Einfach nur da sein

Über die Kunst, die Langeweile aushalten zu können …

Durch Ablenkung verstellen wir uns den Blick auf das wahre Leben. Technik und Geselligkeit ermöglichen es uns, dass wir uns in jedem Augenblick unterhalten fühlen. Doch ist es das, wofür wir leben wollen?
Lass die Einsamkeit zu, die Langeweile, die Leere. Nur in den leeren Momenten fühlen wir, was Leben heißt: einfach da sein, anwesend sein, atmen. Existieren.

Meditieren ist ja wohl das Sinnloseste überhaupt

Immer, wenn wir uns für eine Weile hinsetzen und uns Momente gönnen, die nicht von unserem dauernden Gehetztsein zwischen der Sorge um das Morgen und der Trauer um das Gestern geprägt sind, wenn wir also einmal für ein paar Sekunden ganz hier sind und einfach nur beobachten, was in uns vorgeht, dann merken wir, dass unter dem ständigen Rauschen unseres Alltags etwas Beständiges liegt, das immer da ist, aber nur wahrgenommen wird, wenn wir es zulassen. Stille, die Stille hinter der Stille, das Nichts, die Leere, bloßes Dasein.

Das geht vielleicht für fünf, sechs Sekunden gut, geübten Meditierenden gelingt es besser, aber irgendwann treten die Gedanken wieder ein und statt auch dies von einem höheren Standpunkt aus zu beobachten und zu akzeptieren, tauchen wir wieder ein in den Strom unseres Bewusstseins und denken daran, was wir sonst noch tun könnten, anstatt hier untätig zu sitzen, oder an das, was diese oder jene Person gestern gesagt hat, oder an das, was morgen an Aufgaben auf uns wartet usw.

Pure Präsenz

Vielleicht merken wir, wenn wir uns stark genug verpflichtet haben, die Zeit auf dem Kissen, auf dem Stuhl, beim Gehen der Meditation zu opfern, dass wir abgeschweift sind, und richten unsere Aufmerksamkeit wieder auf den Atem, den Körper, den Schmerz in den Beinen, das reine Dasein. Pure Präsenz, wie es Richard Rohr nennt. Das geht mal mehr, mal weniger gut, je nach Übung, geistiger und körperlicher Verfassung, Willensstärke, den äußeren Umständen.

Richard Rohr

Nach einiger Zeit schließlich, wenn der Wecker klingelt oder unsere Geduld erschöpft ist, erheben wir uns, verbeugen uns und beenden die Meditation. Und hierin liegt der Haken. Wir beenden unsere Meditation, und wir beenden den Zustand der Aufmerksamkeit und Achtsamkeit, da wir uns vorgenommen hatten, eine halbe Stunde zu meditieren und dann den Aufgaben des Tages nachzugehen.

Und dann tauchen wir wieder ein in den Strom unserer Gedanken, unaufhörlich und stetig, im Hintergrund oder im Vordergrund, und wir navigieren durch das Chaos unseres Denkens, Fühlens und Tuns, von morgens früh bis wir abends mühselig zur Ruhe kommen. Wir haben Aufgaben erledigt oder nicht, haben auf die Menschen freundlich reagiert oder nicht, haben auf Situationen angemessen reagiert oder nicht – der Alltag eben. Und wir haben nur ein gewisses Quantum an Zeit und Energie dafür zur Verfügung, die wir möglichst geschickt, d. h. effizient, einsetzen müssen.

Wie sinnlos war das denn?

Aber dann gibt es im Alltag diesen einen Moment des Innehaltens. Wir merken, dass wir mit unserer Zeit nicht hinkommen, und dass die Aufgaben, die zu leisten wir uns vorgenommen haben, nicht in die Zeitspanne passen, die uns zur Verfügung gestellt wird. Und schon gar nicht passen all die Vorhaben und Pläne in den Energiehaushalt, der sich im Laufe des Tages unmerklich, aber unaufhaltsam leert.

Und dann können wir einer Sache gewahr werden: Die Meditation am Morgen, so kurz und stümperhaft sie gewesen sein mag, war doch eigentlich das Sinnloseste überhaupt am ganzen Tag. Die halbe Stunde, die wir geopfert haben, um untätig dazusitzen und zu atmen (als würden wir das nicht auch sonst tun!), die hätten wir doch für sinnvollere Aufgaben nutzen können. Unsere geopferte Zeit scheint sinn- und nutzlos gegenüber dem, was wir uns alles vorgenommen haben und was an Anforderungen auf uns einströmt.

Hätten wir nur diese eine halbe Stunde jetzt zur Verfügung! Dann könnten wir ein wenig stressfreier agieren, denn wir hätten etwas mehr Zeit für die ganzen Dinge, die zu erledigen sind.

Und sobald wir das denken, sobald uns wirklich klar wird, was wir da denken – können wir erneut innehalten. Denn wenn wir es wirklich ernst gemeint haben mit dem Meditieren, wenn es für uns ein Weg war, um in Kontakt mit dem höheren Selbst und mit dem reinen Dasein zu kommen, dann ist unser Alltag nur dann sinnvoll, wenn wir diese Meditation mit in ihn hineinnehmen.

24 Stunden am Tag einfach nur da sein

Wenn wir während des Alltags und all der Aktivitäten merken, dass wir eigentlich nur präsent sein müssen. Dass alles schon da ist, dass die Stille unter dem ständigen Rauschen immer noch da ist und wir sie nur wahrnehmen müssen. Wie sinnlos wäre meine ganze Zeit geopfert, wenn ich nachher beim Kartoffelschälen hetze, beim Gehen auf der Straße in Gedanken versinke, wenn ich meine Aufgaben lieblos und wie nebenbei erledige und beim Gespräch mit anderen nicht voll und ganz da bin!

Wenn wir nicht deswegen meditieren, weil es uns gesünder macht, unsere Gedächtnisleistung und Aufmerksamkeitsspanne erhöht, weil es uns ruhiger macht und weniger aggressiv (was alles nette Nebenerscheinungen sind) – sondern einfach nur, weil wir in dieser Zeit uns selbst und dem Leben nah sein können, dann merken wir, dass unsere Meditation das Sinnloseste überhaupt ist, wenn unser Alltag ihr nicht entspricht. Dann können wir uns sagen: Da ich am Morgen bereits eine halbe Stunde verschenkt habe, habe ich mir selbst gesagt, dass es nicht darauf ankommt, seine Zeit mit Aktivität und effizientem Aufgabenerledigen auszufüllen. Ich war bereits unproduktiv, also kann ich es auch weiterhin sein und muss nicht so tun, als läge der Sinn meiner Existenz im Abarbeiten von To-Do-Listen (auf der Meditation nur ein Punkt unter weiteren ist).

Dann müssen wir nicht zu meditieren aufhören, wenn der Wecker klingelt. Dann müssen wir uns den Rest den Zeit auch nicht mehr hetzen. Dann können wir 24 Stunden am Tag einfach nur da sein.

 

PS: Vom Dalai Lama ist bekannt, dass es an Tagen mit besonders vollem Terminkalender morgens zwei Stunden meditiert statt eine …

Die Kraft der Stille

Oft haben wir Angst vor der Stille, weil sie uns nur Leere und Langeweile bringt. Unser Geist ist wie ein Affe, der ständig unterhalten werden will. Wenn uns Stille droht, bekommt er es mit der Angst zu tun und flüchtet sich in tausend kleine Beschäftigungen – Internet, Fernsehen, Handy, mit anderen reden, lesen. Wenn wir trotzdem einmal  gezwungen sind, Stille zu erleben, fühlen wir uns wie im Leerlauf, unproduktiv und gelangweilt. Und so füllen wir unser Leben nach und nach mit Chaos, Lärm und Unordnung und merken gar nicht, welche Wirkung diese Einstellung auf unsere innereDie Kraft der Stille Ruhe und Gelassenheit hat.

Aber Stille kann auch schön sein, wenn wir nur zulassen, sie wirklich zu erleben.

Stille, Schweigen, Ruhe, Nichtstun können Heilmittel gegen Stress und Überforderung sein – gegen das ständige Gefühl, irgendetwas zu verpassen.

Aber wie lassen wir die Stille in unserem Leben zu, sodass sie uns keine Angst mehr macht? Wie lernen wir, nicht in sinnlose Beschäftigung zu fliehen, nur um uns nicht selbst begegnen zu müssen?

Im Grunde ist um uns herum niemals wirkliche Stille. Wenn wir einmal hinhören, werden wir sogar im leisesten Raum immer noch Geräusche und Klänge vernehmen – und sei es der des Blutes in unserem eigenen Ohr. Aber diese Geräusche sind es nicht, die die Stille vertreiben. Wir müssen die Stille in uns kultivieren, wie edle Pflanzen in einem Garten, die nur wachsen und blühen, wenn die notwendigen Bedingungen gegeben sind. Im Gegensatz zum Unkraut des Beschäftigtseins und des Lärms wächst und blüht die Stille nur, wenn man ihr den Raum dazu gibt.

Die Stille in uns ist einfach zu erreichen – einfach, aber nicht leicht. Der Weg zu ihr ist die Reduktion: Wenn ich etwas aus meinem Leben reduziere, das die Stille bisher unmöglich gemacht hat, dann wird sie nach und nach größer und stärker werden und die schönste Blüte im Garten meines Geistes werden.

Experimentieren wir also damit, etwas Unkraut aus dem verwilderten Garten herauszuziehen: leben wir eine Zeitlang ohne Handy. Einen Tag ohne Fernsehen. Eine Woche ohne Nachrichten. Einen Monat ohne Status-Updates. Eine Weile, wo wir unseren Internetzugang restringieren (there are add-ons for that).

Und wenn die Stille dann kommt und uns mit ihrer Langeweile und Leere überwältigen will, sodass wir das Verlangen verspüren, wieder etwas anderes in unser Leben hineinzuziehen: atmen wir, konzentrieren wir uns auf das, was geschieht, und warten einfach einmal ab. Es ist doch nur für eine gewisse Zeit. Einen halben Tag oder eine Woche. Wetten wir mit uns selbst, ob wir stärker sein können als unser Affengeist.

Dann erkennen wir, dass wir stärker sind, als wir gedacht haben.

Dass ein leerer Raum uns oft mehr geben kann als ein überfüllter.

Dass ein Zengarten schöner ist als ein Kaufhaus.

Und schließlich, wenn wir gewartet haben und achtsam darauf waren, was mit uns passiert, werden wir merken, dass wir innerlich wachsen. Dass unser höheres Selbst die Leere und den Raum, die wir ihm gelassen haben, mit innerer Stärke, Ruhe und Gelassenheit füllt.

Dann erkennen wir, dass Schweigen und Stille schön sind.