Woher kommt die Angst?

Wenn wir zögern, wenn wir zweifeln, wenn wir nicht handeln, wo wir handeln könnten … wenn wir schweigen, wo wir sprechen müssten, wenn wir nicht die Wahrheit sagen, obwohl wir sie kennen, wenn wir nicht für jemanden oder etwas einstehen, der oder das uns wichtig ist … woher kommt das? Warum weichen wir dem Leben so oft auVon der Angst zum jetzigen Moments?

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O-Naami – Das Leben ohne Stress

Jeder von uns hat die Pflicht, sein Leben so angenehm und erfüllt wie möglich zu gestalten.

John M. Perkins

Die entwickeltste Gesellschaft sollte wohl die sein, deren Mitglieder am effektivsten mit Stress umgehen, ja ihn sogar weitgehend vermeiden oder ins Positive wenden können. Unsere westlichen Gesellschaften scheinen da noch zu suchen, ein kollektives Wissen darum, mit welchen Mitteln sich Stress am besten bewältigen lässt, existiert nicht. Solche Mittel, Jahrtausende alt, gibt es, doch ihre Einübung wird nicht durchgängig in Schulen gelehrt oder von Eltern weitergegeben, und es bleibt dem Einzelnen überlassen herauszufinden, wie er oder sie mit den Widrigkeiten des Alltags umgehen soll.

Im Gegenteil, Stress und Zeitdruck wird noch als Zeichen des Erfolgs angesehen, und Burn-Out gilt als Modekrankheit, deren Opfern heimlich-neidvoll zugestanden wird, wenigstens für etwas gebrannt zu haben.

Die „fortgeschrittene“ westlichen Kultur hat die individuelle Sorge um sich selbst als ganzen Menschen, spirituell, geisonaamitig und körperlich, zugunsten des technischen Fortschritts und des materiellen Wohlstands vernachlässigt. In Gesellschaften in asiatischen und lateinamerikanischen Ländern dagegen ist der bewusste Umgang mit Stress ein fester Bestandteil des Alltags – wenn auch, dank Globalisierung und Kapitalismus, auch dort traditionelle Fähigkeiten zu verschwinden drohen.

Überall dort, wo sich ganzheitlichere Lebensauffassungen, nicht-materielle Weltbilder und nicht-mechanistische Menschenbilder gehalten haben, wo Religion und Spiritualität eine Rolle im Alltag spielen, kennen, lehren und pflegen die Menschen die Methoden, mit denen sie zu großen Stress verhindern. Der amerikanische Schriftsteller und Politaktivist John Perkins hat in seinem Buch O-Naami solche Methoden gesammelt und in fünf Lebensregeln zusammengefasst:

Grundlage der Stressbewältigung ist die Einsicht, dass alles, was uns tagtäglich widerfährt, einen Einfluss auf unseren Körper und Geist hat – meist unbewusst. Dieser Einfluss schlägt sich, wenn sich der Stress häuft, negativ auf den Körper nieder: die Muskeln verkrampfen, der Blutdruck steigt, die Atmung flach ab, wir bekommen Kopfschmerzen, Herzrasen, Schweißausbrüche, Rückenschmerzen und, wenn der Stress chronisch wird, zahlreiche Krankheiten, die mit unserem vegetativen Nervensystem zusammen hängen. Denn dieses autonome, also vom bewussten Willen unabhängige System, das Atmung, Herzschlag und Puls, Körpertemperatur, Schlaf- und Wachphasen und vieles mehr regelt, will uns durch seine Reaktionen davor schützen, dem Stress zu erliegen. Leider hören wir zu selten auf die Zeichen, die der Körper uns gibt, und übergehen Kopfschmerzen oder Müdigkeit, oder wir stellen sie mit Mittelchen äußerlich ruhig.

Der Schlüssel für einen gesunden Umgang mit dem täglichen Stress liegt nun in der Fähigkeit, das autonome Nervensystem zu kontrollieren. Wer seine körperlichen Reaktionen bewusst bestimmen kann, kann die beschriebenen Symptome gar nicht erst entstehen lassen.

Perkins Ratschläge, fünf Grundsätze für ein angenehmes und erfülltes Leben, erscheinen auffällig wenig körperorientiert; sie sind eher Regeln für die eigene innere Einstellung dem Leben gegenüber.

1. Seien Sie das, was Sie sein möchten. Hören Sie auf, zu versuchen, etwas zu werden, und seien Sie es stattdessen. Denken Sie an die Person in sich, die das verkörpert, was Sie am meisten schätzen. Seien Sie diese Person, so weit es ihnen möglich ist. Machen Sie dies zu einem ständigen Teil Ihres Lebens.

2. Wägen Sie Probleme gegenüber Lösungen ab. Begreifen Sie, dass nicht das Problem das Problem ist, sondern dass die fehlende Lösung das Problem ist. Erlauben Sie sich nicht, in Panik zu geraten oder negativ zu sein. Entscheiden Sie sich für eine Lösung und probieren Sie diese aus.

3. Konzentrieren Sie sich. Gewöhnen Upanishad_Quotes1Sie es sich an, sich zu konzentrieren und ihr Leben in verschiedene Bereiche zu untergliedern. Arbeiten Sie, wenn Sie bei Ihrer Arbeit sind. Aber wenn Sie nach Hause gehen, gehen Sie wirklich, und konzentrieren Sie sich auf Ihre Familie, Ihr Hobby oder was immer Sie tun wollen.

4. Glauben Sie an etwas. Glauben Sie an das, von dem Sie wissen, dass es für Sie richtig ist. Glauben Sie an eine Religion, an sich selbst, an eine Idee oder ein Ziel. Woran Sie glauben, ist nicht wichtig. Entscheidend ist, dass Sie an das glauben, was für Sie am wichtigsten ist. Öffnen Sie Ihr Herz, hören Sie ihm zu und führen Sie aus, was es Ihnen sagt.

5. Meditieren Sie. Meditation verbindet die anderen vier Bestandteile und verschafft Ihnen 10-15 Minuten regelmäßiger Entspannung. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie still sitzen, beten oder sich bewegen.

 

Die Leere in mir

Mache dich selbst von allem leer.
Lass den Geist in Ruhe weilen.
Die zehntausend Dinge entstehen und vergehen, während der Geist ihr Zurückgehen betrachtet.
– Lao Tse

In einigen Momenten können wir es noch erahnen, was es heißt ein lebendiges Wesen zu sein. Da zu sein. Einfach nur ein anwesender Mensch.

Als Kinder hatten wir sie oft, diese Momente des unverstellten Zugangs zur Welt – in unserer Trauer und Wut, in unserer Freude und sinnlosem Lachen. Im Schmerz unserer  Einsamkeit und im hoffnungsvollen Gefühl, irgendwann jemand anders sein zu können.

Vor allem in der irrsinnig lang erscheinenden Dauer all der Stunden und Tage. In der Unendlichkeit eines Jahres – wie haben wir gedacht, unsre Kindheit würde niemals enden. Wie haben wir gefühlt, wie lang eine halbe Stunde sein kann. Wie haben wir uns gelangweilt. Stundenlang.

Wir haben uns gefühlt und das reine Vergehen der Zeit.

Youth always tries to fill the void, an old man learns to live with it.
― Mark Z. Danielewski

Wie lang ist das her – als wäre es ein anderes Leben. Als hätte jemand anderes so gefühlt. Heute leben wir nicht mehr so. Wir langweilen uns höchstens für ein paar Minuten. Wir sind nicht allein, nie nur mit uns selbst.

Wir füllen die Leere. Füllen jede Sekunde, sobald wir auch nur ein wenig Unruhe verspüren, die ersten Anzeichen von Unzufriedenheit, von Ungenügen an der bloßen Gegenwart. Das Kribbeln in den Fingern, der Druck in der Magengrube. Alles in uns strebt danach, die Leere so schnell wie möglich auszufüllen, denn die Natur fürchtet das Vakuum.

leereUnd wir haben nun die Möglichkeiten, die wir als Kind nicht hatten: die technischen Möglichkeiten um der Leere in uns zu entgehen.

In beinahe jedem Moment haben wir Musik, Filme, Spiele, Lektüre, bekannte und unbekannte Gesprächspartner in Reichweite. Wir können alles tun um der Langeweile zu entkommen. Dem bloßen, bedeutungslosen Augenblick.

Aber mit ihm entkommen wir auch unsrem Leben selbst. Denn das, was unser Leben ausmacht, sind seine unmittelbaren Momente. Das, was zählt, ist das Dabeisein. Auch in der Leere anwesend zu sein, ihren Schmerz zuzulassen, muss man wieder lernen, falls man nicht Kind geblieben ist.

Warum aber haben wir heutzutage diesen Schutz angelegt, der es nicht zulässt, dass wir unverstellt der Welt gegenüberstehen? Weil uns die Welt mit ihrer Sinnlosigkeit und Leere im Grunde ängstigt? Weil wir mit der Beschäftigung dem Gefühl entgehen können nutzlos zu sein?

Glücklich sein heißt, ohne Schrecken seiner selbst innewerden können.
– Walter Benjamin

Aber die Leere zuzulassen bedeutet, mit dem Leben in Kontakt zu kommen. Die kleinen Momente des Nichts, der Abwesenheit von Beschäftigung sind die einzigen, in denen wir wieder fühlen können, was um uns herum ist: die Zeit, das Leben, uns selbst.

Aus dieser gefühlten, wahrgenommen Leere heraus können wir irgendwann zu wahrem Handeln kommen – zu einem, das nicht nur eine Flucht, ein verzweifeltes Suchen nach Sinn, eine sublimierte Begierde ist. Wenn wir üben, so oft wie möglich die Möglichkeiten der Flucht aus der Leere nicht zu ergreifen, sondern dem Gefühl standzuhalten, zu merken, was wirklich passiert, dann können wir auch unseren Schmerz, unsere Verzweiflung, unsere Langeweile begreifen und akzeptieren.

The artist’s job is not to succumb to despair but to find an antidote for the emptiness of existence.
― Woody Allen

Dabei sein ist alles.

I did not care what it was all about. All I wanted to know was how to live in it. Maybe if you found out how to live in it you learned from that what it was all about.

Ernest Hemingway


Worauf kommt es eigentlich wirklich an im Leben?

Wir hetzen von einem Moment zum anderen, von einem Ort zum anderen, von einem Produkt zum anderen, von einem Partner zum anderen. Wie heißt es bei Lawrence Sterne:

Was ist des Menschen Leben? Ein Schwanken hierhin – dorthin – von Sorge zu Sorge. Ein Loch stopft man zu, – ein anderes ist gleich wieder da.

Aber der Wechsel an sich ist doch nichts Schlechtes! Schließlich liegt das Wesen des Lebens in Veränderung und Wandel: „Wer lebt, muß auf Wechsel gefasst sein.“ (Goethe) Wir müssen uns verändern, um uns treu zu bleiben, und nichts ist doch schlimmer als der Spruch „Bleib wie du bist.“

Das Problem ist jedoch zweierlei: erstens, dass die Veränderung immer schneller vonstatten geht. Dass wir uns mit dieser Veränderung Schritt halten müssen, um etwas zu gelten. Und dass wir das Gefühl haben, irgendwann nicht mehr nachkommen zu können. Wir wollen uns ja verändern, aber doch nicht in dieser Geschwindigkeit.

Zweitens verliert die Veränderung ihren Zweck. Im Grunde wissen wir gar nicht so genau, wo wir eigentlich so schnell hinwollen. Dies führt zu dem Gefühl der Entfremdung – einem aus der Soziologie bekannten Begriff, der das Empfinden einer Distanz von unserem eigenen Erleben beschreibt: die Dinge, die Orte, unsere Mitmenschen,unsere Arbeit, unsere Tätigkeiten, jeder Moment scheint uns umso fremder zu werden, je schneller sich alles um uns herum verändert und je zweckfreier der ganze Stress ist. Und je mehr wir dabei mitmachen wollen, desto eher erleben wir, dass wir uns in all dem nicht mehr zu Hause fühlen.

Lineares vs. zyklisches Zeitempfinden

Alles hängt damit zusammen, wie wir unsere Zeit wahrnehmen. Bekanntlich gibt es zwei Arten, Zeit und Veränderung zu empfinden: die lineare und die zyklische.
Die lineare Zeit ist die der Uhr und der Objektivität. Solange wir in der Art linearen Zeitempfindens denken, ist die Abfolge der Geschehnisse für uns nichts anderes als ein Weg, auf dem wir die unterschiedlichsten Schritte setzen, um ein fernes Ziel zu erreichen. Wir tun die Dinge, die wir tun, um etwas damit zu erlangen: Besitz, Ruhm, Macht, Anerkennung, Liebe. Nach Aristoteles kann am Schluss unserer Bestrebungen immer nur das höchste Gut stehen, und das ist immer unsere eigene Glückseligkeit. Alles andere tun wir nur, weil wir uns davon Glückseligkeit versprechen.

Das Problem ist nun, dass unser letztes Ziel sich stets vor unseren Augen von uns entfernt. Wenn wir etwas erreicht haben, finden wir es schnell langweilig und wollen etwas Neues. Setzen uns ein neues Ziel. Und müssen weitergehen auf dem linearen Weg, um in ferner Zukunft einmal – so hoffen wir – Seelenfrieden und Glück zu erlangen.

Das alles wäre ja noch gar nicht so schlimm, wenn wir unser Seelenheil nicht oft aus dem Vergleich mit anderen ziehen wollten. Ob wir etwas wert sind, ob wir mit uns zufrieden, ob wir glücklich sein dürfen, bemessen wir oft danach, wo wir verglichen mit anderen stehen: Wie viel Geld wir im Verhältnis zum Durchschnitt verdienen, wie viel wir verglichen mit unseren Nachbarn besitzen, wie gebildet, sportlich, attraktiv wir sind – alles immer im Vergleich. Daher dürfen wir niemals stoppen, wir müssen uns bemühen, müssen üben, müssen weitergehen auf unserem linearen Weg zum Glück.

Dieses Denken beeinflusst uns noch in den grundlegendsten Momenten unseres Lebens: alles wird der Logik der linearen Zeit, mit ihr der Effizienz und Zweckgerichtetheit unterworfen. Wenn wir essen, tun wir dies beispielsweise vornehmlich, um uns gesund zu halten. Wenn wir kochen, tun wir das, um essen zu können und gesund zu bleiben. Könnten wir schneller essen und kochen, wäre das aus dieser Sicht ein Gewinn.Das Essen selber verliert an Eigenwert.

Natürlich denken wir nicht dauernd alle so. Die Gefahr besteht jedoch, dass wir immer öfter so denken, auch in Bereichen, die eigentlich einer anderen Zeit angehören: dem körperlichen Genuss, dem Gespräch mit Menschen, dem Erleben von Natur und Kunst, dem Schaffen von Neuartigem, dem Schlafen und Träumen.

Doch die Welt hat auch eine andere Art von Zeit. Es ist die Zeit des biologischen Rhythmus. Es gibt hier keine Eile, denn diese Zeit ist zyklisch – was einmal geschieht, wird wiederkehren. Die Abfolge der Tage und der Jahreszeiten sind das Vorbild für diese Form des Zeitempfindens.

Wenn wir uns in diesem Zeitempfinden bewegen, verliert unser Handeln plötzlich an Bedeutung, wenn es nur darauf ausgerichtet war, ein fernes Ziel zu erreichen. So verliert auch jeder einzelne Moment an Wichtigkeit, da wir ihn nicht wirklich erlebt haben. Das Essen und das Kochen haben keinen Wert mehr, wenn sie morgen sowieso wieder kehren. Wir haben es verpasst, weil wir geistig auf das ausgerichtet waren, was wir damit erreichen wollen. Wir haben unsere Momente entwertet und mit ihnen unser Leben. Und plötzlich fragen wir uns: Was ist denn sonst wichtig, wenn es nicht das Erreichen von Glückseligkeit zu einem zukünftigen Zeitpunkt ist?

Dabei sein ist alles

Die Qualität unseres Lebens hängt von den Momenten ab, die wir erlebt haben. Und die Qualität unserer Momente hängt von der Aufmerksamkeit ab, die wir ihnen geschenkt haben. Ein Moment, den wir nicht bewusst und achtsam erlebt haben, ist ein verschenkter Moment. Je mehr Momente wir verschenken, desto ärmer wird unser Leben. Wir verschenken unsere Momente, wenn wir mit ihnen in erster Linie etwas anderes erreichen wollen – wenn wir im Moment des Tuns und Empfindens bereits etwas anderes denken – sei es, dass wir Künftiges befürchten oder Vergangenes bedauern.

Während des ganzen Lebens geht es nicht darum, etwas zu erreichen, an dem wir uns vielleicht irgendwann erfreuen könnten. Denn entweder werden wir es nicht erreichen oder es wird uns nicht die erhoffte Freude bringen. Während des ganzen Lebens geht es darum, jeden einzelnen Moment bewusst zu erleben: bei unseren Empfindungen und Gefühlen während des jeweiligen Augenblicks. Es geht darum, das Essen wirklich zu essen. Dabei sein ist alles.

Ziellos leben

And now that you don’t have to be perfect, you can be good.

 John Steinbeck

Lange Zeit dachte ich, Ziele zu haben wäre das Wichtigste im Leben. Ohne Ziele kein Fortschritt, ohne Ziele keine Veränderung. Wenn man sich nicht vornimmt, etwas zu erreichen, dann wird man auch nie etwas erreichen. Man muss doch bewusst planen, wer und was man werden will, sonst wird man vielleicht jemand oder etwas, aber wer oder was genau man wird, das ist dann dem Zufall überlassen. Wenn man sich nichts vornimmt, wird man immer der unperfekte kleine Mensch bleiben, der man ist, immer unzufrieden mit sich selbst, oft im Stress, neidisch auf andere und den Blick sorgenvoll in eine ferne Zukunft gerichtet.

Seltsamerweise wird man aber auch mit Zielen niemals der perfekte Mensch sein, der zu sein man sich aus welchen Gründen auch immer vorgenommen hat. Man wird nicht einmal besonders zufrieden oder gar glücklich werden. Die Ursache dafür liegt einfach in der falschen Wahrnehmung auf sich selbst, die sich darin zeigt, dass man Ziele überhaupt für nötig hält. Denn gerade in einem Leben voller Ziele bleibt der Stress, der Vergleich, der sorgenvolle Blick in die Zukunft – da wir in Gedanken woanders sind, nicht hier und jetzt, wenn wir an unsere Ziele denken.

Du bist bereits vollkommen

Man hält Ziele für nötig, weil man sich selber für unvollkommen hält. Man hält sich zwar nicht unbedingt für einen schlechten Menschen, zumindest nicht in allen Belangen, einige finden sich sogar in diesem oder jenem Bereich ganz passabel, und auch nicht alle Menschen streben Vollkommenheit an. Aber man denkt doch immer, man könnte noch etwas tun.

Hinzu kommt ein innerer Imperativ, hinter dem sich die böse Gesellschaft versteckt: Du musst dein Leben ändern. Werden wir ihr nicht schon früh und penetrant in der Schule ausgesetzt,  dieser Forderung, man müsse sich entwickeln, man müsse sich bilden, man müsse etwas aus sich machen, man müsse etwas werden, was man noch nicht ist? Irgendwann, zumeist recht früh in unserem Leben, übernehmen wir diese Auffassung und meinen, wir wären ein besserer Mensch, wenn wir vortragsreif vor großem Publikum reden oder fließend Italienisch parlieren oder singen oder tanzen oder Klavier spielen könnten … Oder wenn wir Ruhm und Reichtum, Geld und Größe, Besitz und Beliebtheit erlangt haben. Nun steht sich zu verändern jedem frei, der mit sich unzufrieden ist. Das Paradox liegt allerdings darin, dass die Änderung eines Wechsels der Einsicht bedarf: in die eigene Vollkommenheit.

Niemals wird man vollkommen sein, solange man sich sich nicht selber eingesteht, dass man bereits vollkommen ist – mit all seinen Unzulänglichkeiten.

Verwirrung stiften

Denn mit dem Leben ist es wie mit einem guten Gespräch, einer Wanderung, einer sexuellen Begegnung – es wird besser, wenn man sich keine Gedanken darüber macht, was man damit erreichen will. Wenn man nicht weiß, wo man hin will, sondern sich einfach dem Moment überlässt. Das kann verwirrend sein, aber die Verwirrung im Leben immer wieder anzunehmen kann die erleichterndste Übung überhaupt sein. Dass sein Leben nunmal keinem Schweizer Uhrwerk gleicht, sondern einem Astwerk, das im Laufe der Zeit verwirrend krumm gewachsen ist und weiter wachsen wird – dies sich einzugestehen ist durchaus befreiend – so wie es in Jack Kerouacs Roman Unterwegs heißt:

I had nothing to offer anybody except my own confusion.

Das Leben ist nicht dafür gemacht, Ziele erreichen zu wollen. Denken wir nur an die Begrenztheit unserer Zeit und die Endlichkeit unseres Lebens … wie alles hinfällig wird mit dem Gedanken an den eigenen Tod.

Ziele sind nicht wirklich nötig

Ziele scheinen uns daran zu hindern, mit dem zufrieden zu sein, was wir haben, was wir sind. Denn sie sind nicht real. Sie sind häufig nicht einmal an der Realität orientiert, manchmal sogar nicht an ihr interessiert. Sie sind Gedankenkonstrukte, wie sie nur der Mensch als imaginierendes Wesen (und vielleicht einige Affenarten) erstellen kann. Das bedeutet, dass es relativ wahrscheinlich ist, dass sie mit der Realität nichts zu tun haben. Sobald wir uns auf das Ziel konzentrieren, machen wir uns blind für Möglichkeiten, die das Leben bietet. Wir sind nicht mehr im Fluss, schwingen nicht mehr im Gleichklang mit dem Kosmos. Wir merken nicht, oder nicht schnell genug, wann wir eher in eine andere Richtung gehen sollten. Und Ziele werden niemals wirklich erreicht, und wenn doch, dann finden wir in ihnen nicht die Befriedigung, die wir uns erhofft hatten, wie wir spätestens seit Schopenhauer wissen:

Der erfüllte Wunsch macht gleich einem neuen Platz: jener ist ein erkannter, dieser noch ein unerkannter Irrtum.

Ein Ziel wie Klavierspielen lernen – wann können wir sagen, ob wir es wirklich in die Tat umgesetzt haben? Wenn wir so spielen wie Alfred Brendel? Oder reichen uns die Fähigkeiten eines Barpianisten? Selbst wenn wir unsere Ziele, wie es die Forschung rät, operationalisierter machen, also genau angeben können, was gegeben sein muss, damit das Ziel als erreicht gilt, (110 Tastenanschläge pro Minute), dann verschiebt sich der Horizont unserer Zielsetzung unmerklich nach vorne – und trotz aller Mühe und Anstrengung bleiben wir die abwesend dreinblickenden Zukunftszombies, die wir sind. Oder eben die unermüdlichen Ratten:

The trouble with the rat race is that even if you win, you’re still a rat.

Werte statt Ziele

Aber ist ein zielloses Leben nicht ein vergeblich gelebtes Leben? Man muss doch schließlich darüber nachdenken, was man will! Man darf sein Leben doch nicht einfach nur vorbeiziehen lassen wie einen vertrödelten Sommertag!

Natürlich ist es gut, sich Gedanken darüber zu machen, was man für ein gelungenes Leben hält und was genau dazu gehört. Denn das ungeprüfte Leben ist für den Menschen nicht lebenswert, mit diesen Worten hat Sokrates in seiner Verteidigungsrede vor den Athener Richtern den Wert der philosophischen Selbstreflexion hochgehalten. Tragisch wäre es aber, wenn wir dadurch die Trennung von uns selbst und von dem jetzigen Moment, den einzigen, den wir haben, noch größer machen als er eh schon ist. Und das tun wir immer dann, wenn wir die Dinge, die wir tun, nur als Mittel zum Zweck, zum erhofften Nutzen in einem fernen zukünftigen Augenblick tun.

Natürlich geht es nicht ohne Orientierung – wir wollen den Erfolg unseres Lebens nicht gänzlich den Launen des Zufalls überlassen. Wir sind auch keine Lebewesen, die rein nach ihrem Instinkt vertrauen könnten und mit dem Ergebnis zufrieden wären. Wir brauchen Orientierung. Aber auch ohne Ziele können wir Dinge erreichen. Auch ohne Ziele können wir ein gelingendes, nutzvolles Leben führen. Können wir uns verändern, lernen, wachsen. Der Weg besteht darin, Ziele immer öfter durch Werte zu ersetzen. Prinzipien, Ideale, Wertvorstellungen, die wir haben, geleiten uns viel motivierender und inspirierender durchs Leben als strenge Ziele. Wir sollten uns öfter fragen: Tue ich etwas, was mit meinen Werten und Prinzipien übereinstimmt?

Der Unterschied zwischen Zielen und Werten besteht darin, dass Werte den Spielraum meiner Handlungsmöglichkeiten zwar einschränken, dies jedoch nicht so strikt tun wie Ziele. Ziele sagen mir, was ich tun muss, um eine bestimmte Wirkung zu erzielen – ein Produkt, ein Ergebnis, eine Lösung. Ein Objekt (auch eine erworbene Fähigkeit kann ein Objekt der Außenwelt sein), dessen Existenz mich befriedigt und dessen Nicht-Existenz für mich bedauernswert und leidvoll ist. Werte hingegen sagen mir, ob ich im Einklang mit mir selbst, mit meinem eigentlichen Selbst bin. Handle ich im Einklang mit meinen Werten, dann hat mein Handeln seinen Sinn schon erreicht – unabhängig vom zukünftigen Resultat meiner Tätigkeit. Dies meint der römische Stoiker Seneca:

Seneca

Das größte Hindernis des Lebens ist die Erwartung, die vom Morgen abhängt.

Seneca

Wenn wir uns von der Erwartung, ein bestimmtes Ziel erreichen zu müssen, frei machen, und wenn wir unsere Handlungen von den Zielen, die wir mit ihnen erreichen wollen, frei machen, dann können wir einsehen, dass alles bereits da ist. Dass auch die unangenehme Handlung zufriedenstellend ist, wenn sie mit unseren Idealen übereinstimmt.

Kurzmitteilung

Das gute Leben

doWenn wir über uns und unser Leben nachdenken, in ruhigen Momenten, dann geht es uns meistens darum, ob wir ein gutes Leben führen. Doch was bedeutet das eigentlich, gut zu leben? Wann ist ein Leben einen gelingendes? Was brauchen wir dafür? Worauf können wir verzichten oder noch besser: worauf müssen wir verzichten um glücklich zu sein? Leo Babauta gibt in seinem Blog einige Tipps. Es handelt sich dabei eigentlich nur um kleine Dinge, doch die haben dafür eine umso größere Wirkung. und wie immer kommt es vor allem auf die richtige Einstellung an.

1. Man benötigt sehr wenig um glücklich zu sein. Ein bisschen Gemüse und Obst, sauberes Wasser, eine Unterkunft, ein paar Kleider, ein gutes Buch, ein Notizbuch, sinnvolle Arbeit und Menschen, die man liebt.

2. Wer wenig verlangt, ist niemals arm. Wenn du viel Geld hast und viel besitzt, und trotdem immer mehr verlangst, dann bist du ärmer als derjenige, der wenig hat und nichts will.

3. Konzentriere dich auf die Gegenwart. Mache dir keine Zukunftssorgen und klammere dich nicht an die Vergangenheit. Wie viel Zeit verbringt man ständig damit, an andere Dinge zu denken, als daran, wo man gerade ist und was man jetzt tut, rein körperlich, in diesem Moment?

4. Sei glücklich mit dem, was du hast und bist. Oft wollen wir anderswo sein, etwas anderes tun, mit anderen Leuten zusammen sein als mit denen, mit den wir gerade zusammen sind, und andere Dinge haben als die, die wir haben. Aber wo wir gerade sind, ist völlig in Ordnung, und mit wem wir zusammen sind (einschließlich uns selbst), ist bereits vollkommen. Was wir haben, ist genug. Was wir tun, ist bereits wundervoll.

5. Sei dankbar für die kleinen Freuden im Leben. Beeren, etwas dunkle Schokolade, Tee, alles einfache Freuden, die so viel besser sind als teuere Desserts, Cola, Süßigkeiten. Du musst nur lernen, sie wirklich zu genießen.

Ein gutes Buch aus der Bücherei,

ein Spaziergang mit einem guten Freund im Park,

ein bisschen Sport,

den Unsinn, den ein Kind von sich gibt,

das Lächeln eines Fremden,

barfuß auf dem Gras gehen,

ein ruhiger im Moment am Morgen, wenn die Welt noch ruht.

Das sind die kleinen Freuden, die das Leben gut machen, ohne dass man viel dafür benötigt.

6. Lass dich von Freude leiten und nicht von Furcht. Viele Menschen haben Angst etwas zu verpassen oder sich zu verändern oder etwas zu verlieren. Das sind keine angemessenen Gründe dafür, etwas zu tun. Tu stattdessen etwas, weil es dir oder anderen Freude bereitet. Lass deine Arbeit motiviert sein von der Freude daran, kreativ, bedeutungsvoll und wertvoll zu sein, aber nicht, weil du damit einen teuren Lifestyle unterstützen musst und weil du Angst hast ihn zu verändern.

7. Übe dich in Mitgefühl. Mitgefühl für andere erzeugt liebevolle und wohltuende Beziehungen. Mitgefühl für dich selbst bedeutet, dass du dir selbst deine Fehler der Vergangenheit vergibst, dich selbst gut behandelst, dich gut ernährst und Sport machst, und dass du dich so liebst, wie du bist.

8. Mach dir keine Gedanken über Produktivität und Zahlen. Es ist völlig unwichtig. Falls du dich in deinem Tun davon leiten lässt, bestimmte Zahlen oder Ziele zu erreichen, dann hast du wahrscheinlich aus dem Blick verloren, was wirklich wichtig ist. Wenn du dich aus Gründen der Produktivitätssteigerung stresst, dann vergehen deine Tage nur für diesen Zweck: produktiv sein. Das ist Zeitverschwendung. Dieser Tag ist ein Geschenk, wie jeder Tag, und er sollte nicht mit allem möglichen vollgemüllt sein. Verbringe deine Zeit damit, den Tag und das, was Du tust, zu genießen.

Die Kraft der Stille

Oft haben wir Angst vor der Stille, weil sie uns nur Leere und Langeweile bringt. Unser Geist ist wie ein Affe, der ständig unterhalten werden will. Wenn uns Stille droht, bekommt er es mit der Angst zu tun und flüchtet sich in tausend kleine Beschäftigungen – Internet, Fernsehen, Handy, mit anderen reden, lesen. Wenn wir trotzdem einmal  gezwungen sind, Stille zu erleben, fühlen wir uns wie im Leerlauf, unproduktiv und gelangweilt. Und so füllen wir unser Leben nach und nach mit Chaos, Lärm und Unordnung und merken gar nicht, welche Wirkung diese Einstellung auf unsere innereDie Kraft der Stille Ruhe und Gelassenheit hat.

Aber Stille kann auch schön sein, wenn wir nur zulassen, sie wirklich zu erleben.

Stille, Schweigen, Ruhe, Nichtstun können Heilmittel gegen Stress und Überforderung sein – gegen das ständige Gefühl, irgendetwas zu verpassen.

Aber wie lassen wir die Stille in unserem Leben zu, sodass sie uns keine Angst mehr macht? Wie lernen wir, nicht in sinnlose Beschäftigung zu fliehen, nur um uns nicht selbst begegnen zu müssen?

Im Grunde ist um uns herum niemals wirkliche Stille. Wenn wir einmal hinhören, werden wir sogar im leisesten Raum immer noch Geräusche und Klänge vernehmen – und sei es der des Blutes in unserem eigenen Ohr. Aber diese Geräusche sind es nicht, die die Stille vertreiben. Wir müssen die Stille in uns kultivieren, wie edle Pflanzen in einem Garten, die nur wachsen und blühen, wenn die notwendigen Bedingungen gegeben sind. Im Gegensatz zum Unkraut des Beschäftigtseins und des Lärms wächst und blüht die Stille nur, wenn man ihr den Raum dazu gibt.

Die Stille in uns ist einfach zu erreichen – einfach, aber nicht leicht. Der Weg zu ihr ist die Reduktion: Wenn ich etwas aus meinem Leben reduziere, das die Stille bisher unmöglich gemacht hat, dann wird sie nach und nach größer und stärker werden und die schönste Blüte im Garten meines Geistes werden.

Experimentieren wir also damit, etwas Unkraut aus dem verwilderten Garten herauszuziehen: leben wir eine Zeitlang ohne Handy. Einen Tag ohne Fernsehen. Eine Woche ohne Nachrichten. Einen Monat ohne Status-Updates. Eine Weile, wo wir unseren Internetzugang restringieren (there are add-ons for that).

Und wenn die Stille dann kommt und uns mit ihrer Langeweile und Leere überwältigen will, sodass wir das Verlangen verspüren, wieder etwas anderes in unser Leben hineinzuziehen: atmen wir, konzentrieren wir uns auf das, was geschieht, und warten einfach einmal ab. Es ist doch nur für eine gewisse Zeit. Einen halben Tag oder eine Woche. Wetten wir mit uns selbst, ob wir stärker sein können als unser Affengeist.

Dann erkennen wir, dass wir stärker sind, als wir gedacht haben.

Dass ein leerer Raum uns oft mehr geben kann als ein überfüllter.

Dass ein Zengarten schöner ist als ein Kaufhaus.

Und schließlich, wenn wir gewartet haben und achtsam darauf waren, was mit uns passiert, werden wir merken, dass wir innerlich wachsen. Dass unser höheres Selbst die Leere und den Raum, die wir ihm gelassen haben, mit innerer Stärke, Ruhe und Gelassenheit füllt.

Dann erkennen wir, dass Schweigen und Stille schön sind.