Glücklich sein trotz Sinnlosigkeit? Schopenhauers Lebensweiheiten

Was kann uns Arthur Schopenhauer heute noch sagen? Wo für ihn das Leben doch eh sinnlos und Glück für den Menschen unerreichbar war …
Trotzdem gibt er in seinen „Aphorismen zur Lebensweisheiten“ einige praktische Tipps, worauf wir achten sollten, wenn wir Momente der Zufriedenheit erleben wollen.

Das Leben ist lang genug

Vor kurzem sah ich eine Grafik, in dem ein Leben von neunzig Jahren in Monaten auf einem einzigen DINA4-Blatt dargestellt wurde. Jedes Kästchen steht für einen Monat. Es gibt auch ein Blatt, in dem alle Wochen aneinandergereiht sind. Meine Reaktion: Erschrecken!

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Das Gesetz des Gebens und Nehmens

DesignWir wollen sie oft nicht wahrhaben, und unsere Sprache versteckt sie manchmal vor uns: die einfache Tatsache, dass das Leben in dauerndem Wechsel begriffen ist. Dass wir vergänglich sind, dass wir nichts festhalten können im Leben, erscheint uns oft als eine schreckliche Vorstellung, die unsere ganze Existenz der Sinnlosigkeit preis gibt. Doch alles in der Welt lebt von diesem ständigen Hin und Her, das erst für den Austausch zwischen allen Formen sorgt.

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Das Gesetz der reinen Möglichkeit

Was sind wir eigentlich? Was macht uns aus? Was sind wir in unserem innersten Wesen, wenn alles andere – Alter, Geschlecht, Rasse, Nationalität, Familie, Erziehung, Erfahrungen, Vorlieben … – weggefallen ist? Wenn wir nicht das sind, was wir denken und fühlen, was bleibt dann noch?IMG_0023

Die reine Bewusstheit, die bloße Achtsamkeit. in unserem tiefsten Inneren sind und bleiben wir immer dieses nackte Sich-bewusst-sein. Und in diesem Bereich sind wir wirklich frei, denn in ihm liegt jede Möglichkeit unseres Lebens begründet. Aus der reinen Aufmerksamkeit heraus entspringt alles Wissen, alle Fühlen, jegliche Intuition – sie ist die Stille, die allen Formen erst zu ihrem Dasein verhilft.

Dieses stille Gegenwärtigkeit ist etwas in uns, was nicht beeinflusst ist von äußerem Geschehen. Es ist immer da, unterliegt allen Regungen in uns und allen Handlungen, die wir vornehmen, während es selber aber nicht von diesen Regungen und Handlungen verändert wird. Die Regungen, Gefühle und Gedanken, sind es, die unsere Individualität ausmachen. Woran wir uns erinnert können und was wir uns wünschen, das bildet den Kern unseres Ego – doch das ist wiederum nur eine Rolle, eine soziale Maske, die wir an- und ausziehen können. Manchmal haben wir diese Erinnerungen, manchmal jene, je nach Situation wünschen wir uns unterschiedliche Dinge, wir handeln und sprechen verschieden je nach den Umständen. Dieses Ego ist es, was uns vergessen lässt, dass wir in unserem Inneren eigentlich bloße Aufmerksamkeit sind. Das Ego ist unersättlich, es braucht stets Bestätigung von außen und es will die Kontrolle behalten. Dabei hat es nur Angst, all dies zu verlieren, und deshalb ist all sein Handeln darauf bestrebt, noch größere Macht zu erlangen.

Doch das ist nicht unser wahres Selbst. Wenn wir uns für einen Moment von unserem Ego befreien, merken wir, dass wir eigentlich ohne Angst sind. Unsere Seele braucht diese Bestätigung durch Erfolge, Befriedigung oder Zuspruch nicht – sie ist immun gegen Kritik und hat keine Angst vor Herausforderungen. Wir können das manchmal erfahren, wenn wir die Stille in uns vergrößern, ihr Raum geben. In Distanz zum alltäglichen Stress, zum Geplauder der Gedanken, zu den Anforderungen und Erwartungen, die man erfüllen zu müssen glaubt, können wir eine Stille erleben, die uns Zugang zu unserem wahren, furchtlosen Selbst verspricht. In dieser Stille – die wir körperlich und geistig erfahren – müssen wir nichts erledigen, wir müssen nur achtsam auf den Moment sein, bloß da sein.

In kleinen Momenten können wir im Alltag immer wieder versuchen, zu dieser Stille, zu dem Raum der reinen Möglichkeiten, Zugang zu erhalten. Am besten üben wir es, wenn wir uns bewusst zurückziehen, in die Natur, in die Betrachtung des Himmel, in das Hören eines Tons, in das Riechen einer Blume. Von diesem Punkt innerer Seelenstille heraus können wir lernen, auch die alltäglichen Aktivitäten um uns herum zu beobachten, ohne sie zu bewerten. Wenn wir davon absehen, alles immer zu bewerten, können wir die Freiheit und die Möglichkeiten um uns herum vermehren. Die Urteile, die wir routinemäßig von uns geben und mit der wir die Welt in Gut und Böse (für uns angenehm oder unangenehm) einteilen, hindern uns oft nur daran, die Welt so wahrzunehmen, wie sie wirklich ist. Erst dann, wenn wir uns das erlauben, können wir schließlich lernen, uns selbst zu akzeptieren.

O-Naami – Das Leben ohne Stress

Jeder von uns hat die Pflicht, sein Leben so angenehm und erfüllt wie möglich zu gestalten.

John M. Perkins

Die entwickeltste Gesellschaft sollte wohl die sein, deren Mitglieder am effektivsten mit Stress umgehen, ja ihn sogar weitgehend vermeiden oder ins Positive wenden können. Unsere westlichen Gesellschaften scheinen da noch zu suchen, ein kollektives Wissen darum, mit welchen Mitteln sich Stress am besten bewältigen lässt, existiert nicht. Solche Mittel, Jahrtausende alt, gibt es, doch ihre Einübung wird nicht durchgängig in Schulen gelehrt oder von Eltern weitergegeben, und es bleibt dem Einzelnen überlassen herauszufinden, wie er oder sie mit den Widrigkeiten des Alltags umgehen soll.

Im Gegenteil, Stress und Zeitdruck wird noch als Zeichen des Erfolgs angesehen, und Burn-Out gilt als Modekrankheit, deren Opfern heimlich-neidvoll zugestanden wird, wenigstens für etwas gebrannt zu haben.

Die „fortgeschrittene“ westlichen Kultur hat die individuelle Sorge um sich selbst als ganzen Menschen, spirituell, geisonaamitig und körperlich, zugunsten des technischen Fortschritts und des materiellen Wohlstands vernachlässigt. In Gesellschaften in asiatischen und lateinamerikanischen Ländern dagegen ist der bewusste Umgang mit Stress ein fester Bestandteil des Alltags – wenn auch, dank Globalisierung und Kapitalismus, auch dort traditionelle Fähigkeiten zu verschwinden drohen.

Überall dort, wo sich ganzheitlichere Lebensauffassungen, nicht-materielle Weltbilder und nicht-mechanistische Menschenbilder gehalten haben, wo Religion und Spiritualität eine Rolle im Alltag spielen, kennen, lehren und pflegen die Menschen die Methoden, mit denen sie zu großen Stress verhindern. Der amerikanische Schriftsteller und Politaktivist John Perkins hat in seinem Buch O-Naami solche Methoden gesammelt und in fünf Lebensregeln zusammengefasst:

Grundlage der Stressbewältigung ist die Einsicht, dass alles, was uns tagtäglich widerfährt, einen Einfluss auf unseren Körper und Geist hat – meist unbewusst. Dieser Einfluss schlägt sich, wenn sich der Stress häuft, negativ auf den Körper nieder: die Muskeln verkrampfen, der Blutdruck steigt, die Atmung flach ab, wir bekommen Kopfschmerzen, Herzrasen, Schweißausbrüche, Rückenschmerzen und, wenn der Stress chronisch wird, zahlreiche Krankheiten, die mit unserem vegetativen Nervensystem zusammen hängen. Denn dieses autonome, also vom bewussten Willen unabhängige System, das Atmung, Herzschlag und Puls, Körpertemperatur, Schlaf- und Wachphasen und vieles mehr regelt, will uns durch seine Reaktionen davor schützen, dem Stress zu erliegen. Leider hören wir zu selten auf die Zeichen, die der Körper uns gibt, und übergehen Kopfschmerzen oder Müdigkeit, oder wir stellen sie mit Mittelchen äußerlich ruhig.

Der Schlüssel für einen gesunden Umgang mit dem täglichen Stress liegt nun in der Fähigkeit, das autonome Nervensystem zu kontrollieren. Wer seine körperlichen Reaktionen bewusst bestimmen kann, kann die beschriebenen Symptome gar nicht erst entstehen lassen.

Perkins Ratschläge, fünf Grundsätze für ein angenehmes und erfülltes Leben, erscheinen auffällig wenig körperorientiert; sie sind eher Regeln für die eigene innere Einstellung dem Leben gegenüber.

1. Seien Sie das, was Sie sein möchten. Hören Sie auf, zu versuchen, etwas zu werden, und seien Sie es stattdessen. Denken Sie an die Person in sich, die das verkörpert, was Sie am meisten schätzen. Seien Sie diese Person, so weit es ihnen möglich ist. Machen Sie dies zu einem ständigen Teil Ihres Lebens.

2. Wägen Sie Probleme gegenüber Lösungen ab. Begreifen Sie, dass nicht das Problem das Problem ist, sondern dass die fehlende Lösung das Problem ist. Erlauben Sie sich nicht, in Panik zu geraten oder negativ zu sein. Entscheiden Sie sich für eine Lösung und probieren Sie diese aus.

3. Konzentrieren Sie sich. Gewöhnen Upanishad_Quotes1Sie es sich an, sich zu konzentrieren und ihr Leben in verschiedene Bereiche zu untergliedern. Arbeiten Sie, wenn Sie bei Ihrer Arbeit sind. Aber wenn Sie nach Hause gehen, gehen Sie wirklich, und konzentrieren Sie sich auf Ihre Familie, Ihr Hobby oder was immer Sie tun wollen.

4. Glauben Sie an etwas. Glauben Sie an das, von dem Sie wissen, dass es für Sie richtig ist. Glauben Sie an eine Religion, an sich selbst, an eine Idee oder ein Ziel. Woran Sie glauben, ist nicht wichtig. Entscheidend ist, dass Sie an das glauben, was für Sie am wichtigsten ist. Öffnen Sie Ihr Herz, hören Sie ihm zu und führen Sie aus, was es Ihnen sagt.

5. Meditieren Sie. Meditation verbindet die anderen vier Bestandteile und verschafft Ihnen 10-15 Minuten regelmäßiger Entspannung. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie still sitzen, beten oder sich bewegen.

 

Arthur Schopenhauer: Aphorismen zur Lebensweisheit (Teil 3): Das Glück der Einsamkeit

Die Feinde des Glücks

Es klingt so einfach. Warum sind wir aber trotzdem so selten glücklich? Schmerz und Langeweile sorgen dafür, dass sich kein innerer Frieden dauerhaft einstellen will. Ironie des Schicksals: je weniger Schmerzen wir haben, desto gröSchopenhauer_Portrait_by_Ludwig_Sigismund_Ruhl_1815ßer wird die Langeweile – und umgekehrt. Jeder Mensch wird entweder stärker von Unruhe und Schmerzen heimgesucht oder stärker von Langeweile gequält.

Die wahre Ursache der Langeweile ist jedoch die innere Leere, die uns immer wieder nach Ablenkung durch äußere Reize dürsten lässt. Unsere Sucht nach Unterhaltung, Gesellschaft, Vergnügen und Luxus entstammt dieser inneren Leere. Wir können ihr nur den inneren Reichtum, einen Reichtum des Geistes, entgegenhalten.

Einsamkeit und Glück

Dieser Reichtum des Geistes zeigt sich darin, die Einsamkeit aushalten zu können. In der Einsamkeit kann der Mensch sich beweisen, was er an sich selbst hat: ob er abhängig von äußeren Reizen ist oder mit sich selbst und seinen Gedanken genug hat. Dies ist auch für den geistreichen Menschen der sichere Weg zum Glück:

Der geistreiche Mensch wird vor allem nach Schmerzlosigkeit, Ruhe und Muße streben, folglich ein stilles, bescheidenes, aber möglichst unangefochtenes Leben suchen und demgemäß die Zurückgezogenheit und sogar die Einsamkeit wählen.

Geselligkeit hingegen ist nur ein Zeichen von geistiger Armut und von Gewöhnlichkeit. Je mehr wir also an uns selbst genug haben, je besser wir die Einsamkeit und das Alleinsein aushalten können, desto sicherer wird uns das Glück sein. Wer wenig äußere Unterhaltung nötig hat und „die Quelle seiner Genüsse in sich selbst findet“, ist unabhängiger und damit glücklicher. Alle äußeren Quellen der Freude wie Reichtum, Ehre, Besitz, Freundschaft und auch Liebe, sind ja von anderen abhängig und damit unsicher und vergänglich.

Demnach ist eine vorzügliche, eine reiche Individualität und besonders sehr viel Geist zu haben ohne Zweifel das glücklichste Los auf Erden.

Diese zeigt sich allerdings in dem Maße, wie wir in der Lage sind, es allein mit uns selbst und unserer Gedanken auszuhalten: in einem stillen Kämmerlein ohne jegliche Ablenkung, ohne Gesellschaft, Fernsehen, Internet – ja sogar ohne Bücher!

Wer geistreich ist, wird von seiner Geisteskraft schon genug unterhalten – zudem ist diese Unterhaltung edler und beständiger. Diese Fähigkeit zur „Sensibilität“ besteht in Kontemplation und Meditation, im reinen Denken, im Empfinden und Dichten, im Erfinden und Philosophieren im Bilden und Musizieren … der Genuss, der in der Ausübung dieser Tätigkeiten liegt, verspricht das größte, weil beständigste und am häufigsten wiederkehrende Glück!

Schopenhauer: Aphorismen zur Lebensweisheit (Teil 2) – Gesundheit und Glück

Für unser Glück zählt also vor allem das, was wir sind: unser Persönlichkeit. Denn nur sie liegt wirklich in unserer Macht, kann uns nicht genommen werden. Alles andere dagegen ist zweitrangig. Was das Schicksal für uns bereithält, zählt daher nur in zweiter Linie; was wirklich zählt, ist, wie wir darauf reagieren.

Weil es die Persaphorismen_zur_lebensweisheit-9783257236965_xxlönlichkeit ist, die für unser Glück ausschlaggebend ist, ist es auch wichtiger, gesund zu leben und sich selbst zu bilden, als sich um Besitz und Reichtümer zu kümmern. Die proportionale Zuordnung „Je reicher, desto glücklicher“ ist nämlich ein beliebter Trugschluss:

Großer Überfluss vermag wenig zu unserem Glück.

Statt für mehr Wohlbehagen zu führen, stören Besitz und Reichtum unser Glück nur durch die Sorgen, die mit ihnen einhergehen Die ständigen Fragen lassen wahre Gelassenheit gar nicht zu: Wie kann ich Besitz anhäufen? Wie vermeide ich, dass er mir geraubt wird? Welcher Konsum kann mich zufrieden stellen? Wie viel Konsum brauche ich? Wann ist genug?

Gar manchen daher sehn wir, in rastloser Geschäftigkeit, emsig wie die Ameise, vom Morgen bis zum Abend bemüht, den schon vorhandenen Reichtum zu vermehren. Über den engen Gesichtskreis des Bereichs der Mittel hiezu hinaus kennt er nichts: sein Geist ist leer, daher für alles andere unempfänglich.

Glücklicher wird derjenige, der sich stattdessen neben der Gesundheit und dem Erwerb des Nötigen darum kümmert, geistige Fähigkeiten auszubilden, die ihm echten, lang anhaltenden und unverfälschten Genuss erlauben.

Welche Fähigkeiten spielen für unser Glück die größte Rolle?

Ein edler Charakter, ein fähiger Kopf, ein glückliches Temperament, ein heiterer Sinn und ein wohlbeschaffener, völlig gesunder Leib – das sind die Eigenschaften, nach deren Erhaltung wir stets streben sollten.  Unter ihnen aber nimmt die Heiterkeit des Sinnes die wichtigste Stellung ein. Denn sie ist schon selber das Glück. Sie belohnt sich unmittelbar selbst, ohne Umwege. So kann sie auch am ehesten alle anderen Fähigkeiten und Glücksgaben ersetzen: ein fröhliches Gemüt ist zwar nicht alles, aber ohne es ist alles nichts.

Die Heiterkeit der Seele zu fördern ist also das Beste, was wir für unsere Glückseligkeit tun können. Und dafür ist nichts weniger wichtig als Geld und Besitz, und nichts wichtiger als die eigene Gesundheit. Nur wer gesund ist, kann auch wirklich heiter  sein und zufrieden mit seinem Leben. Und um dies zu erreichen, gibt es ganz praktische Tipps: Ausschweifungen vermeiden, heftige Gefühlsausbrüche ebenso wie zu große Denkanstrengungen, zwei Stunden Bewegung in frischer Luft pro Tag, kaltes Baden …

Unsere heutige sitzende Lebensweise sorgt am meisten dafür, dass wir unzufrieden sind und unsere Seelenzustand sich verschlechtert, denn wir erleben ein dauerndes Ungleichgewicht zwischen der Unruhe im Inneren und der äußerlichen Unbeweglichkeschopenhauer1it. Leben aber ist Bewegung, weiß schon Aristoteles, und daher ist nur durch sie körperliche Gesundheit und mit ihr das menschliche Glück zu erreichen. Klingt einfach …

Hieraus aber folgt, dass die größte aller Torheiten ist, seine Gesundheit aufzuopfern, für was es auch sei, für Erwerb, für Beförderung, für Gelehrsamkeit, für Ruhm, geschweige für Wollust und flüchtige Genüsse: vielmehr soll man ihr alles nachsetzen.

Die Leere in mir

Mache dich selbst von allem leer.
Lass den Geist in Ruhe weilen.
Die zehntausend Dinge entstehen und vergehen, während der Geist ihr Zurückgehen betrachtet.
– Lao Tse

In einigen Momenten können wir es noch erahnen, was es heißt ein lebendiges Wesen zu sein. Da zu sein. Einfach nur ein anwesender Mensch.

Als Kinder hatten wir sie oft, diese Momente des unverstellten Zugangs zur Welt – in unserer Trauer und Wut, in unserer Freude und sinnlosem Lachen. Im Schmerz unserer  Einsamkeit und im hoffnungsvollen Gefühl, irgendwann jemand anders sein zu können.

Vor allem in der irrsinnig lang erscheinenden Dauer all der Stunden und Tage. In der Unendlichkeit eines Jahres – wie haben wir gedacht, unsre Kindheit würde niemals enden. Wie haben wir gefühlt, wie lang eine halbe Stunde sein kann. Wie haben wir uns gelangweilt. Stundenlang.

Wir haben uns gefühlt und das reine Vergehen der Zeit.

Youth always tries to fill the void, an old man learns to live with it.
― Mark Z. Danielewski

Wie lang ist das her – als wäre es ein anderes Leben. Als hätte jemand anderes so gefühlt. Heute leben wir nicht mehr so. Wir langweilen uns höchstens für ein paar Minuten. Wir sind nicht allein, nie nur mit uns selbst.

Wir füllen die Leere. Füllen jede Sekunde, sobald wir auch nur ein wenig Unruhe verspüren, die ersten Anzeichen von Unzufriedenheit, von Ungenügen an der bloßen Gegenwart. Das Kribbeln in den Fingern, der Druck in der Magengrube. Alles in uns strebt danach, die Leere so schnell wie möglich auszufüllen, denn die Natur fürchtet das Vakuum.

leereUnd wir haben nun die Möglichkeiten, die wir als Kind nicht hatten: die technischen Möglichkeiten um der Leere in uns zu entgehen.

In beinahe jedem Moment haben wir Musik, Filme, Spiele, Lektüre, bekannte und unbekannte Gesprächspartner in Reichweite. Wir können alles tun um der Langeweile zu entkommen. Dem bloßen, bedeutungslosen Augenblick.

Aber mit ihm entkommen wir auch unsrem Leben selbst. Denn das, was unser Leben ausmacht, sind seine unmittelbaren Momente. Das, was zählt, ist das Dabeisein. Auch in der Leere anwesend zu sein, ihren Schmerz zuzulassen, muss man wieder lernen, falls man nicht Kind geblieben ist.

Warum aber haben wir heutzutage diesen Schutz angelegt, der es nicht zulässt, dass wir unverstellt der Welt gegenüberstehen? Weil uns die Welt mit ihrer Sinnlosigkeit und Leere im Grunde ängstigt? Weil wir mit der Beschäftigung dem Gefühl entgehen können nutzlos zu sein?

Glücklich sein heißt, ohne Schrecken seiner selbst innewerden können.
– Walter Benjamin

Aber die Leere zuzulassen bedeutet, mit dem Leben in Kontakt zu kommen. Die kleinen Momente des Nichts, der Abwesenheit von Beschäftigung sind die einzigen, in denen wir wieder fühlen können, was um uns herum ist: die Zeit, das Leben, uns selbst.

Aus dieser gefühlten, wahrgenommen Leere heraus können wir irgendwann zu wahrem Handeln kommen – zu einem, das nicht nur eine Flucht, ein verzweifeltes Suchen nach Sinn, eine sublimierte Begierde ist. Wenn wir üben, so oft wie möglich die Möglichkeiten der Flucht aus der Leere nicht zu ergreifen, sondern dem Gefühl standzuhalten, zu merken, was wirklich passiert, dann können wir auch unseren Schmerz, unsere Verzweiflung, unsere Langeweile begreifen und akzeptieren.

The artist’s job is not to succumb to despair but to find an antidote for the emptiness of existence.
― Woody Allen

Alles hinter sich lassen

Je stärker uns das Effizienzdenken ergreift, desto verführerischer wird die Einstellung, immer mehr in immer weniger Zeit zu tun. Schneller zu werden und die Pausen ausfallen zu lassen, wenn sie nicht wirklich wichtig sind. Auch die kleinen, oft unmerklichen Übergange von einer Aktivität zur anderen, von einem Menschen zum anderen lassen wir unbewusst ausfallen. Je schneller wir uns der nächsten Aufgabe widmen – denken wir –, desto schneller können wir sie erledigen. Desto erfolgreicher wird unser Leben sein.

Nicht nur den Momente, die der Arbeit gewidmet sind, sondern auch in denen, die wir schöpferisch, kontemplativ, spielerisch, liebend verbringen, nehmen wir mehr und mehr die Logik der Maschine an. Wir denken und erleben in quantitativen Kategorien, weil wir unsere Identität und unseren Selbstwert von der Zahl der erzählbaren Erlebnisse, der fotografierten Momente, der gelesenen Bücher und der aufzählbaren Freunde abhängig machen.confirmez

Das führt oft dazu, dass wir die einzelnen Momente gar nicht mehr unterscheiden, sondern von einem zum anderen hetzen, ohne innezuhalten und wirklich dazusein. Ohne den Moment wirklich genießen zu können. Schließlich erleben wir unseren Alltag als Abfolge von stressigen Situationen, die Menschen um uns herum als nervig und die Zeit als immer zu knapp.

Dabei haben wir für das, was zählt, genau so viel Zeit, wie wir brauchen. Wir müssen nur dabei sein. Wenn wir irgendwo ankommen, sollten wir innehalten, durchatmen, lächeln, wahrnehmen, einfach nur da sein. Ebenso, wenn wir mit einem anderen Menschen zu tun haben oder uns einer anderen Aufgabe widmen. Wir können in diesen Pausen ein Teil von dem, was wir emotional und mental „im Gepäck“ haben, zurücklassen: unsere Gedanken und Gefühle, unsere Erwartungen und Wünsche, unseren Stress und Zeitdruck.

Normalerweise schleppen wir all das ständig mit uns herum, egal wo wir sind und wo wir hinkommen. Dementsprechend sind auch unsere Gespräche, unser gesamtes Tun davon beeinflusst, wie viel wir mit uns herumtragen.

Sobald wir uns aber bewusst die Zeit dafür genommen haben, wirklich innezuhalten und wahrzunehmen, wo wir sind, wer die anderen sind, wie alles aussieht, riecht,sich anhört und anfühlt, dann können wir mit dem neuen Moment in unserem Leben besser und stressfreier umgehen. Denn dann erinnern uns daran: wir sind genau da, wo wir sein sollen. Die vergangenen Momente sind vorbei, sie haben nichts mehr zu bedeuten – es sein denn, wir halten krampfhaft oder auch nur unbewusst an ihnen fest. Die zukünftigen Momente existieren noch nicht, also müssen wir uns auch nicht mit ihnen herumschlagen. Wenn wir loslassen, merken wir, dass wir dem Moment offener gegenüber treten können. Das kann nur über bewusste sinnliche Wahrnehmung geschehen, die uns den Wert des Moments vermittelt.
Wie beim Atmen.

Das Lassen – das Nicht-Tun – und die Pause sind essenziell beim Atmen und im Leben und lassen ein ‚Ausbrennen’ nicht zu.

Erst dann können wir ihn wirklich genießen. Können wir unser Leben genießen.