Einfach nur da sein

Über die Kunst, die Langeweile aushalten zu können …

Durch Ablenkung verstellen wir uns den Blick auf das wahre Leben. Technik und Geselligkeit ermöglichen es uns, dass wir uns in jedem Augenblick unterhalten fühlen. Doch ist es das, wofür wir leben wollen?
Lass die Einsamkeit zu, die Langeweile, die Leere. Nur in den leeren Momenten fühlen wir, was Leben heißt: einfach da sein, anwesend sein, atmen. Existieren.

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Die Leere in mir

Mache dich selbst von allem leer.
Lass den Geist in Ruhe weilen.
Die zehntausend Dinge entstehen und vergehen, während der Geist ihr Zurückgehen betrachtet.
– Lao Tse

In einigen Momenten können wir es noch erahnen, was es heißt ein lebendiges Wesen zu sein. Da zu sein. Einfach nur ein anwesender Mensch.

Als Kinder hatten wir sie oft, diese Momente des unverstellten Zugangs zur Welt – in unserer Trauer und Wut, in unserer Freude und sinnlosem Lachen. Im Schmerz unserer  Einsamkeit und im hoffnungsvollen Gefühl, irgendwann jemand anders sein zu können.

Vor allem in der irrsinnig lang erscheinenden Dauer all der Stunden und Tage. In der Unendlichkeit eines Jahres – wie haben wir gedacht, unsre Kindheit würde niemals enden. Wie haben wir gefühlt, wie lang eine halbe Stunde sein kann. Wie haben wir uns gelangweilt. Stundenlang.

Wir haben uns gefühlt und das reine Vergehen der Zeit.

Youth always tries to fill the void, an old man learns to live with it.
― Mark Z. Danielewski

Wie lang ist das her – als wäre es ein anderes Leben. Als hätte jemand anderes so gefühlt. Heute leben wir nicht mehr so. Wir langweilen uns höchstens für ein paar Minuten. Wir sind nicht allein, nie nur mit uns selbst.

Wir füllen die Leere. Füllen jede Sekunde, sobald wir auch nur ein wenig Unruhe verspüren, die ersten Anzeichen von Unzufriedenheit, von Ungenügen an der bloßen Gegenwart. Das Kribbeln in den Fingern, der Druck in der Magengrube. Alles in uns strebt danach, die Leere so schnell wie möglich auszufüllen, denn die Natur fürchtet das Vakuum.

leereUnd wir haben nun die Möglichkeiten, die wir als Kind nicht hatten: die technischen Möglichkeiten um der Leere in uns zu entgehen.

In beinahe jedem Moment haben wir Musik, Filme, Spiele, Lektüre, bekannte und unbekannte Gesprächspartner in Reichweite. Wir können alles tun um der Langeweile zu entkommen. Dem bloßen, bedeutungslosen Augenblick.

Aber mit ihm entkommen wir auch unsrem Leben selbst. Denn das, was unser Leben ausmacht, sind seine unmittelbaren Momente. Das, was zählt, ist das Dabeisein. Auch in der Leere anwesend zu sein, ihren Schmerz zuzulassen, muss man wieder lernen, falls man nicht Kind geblieben ist.

Warum aber haben wir heutzutage diesen Schutz angelegt, der es nicht zulässt, dass wir unverstellt der Welt gegenüberstehen? Weil uns die Welt mit ihrer Sinnlosigkeit und Leere im Grunde ängstigt? Weil wir mit der Beschäftigung dem Gefühl entgehen können nutzlos zu sein?

Glücklich sein heißt, ohne Schrecken seiner selbst innewerden können.
– Walter Benjamin

Aber die Leere zuzulassen bedeutet, mit dem Leben in Kontakt zu kommen. Die kleinen Momente des Nichts, der Abwesenheit von Beschäftigung sind die einzigen, in denen wir wieder fühlen können, was um uns herum ist: die Zeit, das Leben, uns selbst.

Aus dieser gefühlten, wahrgenommen Leere heraus können wir irgendwann zu wahrem Handeln kommen – zu einem, das nicht nur eine Flucht, ein verzweifeltes Suchen nach Sinn, eine sublimierte Begierde ist. Wenn wir üben, so oft wie möglich die Möglichkeiten der Flucht aus der Leere nicht zu ergreifen, sondern dem Gefühl standzuhalten, zu merken, was wirklich passiert, dann können wir auch unseren Schmerz, unsere Verzweiflung, unsere Langeweile begreifen und akzeptieren.

The artist’s job is not to succumb to despair but to find an antidote for the emptiness of existence.
― Woody Allen

Wie wäre es, jeden Moment zu nutzen?

Allein die Frage klingt schon schrecklich. Klingt nach Effizienz, Kosten-Nutzen-Rechnung, nach Produktivität um jeden Preis, nach schnödem Zweckdenken, nach der Prosa der Verhältnisse und überhaupt nach der optimalen Ausnutzung humaner Ressourcen – nichts, was wir in einem wahrhaft philosophischen Leben haben wollen. Im Gegenteil – wir brauchen zwecklose Schönheit, Poesie und Besinnung, Nachdenklichkeit bis ins Grüblerische, Verschwendung und Faulheit, Muße und Müßiggang – erst dann werden wir ein wahrhaft weises Leben führen können. In Friedrich Schlegels „Lucinde“ findet sich die Schlussfolgerung:

Und also wäre ja das höchste vollendetste Leben nichts als ein reines Vegetieren.

                                        Friedrich Schlegel: Lucinde

Reines Vegetieren also. Klingt einfach, doch wer tut es? Sicher, niemand tut es, weil es niemand (bis auf ein paar gesellschaftliche missfits) als wertvoll anerkennt. Weil jeder, der etwas auf sich hält, dem Diktat der Selbstverbesserung, des „Du musst dein Leben ändern“ unterworfen ist. Aber gesetzt den Fall, man wollte ernst machen mit dem Dahinvegetieren – harte Arbeit würde unser harren. Und wir würden es „progressive Entspannung“, „geführte Meditation“, „mystische Selbstversenkung“ nennen, gemäß der Anekdote von der Frau, die einer Mutter auf deren Auskunft, ihr Sohn habe jetzt mit Meditation angefangen, antwortet: „Na, besser, als wenn er nur rumsitzt und nichts tut.“

Aber wenn wir die Frage anders verstehen, nicht als Ausgeburt neo-liberalen Rationalisierungsdenkens, das den Menschen zur Verfügungsmasse wirtschaftlichen Handelns machen will, sondern als ernsthaftes Nachdenken über die Art und Weise, wie wir unsere Zeit verwenden – dann könnten wir ihr doch für eine weise Lebensführung einigen Nutzen abgewinnen. Denn uns ist Zeit gegeben, jeden Tag aufs Neue. Genauer und mit Augustinus gesagt: Uns ist Gegenwart gegeben, denn Vergangenheit ist stets nur Erinnerung und Zukunft nichts als Erwartung. Was wir haben, ist der Moment.

Er wird uns geschenkt, von wem auch immer. Doch wie lange diese Gabe, mag sie als Last oder als Segen empfunden werden, noch andauert, bleibt uns verborgen. Das ist das Tragische: Jack Kornfield formuliert es so: „The trouble is that you think you have time.“

Es kommt vor allem darauf an, ob es jemand anderes ist, der diesen Anspruch an uns richtet, oder ob das Verlangen nach einem produktiv geführten Leben in uns selbst seine Quelle hat und wir als autonome Subjekte handeln. Das mag schwer zu entscheiden sein, ist doch alles Verlangen auch wieder von außen, vom Anderen vermittelt. Aber mit ein wenig Selbstprüfung wird sich bald auch ein klarer Blick auf den wahren Ursprung unserer Wünsche einstellen.

Wenn der Imperativ „Nutze den Tag“ also nicht von anderen an uns gerichtet wird, sondern aus dem echten persönlichen Willen heraus, das Beste aus seinem Leben, seiner Zeit und seinen Fähigkeiten zu machen, sich selbst und anderen Lebewesen zum Gefallen: dann wäre es vielleicht doch klug, sich zu fragen, ob man jeden Moment auch so nutzt, wie man ihn in einem idealen Leben nutzen würde.

Man könnte sich mit Nietzsche beispielsweise vorstellen, dass dieses Leben und jeder Augenblick in ihm immer wiederkehren würde:

Wenn jener Gedanke über dich Gewalt bekäme, er würde dich, wie du bist, verwandeln und vielleicht zermalmen; die Frage bei Allem und jedem „willst du dies noch einmal und noch unzählige Male?“ würde als das größte Schwergewicht auf deinem Handeln liegen!

                      Friedrich Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft

Das wäre eine wahrhaft schwere Aufgabe. Nietzsches Aphorismus weist darauf hin, dass jeder Moment zwei Seiten hat: das, über das wir verfügen, und das, über das wir nicht verfügen.

Das, worüber wir nicht verfügen in den Augenblicken unseres Lebens, mag uns übermächtig vorkommen: oft genug verfügen wir nicht einmal über genug Zeit, um das zu tun, was wir wirklich tun wollen. Wir verfügen nicht immer über genug Geld, Macht, Ruhm, Ansehen, intellektuelle, seelische oder körperliche Fähigkeiten. Nicht einmal das Wetter können wir beeinflussen.

Doch in jedem Moment haben wir die Macht, etwas zu wollen bzw. nicht zu wollen –  unsere Einstellung gegenüber den Dingen zu ändern.

Also müssen wir akzeptieren, was nicht zu ändern ist, und mehr noch: wir können damit zufrieden sein, denn es ist das, was der Kosmos für uns vorgesehen hat. Das heißt freilich nicht, dass wir nicht versuchen sollten Dinge zu ändern, die wir für schlecht halten. Aber ändern können wir nur, was wir zuvor als real existent anerkannt haben.

Alle Momente lassen sich einteilen in zwei Oberkategorien:

  • Momente, in denen du allein bist.
  • Momente, in denen du mit Menschen zusammen bist.

Die Momente des Alleinseins lassen sich wiederum einteilen:

  • Momente, in denen du frei über deine Zeit verfügen kannst.
  • Momente, in denen du verpflichtet bist, irgendetwas zu tun.

Und auch die mit anderen Menschen verbrachten Momente lassen sich einteilen:

  • Momente, in denen du in relativ engem persönlichem Kontakt mit den Menschen stehst.
  • Momente, in denen der Kontakt eher rein physischer Natur ist (man teilt sich beispielsweise das gleiche Zugabteil mit Fremden)

In den Momenten, in denen wir allein sind, aber Verpflichtungen zu erfüllen haben, denen wir eine Priorität in unserem Leben zusprechen, ist es einfach, das Richtige zu erkennen: „Tu, was getan muss sein, und eh man dir’s gebeut“, wie es in einem Gedicht Paul Flemings heißt. Und es ist ratsam, den Dingen, mit denen man umgeht, uneingeschränke Aufmerksamkeit zu schenken.

In den Momenten, die wir mit Menschen verbringen, die uns und denen wir aus irgendeinem Grunde wichtig sind – sei es generell oder nur in dieser einen Situation – sollten wir ganz bei diesen Menschen sein. Wir sollten uns und den anderen die Höflichkeit und den Respekt schenken, den wir als fühlende Wesen verdienen, indem wir dem anderen vollkommene Aufmerksamkeit zukommen lassen. Das kann ein geliebtes Wesen, ein Kind, für das man sorgt, ein Mensch, mit dem man zusammen arbeitet, sein – aber auch der Verkäufer, der Postbote, der Nachbar im Treppenhaus sein.

Die Momente, die wir mit Menschen verbringen, die aber in dieser Situation keine absolute Priorität beanspruchen, gestalten sich hingegen etwas schwieriger: Wir können nicht immer tun, was wir wollen, haben aber bisweilen die Möglichkeit, uns uns selbst zu widmen. Ein gutes Beispiel ist die Warteschlange. Wir können nichts tun, außer warten, wir müssen aber auch nichts tun, außer warten. Hier beginnt es, problematisch zu werden, wenn wir unzufrieden darüber werden, dass wir jetzt warten müssen und nicht tun können, was wir wollen. Wir empfinden Langeweile, wir driften in Gedanken ab, wir werden unruhig, wir führen innere Selbstgespräche, wir sind nicht im Moment. Jedes Mal, wo wir denken: „Wäre ich doch jetzt …“, „Könnte ich doch jetzt …“, „Hätte ich doch …“ fliehen wir vor dem einzigen, das wir haben, und verneinen das Angebot, dass der Moment uns mit seiner Gegenwart macht.

Im Bus, in der Bahn, beim Gehen auf der Straße, im Auto, in der Warteschlange, überall dort, wo wir weder richtig alleine noch richtig in Gesellschaft sind, wird es gefährlich. Dies sind die Momente, in denen wir uns jedes Mal aufs Neue entscheiden müssen: gedanklich fliehen oder im Hier und Jetzt bleiben. Sich dem Leben stellen.

Die Möglichkeiten, sich „die Zeit zu vertreiben“, den Moment zu nutzen, sind natürlich dank diversen Tools und Gadgets ins Verführerische gestiegen. Die Nötigung, Einsamkeit, Langweile und Leere auszuhalten, ist aus unserem modernen Leben verschwunden. Aber gleichzeitig wissen wir, dass diese Nötigung für unseren hektischen Alltag vielleicht die allernützlichste sein. Diesen Moment zu nutzen hieße, ihn als solchen zu akzeptieren, ihn nicht zu fliehen. Ihn als Angebot aktiver Meditation wahrzunehmen. Sobald wir merken, dass wir nicht mit dem Moment und seinem Geschenk an uns eins sind, sobald wir Schmerz, Sehnsucht, Langeweile empfinden, können wir gewahr werden, dass nun die Zeit gekommen ist zu wachsen. Das Leben wahr- und hinzunehmen. Umgehen wir das reale Leben nicht mithilfe technischer Krücken. Sondern nutzen wir den Moment, um uns selber darin zu trainieren, achtsamer und aufmerksamer zu sein. Unser Glück und unsere Seelenruhe könnte davon abhängen.

Through meditation and by giving full attention to one thing at a time, we can learn to direct attention where we choose.

                                                               Eknath Eawaran

 

Die Kunst des Müßiggangs

»O Müßiggang, Müßiggang! du bist die Lebensluft der Unschuld und der Begeisterung; dich atmen die Seligen, und selig ist wer dich hat und hegt, du heiliges Kleinod! einziges Fragment von Gottähnlichkeit, das uns noch aus dem Paradiese blieb.« (Friedrich Schlegel: Lucinde)Bild

Faulheit und Nichtstun sind eigentlich nur andere Begriffe für das vollkommene Leben. Im Alltagsgebrauch haben sie oft etwas Anrüchiges, etwas, was man mit mangelndem Ehrgeiz und schlechtem Charakter verbindet. Etwas, was man gerne über andere sagt, aber nicht über sich selbst hören möchte.

Im philosophischen Sprachgebrauch aber kennt man sie unter den Namen Muße und vita contemplativa, und als solche sind sie seit der griechischen Antike positiv konnotiert. Ein kontemplatives Leben führen heißt, das Leben in seinem eigentlichen, dem Menschen zukommenden Sinne zu führen. All der Fleiß und die Mühen der Arbeit, all das Zielesetzen und Aufgabenerledigen, all das Aktivsein und  sind doch im Vergleich zur Ruhe des gekonnten Müßiggangs niedere, geistlose und unkünstlerische Veranstaltungen.

Faulheit, Nichtstun, Müßiggang, Muße, Kontemplation und dergleichen Begriffe haben sicherlich nicht die gleiche Bedeutung – sie unterscheiden sich vor allem in dem Grad von Nützlichkeit bzw. Schädlichkeit, den wir ihnen zusprechen. Während Faulheit bisweilen als moralisch fragwürdig bis gefährlich angesehen wird und Müßiggang als aller Laster Anfang (aber auch als notwendige Auszeit zur Reproduktion von Arbeitskraft), finden Muße und Kontemplation ihren Wert oft in ihrer dienenden Funktion für einen innovativen, kreativen Geist: aus der äußeren Passivität resultiert vermehrte innere Aktivität und Schöpferkraft, die sich wiederum zu Fortschritt und Wohlstand einsetzen lassen.

Aber gemeinsam ist all diesen Begriffen doch eines: die (befristete) Abkehr von unhinterfragter Arbeit und geist- und zwecklos gewordenem Handeln. Und mag es dem Menschen auch nicht gegeben sein, schicksallos wie der schlafenden Säugling in ewiger, stiller Klarheit zu ruhen, so ist es ihm doch erlaubt, zugunsten seines eigenen Glücks Momente der Ruhe und des Nichtstuns zu erleben – wenn er sie sucht!

Die wahre Kunst des Lebens besteht sicherlich darin, Muße und Arbeit, Passivität und Aktivität, Geschehenlassen und In-die-Hand-nehmen miteinander in Einklang zu bringen. Doch während wir in den westlichen Gesellschaften aufgrund unserer kulturellen Prägung seit Jahrhunderten kein Problem damit haben, das Handeln bis zum blinden Aktivismus gutzuheißen, fällt uns das indisch-meditative Einfach-nur-da-sein schwer.

Nichtstun: Es muss begründet werden (als müsste man begründen, dass man „nur“ lebt), es muss seine Rechtfertigung finden (als müsste nicht eher jede Aktion, jedes In-die-Welt-gehen gerechtfertigt werden), man muss es mit gutem Gewissen tun können (als wäre unser gutes Gewissen etwas anderes als die vehement in die Kinderseele eingebleute Instanz der Lehrer, Eltern, Politiker, Unternehmer, deren Lebenszweck schon seit jeher im unhinterfragten Handeln und blinden Fortschreiten in welche Richtung auch immer bestand).

Warum aber kann ich nicht stundenlang am Weiher liegen und den Mücken und Libellen zusehen?

Warum fällt es uns so schwer, die gottähnliche Kunst des Müßiggangs zu pflegen? Und was können wir tun, um das Leben so zu genießen, wie es ist, ohne vermessene Ansprüche, ohne sich Sorgen um die Zukunft zu machen oder reuevoll in der Vergangenheit zu verweilen? Wie können wir den Augenblick wieder heiligen, wie wir es als Kinder taten?