und das Bewusstsein, das wir für ihn haben.

Wir können ihm aus weltlicher Sicht begegnen; dann besteht sein Zweck darin, dass wir physisch existieren, dass wir eine körperliche Grundlage in der äußeren Welt haben. Wenn wir unseren Körper trainieren, dann mit dem Ziel, ihn gesund und fit zu halten, damit wir weiterhin in der Welt bestehen können. Auch alle anderen Angelegenheiten, die unserem Körper zugute kommen sollen – Hygiene, Ernährung und Schlaf beispielsweise – dienen dann dem weltlichen Zweck seiner Wiederherstellung, damit wir auch morgen noch kraftvoll zupacken können. Dieser Zweck ist  wichtig, aber er macht uns noch nicht zu ganzen Menschen. Nur ihn zu verfolgen macht unser Leben nicht vollständig – und nicht einmal, ihn zu erreichen.

Unser spirituelles Leben gerät darüber oft genug ins Hintertreffen. Denn eine Einstellung, die uns nur auf das Äußere konzentriert, auf unseren weltlichen Erfolg, macht unseren Geist geradezu „kriegerisch“, wie es Krishnamurti nennt.

Der kriegerische Geist macht euch gehorsam, er macht euch körperlich sehr diszipliniert, aber innerlich wird euer Geist allmählich zerstört, weil ihr imitiert, folgt, nachahmt.

Jiddu Krishnamurti

Sobald wir uns und unseren Körper aber aus der Perspektive des höheren Selbst betrachten, dann trainieren wir, um geistig und seelisch und körperlich ganz da sein zu können. Unser Körper ist dann nicht mehr bloß ein physikalisches Objekt unter anderen in der äußeren Welt, in dem unsere Seele wohnt, wie es noch bei der Hl. Teresa von Ávila zum Ausdruck kommt:

Tu deinem Leib etwas Gutes, damit deine Seele Lust hat, darin zu wohnen. 

Wenn wir uns als ganze Menschen sehen wollen, dann SIND wir auch „Leib“, und haben nicht nur einen Körper, der womöglich wie bei Platon noch das Grab unserer Seele wäre. Und unser Leib kann, wenn wir bewusst trainieren, das Mittel zu einem meditativen Zustand sein, einem Zustand der Achtsamkeit des Geistes. Das geschieht immer genau dann, wenn wir eins sind mit unserem Körper, wenn wir ganz Körper sind, wenn Geist und Körper nicht mehr getrennt sind, getrennte Wege gehen und getrennte Dinge tun. Wenn wir uns im Einklang mit unserer Verfassung befinden, wenn unser inneres Erleben keinen Widerspruch mehr darstellt zu unserem körperlichen Empfinden.

Dabei bemerken wir, dass die Trennung, die wir immer dann vornehmen, wenn wir von „Körper“ oder „Leib“ auf der einen und „Geist“ oder „Seele“ auf der anderen Seite sprechen, gar keine wirkliche Trennung ist, sondern ein Konstrukt. Natürlich haben wir eine körperliche, äußerliche Seite und eine geistige, innerliche. Aber beide Seiten sind nur die Formen, in denen der Mensch sich ausdrückt. Es sind die Formen, in denen wir uns wahrnehmen, obwohl wir immer eins, immer ein Ganzes sind. Manchmal legen wir die Betonung auf das Körperliche, manchmal auf das Geistige. Das Ziel jeder körperlich-geistigen Übung ist es also, diese ursprüngliche Einheit wahrzunehmen, zu erkennen und zuzulassen. Wir können das erreichen durch stetes Einüben in Achtsamkeit – durch ein gelassenes, aber beharrliches Training in der Fähigkeit, das, was ist, ohne Vorbehalt zu sehen und zuzulassen. Wir werten nicht, wir meiden nicht, wir führen nicht herbei, sondern wir achten nur auf das, was sich um uns herum und in uns abspielt. Beispielsweise auf den Atem, der in vielen Religionen die spirituelle Seite des Körperlichen darstellt. Der Atem und die Rückbesinnung auf ihn ist wie eine Synchronisation, die Geist und Körper wieder in Gleichklang geraten lässt.

Aber auch andere Tätigkeiten des Alltags, vor allem die repetitiven, eignen sich dazu, Körper und Geist in Einklang zu bringen. Putzen, Kochen, Essen, Abwaschen, Liegen, Gehen, Stehen aber auch das Reden mit anderen Menschen, das Zuhören, das Schreiben eines Textes, das Üben eines Instruments – all das können wir als Weg dazu ansehen, uns vollständig zu entfalten. Auch sportliche Betätigung, Laufen, Radfahren, Schwimmen, Kraftübungen usw. können wir nicht nur als Körpertraining, sondern auch als Schulung des Geistes und Mittel zur Selbstverwirklichung ansehen. Yoga ist dafür ein gutes Beispiel: Man kann es als reine Körperübung betreiben, zur Kräftigung der Muskulatur, zum Dehnen der Bänder, zur Senkung des Blutdrucks – und das ist nicht der schlechteste „Zeitvertreib“. Aber man kann Yoga auch, wie er ursprünglich konzipiert ist, als körperliche Form der Meditation sehen, als die Art und Weise, wie wir Körper und Geist in Übereinstimmung miteinander bringen können. Dafür müssen wir aber den einzelnen Übungen, den Haltungen und Bewegungen, dem Atem und unseren Gedanken während der Ausführung, ausschließliche Achtsamkeit widmen – gemäß dem Yogasutra des Patanjali:

Yoga ist jener innere Zustand, in dem die seelisch-geistigen Vorgänge zur Ruhe kommen. 

Yoga und alle anderen Tätigkeiten, die wir ausführen, können wir also auch als geistig-seelisch-körperliche Übung betrachten. Wie viel „Körper“ steckt doch z. B. in einer so simplen Tätigkeit wie dem Waschen von Karotten? Die sinnliche Wahrnehmung des ganzen Vorgangs, des kalten Wassers, der rauen Oberfläche, der Farbe, des Geruchs des Gemüses … Das ist es, was Karlfried Graf Dürckheim den „Alltag als Übung“ nennt. „Den Alltag“ bedeutet, auch die scheinbar unbedeutenden, kleinen Momente unseres Lebens können achtsam erlebt werden. Dann gibt es keine sinnlosen, unnützen Augenblicke mehr, die weniger wert wären, nur weil wir uns in ihnen nicht unseren weltlichen Zielen oder Freuden widmen können. Dann gibt es nur das Eine Leben, in dem Alltag und Feiertag nicht getrennt sind, sondern jeder Moment dazu benutzt werden kann, uns selbst in Einklang mit dem höheren Selbst zu bringen.

Die Kunst des Müßiggangs

»O Müßiggang, Müßiggang! du bist die Lebensluft der Unschuld und der Begeisterung; dich atmen die Seligen, und selig ist wer dich hat und hegt, du heiliges Kleinod! einziges Fragment von Gottähnlichkeit, das uns noch aus dem Paradiese blieb.« (Friedrich Schlegel: Lucinde)Bild

Faulheit und Nichtstun sind eigentlich nur andere Begriffe für das vollkommene Leben. Im Alltagsgebrauch haben sie oft etwas Anrüchiges, etwas, was man mit mangelndem Ehrgeiz und schlechtem Charakter verbindet. Etwas, was man gerne über andere sagt, aber nicht über sich selbst hören möchte.

Im philosophischen Sprachgebrauch aber kennt man sie unter den Namen Muße und vita contemplativa, und als solche sind sie seit der griechischen Antike positiv konnotiert. Ein kontemplatives Leben führen heißt, das Leben in seinem eigentlichen, dem Menschen zukommenden Sinne zu führen. All der Fleiß und die Mühen der Arbeit, all das Zielesetzen und Aufgabenerledigen, all das Aktivsein und  sind doch im Vergleich zur Ruhe des gekonnten Müßiggangs niedere, geistlose und unkünstlerische Veranstaltungen.

Faulheit, Nichtstun, Müßiggang, Muße, Kontemplation und dergleichen Begriffe haben sicherlich nicht die gleiche Bedeutung – sie unterscheiden sich vor allem in dem Grad von Nützlichkeit bzw. Schädlichkeit, den wir ihnen zusprechen. Während Faulheit bisweilen als moralisch fragwürdig bis gefährlich angesehen wird und Müßiggang als aller Laster Anfang (aber auch als notwendige Auszeit zur Reproduktion von Arbeitskraft), finden Muße und Kontemplation ihren Wert oft in ihrer dienenden Funktion für einen innovativen, kreativen Geist: aus der äußeren Passivität resultiert vermehrte innere Aktivität und Schöpferkraft, die sich wiederum zu Fortschritt und Wohlstand einsetzen lassen.

Aber gemeinsam ist all diesen Begriffen doch eines: die (befristete) Abkehr von unhinterfragter Arbeit und geist- und zwecklos gewordenem Handeln. Und mag es dem Menschen auch nicht gegeben sein, schicksallos wie der schlafenden Säugling in ewiger, stiller Klarheit zu ruhen, so ist es ihm doch erlaubt, zugunsten seines eigenen Glücks Momente der Ruhe und des Nichtstuns zu erleben – wenn er sie sucht!

Die wahre Kunst des Lebens besteht sicherlich darin, Muße und Arbeit, Passivität und Aktivität, Geschehenlassen und In-die-Hand-nehmen miteinander in Einklang zu bringen. Doch während wir in den westlichen Gesellschaften aufgrund unserer kulturellen Prägung seit Jahrhunderten kein Problem damit haben, das Handeln bis zum blinden Aktivismus gutzuheißen, fällt uns das indisch-meditative Einfach-nur-da-sein schwer.

Nichtstun: Es muss begründet werden (als müsste man begründen, dass man „nur“ lebt), es muss seine Rechtfertigung finden (als müsste nicht eher jede Aktion, jedes In-die-Welt-gehen gerechtfertigt werden), man muss es mit gutem Gewissen tun können (als wäre unser gutes Gewissen etwas anderes als die vehement in die Kinderseele eingebleute Instanz der Lehrer, Eltern, Politiker, Unternehmer, deren Lebenszweck schon seit jeher im unhinterfragten Handeln und blinden Fortschreiten in welche Richtung auch immer bestand).

Warum aber kann ich nicht stundenlang am Weiher liegen und den Mücken und Libellen zusehen?

Warum fällt es uns so schwer, die gottähnliche Kunst des Müßiggangs zu pflegen? Und was können wir tun, um das Leben so zu genießen, wie es ist, ohne vermessene Ansprüche, ohne sich Sorgen um die Zukunft zu machen oder reuevoll in der Vergangenheit zu verweilen? Wie können wir den Augenblick wieder heiligen, wie wir es als Kinder taten?

Vom rechten Üben

Wer hat nicht in der Vergangenheit sich vorgenommen, zu üben – ein Musikinstrument, eine Sprache, einen Sport, meditieren, tanzen, Handstand, Yoga, Klimmzüge, malen – und es dann nach einiger Zeit aufgegeben? Weil sich der rechte Erfolg nicht einstellen wollte oder weil das Ziel doch nicht mehr so verführerisch schien – der Mensch, den man mit seinen Handstandfähigkeiten beeindrucken wollte, hat sich jemand anderen gesucht, Schlagzeugspielen ist einfach nicht gut für die Ohren und die ganzen ölbemalten Leinwände stauen sich auf dem Speicher. Oder man hat sein Ziel verändert, weil es so viele andere tolle Fähigkeiten gibt in diesem Leben, die es sich zu erwerben lohnt.

Uns begegnen täglich vielerlei Hindernisse auf dem Weg zu unseren Zielen, sei es auch nur in der Form der Furcht vor ihrem Eintreten:

zu wenig Zeit
zu wenig Energie
zu aufwendig,
zu unbequem
zu langweilig
zu schmerzhaft
zu herausfordernd
zu teuer
zu wenig gute Lehrer
zu viele andere Übungen und Ziele
und, und, und …

Der übliche Ansatz, diese Stolpersteine zu überwinden, ist der von Willenskraft und Selbstdisziplin. Wir müssen uns einfach nur mehr, öfter und stärker anstrengen. Und dazu müssen wir uns einfach stärker auf unsere Ziele konzentrieren. Doch paradoxerweise scheint das Gegenteil zuzutreffen: Wir werden diesen Hindernissen so lange begegnen, wie wir unseren Fokus zu sehr auf das Ziel gerichtet haben.
Wie kann das sein? Das Ziel im Fokus haben soll negativ sein? Ich kann doch auch keinen Ort erreichen, wenn ich mich nicht auf ihn konzentriere!
Das ist richtig. Im geeigneten Moment ist es notwendig, sich an seine Ziele zu erinnern und an die Wünsche und Hoffnungen, die man mit ihrem Erreichen verbunden hat. Das kann durchaus motivierend sein.

Aber:

Viele denken, wenn sie zehn oder zwanzig Jahre üben, werden sie schließlich etwas erreichen. Das ist aber nur ein Aufschieben, denn wenn sie jetzt nicht völlig lebendig sind, weshalb glauben sie dann, dass sie es einen fernen Tages sein werden. Dieser Tag wird nämlich nie kommen. Es gibt immer nur das Hier und Jetzt, und wer im Hier und Jetzt, in der Übung und Anstrengung heute nicht vollkommen lebendig und da ist, der wird es nie sein. (Alan Watts)

 
Während des Übens selber also, beim Ausführen einer bestimmen Tätigkeit, ist es nicht unbedingt von Vorteil, nur an das Ziel zu denken. Einen Ort erreichen wir ja auch nicht hauptsächlich durch die Konzentration auf ihn, sondern durch das Gehen. Und während wir üben, müssen wir unseren Fokus verändern: Wir müssen im Moment bleiben, im Hier und Jetzt des Tuns selber sein, und das Tun genießen.

Nach Aristoteles trägt „jedes Lebewesen Ziel und Zweck in sich selber und entfaltet sich dieser seiner inneren Zielstrebigkeit gemäß.“ Dies macht gleichzeitig seine Lebendigkeit aus und seine Schönheit. Das rechte Üben ist also viel mehr als der Weg zur Erreichung eines bestimmten Ziels, von dem wir uns Seelenruhe, Glückseligkeit, Zufriedenheit, Befriedigung, Lust, Freude, usw. erhoffen, ein Gehen ohne Ankommen. Aber ein Gehen, das zugleich ein lustvolles, befriedigendes ist, bereits während seiner Ausführung. Wenn man das Üben richtig begreift und in ihm aufgeht, „seiner inneren Zielstrebigkeit gemäß“, im Hier und Jetzt des Übens, dann kann man Zufriedenheit verspüren, ohne dass man dazu erst das Ziel erreicht haben müsste. Beim Üben muss man nicht an das Ziel denken, nicht einmal an den Weg, sondern nur im Üben selbst ganz da sein. Gemäß dem spanischen Sprichwort: „Es gibt keinen Weg, es gibt nur Gehen.“ Und wenn das Üben langweilig, unangenehm oder schmerzhaft ist, heißt es, diese Gefühle anzunehmen und ins Tun hinüberzunehmen. Dann übe ich heute eben unter Langeweile.

Es geht darum, die richtige Technik einer Fertigkeit, die man einüben will, nicht so sehr um das Ergebnis, das Produkt willen erreichen zu wollen (das allerdings ein angenehmer Nebenwert ist), sondern um der Technik selber willen. In der Tradition der Zen-Kalligrafie wird das besonders anschaulich, wenn das Produkt (das Bild) hinter dem Tun (dem Malen) zurücktritt.

Eigentliches Produkt ist dann nicht so sehr ein äußeres materielles, sondern der Mensch, der produziert, selber. Der Sinn der Übung ist die Verwandlung, sagt Karlfried Graf Dürckheim. Leistung kann dann nicht so sehr als Ergebnis eines willentlichen Könnens, sondern einer „Verwandlung im Sein“ begriffen werden.

Diese rechte Einstellung zum Üben bedarf selber einiger Übung. Das Gute daran ist aber, dass es nicht noch eine Tätigkeit ist, die hinzukommt und unseren vollen Terminkalender zum Überlaufen bringt mit noch einer Trainingseinheit. Das Einüben ins rechte Üben kann vielmehr jederzeit geschehen, vor allem bei jeder Übung, die wir ausführen. Denn was ist unser Alltag anderes als eine Abfolge von Übungen? Wenn wir mit Menschen sprechen, üben wir uns im empathischen Zuhören. Wenn wir allein sind, üben wir uns in der Sorge um uns selbst. Sogar das triviale Putzen kann dann zum Selbstzweck werden und zur Gelegenheit, das achtsame Tun einzuüben. Das Leben ist dann nicht mehr bloß eine langweilige Abfolge notwendiger Schritte zur Erreichung eines fernen Ziels, sondern voller Gelegenheiten, im Hier und Jetzt zu sein, das Tun zu genießen und uns im Üben selber zu verwandeln.