Heidegger und die Langeweile

Wo ist die Langeweile hin?

leereWir langweilen uns heutzutage eigentlich nicht mehr. Die Angebote der Unterhaltungsindustrie sind so vielfältig und umfassend geworden, dabei so preiswert zu haben und so verführerisch, dass kaum ein Augenblick vorbeigeht, an dem wir uns langweilen MÜSSTEN.

Es gibt zwar noch hier und da den Moment, da uns die Leere in unserem Leben bewusst wird, aber es dauert keine fünf Sekunden, da wir diesen Moment überdecken können mit einer Kommunikation, einem Spiel, einem Film, einer Musik, einer Lektüre.

Und dass allein die MÖGLICHKEIT da ist, jeden Moment sofort aus der Leere hinauszureißen, die Leere zu füllen, die Langeweile zu übertünchen, dass macht unser Leben schon zu einem, dem Langeweile an sich fremd geworden ist.

Langeweile droht nicht mehr am Horizont. Sie steht nicht als ein Schreckensgespenst am Morgen mit uns auf, so dass wir uns bewusst fragen müssten, was wir heute tun können, um die Langeweile zu vertreiben. Das Smartphone ist immer griffbereit, auch ohne dass uns die Langeweile uns erinnern müsste, wie öde uns die Zeit ohne es werden würde.

Unsere heimliche Gebieterin – die Langeweile

pexels-photo-91224Und trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen, ist die Langeweile die Beherrscherin unseres Lebens. Sie ist präsent, aber eben nur im Hintergrund. Da sie uns nicht mehr auffällt, kann sie uns um so schonungsloser antreiben, vor sich her treiben, herumkommandieren. Weil wir sie nicht bewusst wahrnehmen, spüren wir ihre Herrschaft nicht. Spüren nicht die Rute, mit der sie uns Tag für Tag knechten.

Und auch über unsere ganze Lebensgestaltung hat die Langeweile das Zepter übernommen: Wir wählen, wie wir leben wollen, weil wir unbewusst niemals mehr in die Verlegenheit kommen wollen, der Langeweile ganz und gar schutzlos ausgeliefert zu sein. So wählen wir unseren Job, der uns die Langweile vom Hals halten soll, unsere Beziehungen, unsere Freizeitgestaltungen. Unser Job soll dafür sorgen, dass wir stets genug Mittel zur Hand haben, durch den Konsum neuer Unterhaltungsprodukte der Langeweile ein Schnippchen zu schlagen – sie aus unserem Leben zu verbannen.

Die Leere bleibt im Hintergrund

Und doch bleibt da im Hintergrund die Leere. Das Grundrauschen der Existenz, wie sie der Philosoph Martin Heidegger genannt hat.

Hinter jedem Augenblick versteckt sie sich, die Leere, sie bleibt anwesend, wie die Stille unter dem Geräusch, wie die Sonne hinter den Wolken. Sie, diese allumfassende Leere, die wir in Momenten der Langeweile so qualhaft verspüren, ist die Basis unseres Daseins.

Dabei ist für Heidegger die Langeweile als Empfindung ein Initiationsereignis der Philosophie. Nur wenn wir uns langweilen, der Langeweile aussetzen, kommen wir zu einer metaphysischen Erfahrung.

lenbach_hirtenknabeDaher fordert Heidegger, dass der Mensch den Augenblick des leeren Verstreichens der Zeit ungeschützt und bewusst erfährt. Denn die Zeit ist es ja, die stets untergründig fortschreitet, verstreicht, dahinfließt – und diesen Fluss verdecken wir in jedem Moment, den wir mit irgendetwas Welthaltigem verbringen. Beschäftigt, besorgt, angeregt, vertieft in eine einzelne Tätigkeit. Doch in dem Moment, in dem sich kein Weltgehalt anbietet, also keine Beschäftigungsmöglichkeit da ist, an der wir uns festhalten und orientieren können, keine Unterhaltung, keine Arbeit, keine Bespaßung, kein Vergnügen – in diesem Moment bemerken wir die reine Zeit, die reine Anwesenheit.

Dem Schrecken des Nichts standhalten

Aber vor den Abgründen der Langeweile packt uns normalerweise die Angst vor der Leere – der horror vacui. Es zu unterlassen, diese Leere zu füllen, ist eine alltägliche Übung – eine Übung im Alltag. Der Mensch, der die Langeweile zulässt, kämpft gegen seine spontane Neigung an, unsere Verlorenheit und Verlassenheit zu bemerken. Denn dieses Bemerken erzeugt Schrecken. Diesen Schrecken muss man aushalten. Er macht einen intim bekannt mit dem Nichts.

Wir haben ja oft eine Sehnsucht nach einer echten Verbundenheit, nach Nähe, nach Intensität. Wir wollen echt und voll und wild leben. Wir wollen authentische Erfahrungen machen, wirkliche Begegnungen mit Menschen. Keine Sekunde ungenutzt verstreichen lassen. Unsere Zeit nicht nutzlos herumbringen, sondern voll und ganz ausfüllen und ausschöpfen. Und sei es bis zur Erschöpfung.

Erfüllung durch Leere

heidegger3Doch diese Sehnsucht nach Erfülltheit wird nicht befriedigt, indem wir den Dingen hinterherlaufen, uns von ihnen anregen, erregen lassen. Sie wird nicht gestillt durch Unterhaltung und Spaß und Beschäftigung.

Wir wollen ergriffen sein, doch all die kleinen Ablenkungen – ein Spiel auf dem Smartphone, ein oberflächlicher Smalltalk, eine Erholungsreise – ergreifen uns nie wirklich.

„Der einzelne“, sagt Heidegger, „wird vom Ganzen der Welt gerade dadurch ergriffen, das er davon nicht ergriffen, sondern leer zurückgelassen wird.“

Sich nicht ergreifen lassen – und selber wiederum nichts ergreifen. Die Stille hören, die Leere spüren, das Rauschen der Zeit wahrnehmen, das Nichts empfinden. Erst dadurch werden wir tatsächlich ergriffen.

 

Glücklich sein trotz Sinnlosigkeit? Schopenhauers Lebensweiheiten

Was kann uns Arthur Schopenhauer heute noch sagen? Wo für ihn das Leben doch eh sinnlos und Glück für den Menschen unerreichbar war …
Trotzdem gibt er in seinen „Aphorismen zur Lebensweisheiten“ einige praktische Tipps, worauf wir achten sollten, wenn wir Momente der Zufriedenheit erleben wollen.

Das Leben ist lang genug

Vor kurzem sah ich eine Grafik, in dem ein Leben von neunzig Jahren in Monaten auf einem einzigen DINA4-Blatt dargestellt wurde. Jedes Kästchen steht für einen Monat. Es gibt auch ein Blatt, in dem alle Wochen aneinandergereiht sind. Meine Reaktion: Erschrecken!

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DIE GROSSEN WEISHEITEN – PL #2: Schopenhauers “Aphorismen zur Lebensweisheit“

schopenhauerWie können wir trotz der Sinnlosigkeit des Lebens trotzdem einigermassen glücklich werden? Arthur Schopenhauers „Aphorismen zur Lebensweisheit“, erschienen 1851, geben Antworten.

Die besten Einsichten dieses philosophischen Klassikers werden hier übersichtlich und verständlich erläutert: 

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PL #2 – SCHOPENHAUER:

„Aphorismen zur Lebensweisheit“

 

Wie die Philosophie Ihr Leben verändern kann … 

Die großen Weisheiten aus über 2500 Jahren Geistesgeschichte – verständlich dargestellt und zusammengefasst. Von den antiken Denkern, asiatischen Weisheitslehrern und berühmten Philosophen der Neuzeit bis zur Positiven Psychologie und den Beststellern der Lebenskunst von heute.

Ob als 5-seitiges PDF, als Video, als Podcast oder eBook – die Weisheit der Welt stets in der Nähe.

 

Arthur Schopenhauer: Aphorismen zur Lebensweisheit (Teil 3): Das Glück der Einsamkeit

Die Feinde des Glücks

Es klingt so einfach. Warum sind wir aber trotzdem so selten glücklich? Schmerz und Langeweile sorgen dafür, dass sich kein innerer Frieden dauerhaft einstellen will. Ironie des Schicksals: je weniger Schmerzen wir haben, desto gröSchopenhauer_Portrait_by_Ludwig_Sigismund_Ruhl_1815ßer wird die Langeweile – und umgekehrt. Jeder Mensch wird entweder stärker von Unruhe und Schmerzen heimgesucht oder stärker von Langeweile gequält.

Die wahre Ursache der Langeweile ist jedoch die innere Leere, die uns immer wieder nach Ablenkung durch äußere Reize dürsten lässt. Unsere Sucht nach Unterhaltung, Gesellschaft, Vergnügen und Luxus entstammt dieser inneren Leere. Wir können ihr nur den inneren Reichtum, einen Reichtum des Geistes, entgegenhalten.

Einsamkeit und Glück

Dieser Reichtum des Geistes zeigt sich darin, die Einsamkeit aushalten zu können. In der Einsamkeit kann der Mensch sich beweisen, was er an sich selbst hat: ob er abhängig von äußeren Reizen ist oder mit sich selbst und seinen Gedanken genug hat. Dies ist auch für den geistreichen Menschen der sichere Weg zum Glück:

Der geistreiche Mensch wird vor allem nach Schmerzlosigkeit, Ruhe und Muße streben, folglich ein stilles, bescheidenes, aber möglichst unangefochtenes Leben suchen und demgemäß die Zurückgezogenheit und sogar die Einsamkeit wählen.

Geselligkeit hingegen ist nur ein Zeichen von geistiger Armut und von Gewöhnlichkeit. Je mehr wir also an uns selbst genug haben, je besser wir die Einsamkeit und das Alleinsein aushalten können, desto sicherer wird uns das Glück sein. Wer wenig äußere Unterhaltung nötig hat und „die Quelle seiner Genüsse in sich selbst findet“, ist unabhängiger und damit glücklicher. Alle äußeren Quellen der Freude wie Reichtum, Ehre, Besitz, Freundschaft und auch Liebe, sind ja von anderen abhängig und damit unsicher und vergänglich.

Demnach ist eine vorzügliche, eine reiche Individualität und besonders sehr viel Geist zu haben ohne Zweifel das glücklichste Los auf Erden.

Diese zeigt sich allerdings in dem Maße, wie wir in der Lage sind, es allein mit uns selbst und unserer Gedanken auszuhalten: in einem stillen Kämmerlein ohne jegliche Ablenkung, ohne Gesellschaft, Fernsehen, Internet – ja sogar ohne Bücher!

Wer geistreich ist, wird von seiner Geisteskraft schon genug unterhalten – zudem ist diese Unterhaltung edler und beständiger. Diese Fähigkeit zur „Sensibilität“ besteht in Kontemplation und Meditation, im reinen Denken, im Empfinden und Dichten, im Erfinden und Philosophieren im Bilden und Musizieren … der Genuss, der in der Ausübung dieser Tätigkeiten liegt, verspricht das größte, weil beständigste und am häufigsten wiederkehrende Glück!

Schopenhauer: Aphorismen zur Lebensweisheit (Teil 2) – Gesundheit und Glück

Für unser Glück zählt also vor allem das, was wir sind: unser Persönlichkeit. Denn nur sie liegt wirklich in unserer Macht, kann uns nicht genommen werden. Alles andere dagegen ist zweitrangig. Was das Schicksal für uns bereithält, zählt daher nur in zweiter Linie; was wirklich zählt, ist, wie wir darauf reagieren.

Weil es die Persaphorismen_zur_lebensweisheit-9783257236965_xxlönlichkeit ist, die für unser Glück ausschlaggebend ist, ist es auch wichtiger, gesund zu leben und sich selbst zu bilden, als sich um Besitz und Reichtümer zu kümmern. Die proportionale Zuordnung „Je reicher, desto glücklicher“ ist nämlich ein beliebter Trugschluss:

Großer Überfluss vermag wenig zu unserem Glück.

Statt für mehr Wohlbehagen zu führen, stören Besitz und Reichtum unser Glück nur durch die Sorgen, die mit ihnen einhergehen Die ständigen Fragen lassen wahre Gelassenheit gar nicht zu: Wie kann ich Besitz anhäufen? Wie vermeide ich, dass er mir geraubt wird? Welcher Konsum kann mich zufrieden stellen? Wie viel Konsum brauche ich? Wann ist genug?

Gar manchen daher sehn wir, in rastloser Geschäftigkeit, emsig wie die Ameise, vom Morgen bis zum Abend bemüht, den schon vorhandenen Reichtum zu vermehren. Über den engen Gesichtskreis des Bereichs der Mittel hiezu hinaus kennt er nichts: sein Geist ist leer, daher für alles andere unempfänglich.

Glücklicher wird derjenige, der sich stattdessen neben der Gesundheit und dem Erwerb des Nötigen darum kümmert, geistige Fähigkeiten auszubilden, die ihm echten, lang anhaltenden und unverfälschten Genuss erlauben.

Welche Fähigkeiten spielen für unser Glück die größte Rolle?

Ein edler Charakter, ein fähiger Kopf, ein glückliches Temperament, ein heiterer Sinn und ein wohlbeschaffener, völlig gesunder Leib – das sind die Eigenschaften, nach deren Erhaltung wir stets streben sollten.  Unter ihnen aber nimmt die Heiterkeit des Sinnes die wichtigste Stellung ein. Denn sie ist schon selber das Glück. Sie belohnt sich unmittelbar selbst, ohne Umwege. So kann sie auch am ehesten alle anderen Fähigkeiten und Glücksgaben ersetzen: ein fröhliches Gemüt ist zwar nicht alles, aber ohne es ist alles nichts.

Die Heiterkeit der Seele zu fördern ist also das Beste, was wir für unsere Glückseligkeit tun können. Und dafür ist nichts weniger wichtig als Geld und Besitz, und nichts wichtiger als die eigene Gesundheit. Nur wer gesund ist, kann auch wirklich heiter  sein und zufrieden mit seinem Leben. Und um dies zu erreichen, gibt es ganz praktische Tipps: Ausschweifungen vermeiden, heftige Gefühlsausbrüche ebenso wie zu große Denkanstrengungen, zwei Stunden Bewegung in frischer Luft pro Tag, kaltes Baden …

Unsere heutige sitzende Lebensweise sorgt am meisten dafür, dass wir unzufrieden sind und unsere Seelenzustand sich verschlechtert, denn wir erleben ein dauerndes Ungleichgewicht zwischen der Unruhe im Inneren und der äußerlichen Unbeweglichkeschopenhauer1it. Leben aber ist Bewegung, weiß schon Aristoteles, und daher ist nur durch sie körperliche Gesundheit und mit ihr das menschliche Glück zu erreichen. Klingt einfach …

Hieraus aber folgt, dass die größte aller Torheiten ist, seine Gesundheit aufzuopfern, für was es auch sei, für Erwerb, für Beförderung, für Gelehrsamkeit, für Ruhm, geschweige für Wollust und flüchtige Genüsse: vielmehr soll man ihr alles nachsetzen.

Epiktet: Das Handbüchlein der Moral

Eigentlich wollen wir alle doch nur glücklich sein. Wenigstens zufrieden mit uns und unserem Leben. Zumindest die meiste Zeit über. Aber irEpiktetgendwie kommt ständig irgendetwas dazwischen. Der Partner fürs Leben lässt auf sich warten, unser Berufswunsch lässt sich nicht verwirklichen, unsere Gesundheit lässt zu wünschen übrig – alles sehr lästig und eher hinderlich für unser Glück.

Normalerweise nehmen wir uns dann vor, noch härter an unseren Zielen zu arbeiten. Vielleicht setzen wir auch auf den Zufall oder sagen uns, die Zeit heile alle Wunden. Aber bald merken wir, dass wir mit unseren Wünschen und Träumen immer wieder gegen eine Wand rennen. Und selbst wenn sich mal ein Traum erfüllt, so sorgen wir uns ständig, er könnte uns wieder genommen werden. Das menschliche Leben scheint nicht für das Glück gemacht zusein!

Doch der antike Philosoph Epiktet  weiß einen Ausweg …


Angenehmes wollen wir haben, Unangenehmes wollen wir vermeiden. Wenn das nicht klappt, sind wir unglücklich. So einfach ist das. Wir müssen also dafür sorgen dass wir das bekommen, was uns angenehm ist, und dass wir dem aus dem Weg gehen, was wir ablehnen. Allerdings kann das nur dann dauerhaft funktionieren, wenn wir stets nur das wollen, was wir voll und ganz beeinflussen können: alles andere kann uns wieder genommen werden und wird uns in diesem Fall unglücklich machen. Es kommt also darauf an, unterscheiden zu lernen, was wir in unserem Leben beeinflussen können – und was nicht:

in unserer Macht steht:

  • was wir denken
  • was wir tun
  • was wir und wünschen und
  • was nicht

 nicht in unserer Macht steht:

  •  unser Körper: Aussehen, Zustand, Grundbedürfnisse …
  • unser äußerlicher Besitz: Haus, Auto, Geld …
  • was die Menschen über uns denken: Ruf, Ansehen, Ehre …

Wenn wir dies unterschieden haben, müssen wir es nun auf unsere Wünsche beziehen – wir müssen prüfen, ob das, was wir mögen, mit dem übereinstimmt, was in unserer Macht steht.

WAS LIEBST DU?

Doch meistens gehen wir relativ unbewusst durchs Leben, ohne uns wirklich im Klaren über unsere Vorlieben und Abneigungen und deren Gründe zu sein. Uns darüber bewusst sein, was wir lieben und was wir hassen, ist aber der Beginn davon unser Leben selber in die Hand zu nehmen. Wir müssen die Macht über unser Glück wieder erlangen – indem wir in uns sehen und uns kennen lernen. Erst dann können wir feststellen, ob wir tatsächlich das mögen, was wir voll und ganz beeinflussen können – ob wir also nicht Gefahr laufen, unser Herz an Dinge zu hängen, die vergänglich sind.

ES GEHT UM DEINE EINSTELLUNG

Wir gehen immer davon aus, dass es die Dinge sind, die Unglück oder Glück bereiten. Seltsamerweise aber bedeuten ein- und dieselbenDinge zwei verschiedenen Menschen jeweils etwas anderes. Der eine findet den Sommer gut, der andere mag ihn nicht. Es ist nicht der Sommer selbst, sondern die Vorstellung, die man von ihm hat, die unser Gefühl verursacht. Bei diesem Beispiel mag das leicht nachvollziehbar sein, aber was ist mit Dingen wie Armut oder Krankheit – das will doch keiner! Krankheit, sagt Epiktet , ist ein Unheil für den Körper, nicht aber für den freien Willen, wenn er es nicht selbst so wünscht. Wenn wir uns ein Bein brechen, dann ist nur unser Bein gebrochen, nicht aber unsere Seele. Wir müssen uns nicht schlecht fühlen deswegen – niemand zwingt uns. Selbst der Tod ist für manche kein erschreckendes Ereignis, Wenn sie nämlich sich damit abgefunden haben zu sterben oder der Meinung sind nun genug gelebt zu haben. Das sind natürlich extreme Beispiele, und hier werden sich die Meinungen über die Dinge bei den Menschen eher ähneln. Aber trotzdem: es bleiben eben nur Meinungen! Und diese liegen nicht in den Dingen selbst, sondern in uns. In Form von Einstellungen. Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen, sondern die Vorstellung von den Dingen.

ÜBE GELASSENHEIT

Daher sind es nicht die Dinge selbst, sondern unsere Einstellung zu den Dingen, die uns Glück oder Unglück bereiten. Und diese Vorstellungen sind wiederum etwas, was wir in der Hand haben, wie auch immer die Umstände sein mögen. Das ist nun wirklich einmal etwas, was worauf wir stolz sein können: Wie wir mit unseren Umständen umgehen. Wir müssen immer wieder trainieren, uns nicht innerlich gegen das aufzulehnen, was nicht in unserer Macht steht. Die Umstände selber können wir zwar beeinflussen, aber letztlich können wir doch nicht voll und ganz bestimmen, was geschieht. Unwägbarkeiten gibt es immer. Aber die Art und Weise, wie wir auf das reagieren, was uns in unserem Leben begegnet, die können wir bestimmen. Und die macht unseren Charakter aus und entscheidet darüber, ob wir glücklich sind oder nicht. Denn der glückliche Charakter ist der, der unterscheiden kann zwischen dem Notwendigen und dem Veränderbaren und daher bei allem gelassen und ruhig bleibt. Dies können wir entweder weise oder unweise tun.

Die Wahl liegt ganz bei uns. So können wir zum Beispiel wählen, wie wir mit Verlust umgehen. Wenn wir das, was wir verloren haben, als etwas betrachten, was wir zurückgegeben haben, dann wird uns ihr Verlust nicht so stark schmerzen. Wir sind ohne Besitz auf die Welt gekommen, wir haben etwas geschenkt bekommen, und es wurde uns dann wieder genommen … na und? Zwar fühlen die wenigsten ihrem Leben gegenüber so leidenschaftslos, und doch kann man eine solche Einstellung erlernen.

Wir können wählen, weise zu sein und weise zu handeln. Auch der Umgang mit dem, was wir besitzen, kann weise und philosophisch sein. Wir dürfen uns nur nicht zu viel aus unserem Besitz machen. Denn was wir besitzen, besitzt irgendwann uns – über die Sorge, die wir uns um unsere Besitztümer machen müssen: es darf nicht kaputt gehen, es darf nicht gestohlen werden, es muss gut versichert sein, es muss seinen Wert behalten, andere müssen es sehen können, wir brauchen einen geeigneten Raum dafür usw.

Begnüge dich mit dem, was geschieht, und dein Leben wird glücklich sein. Epiktet

Video Podcast über Epiktet

Arthur Schopenhauer: Aphorismen zur Lebensweisheit

Bild

Arthur Schopenhauer

Eigentlich ist das Leben sinnlos. Dauerhaftes Glück ist nicht möglich, Schmerz und Leid sind ständige Begleiter und einen Zweck hat es auch nicht, da weder Dasein nach dem Tod noch ein gerechter Gott zu erwarten sind, was einem das Ausharren entlohnen würde.

So lautet zumindest das pessimistische Fazit Arthur Schopenhauers, dessen Philosophie das Nichtsein dem Sein vorzieht. Besser wäre es, män würde sein ganzes Wollen und Begehren ein für allemal abstellen. Leider kommt der Selbstmord dafür nicht in Frage, da dieser nicht den wahren Ausweg aus dem Kreislauf des Leidens bietet.

Will man sich aber auf Erden ein halbwegs glückliches Leben machen, so steht Schopenhauer mit Rat zur Seite …

 

Wenn wir im Leben glücklich sein wollen, dann ist es wichtig, zwischen drei Aspekten zu unterscheiden, die unseren Alltag bestimmen:

Was einer ist Was einer hat Was einer vorstellt
Kraft, Schönheit, Gesundheit, Temperament, moralischer Charakter, Intelligenz, Bildung … Geld und Güter was man in der Vorstellung anderer darstellt: Ruhm, Ehre, Rang …
PERSÖNLICHKEIT EIGENTUM UND BESITZ ANSEHEN

Die Persönlichkeit ist das, was in uns selbst ist, wohingegen alles andere nur äußerlich ist. Und das, was in uns ist, hat direkten Einfluss auf unser Wohlbefinden – alles andere jedoch höchstens indirekt. Alles Äußerliche kann uns nur über einen Umweg glücklich oder unglücklich machen: nämlich über den des Inneren. Dinge wie Besitz oder das, was andere über uns sagen, müssen erst einmal unsere Vorstellungen und Gefühle beeinflussen, um überhaupt etwas mit unserem Glück zu tun haben zu können.

Natürlich ist es nicht vollkommen gleichgültig, was uns passiert: ob wir in einem wohlhabenden Land leben, ob wir gesund oder krank sind, ob ein guter Freund stirbt – all das kann unser Glück beeinflussen. Kann, muss aber nicht, weil es bloß die objektive Hälfte der Wirklichkeit darstellt. Die subjektive Hälfte aber bildet unser Bewusstsein, unseren Charakter. Dem kann niemand entfliehen und er ist ein erster Linie dafür verantwortlich, welches Leben wir führen und wie wir mit den Dingen des Schicksals umgehen.

Das Leben hält für den Menschen mehrere Arten von Genuss bereit: die sinnliche Lust, ein heiteres Familienleben, Geselligkeit, Unterhaltung, Bildung. Die höchsten Genüsse aber bietet dem Menschen nur der Geist. Alles zuvor genannte ist doch nur kurzzeitig und werden schnell schal. Die geistigen Genüsse, die des Denkens, aber sind lang anhaltend und vielfältig. Aber ob wir sie wirklich genießen können, hängt in erster Linie von unserem Charakter ab.

 

Die großen und geheimen Lehren des Waldes

Die „Brihad Aranyaka Upanischad“  (बृहदारण्यक उपनिषद्, zu deutsch etwa „Die großen und geheimen Lehren des Waldes“) ist einer der ältesten und gleichzeitig wichtigsten Teile der Upanischaden, der zwischen 700 und 200 v. Chr. entstandenen Sammlung philosophischer Grundtexte des Hinduismus.Die Essenz der Upanischaden von Eknath Easwaran

In ihr werden einige Gedanken entfaltet, die auch für unsere heutiges Leben große Bedeutung haben können. Die grundsätzliche Annahme dabei ist, dass es in der Welt ein einziges Prinzip gibt, das alles im Innersten zusammenhält. Die Welt der Vielfalt ist eigentlich eine der Einheit, in der alles mit allem verbunden ist. Die Upanischaden nennen dieses Prinzip Brahman. Es ist nicht nur in der Welt, es ist die Welt. Es ist zugleich immanent und transzendent.

Es ist aber auch zugleich jenseits der Welt, die wir mit unseren Sinnen erfahren können. Daher hat es keine Eigenschaften, die wir an ihm benennen können. Es ist nicht dieses, nicht jenes. Wir selber können es also nicht direkt erkennen, doch wir können seiner bewusst werden. In unserem normalen Alltagsleben jedoch achten wir nicht auf Brahman, weil wir von den Dingen unserer Wahrnehmung sowie von unseren Gedanken und Gefühlen abgelenkt sind. Wir sind von unserer Individualität abgelenkt, auf unsere Besonderheiten, auf die wir so stolz sind. Wir denken, dass uns diese Besonderheiten ausmachen.

Eigentlich jedoch sind wir etwas anderes. Wir sind ein Selbst, das nicht autonom ist, das nicht unabhängig von anderen Wesen wirkt, sondern ein Teil des großen, mit allem verbundenen Netzwerks der Wirklichkeit. Dieses höhere Selbst nennen die Upanischaden Atman.Upanishad_Quotes1

Das Selbst als „Ego“ dagegen ist das, was mit dem Körper und dem sozialen Leben des Menschen verbunden ist. Dieses Selbst ist normalerweise unsere Antwort auf die Frage „Wer bist du?“ – ein Selbst, das einen Namen hat, das wir zu bewahren versuchen, das wir zu bilden und zu verwirklichen versuchen, dem wir Bedeutung beilegen, weil es uns ausmacht: unsere Eigenheiten, unsere Identität, unsere Individualität: das, was uns von anderen unterscheidet, was uns begrenzt und definiert, was uns eben besonders macht.

Das aber ist nicht die wahre Identität des Menschen. Es ist nur eine Maske, endlich und mehr oder weniger zufällig, und mit dieser Maske verbergen wir unsere wahre und unendliche Natur.

Atman selber ist nicht definierbar.

Es ist ungreifbar, denn es kann nicht ergriffen werden. Es ist unverderblich, denn es ist dem Verderben nicht unterworfen. Es ist ungebunden; und doch zittert es weder vor Furcht noch leidet es Unrecht.

Dieses wahre Selbst – „jenseits von Hunger und Durst, Sorge und Illusion, Alter und Tod“ – ist die ewige Dimension der Wirklichkeit. Das, was eigentlich wirklich und wichtig ist, im Gegensatz zu dem, was wir in unserem Alltag so alles für wirklich und wichtig halten. Unser eigentliches, wesentliches Selbst geht über alle Begrenzungen hinaus, auch über Leid und Tod.

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Atman selber ist „der innere Lenker des Lebens“ – es ist kein Gegenstand unseres Bewusstsein, etwas, über das wir nachdenken, oder das wir gar sinnlich wahrnehmen könnten. Atman ist der Wahrnehmer der Wahrnehmung, also das, was allem Bewusstsein zugrunde liegt. Das, was in uns fühlt und denkt. Seiner bewusst zu werden, ist der Weg, auf dem wir uns bewegen sollten, wenn wir die Wirklichkeit erkennen und glücklich leben wollen. Wir bewegen uns dann von der vergänglichen Ich-Identität zum höheren Selbst, das unvergänglich und nicht vom Ganzen unterschieden ist. Ziel des menschlichen Lebens ist es somit, die ursprüngliche Einheit des Atman mit dem Brahman zu erkennen.