Kümmert euch nicht um die Früchte eures Handelns

Es ist paradox: Den größten Erfolg haben wir, wenn wir uns nicht um ihn scheren. Wie oft haben wir schon erlebt, dass uns eine gute Idee genau dann gekommen ist, wenn wir nicht mehr nach ihr gesucht haben. Wie oft haben wir genau in dem Moment den richtigen Menschen oder den richtigen Augenblick gefunden, sobald wir einmal von unserem krampfhaften Bemühen abgelassen haben.

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Was ist dein Problem?

Unser Verstand liebt Probleme. Er liebt sie so sehr, dass er selber welche erschaffen muss, wenn es keine gibt. Das macht ihn aus, das verschafft ihm Genugtuung, denn nur, wenn wir Probleme haben, brauchen wir ihn. Unser Verstand ist wie der Staat – täglich ist er damit beschäftigt, uns neue, nervenaufreibende Probleme zu bereiten, damit wir ihm dankbar sind, seine Hilfe annehmen und auf ihn hören.Die Kraft der Stille

Das ist seine Existenzberechtigung. Von der Energie, die wir in die Lösung unserer täglichen Probleme stecken, ernährt er sich. Von dieser Nahrung wird er groß und stark, so stark, dass er immer mehr Macht über unser Leben bekommt. Und mit dieser Macht wiederum erschafft und erfindet er Probleme – Probleme die wir ohne ihn gar nicht hätten.

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… nur noch ein Ja-sagender sein! – Nietzsches Vorsätze zum Neuen Jahr

Als guten Vorsatz für das Jahr 1882 schrieb Friedrich Nietzsche im 4. Buch der „Fröhlichen Wissenschaft„:

© Gunnar Kaiser

Zum neuen Jahre.— Noch lebe ich, noch denke ich: ich muss noch leben, denn ich muss noch denken. Sum, ergo cogito: cogito, ergo sum. Heute erlaubt sich Jedermann seinen Wunsch und liebsten Gedanken auszusprechen: nun, so will auch ich sagen, was ich mir heute von mir selber wünschte und welcher Gedanke mir dieses Jahr zuerst über das Herz lief,—welcher Gedanke mir Grund, Bürgschaft und Süssigkeit alles weiteren Lebens sein soll! Ich will immer mehr lernen, das Nothwendige an den Dingen als das Schöne sehen:—so werde ich Einer von Denen sein, welche die Dinge schön machen. Amor fati: das sei von nun an meine Liebe! Ich will keinen Krieg gegen das Hässliche führen. Ich will nicht anklagen, ich will nicht einmal die Ankläger anklagen. Wegsehen sei meine einzige Verneinung! Und, Alles in Allem und Grossen: ich will irgendwann einmal nur noch ein Ja-sagender sein!

O-Naami – Das Leben ohne Stress

Jeder von uns hat die Pflicht, sein Leben so angenehm und erfüllt wie möglich zu gestalten.

John M. Perkins

Die entwickeltste Gesellschaft sollte wohl die sein, deren Mitglieder am effektivsten mit Stress umgehen, ja ihn sogar weitgehend vermeiden oder ins Positive wenden können. Unsere westlichen Gesellschaften scheinen da noch zu suchen, ein kollektives Wissen darum, mit welchen Mitteln sich Stress am besten bewältigen lässt, existiert nicht. Solche Mittel, Jahrtausende alt, gibt es, doch ihre Einübung wird nicht durchgängig in Schulen gelehrt oder von Eltern weitergegeben, und es bleibt dem Einzelnen überlassen herauszufinden, wie er oder sie mit den Widrigkeiten des Alltags umgehen soll.

Im Gegenteil, Stress und Zeitdruck wird noch als Zeichen des Erfolgs angesehen, und Burn-Out gilt als Modekrankheit, deren Opfern heimlich-neidvoll zugestanden wird, wenigstens für etwas gebrannt zu haben.

Die „fortgeschrittene“ westlichen Kultur hat die individuelle Sorge um sich selbst als ganzen Menschen, spirituell, geisonaamitig und körperlich, zugunsten des technischen Fortschritts und des materiellen Wohlstands vernachlässigt. In Gesellschaften in asiatischen und lateinamerikanischen Ländern dagegen ist der bewusste Umgang mit Stress ein fester Bestandteil des Alltags – wenn auch, dank Globalisierung und Kapitalismus, auch dort traditionelle Fähigkeiten zu verschwinden drohen.

Überall dort, wo sich ganzheitlichere Lebensauffassungen, nicht-materielle Weltbilder und nicht-mechanistische Menschenbilder gehalten haben, wo Religion und Spiritualität eine Rolle im Alltag spielen, kennen, lehren und pflegen die Menschen die Methoden, mit denen sie zu großen Stress verhindern. Der amerikanische Schriftsteller und Politaktivist John Perkins hat in seinem Buch O-Naami solche Methoden gesammelt und in fünf Lebensregeln zusammengefasst:

Grundlage der Stressbewältigung ist die Einsicht, dass alles, was uns tagtäglich widerfährt, einen Einfluss auf unseren Körper und Geist hat – meist unbewusst. Dieser Einfluss schlägt sich, wenn sich der Stress häuft, negativ auf den Körper nieder: die Muskeln verkrampfen, der Blutdruck steigt, die Atmung flach ab, wir bekommen Kopfschmerzen, Herzrasen, Schweißausbrüche, Rückenschmerzen und, wenn der Stress chronisch wird, zahlreiche Krankheiten, die mit unserem vegetativen Nervensystem zusammen hängen. Denn dieses autonome, also vom bewussten Willen unabhängige System, das Atmung, Herzschlag und Puls, Körpertemperatur, Schlaf- und Wachphasen und vieles mehr regelt, will uns durch seine Reaktionen davor schützen, dem Stress zu erliegen. Leider hören wir zu selten auf die Zeichen, die der Körper uns gibt, und übergehen Kopfschmerzen oder Müdigkeit, oder wir stellen sie mit Mittelchen äußerlich ruhig.

Der Schlüssel für einen gesunden Umgang mit dem täglichen Stress liegt nun in der Fähigkeit, das autonome Nervensystem zu kontrollieren. Wer seine körperlichen Reaktionen bewusst bestimmen kann, kann die beschriebenen Symptome gar nicht erst entstehen lassen.

Perkins Ratschläge, fünf Grundsätze für ein angenehmes und erfülltes Leben, erscheinen auffällig wenig körperorientiert; sie sind eher Regeln für die eigene innere Einstellung dem Leben gegenüber.

1. Seien Sie das, was Sie sein möchten. Hören Sie auf, zu versuchen, etwas zu werden, und seien Sie es stattdessen. Denken Sie an die Person in sich, die das verkörpert, was Sie am meisten schätzen. Seien Sie diese Person, so weit es ihnen möglich ist. Machen Sie dies zu einem ständigen Teil Ihres Lebens.

2. Wägen Sie Probleme gegenüber Lösungen ab. Begreifen Sie, dass nicht das Problem das Problem ist, sondern dass die fehlende Lösung das Problem ist. Erlauben Sie sich nicht, in Panik zu geraten oder negativ zu sein. Entscheiden Sie sich für eine Lösung und probieren Sie diese aus.

3. Konzentrieren Sie sich. Gewöhnen Upanishad_Quotes1Sie es sich an, sich zu konzentrieren und ihr Leben in verschiedene Bereiche zu untergliedern. Arbeiten Sie, wenn Sie bei Ihrer Arbeit sind. Aber wenn Sie nach Hause gehen, gehen Sie wirklich, und konzentrieren Sie sich auf Ihre Familie, Ihr Hobby oder was immer Sie tun wollen.

4. Glauben Sie an etwas. Glauben Sie an das, von dem Sie wissen, dass es für Sie richtig ist. Glauben Sie an eine Religion, an sich selbst, an eine Idee oder ein Ziel. Woran Sie glauben, ist nicht wichtig. Entscheidend ist, dass Sie an das glauben, was für Sie am wichtigsten ist. Öffnen Sie Ihr Herz, hören Sie ihm zu und führen Sie aus, was es Ihnen sagt.

5. Meditieren Sie. Meditation verbindet die anderen vier Bestandteile und verschafft Ihnen 10-15 Minuten regelmäßiger Entspannung. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie still sitzen, beten oder sich bewegen.

 

Arthur Schopenhauer: Aphorismen zur Lebensweisheit

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Arthur Schopenhauer

Eigentlich ist das Leben sinnlos. Dauerhaftes Glück ist nicht möglich, Schmerz und Leid sind ständige Begleiter und einen Zweck hat es auch nicht, da weder Dasein nach dem Tod noch ein gerechter Gott zu erwarten sind, was einem das Ausharren entlohnen würde.

So lautet zumindest das pessimistische Fazit Arthur Schopenhauers, dessen Philosophie das Nichtsein dem Sein vorzieht. Besser wäre es, män würde sein ganzes Wollen und Begehren ein für allemal abstellen. Leider kommt der Selbstmord dafür nicht in Frage, da dieser nicht den wahren Ausweg aus dem Kreislauf des Leidens bietet.

Will man sich aber auf Erden ein halbwegs glückliches Leben machen, so steht Schopenhauer mit Rat zur Seite …

 

Wenn wir im Leben glücklich sein wollen, dann ist es wichtig, zwischen drei Aspekten zu unterscheiden, die unseren Alltag bestimmen:

Was einer ist Was einer hat Was einer vorstellt
Kraft, Schönheit, Gesundheit, Temperament, moralischer Charakter, Intelligenz, Bildung … Geld und Güter was man in der Vorstellung anderer darstellt: Ruhm, Ehre, Rang …
PERSÖNLICHKEIT EIGENTUM UND BESITZ ANSEHEN

Die Persönlichkeit ist das, was in uns selbst ist, wohingegen alles andere nur äußerlich ist. Und das, was in uns ist, hat direkten Einfluss auf unser Wohlbefinden – alles andere jedoch höchstens indirekt. Alles Äußerliche kann uns nur über einen Umweg glücklich oder unglücklich machen: nämlich über den des Inneren. Dinge wie Besitz oder das, was andere über uns sagen, müssen erst einmal unsere Vorstellungen und Gefühle beeinflussen, um überhaupt etwas mit unserem Glück zu tun haben zu können.

Natürlich ist es nicht vollkommen gleichgültig, was uns passiert: ob wir in einem wohlhabenden Land leben, ob wir gesund oder krank sind, ob ein guter Freund stirbt – all das kann unser Glück beeinflussen. Kann, muss aber nicht, weil es bloß die objektive Hälfte der Wirklichkeit darstellt. Die subjektive Hälfte aber bildet unser Bewusstsein, unseren Charakter. Dem kann niemand entfliehen und er ist ein erster Linie dafür verantwortlich, welches Leben wir führen und wie wir mit den Dingen des Schicksals umgehen.

Das Leben hält für den Menschen mehrere Arten von Genuss bereit: die sinnliche Lust, ein heiteres Familienleben, Geselligkeit, Unterhaltung, Bildung. Die höchsten Genüsse aber bietet dem Menschen nur der Geist. Alles zuvor genannte ist doch nur kurzzeitig und werden schnell schal. Die geistigen Genüsse, die des Denkens, aber sind lang anhaltend und vielfältig. Aber ob wir sie wirklich genießen können, hängt in erster Linie von unserem Charakter ab.

 

Kann man sich selbst verbessern?

Schon seit Urzeiten kreisen die Sorgen der Menschen darum, besser zu werden. Ihren Geist zu schulen, ihren Charakter zu veredeln, ihren Körper gesünder, kräftiger und beweglicher zu machen. Unserer gesamten (westlichen) Zivilisation wohnt ein Streben inne, sowohl individuell wie gesellschaftlich, das Peter Sloterdijk in seinem Traktat „Du musst dein Leben ändern“ mit dem Begriff der „Vertikalspannung“ bezeichnet hat. Bei Galen heißt es:

Um ein vollendeter Mensch zu werden, muss sich ein jeder sein ganzes Leben lang üben.

Aber was wäre, wenn es diese Möglichkeit gar nicht gibt? Wenn man sein Denken gar nicht transformieren kann, wenn man gar kein anderer, besserer Mensch werden kann? Wenn das alles nur eine Illusion ist, die uns ständig im Hamsterrad der Selbstoptimierung laufen lässt? Denn bei jedem „Ich muss besser werden“, das wir uns ins Tagebuch schreiben, besteht ja schon der Widerspruch, dass das Ich, das diese Worte schreibt, das ist, das verbessert werden muss, gleichzeitig muss es selber ja handeln und seine Verbesserung anstreben, also schon irgendwie „gut“ sein.

Und worin soll die Verbesserung bestehen? Dass wir eine Fähigkeit besser ausüben können, dass wir besser auf eine bestimmte, immer wiederkehrende Situation reagieren, dass wir uns mehr bewegen, gesünder ernähren und öfter meditieren? Warum soll das besser sein als das, was wir jetzt bereits machen? Nur, weil wir uns vorgenommen haben, das zu tun? Oder weil uns jemand gesagt hat, es sei besser? Aber das, was wir getan haben, war keine Fähigkeit, und unsere Reaktion in diesem speziellen Moment war kein Charakterzug, und unsere gelassene Stimmung an diesem Morgen war keine Geisteshaltung. Es war eine einzelne Tat, die wir getan haben, und auch morgen wird es wieder nur eine einzelne Tat sein: ein gesundes Essen, eine halbe Stunde Meditation, eine freundliche Geste, ein Geschenk an andere … Nirgendwo gibt es Fähigkeiten und Charaktereinstellungen, es gibt nur Handlungen, Gefühle und Gedanken im Hier und Jetzt.

DaoTaoUnd woran könnten wir es messen, dass wir wirklich besser geworden wären? An unserem ehemaligen Ich, das „schlechter“ war? Aber das existiert schon längst nicht mehr, daher ist es auch Unsinn, sich mit ihm messen zu wollen. Oder sollten wir uns vergleichen mit dem, was wir sein könnten? Mit einem vagen Ideal, mit einer Wunschvorstellung von uns selbst? Aber die bleibt unerreichbar, oder zumindest bewegt sie sich genau so schnell von uns weg wie wir uns weiterbewegen. Denn unsere Wunschvorstellungen ändern sich, unsere Ziele entfernen sich von uns, und so können wir niemals dort ankommen, wo wir wirklich sein möchten: ein besserer Mensch zu sein.

Es scheint wirklich eine Illusion zu sein, dieser Wunsch, sich selbst zu verbessern. In dem Moment, wo wir verstehen, dass es nicht darauf ankommt, ja, dass es gar nicht möglich ist, ein besserer Mensch zu werden, verspüren wir eine große Erleichterung. Wir merken, dass es nur darauf ankommt, in diesem Moment so zu handeln, wie wir es für richtig halten. Immer und immer wieder. So wie es beim Meditieren nicht darauf ankommt, dreißig Minuten lang in sich selbst versunken zu sein, sondern nur auf diesen einen Atemzug, ihn so richtig wie möglich zu bemerken, immer und immer wieder.

Die Natur brüstet sich nicht, dass sie Natur ist, noch hält das Wasser über die Technik des Fliessens eine Tagung ab. So viel Gerede wäre an die verschwendet, die es nicht brauchen. Der Mensch des Tao lebt im Tao wie ein Fisch im Wasser. Wenn wir dem Fisch beizubringen versuchen, dass Wasser physikalisch aus zwei Drittel Wasserstoff und einem Drittel Sauerstoff besteht, würde er sich schieflachen.

Alan Watts

Die großen und geheimen Lehren des Waldes

Die „Brihad Aranyaka Upanischad“  (बृहदारण्यक उपनिषद्, zu deutsch etwa „Die großen und geheimen Lehren des Waldes“) ist einer der ältesten und gleichzeitig wichtigsten Teile der Upanischaden, der zwischen 700 und 200 v. Chr. entstandenen Sammlung philosophischer Grundtexte des Hinduismus.Die Essenz der Upanischaden von Eknath Easwaran

In ihr werden einige Gedanken entfaltet, die auch für unsere heutiges Leben große Bedeutung haben können. Die grundsätzliche Annahme dabei ist, dass es in der Welt ein einziges Prinzip gibt, das alles im Innersten zusammenhält. Die Welt der Vielfalt ist eigentlich eine der Einheit, in der alles mit allem verbunden ist. Die Upanischaden nennen dieses Prinzip Brahman. Es ist nicht nur in der Welt, es ist die Welt. Es ist zugleich immanent und transzendent.

Es ist aber auch zugleich jenseits der Welt, die wir mit unseren Sinnen erfahren können. Daher hat es keine Eigenschaften, die wir an ihm benennen können. Es ist nicht dieses, nicht jenes. Wir selber können es also nicht direkt erkennen, doch wir können seiner bewusst werden. In unserem normalen Alltagsleben jedoch achten wir nicht auf Brahman, weil wir von den Dingen unserer Wahrnehmung sowie von unseren Gedanken und Gefühlen abgelenkt sind. Wir sind von unserer Individualität abgelenkt, auf unsere Besonderheiten, auf die wir so stolz sind. Wir denken, dass uns diese Besonderheiten ausmachen.

Eigentlich jedoch sind wir etwas anderes. Wir sind ein Selbst, das nicht autonom ist, das nicht unabhängig von anderen Wesen wirkt, sondern ein Teil des großen, mit allem verbundenen Netzwerks der Wirklichkeit. Dieses höhere Selbst nennen die Upanischaden Atman.Upanishad_Quotes1

Das Selbst als „Ego“ dagegen ist das, was mit dem Körper und dem sozialen Leben des Menschen verbunden ist. Dieses Selbst ist normalerweise unsere Antwort auf die Frage „Wer bist du?“ – ein Selbst, das einen Namen hat, das wir zu bewahren versuchen, das wir zu bilden und zu verwirklichen versuchen, dem wir Bedeutung beilegen, weil es uns ausmacht: unsere Eigenheiten, unsere Identität, unsere Individualität: das, was uns von anderen unterscheidet, was uns begrenzt und definiert, was uns eben besonders macht.

Das aber ist nicht die wahre Identität des Menschen. Es ist nur eine Maske, endlich und mehr oder weniger zufällig, und mit dieser Maske verbergen wir unsere wahre und unendliche Natur.

Atman selber ist nicht definierbar.

Es ist ungreifbar, denn es kann nicht ergriffen werden. Es ist unverderblich, denn es ist dem Verderben nicht unterworfen. Es ist ungebunden; und doch zittert es weder vor Furcht noch leidet es Unrecht.

Dieses wahre Selbst – „jenseits von Hunger und Durst, Sorge und Illusion, Alter und Tod“ – ist die ewige Dimension der Wirklichkeit. Das, was eigentlich wirklich und wichtig ist, im Gegensatz zu dem, was wir in unserem Alltag so alles für wirklich und wichtig halten. Unser eigentliches, wesentliches Selbst geht über alle Begrenzungen hinaus, auch über Leid und Tod.

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Atman selber ist „der innere Lenker des Lebens“ – es ist kein Gegenstand unseres Bewusstsein, etwas, über das wir nachdenken, oder das wir gar sinnlich wahrnehmen könnten. Atman ist der Wahrnehmer der Wahrnehmung, also das, was allem Bewusstsein zugrunde liegt. Das, was in uns fühlt und denkt. Seiner bewusst zu werden, ist der Weg, auf dem wir uns bewegen sollten, wenn wir die Wirklichkeit erkennen und glücklich leben wollen. Wir bewegen uns dann von der vergänglichen Ich-Identität zum höheren Selbst, das unvergänglich und nicht vom Ganzen unterschieden ist. Ziel des menschlichen Lebens ist es somit, die ursprüngliche Einheit des Atman mit dem Brahman zu erkennen.

Die Leere in mir

Mache dich selbst von allem leer.
Lass den Geist in Ruhe weilen.
Die zehntausend Dinge entstehen und vergehen, während der Geist ihr Zurückgehen betrachtet.
– Lao Tse

In einigen Momenten können wir es noch erahnen, was es heißt ein lebendiges Wesen zu sein. Da zu sein. Einfach nur ein anwesender Mensch.

Als Kinder hatten wir sie oft, diese Momente des unverstellten Zugangs zur Welt – in unserer Trauer und Wut, in unserer Freude und sinnlosem Lachen. Im Schmerz unserer  Einsamkeit und im hoffnungsvollen Gefühl, irgendwann jemand anders sein zu können.

Vor allem in der irrsinnig lang erscheinenden Dauer all der Stunden und Tage. In der Unendlichkeit eines Jahres – wie haben wir gedacht, unsre Kindheit würde niemals enden. Wie haben wir gefühlt, wie lang eine halbe Stunde sein kann. Wie haben wir uns gelangweilt. Stundenlang.

Wir haben uns gefühlt und das reine Vergehen der Zeit.

Youth always tries to fill the void, an old man learns to live with it.
― Mark Z. Danielewski

Wie lang ist das her – als wäre es ein anderes Leben. Als hätte jemand anderes so gefühlt. Heute leben wir nicht mehr so. Wir langweilen uns höchstens für ein paar Minuten. Wir sind nicht allein, nie nur mit uns selbst.

Wir füllen die Leere. Füllen jede Sekunde, sobald wir auch nur ein wenig Unruhe verspüren, die ersten Anzeichen von Unzufriedenheit, von Ungenügen an der bloßen Gegenwart. Das Kribbeln in den Fingern, der Druck in der Magengrube. Alles in uns strebt danach, die Leere so schnell wie möglich auszufüllen, denn die Natur fürchtet das Vakuum.

leereUnd wir haben nun die Möglichkeiten, die wir als Kind nicht hatten: die technischen Möglichkeiten um der Leere in uns zu entgehen.

In beinahe jedem Moment haben wir Musik, Filme, Spiele, Lektüre, bekannte und unbekannte Gesprächspartner in Reichweite. Wir können alles tun um der Langeweile zu entkommen. Dem bloßen, bedeutungslosen Augenblick.

Aber mit ihm entkommen wir auch unsrem Leben selbst. Denn das, was unser Leben ausmacht, sind seine unmittelbaren Momente. Das, was zählt, ist das Dabeisein. Auch in der Leere anwesend zu sein, ihren Schmerz zuzulassen, muss man wieder lernen, falls man nicht Kind geblieben ist.

Warum aber haben wir heutzutage diesen Schutz angelegt, der es nicht zulässt, dass wir unverstellt der Welt gegenüberstehen? Weil uns die Welt mit ihrer Sinnlosigkeit und Leere im Grunde ängstigt? Weil wir mit der Beschäftigung dem Gefühl entgehen können nutzlos zu sein?

Glücklich sein heißt, ohne Schrecken seiner selbst innewerden können.
– Walter Benjamin

Aber die Leere zuzulassen bedeutet, mit dem Leben in Kontakt zu kommen. Die kleinen Momente des Nichts, der Abwesenheit von Beschäftigung sind die einzigen, in denen wir wieder fühlen können, was um uns herum ist: die Zeit, das Leben, uns selbst.

Aus dieser gefühlten, wahrgenommen Leere heraus können wir irgendwann zu wahrem Handeln kommen – zu einem, das nicht nur eine Flucht, ein verzweifeltes Suchen nach Sinn, eine sublimierte Begierde ist. Wenn wir üben, so oft wie möglich die Möglichkeiten der Flucht aus der Leere nicht zu ergreifen, sondern dem Gefühl standzuhalten, zu merken, was wirklich passiert, dann können wir auch unseren Schmerz, unsere Verzweiflung, unsere Langeweile begreifen und akzeptieren.

The artist’s job is not to succumb to despair but to find an antidote for the emptiness of existence.
― Woody Allen

Was will der Kosmos von mir?

Wir sind nicht Herr unseres Lebens. Auch wenn der Augenschein dagegen sprechen mag – wir sind dem Schicksal unterworfen.

Normalerweise denken wir so nicht. Unsere Einstellung als modernes Individuum, als freies, unabhängiges Subjekt, verbietet uns das. Wir lernen früh, dass wir unser Schicksal in der Hand haben, dass wir keine Opfer sein dürfen, dass wir unseres Glückes Schmied sind. Dass es darauf ankomme, sich selbst zu verwirklichen. Dass wir uns als Autoren unseres eigenen Lebens begreifen müssen, engagiert, selbstbestimmt. Und dass der Erfüllung unserer Träume und Wünsche kaum mehr Grenzen gesetzt sind als die unseres Willens.

Daher begreifen wir uns als frei und darin finden unseren Wert und unsere Selbstbestätigung.

All dies ist nicht vollständig falsch. Doch es hinterlässt in uns das Gefühl, wir könnten gänzlich über unser Leben bestimmen und wären für das verantwortlich, was mit uns geschieht. Und hätten Schuld an dem, was nicht funktioniert hat wie geplant – denn unsere Schuld liegt darin, dass wir schlecht geplant haben.

Die Illusion der Kontrolle 

Aber im Grund ahnen wir, wie wenig wir wirklich unter Kontrolle haben. Wir geben uns nur der Illusion hin, unsere Kontrolle wäre größer als die Unwägbarkeiten des Lebens.

Im Grunde ahnen wir, auf wie dünnem Eis unsere Existenz eigentlich steht – wenn wir es wirklich wüssten, wären wir schon nicht mehr handlungsfähig.

Im Grunde sind wir nicht mal Herren im eigenen Haus, haben weder Gedanken noch Gefühle im Griff. Auch unsere Wünsche und Begierden können wir kaum steuern.

Auch unsere Selbstverwirklichung, die Richtung unseres Werdens und Wachsens, scheint nur für den jetzigen Moment in unserer Hand zu liegen. Wenn wir später auf unser Leben zurückblicken, merken wir, wie wenig wir davon selber gesteuert haben. Wie sehr das, was wir geworden sind, von einer unsichtbaren Hand geführt zu sein scheint.

Das wäre alles noch kein großes Problem – was soll dabei sein, wenn wir glauben wir wären der Autor unseres Lebens, doch in Wirklichkeit schreibt sich das Buch unseres Lebens selbst? Eine weitere kleine Selbsttäuschung unter vielen …

Wäre da nicht die Isolation, die wir empfinden. Mit jedem Plan, den wir gegen „die Welt“ durchsetzen. Mit jedem Wunsch, der an der „Realität“ scheitert. Stets begreifen wir uns dann als im Wesen einzelne, vereinzelte, einsame. Natürlich können wir Freunde haben – aber wehe, wenn sie unseren Zielen im Weg stehen. Natürlich können wir unsere Mitmenschen sympathisch finden – aber wehe, wenn sie unsere Selbstentfaltung behindern. Natürlich können wir die Welt schön finden  – aber wehe, wenn sie uns daran hindert unseren Weg zu gehen. Wehe, wenn irgendetwas nicht so funktioniert, wie wir es geplant hatten.

Dann merken wir, was vielleicht unser Grundgefühl ist: dass wir und die Welt verschieden sind, dass die Welt uns feindlich gesinnt ist und wir ihr nicht vertrauen können. Dass wir uns nicht voll und ganz auf sie verlassen können, um erst einmal zu sehen, was das Leben uns bringt. Wir müssen kämpfen, sind getrennt und allein.

Ich wechsele die Perspektive

Ich versuche, das Leben als weise anzusehen. Das Leben, die Welt, das Schicksal, das dharma, das taiji, das dao – wie immer man es nennen mag – ist älter als ich und erfahrener. Es ist länger da und weiß vielleicht mehr. Vielleicht hat es einen Plan für mich und ist nicht bloß unvorhersagbares Chaos. Vielleicht bin ich Teil dieses Plans und Teil des Kosmos. Vielleicht bin ich der Kosmos, habe es nur noch nicht erkannt.dharma

Daher frage ich mich: „Was will der Kosmos von mir?“ In allen Momenten, in denen ich merke, dass jetzt etwas mit meinem Leben passiert, was ich nicht vorhergesehen habe, was ich ablehne, was ich vermeiden will, frage ich mich: „Was will der Kosmos von mir?“

Immer, wenn ich auf etwas stoße, das mich an der Durchführung meiner Pläne hindert, frage ich mich: „Was will der Kosmos von mir?“

Immer, wenn ich irgendwo unerwartet anhalten muss, von meinem Weg abweichen muss,

wenn ich merke, dass sich Stress, Druck und Angst in mir ausbreiten, sage ich mir: Der Kosmos wird in seiner Weisheit schon seine Gründe dafür haben. Und ich frage mich: „Was will der Kosmos von mir?“

Und die Antwort darauf ist immer: Das, was jetzt geschieht. Denn immer ist das, was geschieht, das, was geschehen soll. Das, was der Kosmos für mich vorgesehen hat. Der Kosmos will anscheinend, dass ich jetzt hier stehen bleibe, dass ich einen Umweg gehen muss, denn es scheint keine vernünftige Alternative zu geben.

Der Kosmos will anscheinend, dass mir das jetzt passiert, wie schlimm es auch sein mag. Irgendetwas daran scheint notwendig zu sein, denn sonst wäre es nicht geschehen.

Und sobald ich dies denke, sobald ich mich dem höheren kosmischen Willen anheim gebe, kehrt innerlich Ruhe ein und der Druck löst sich. Ich fühle mich nicht vereinzelt und im Kampf gegen das Schicksal, sondern in Harmonie mit dem Leben.

„Schon wieder so ein Idiot, der mit dem Kosmos im Einklang ist.“
Funny van Dannen

Und aus diesem Gefühl heraus, dem Gefühl ruhiger Akzeptanz des Gegebenen, kann ich Wege finden, die mich die Situation verändern lassen. Die mir zeigen, wie ich angemessen, mit dem Wissen grundlegenden Einssein, mit dem Leben umgehen kann.

Ich kämpfe nicht. Ich suche mit dem Leben zusammen nach dem Weg, den der Kosmos für mich will.

Alles hinter sich lassen

Je stärker uns das Effizienzdenken ergreift, desto verführerischer wird die Einstellung, immer mehr in immer weniger Zeit zu tun. Schneller zu werden und die Pausen ausfallen zu lassen, wenn sie nicht wirklich wichtig sind. Auch die kleinen, oft unmerklichen Übergange von einer Aktivität zur anderen, von einem Menschen zum anderen lassen wir unbewusst ausfallen. Je schneller wir uns der nächsten Aufgabe widmen – denken wir –, desto schneller können wir sie erledigen. Desto erfolgreicher wird unser Leben sein.

Nicht nur den Momente, die der Arbeit gewidmet sind, sondern auch in denen, die wir schöpferisch, kontemplativ, spielerisch, liebend verbringen, nehmen wir mehr und mehr die Logik der Maschine an. Wir denken und erleben in quantitativen Kategorien, weil wir unsere Identität und unseren Selbstwert von der Zahl der erzählbaren Erlebnisse, der fotografierten Momente, der gelesenen Bücher und der aufzählbaren Freunde abhängig machen.confirmez

Das führt oft dazu, dass wir die einzelnen Momente gar nicht mehr unterscheiden, sondern von einem zum anderen hetzen, ohne innezuhalten und wirklich dazusein. Ohne den Moment wirklich genießen zu können. Schließlich erleben wir unseren Alltag als Abfolge von stressigen Situationen, die Menschen um uns herum als nervig und die Zeit als immer zu knapp.

Dabei haben wir für das, was zählt, genau so viel Zeit, wie wir brauchen. Wir müssen nur dabei sein. Wenn wir irgendwo ankommen, sollten wir innehalten, durchatmen, lächeln, wahrnehmen, einfach nur da sein. Ebenso, wenn wir mit einem anderen Menschen zu tun haben oder uns einer anderen Aufgabe widmen. Wir können in diesen Pausen ein Teil von dem, was wir emotional und mental „im Gepäck“ haben, zurücklassen: unsere Gedanken und Gefühle, unsere Erwartungen und Wünsche, unseren Stress und Zeitdruck.

Normalerweise schleppen wir all das ständig mit uns herum, egal wo wir sind und wo wir hinkommen. Dementsprechend sind auch unsere Gespräche, unser gesamtes Tun davon beeinflusst, wie viel wir mit uns herumtragen.

Sobald wir uns aber bewusst die Zeit dafür genommen haben, wirklich innezuhalten und wahrzunehmen, wo wir sind, wer die anderen sind, wie alles aussieht, riecht,sich anhört und anfühlt, dann können wir mit dem neuen Moment in unserem Leben besser und stressfreier umgehen. Denn dann erinnern uns daran: wir sind genau da, wo wir sein sollen. Die vergangenen Momente sind vorbei, sie haben nichts mehr zu bedeuten – es sein denn, wir halten krampfhaft oder auch nur unbewusst an ihnen fest. Die zukünftigen Momente existieren noch nicht, also müssen wir uns auch nicht mit ihnen herumschlagen. Wenn wir loslassen, merken wir, dass wir dem Moment offener gegenüber treten können. Das kann nur über bewusste sinnliche Wahrnehmung geschehen, die uns den Wert des Moments vermittelt.
Wie beim Atmen.

Das Lassen – das Nicht-Tun – und die Pause sind essenziell beim Atmen und im Leben und lassen ein ‚Ausbrennen’ nicht zu.

Erst dann können wir ihn wirklich genießen. Können wir unser Leben genießen.