Einfach nur da sein

Über die Kunst, die Langeweile aushalten zu können …

Durch Ablenkung verstellen wir uns den Blick auf das wahre Leben. Technik und Geselligkeit ermöglichen es uns, dass wir uns in jedem Augenblick unterhalten fühlen. Doch ist es das, wofür wir leben wollen?
Lass die Einsamkeit zu, die Langeweile, die Leere. Nur in den leeren Momenten fühlen wir, was Leben heißt: einfach da sein, anwesend sein, atmen. Existieren.

Advertisements

Woher kommt die Angst?

Wenn wir zögern, wenn wir zweifeln, wenn wir nicht handeln, wo wir handeln könnten … wenn wir schweigen, wo wir sprechen müssten, wenn wir nicht die Wahrheit sagen, obwohl wir sie kennen, wenn wir nicht für jemanden oder etwas einstehen, der oder das uns wichtig ist … woher kommt das? Warum weichen wir dem Leben so oft auVon der Angst zum jetzigen Moments?

Weiterlesen

Was ist dein Problem?

Unser Verstand liebt Probleme. Er liebt sie so sehr, dass er selber welche erschaffen muss, wenn es keine gibt. Das macht ihn aus, das verschafft ihm Genugtuung, denn nur, wenn wir Probleme haben, brauchen wir ihn. Unser Verstand ist wie der Staat – täglich ist er damit beschäftigt, uns neue, nervenaufreibende Probleme zu bereiten, damit wir ihm dankbar sind, seine Hilfe annehmen und auf ihn hören.Die Kraft der Stille

Das ist seine Existenzberechtigung. Von der Energie, die wir in die Lösung unserer täglichen Probleme stecken, ernährt er sich. Von dieser Nahrung wird er groß und stark, so stark, dass er immer mehr Macht über unser Leben bekommt. Und mit dieser Macht wiederum erschafft und erfindet er Probleme – Probleme die wir ohne ihn gar nicht hätten.

Weiterlesen

Das Gesetz der reinen Möglichkeit

Was sind wir eigentlich? Was macht uns aus? Was sind wir in unserem innersten Wesen, wenn alles andere – Alter, Geschlecht, Rasse, Nationalität, Familie, Erziehung, Erfahrungen, Vorlieben … – weggefallen ist? Wenn wir nicht das sind, was wir denken und fühlen, was bleibt dann noch?IMG_0023

Die reine Bewusstheit, die bloße Achtsamkeit. in unserem tiefsten Inneren sind und bleiben wir immer dieses nackte Sich-bewusst-sein. Und in diesem Bereich sind wir wirklich frei, denn in ihm liegt jede Möglichkeit unseres Lebens begründet. Aus der reinen Aufmerksamkeit heraus entspringt alles Wissen, alle Fühlen, jegliche Intuition – sie ist die Stille, die allen Formen erst zu ihrem Dasein verhilft.

Dieses stille Gegenwärtigkeit ist etwas in uns, was nicht beeinflusst ist von äußerem Geschehen. Es ist immer da, unterliegt allen Regungen in uns und allen Handlungen, die wir vornehmen, während es selber aber nicht von diesen Regungen und Handlungen verändert wird. Die Regungen, Gefühle und Gedanken, sind es, die unsere Individualität ausmachen. Woran wir uns erinnert können und was wir uns wünschen, das bildet den Kern unseres Ego – doch das ist wiederum nur eine Rolle, eine soziale Maske, die wir an- und ausziehen können. Manchmal haben wir diese Erinnerungen, manchmal jene, je nach Situation wünschen wir uns unterschiedliche Dinge, wir handeln und sprechen verschieden je nach den Umständen. Dieses Ego ist es, was uns vergessen lässt, dass wir in unserem Inneren eigentlich bloße Aufmerksamkeit sind. Das Ego ist unersättlich, es braucht stets Bestätigung von außen und es will die Kontrolle behalten. Dabei hat es nur Angst, all dies zu verlieren, und deshalb ist all sein Handeln darauf bestrebt, noch größere Macht zu erlangen.

Doch das ist nicht unser wahres Selbst. Wenn wir uns für einen Moment von unserem Ego befreien, merken wir, dass wir eigentlich ohne Angst sind. Unsere Seele braucht diese Bestätigung durch Erfolge, Befriedigung oder Zuspruch nicht – sie ist immun gegen Kritik und hat keine Angst vor Herausforderungen. Wir können das manchmal erfahren, wenn wir die Stille in uns vergrößern, ihr Raum geben. In Distanz zum alltäglichen Stress, zum Geplauder der Gedanken, zu den Anforderungen und Erwartungen, die man erfüllen zu müssen glaubt, können wir eine Stille erleben, die uns Zugang zu unserem wahren, furchtlosen Selbst verspricht. In dieser Stille – die wir körperlich und geistig erfahren – müssen wir nichts erledigen, wir müssen nur achtsam auf den Moment sein, bloß da sein.

In kleinen Momenten können wir im Alltag immer wieder versuchen, zu dieser Stille, zu dem Raum der reinen Möglichkeiten, Zugang zu erhalten. Am besten üben wir es, wenn wir uns bewusst zurückziehen, in die Natur, in die Betrachtung des Himmel, in das Hören eines Tons, in das Riechen einer Blume. Von diesem Punkt innerer Seelenstille heraus können wir lernen, auch die alltäglichen Aktivitäten um uns herum zu beobachten, ohne sie zu bewerten. Wenn wir davon absehen, alles immer zu bewerten, können wir die Freiheit und die Möglichkeiten um uns herum vermehren. Die Urteile, die wir routinemäßig von uns geben und mit der wir die Welt in Gut und Böse (für uns angenehm oder unangenehm) einteilen, hindern uns oft nur daran, die Welt so wahrzunehmen, wie sie wirklich ist. Erst dann, wenn wir uns das erlauben, können wir schließlich lernen, uns selbst zu akzeptieren.

Kann man sich selbst verbessern?

Schon seit Urzeiten kreisen die Sorgen der Menschen darum, besser zu werden. Ihren Geist zu schulen, ihren Charakter zu veredeln, ihren Körper gesünder, kräftiger und beweglicher zu machen. Unserer gesamten (westlichen) Zivilisation wohnt ein Streben inne, sowohl individuell wie gesellschaftlich, das Peter Sloterdijk in seinem Traktat „Du musst dein Leben ändern“ mit dem Begriff der „Vertikalspannung“ bezeichnet hat. Bei Galen heißt es:

Um ein vollendeter Mensch zu werden, muss sich ein jeder sein ganzes Leben lang üben.

Aber was wäre, wenn es diese Möglichkeit gar nicht gibt? Wenn man sein Denken gar nicht transformieren kann, wenn man gar kein anderer, besserer Mensch werden kann? Wenn das alles nur eine Illusion ist, die uns ständig im Hamsterrad der Selbstoptimierung laufen lässt? Denn bei jedem „Ich muss besser werden“, das wir uns ins Tagebuch schreiben, besteht ja schon der Widerspruch, dass das Ich, das diese Worte schreibt, das ist, das verbessert werden muss, gleichzeitig muss es selber ja handeln und seine Verbesserung anstreben, also schon irgendwie „gut“ sein.

Und worin soll die Verbesserung bestehen? Dass wir eine Fähigkeit besser ausüben können, dass wir besser auf eine bestimmte, immer wiederkehrende Situation reagieren, dass wir uns mehr bewegen, gesünder ernähren und öfter meditieren? Warum soll das besser sein als das, was wir jetzt bereits machen? Nur, weil wir uns vorgenommen haben, das zu tun? Oder weil uns jemand gesagt hat, es sei besser? Aber das, was wir getan haben, war keine Fähigkeit, und unsere Reaktion in diesem speziellen Moment war kein Charakterzug, und unsere gelassene Stimmung an diesem Morgen war keine Geisteshaltung. Es war eine einzelne Tat, die wir getan haben, und auch morgen wird es wieder nur eine einzelne Tat sein: ein gesundes Essen, eine halbe Stunde Meditation, eine freundliche Geste, ein Geschenk an andere … Nirgendwo gibt es Fähigkeiten und Charaktereinstellungen, es gibt nur Handlungen, Gefühle und Gedanken im Hier und Jetzt.

DaoTaoUnd woran könnten wir es messen, dass wir wirklich besser geworden wären? An unserem ehemaligen Ich, das „schlechter“ war? Aber das existiert schon längst nicht mehr, daher ist es auch Unsinn, sich mit ihm messen zu wollen. Oder sollten wir uns vergleichen mit dem, was wir sein könnten? Mit einem vagen Ideal, mit einer Wunschvorstellung von uns selbst? Aber die bleibt unerreichbar, oder zumindest bewegt sie sich genau so schnell von uns weg wie wir uns weiterbewegen. Denn unsere Wunschvorstellungen ändern sich, unsere Ziele entfernen sich von uns, und so können wir niemals dort ankommen, wo wir wirklich sein möchten: ein besserer Mensch zu sein.

Es scheint wirklich eine Illusion zu sein, dieser Wunsch, sich selbst zu verbessern. In dem Moment, wo wir verstehen, dass es nicht darauf ankommt, ja, dass es gar nicht möglich ist, ein besserer Mensch zu werden, verspüren wir eine große Erleichterung. Wir merken, dass es nur darauf ankommt, in diesem Moment so zu handeln, wie wir es für richtig halten. Immer und immer wieder. So wie es beim Meditieren nicht darauf ankommt, dreißig Minuten lang in sich selbst versunken zu sein, sondern nur auf diesen einen Atemzug, ihn so richtig wie möglich zu bemerken, immer und immer wieder.

Die Natur brüstet sich nicht, dass sie Natur ist, noch hält das Wasser über die Technik des Fliessens eine Tagung ab. So viel Gerede wäre an die verschwendet, die es nicht brauchen. Der Mensch des Tao lebt im Tao wie ein Fisch im Wasser. Wenn wir dem Fisch beizubringen versuchen, dass Wasser physikalisch aus zwei Drittel Wasserstoff und einem Drittel Sauerstoff besteht, würde er sich schieflachen.

Alan Watts

Was will der Kosmos von mir?

Wir sind nicht Herr unseres Lebens. Auch wenn der Augenschein dagegen sprechen mag – wir sind dem Schicksal unterworfen.

Normalerweise denken wir so nicht. Unsere Einstellung als modernes Individuum, als freies, unabhängiges Subjekt, verbietet uns das. Wir lernen früh, dass wir unser Schicksal in der Hand haben, dass wir keine Opfer sein dürfen, dass wir unseres Glückes Schmied sind. Dass es darauf ankomme, sich selbst zu verwirklichen. Dass wir uns als Autoren unseres eigenen Lebens begreifen müssen, engagiert, selbstbestimmt. Und dass der Erfüllung unserer Träume und Wünsche kaum mehr Grenzen gesetzt sind als die unseres Willens.

Daher begreifen wir uns als frei und darin finden unseren Wert und unsere Selbstbestätigung.

All dies ist nicht vollständig falsch. Doch es hinterlässt in uns das Gefühl, wir könnten gänzlich über unser Leben bestimmen und wären für das verantwortlich, was mit uns geschieht. Und hätten Schuld an dem, was nicht funktioniert hat wie geplant – denn unsere Schuld liegt darin, dass wir schlecht geplant haben.

Die Illusion der Kontrolle 

Aber im Grund ahnen wir, wie wenig wir wirklich unter Kontrolle haben. Wir geben uns nur der Illusion hin, unsere Kontrolle wäre größer als die Unwägbarkeiten des Lebens.

Im Grunde ahnen wir, auf wie dünnem Eis unsere Existenz eigentlich steht – wenn wir es wirklich wüssten, wären wir schon nicht mehr handlungsfähig.

Im Grunde sind wir nicht mal Herren im eigenen Haus, haben weder Gedanken noch Gefühle im Griff. Auch unsere Wünsche und Begierden können wir kaum steuern.

Auch unsere Selbstverwirklichung, die Richtung unseres Werdens und Wachsens, scheint nur für den jetzigen Moment in unserer Hand zu liegen. Wenn wir später auf unser Leben zurückblicken, merken wir, wie wenig wir davon selber gesteuert haben. Wie sehr das, was wir geworden sind, von einer unsichtbaren Hand geführt zu sein scheint.

Das wäre alles noch kein großes Problem – was soll dabei sein, wenn wir glauben wir wären der Autor unseres Lebens, doch in Wirklichkeit schreibt sich das Buch unseres Lebens selbst? Eine weitere kleine Selbsttäuschung unter vielen …

Wäre da nicht die Isolation, die wir empfinden. Mit jedem Plan, den wir gegen „die Welt“ durchsetzen. Mit jedem Wunsch, der an der „Realität“ scheitert. Stets begreifen wir uns dann als im Wesen einzelne, vereinzelte, einsame. Natürlich können wir Freunde haben – aber wehe, wenn sie unseren Zielen im Weg stehen. Natürlich können wir unsere Mitmenschen sympathisch finden – aber wehe, wenn sie unsere Selbstentfaltung behindern. Natürlich können wir die Welt schön finden  – aber wehe, wenn sie uns daran hindert unseren Weg zu gehen. Wehe, wenn irgendetwas nicht so funktioniert, wie wir es geplant hatten.

Dann merken wir, was vielleicht unser Grundgefühl ist: dass wir und die Welt verschieden sind, dass die Welt uns feindlich gesinnt ist und wir ihr nicht vertrauen können. Dass wir uns nicht voll und ganz auf sie verlassen können, um erst einmal zu sehen, was das Leben uns bringt. Wir müssen kämpfen, sind getrennt und allein.

Ich wechsele die Perspektive

Ich versuche, das Leben als weise anzusehen. Das Leben, die Welt, das Schicksal, das dharma, das taiji, das dao – wie immer man es nennen mag – ist älter als ich und erfahrener. Es ist länger da und weiß vielleicht mehr. Vielleicht hat es einen Plan für mich und ist nicht bloß unvorhersagbares Chaos. Vielleicht bin ich Teil dieses Plans und Teil des Kosmos. Vielleicht bin ich der Kosmos, habe es nur noch nicht erkannt.dharma

Daher frage ich mich: „Was will der Kosmos von mir?“ In allen Momenten, in denen ich merke, dass jetzt etwas mit meinem Leben passiert, was ich nicht vorhergesehen habe, was ich ablehne, was ich vermeiden will, frage ich mich: „Was will der Kosmos von mir?“

Immer, wenn ich auf etwas stoße, das mich an der Durchführung meiner Pläne hindert, frage ich mich: „Was will der Kosmos von mir?“

Immer, wenn ich irgendwo unerwartet anhalten muss, von meinem Weg abweichen muss,

wenn ich merke, dass sich Stress, Druck und Angst in mir ausbreiten, sage ich mir: Der Kosmos wird in seiner Weisheit schon seine Gründe dafür haben. Und ich frage mich: „Was will der Kosmos von mir?“

Und die Antwort darauf ist immer: Das, was jetzt geschieht. Denn immer ist das, was geschieht, das, was geschehen soll. Das, was der Kosmos für mich vorgesehen hat. Der Kosmos will anscheinend, dass ich jetzt hier stehen bleibe, dass ich einen Umweg gehen muss, denn es scheint keine vernünftige Alternative zu geben.

Der Kosmos will anscheinend, dass mir das jetzt passiert, wie schlimm es auch sein mag. Irgendetwas daran scheint notwendig zu sein, denn sonst wäre es nicht geschehen.

Und sobald ich dies denke, sobald ich mich dem höheren kosmischen Willen anheim gebe, kehrt innerlich Ruhe ein und der Druck löst sich. Ich fühle mich nicht vereinzelt und im Kampf gegen das Schicksal, sondern in Harmonie mit dem Leben.

„Schon wieder so ein Idiot, der mit dem Kosmos im Einklang ist.“
Funny van Dannen

Und aus diesem Gefühl heraus, dem Gefühl ruhiger Akzeptanz des Gegebenen, kann ich Wege finden, die mich die Situation verändern lassen. Die mir zeigen, wie ich angemessen, mit dem Wissen grundlegenden Einssein, mit dem Leben umgehen kann.

Ich kämpfe nicht. Ich suche mit dem Leben zusammen nach dem Weg, den der Kosmos für mich will.

Alles hinter sich lassen

Je stärker uns das Effizienzdenken ergreift, desto verführerischer wird die Einstellung, immer mehr in immer weniger Zeit zu tun. Schneller zu werden und die Pausen ausfallen zu lassen, wenn sie nicht wirklich wichtig sind. Auch die kleinen, oft unmerklichen Übergange von einer Aktivität zur anderen, von einem Menschen zum anderen lassen wir unbewusst ausfallen. Je schneller wir uns der nächsten Aufgabe widmen – denken wir –, desto schneller können wir sie erledigen. Desto erfolgreicher wird unser Leben sein.

Nicht nur den Momente, die der Arbeit gewidmet sind, sondern auch in denen, die wir schöpferisch, kontemplativ, spielerisch, liebend verbringen, nehmen wir mehr und mehr die Logik der Maschine an. Wir denken und erleben in quantitativen Kategorien, weil wir unsere Identität und unseren Selbstwert von der Zahl der erzählbaren Erlebnisse, der fotografierten Momente, der gelesenen Bücher und der aufzählbaren Freunde abhängig machen.confirmez

Das führt oft dazu, dass wir die einzelnen Momente gar nicht mehr unterscheiden, sondern von einem zum anderen hetzen, ohne innezuhalten und wirklich dazusein. Ohne den Moment wirklich genießen zu können. Schließlich erleben wir unseren Alltag als Abfolge von stressigen Situationen, die Menschen um uns herum als nervig und die Zeit als immer zu knapp.

Dabei haben wir für das, was zählt, genau so viel Zeit, wie wir brauchen. Wir müssen nur dabei sein. Wenn wir irgendwo ankommen, sollten wir innehalten, durchatmen, lächeln, wahrnehmen, einfach nur da sein. Ebenso, wenn wir mit einem anderen Menschen zu tun haben oder uns einer anderen Aufgabe widmen. Wir können in diesen Pausen ein Teil von dem, was wir emotional und mental „im Gepäck“ haben, zurücklassen: unsere Gedanken und Gefühle, unsere Erwartungen und Wünsche, unseren Stress und Zeitdruck.

Normalerweise schleppen wir all das ständig mit uns herum, egal wo wir sind und wo wir hinkommen. Dementsprechend sind auch unsere Gespräche, unser gesamtes Tun davon beeinflusst, wie viel wir mit uns herumtragen.

Sobald wir uns aber bewusst die Zeit dafür genommen haben, wirklich innezuhalten und wahrzunehmen, wo wir sind, wer die anderen sind, wie alles aussieht, riecht,sich anhört und anfühlt, dann können wir mit dem neuen Moment in unserem Leben besser und stressfreier umgehen. Denn dann erinnern uns daran: wir sind genau da, wo wir sein sollen. Die vergangenen Momente sind vorbei, sie haben nichts mehr zu bedeuten – es sein denn, wir halten krampfhaft oder auch nur unbewusst an ihnen fest. Die zukünftigen Momente existieren noch nicht, also müssen wir uns auch nicht mit ihnen herumschlagen. Wenn wir loslassen, merken wir, dass wir dem Moment offener gegenüber treten können. Das kann nur über bewusste sinnliche Wahrnehmung geschehen, die uns den Wert des Moments vermittelt.
Wie beim Atmen.

Das Lassen – das Nicht-Tun – und die Pause sind essenziell beim Atmen und im Leben und lassen ein ‚Ausbrennen’ nicht zu.

Erst dann können wir ihn wirklich genießen. Können wir unser Leben genießen.

Dabei sein ist alles.

I did not care what it was all about. All I wanted to know was how to live in it. Maybe if you found out how to live in it you learned from that what it was all about.

Ernest Hemingway


Worauf kommt es eigentlich wirklich an im Leben?

Wir hetzen von einem Moment zum anderen, von einem Ort zum anderen, von einem Produkt zum anderen, von einem Partner zum anderen. Wie heißt es bei Lawrence Sterne:

Was ist des Menschen Leben? Ein Schwanken hierhin – dorthin – von Sorge zu Sorge. Ein Loch stopft man zu, – ein anderes ist gleich wieder da.

Aber der Wechsel an sich ist doch nichts Schlechtes! Schließlich liegt das Wesen des Lebens in Veränderung und Wandel: „Wer lebt, muß auf Wechsel gefasst sein.“ (Goethe) Wir müssen uns verändern, um uns treu zu bleiben, und nichts ist doch schlimmer als der Spruch „Bleib wie du bist.“

Das Problem ist jedoch zweierlei: erstens, dass die Veränderung immer schneller vonstatten geht. Dass wir uns mit dieser Veränderung Schritt halten müssen, um etwas zu gelten. Und dass wir das Gefühl haben, irgendwann nicht mehr nachkommen zu können. Wir wollen uns ja verändern, aber doch nicht in dieser Geschwindigkeit.

Zweitens verliert die Veränderung ihren Zweck. Im Grunde wissen wir gar nicht so genau, wo wir eigentlich so schnell hinwollen. Dies führt zu dem Gefühl der Entfremdung – einem aus der Soziologie bekannten Begriff, der das Empfinden einer Distanz von unserem eigenen Erleben beschreibt: die Dinge, die Orte, unsere Mitmenschen,unsere Arbeit, unsere Tätigkeiten, jeder Moment scheint uns umso fremder zu werden, je schneller sich alles um uns herum verändert und je zweckfreier der ganze Stress ist. Und je mehr wir dabei mitmachen wollen, desto eher erleben wir, dass wir uns in all dem nicht mehr zu Hause fühlen.

Lineares vs. zyklisches Zeitempfinden

Alles hängt damit zusammen, wie wir unsere Zeit wahrnehmen. Bekanntlich gibt es zwei Arten, Zeit und Veränderung zu empfinden: die lineare und die zyklische.
Die lineare Zeit ist die der Uhr und der Objektivität. Solange wir in der Art linearen Zeitempfindens denken, ist die Abfolge der Geschehnisse für uns nichts anderes als ein Weg, auf dem wir die unterschiedlichsten Schritte setzen, um ein fernes Ziel zu erreichen. Wir tun die Dinge, die wir tun, um etwas damit zu erlangen: Besitz, Ruhm, Macht, Anerkennung, Liebe. Nach Aristoteles kann am Schluss unserer Bestrebungen immer nur das höchste Gut stehen, und das ist immer unsere eigene Glückseligkeit. Alles andere tun wir nur, weil wir uns davon Glückseligkeit versprechen.

Das Problem ist nun, dass unser letztes Ziel sich stets vor unseren Augen von uns entfernt. Wenn wir etwas erreicht haben, finden wir es schnell langweilig und wollen etwas Neues. Setzen uns ein neues Ziel. Und müssen weitergehen auf dem linearen Weg, um in ferner Zukunft einmal – so hoffen wir – Seelenfrieden und Glück zu erlangen.

Das alles wäre ja noch gar nicht so schlimm, wenn wir unser Seelenheil nicht oft aus dem Vergleich mit anderen ziehen wollten. Ob wir etwas wert sind, ob wir mit uns zufrieden, ob wir glücklich sein dürfen, bemessen wir oft danach, wo wir verglichen mit anderen stehen: Wie viel Geld wir im Verhältnis zum Durchschnitt verdienen, wie viel wir verglichen mit unseren Nachbarn besitzen, wie gebildet, sportlich, attraktiv wir sind – alles immer im Vergleich. Daher dürfen wir niemals stoppen, wir müssen uns bemühen, müssen üben, müssen weitergehen auf unserem linearen Weg zum Glück.

Dieses Denken beeinflusst uns noch in den grundlegendsten Momenten unseres Lebens: alles wird der Logik der linearen Zeit, mit ihr der Effizienz und Zweckgerichtetheit unterworfen. Wenn wir essen, tun wir dies beispielsweise vornehmlich, um uns gesund zu halten. Wenn wir kochen, tun wir das, um essen zu können und gesund zu bleiben. Könnten wir schneller essen und kochen, wäre das aus dieser Sicht ein Gewinn.Das Essen selber verliert an Eigenwert.

Natürlich denken wir nicht dauernd alle so. Die Gefahr besteht jedoch, dass wir immer öfter so denken, auch in Bereichen, die eigentlich einer anderen Zeit angehören: dem körperlichen Genuss, dem Gespräch mit Menschen, dem Erleben von Natur und Kunst, dem Schaffen von Neuartigem, dem Schlafen und Träumen.

Doch die Welt hat auch eine andere Art von Zeit. Es ist die Zeit des biologischen Rhythmus. Es gibt hier keine Eile, denn diese Zeit ist zyklisch – was einmal geschieht, wird wiederkehren. Die Abfolge der Tage und der Jahreszeiten sind das Vorbild für diese Form des Zeitempfindens.

Wenn wir uns in diesem Zeitempfinden bewegen, verliert unser Handeln plötzlich an Bedeutung, wenn es nur darauf ausgerichtet war, ein fernes Ziel zu erreichen. So verliert auch jeder einzelne Moment an Wichtigkeit, da wir ihn nicht wirklich erlebt haben. Das Essen und das Kochen haben keinen Wert mehr, wenn sie morgen sowieso wieder kehren. Wir haben es verpasst, weil wir geistig auf das ausgerichtet waren, was wir damit erreichen wollen. Wir haben unsere Momente entwertet und mit ihnen unser Leben. Und plötzlich fragen wir uns: Was ist denn sonst wichtig, wenn es nicht das Erreichen von Glückseligkeit zu einem zukünftigen Zeitpunkt ist?

Dabei sein ist alles

Die Qualität unseres Lebens hängt von den Momenten ab, die wir erlebt haben. Und die Qualität unserer Momente hängt von der Aufmerksamkeit ab, die wir ihnen geschenkt haben. Ein Moment, den wir nicht bewusst und achtsam erlebt haben, ist ein verschenkter Moment. Je mehr Momente wir verschenken, desto ärmer wird unser Leben. Wir verschenken unsere Momente, wenn wir mit ihnen in erster Linie etwas anderes erreichen wollen – wenn wir im Moment des Tuns und Empfindens bereits etwas anderes denken – sei es, dass wir Künftiges befürchten oder Vergangenes bedauern.

Während des ganzen Lebens geht es nicht darum, etwas zu erreichen, an dem wir uns vielleicht irgendwann erfreuen könnten. Denn entweder werden wir es nicht erreichen oder es wird uns nicht die erhoffte Freude bringen. Während des ganzen Lebens geht es darum, jeden einzelnen Moment bewusst zu erleben: bei unseren Empfindungen und Gefühlen während des jeweiligen Augenblicks. Es geht darum, das Essen wirklich zu essen. Dabei sein ist alles.

Der Umweg ist der Weg ist das Ziel

Wenn Sie mit jedem Schuss die Scheibe treffen, sind Sie nichts anderes als ein Kunstschütze, der sich sehen lassen kann… Die ‘Große Lehre’ des Bogenschießens hält dies für reine Teufelei. Sie weiß nichts von einer Scheibe, die in bestimmter Entfernung vom Schützen aufgestellt ist. Sie weiß nur von dem Ziel, das sich auf keine Weise technisch erzielen lässt, und dieses Ziel nennt sie, wenn sie es überhaupt nennt, Buddha… Es gibt Stufen der Meisterschaft, und erst, wer die letzte erreicht hat, kann auch das äußere Ziel nicht mehr verfehlen…“

Eugen Herrigel: Zen in der Kunst des Bogenschießens

Wenn man sagt, der Weg sei das Ziel, so will man damit betonen, dass man ihn nicht deswegen geht, weil man mit ihm irgendetwas erreichen will, sondern eben weil man ihn geht. Wohin man geht, ist aus dieser Sichtweise zweitrangig. Bezogen auf unser eigenes Leben geht es darum, dass wir es nicht leben, um irgendein fernes Ziel zu erreichen, um irgendetwas zu werden, um irgendetwas zu besitzen. Sondern dass es Zweck in sich ist.
Aber wenn wir genau hinsehen, ist der Weg nicht das Ziel. Er ist nicht einmal der Weg. Unser Leben ist kein Weg, den wir gehen. Es ist nur eine Abfolge von Schritten, die wir unternommen haben. Denn das, was wir für unseren Weg halten, ist meistens nicht das, was wir wirklich tun, leben und gehen.
Wir machen einen Plan, setzen Fristen und machen Termine, und all das ist oft notwendig, um mit der Außenwelt auf organisierte Weise zurecht zu kommen. Wir stellen uns unser Leben vor, wie es im Idealfall aussehen soll, und diesem Muster streben wir nach. Wir haben ein Modell der Wirklichkeit, eine Landkarte des Gebiets – die wir leider zu oft miteinander gleichsetzen. Wir denken, was wir von der Wirklichkeit erwarten und wie wir unser Leben planen, sei irgendwie mit der Wirklichkeit und dem Leben identisch.
Aber wenn wir losgehen, wenn wir wirklich handeln, haben wir den Plan verlassen – wir sind in der Wirklichkeit angekommen.
Jetzt befinden wir uns nicht mehr in der Vorstellungswelt von Plänen und Projekten … sondern in der Wirklichkeit.
Oft genug machen wir aber den Fehler, diese Wirklichkeit auf unsere Pläne abstimmen zu wollen. Den geplanten Weg wollen wir durchsetzen, Hindernisse stören da nur und bringen uns von unserem eigentlichen Ziel ab. Hindernisse sind schlecht, weil sie uns daran hindern, das zu sein, was wir eigentlich sein wollen.
Doch wenn wir nur das sein wollen, was wir uns für uns ausdenken, wäre es dann nicht am besten, wenn die Welt mit ihren Grenzen, Hindernissen und Widerständen uns gar nicht erst in die Quere kommen würde? Am besten blieben wir in einer virtuellen Welt, die uns so wenig Widerstände wie möglich entgegensetzt. Das Ausführen unserer Pläne dient aus dieser Sichtweise eigentlich nur der Bestätigung unseres Wertes durch andere, die erst sehen können, wer wir sind, wenn wir etwas getan haben, dass eine bestimmte Wirkung hat. Wenn wir unser Ziel erreicht haben, so denken wir, werden die anderen schon anerkennen, wie toll wir sind.
Wenn es gar nicht nötig wäre, in der Außenwelt etwas zu bewirken, um anerkannt zu werden, dann müssten wir auch gar nicht handeln, sondern könnten ganz im Einklang mit uns selbst in unserem Innenleben bleiben und unsere Träume ungehindert weiterträumen.
Da das leider nicht so ist, ringen wir uns dazu durch, gegen Hindernisse anzugehen und unsere Träume in die Tat umzusetzen. Gleichwohl stoßen wir auf Hindernisse, die uns von unserem Ziel abbringen wollen, und gehen mal gut, mal schlecht mit ihnen um: Gemeinhin sehen wir es als gut an, wenn wir auf ein Hindernis vorbereitet sind und ihm mit einem Plan B begegnen, oder wenn wir, nachdem wir getroffen wurden, wieder aufstehen und allen beweisen, wie groß unser Wille und unser Durchsetzungsvermögen ist. Frustrationstoleranz.
Allerdings können wir Hindernisse nicht als solche voraussehen, und wir können auch nicht stur durchs Leben gehen, ohne die Zeichen der Zeit zu beachten.

Wir müssen also lernen, Hindernisse und eigene „Fehler“ als Bestandteil unseres Weges anzusehen. Erst, wenn wir merken, dass unser Plan vom rechten Leben nur eine Fantasie ist, die mit der Wirklichkeit so wenig zu tun hat wie unser Traum von einem besseren Leben, dann können wir der Wirklichkeit angemessen begegnen. Wenn wir losgehen, wissen wir, dass uns früher oder später etwas von unserem geplanten Weg abbringen wird. Wir wissen dann auch, dass dieser Umweg der eigentliche Weg ist.

Unseren eigenen Weg können wir nämlich nicht planen und voraussehen, sondern erst im Nachhinein als solchen beschreiben. Es sind die Schritte, die wir wirklich gegangen sind, mit allen vermeintlichen Umwegen.

Es ist ganz wahr, was die Philosophie sagt, daß das Leben rückwärts verstanden werden muß. Aber darüber vergißt man den andern Satz, daß vorwärts gelebt werden muß.
Sören Kierkegaard

Unser Leben und das, was wir tun, ist der Umweg, den wir gegangen sein werden. Diese Einstellung weigert sich, das Leben in ein eigentliches, richtiges und in eine falsches, verfehltes einzuteilen. Es gibt in diesem Sinne keine guten Momente oder schlechten. Es gibt in diesem Sinne keine guten oder schlechten Entscheidungen. Unsere „Fehler“ haben einen Sinn. Wir leben richtig, wir müssen es nur bemerken.