Summertime …

Kleines Video von mir zu dem Song „Over the Hill“ von John Martyn …:

Das Zitat am Schluss stammt aus Garth Risk Hallbergs Roman „City on Fire“.

Advertisements

Die Leere in mir

Mache dich selbst von allem leer.
Lass den Geist in Ruhe weilen.
Die zehntausend Dinge entstehen und vergehen, während der Geist ihr Zurückgehen betrachtet.
– Lao Tse

In einigen Momenten können wir es noch erahnen, was es heißt ein lebendiges Wesen zu sein. Da zu sein. Einfach nur ein anwesender Mensch.

Als Kinder hatten wir sie oft, diese Momente des unverstellten Zugangs zur Welt – in unserer Trauer und Wut, in unserer Freude und sinnlosem Lachen. Im Schmerz unserer  Einsamkeit und im hoffnungsvollen Gefühl, irgendwann jemand anders sein zu können.

Vor allem in der irrsinnig lang erscheinenden Dauer all der Stunden und Tage. In der Unendlichkeit eines Jahres – wie haben wir gedacht, unsre Kindheit würde niemals enden. Wie haben wir gefühlt, wie lang eine halbe Stunde sein kann. Wie haben wir uns gelangweilt. Stundenlang.

Wir haben uns gefühlt und das reine Vergehen der Zeit.

Youth always tries to fill the void, an old man learns to live with it.
― Mark Z. Danielewski

Wie lang ist das her – als wäre es ein anderes Leben. Als hätte jemand anderes so gefühlt. Heute leben wir nicht mehr so. Wir langweilen uns höchstens für ein paar Minuten. Wir sind nicht allein, nie nur mit uns selbst.

Wir füllen die Leere. Füllen jede Sekunde, sobald wir auch nur ein wenig Unruhe verspüren, die ersten Anzeichen von Unzufriedenheit, von Ungenügen an der bloßen Gegenwart. Das Kribbeln in den Fingern, der Druck in der Magengrube. Alles in uns strebt danach, die Leere so schnell wie möglich auszufüllen, denn die Natur fürchtet das Vakuum.

leereUnd wir haben nun die Möglichkeiten, die wir als Kind nicht hatten: die technischen Möglichkeiten um der Leere in uns zu entgehen.

In beinahe jedem Moment haben wir Musik, Filme, Spiele, Lektüre, bekannte und unbekannte Gesprächspartner in Reichweite. Wir können alles tun um der Langeweile zu entkommen. Dem bloßen, bedeutungslosen Augenblick.

Aber mit ihm entkommen wir auch unsrem Leben selbst. Denn das, was unser Leben ausmacht, sind seine unmittelbaren Momente. Das, was zählt, ist das Dabeisein. Auch in der Leere anwesend zu sein, ihren Schmerz zuzulassen, muss man wieder lernen, falls man nicht Kind geblieben ist.

Warum aber haben wir heutzutage diesen Schutz angelegt, der es nicht zulässt, dass wir unverstellt der Welt gegenüberstehen? Weil uns die Welt mit ihrer Sinnlosigkeit und Leere im Grunde ängstigt? Weil wir mit der Beschäftigung dem Gefühl entgehen können nutzlos zu sein?

Glücklich sein heißt, ohne Schrecken seiner selbst innewerden können.
– Walter Benjamin

Aber die Leere zuzulassen bedeutet, mit dem Leben in Kontakt zu kommen. Die kleinen Momente des Nichts, der Abwesenheit von Beschäftigung sind die einzigen, in denen wir wieder fühlen können, was um uns herum ist: die Zeit, das Leben, uns selbst.

Aus dieser gefühlten, wahrgenommen Leere heraus können wir irgendwann zu wahrem Handeln kommen – zu einem, das nicht nur eine Flucht, ein verzweifeltes Suchen nach Sinn, eine sublimierte Begierde ist. Wenn wir üben, so oft wie möglich die Möglichkeiten der Flucht aus der Leere nicht zu ergreifen, sondern dem Gefühl standzuhalten, zu merken, was wirklich passiert, dann können wir auch unseren Schmerz, unsere Verzweiflung, unsere Langeweile begreifen und akzeptieren.

The artist’s job is not to succumb to despair but to find an antidote for the emptiness of existence.
― Woody Allen

Kurzmitteilung

Arbeit und Achtsamkeit

Arbeit könnte so schön sein, bedeutete sie nicht vor allem Stress, Unbequemlichkeit, Freudlosigkeit, Langeweile, Schmerz. Denn Arbeit, so ekelhaft und unwürdig für einen freidenkenden Menschen sie auch sein mag, hat doch auch ihr Gutes: sie versorgt uns mit Sinn, denn das, was wir machen, kann uns zeigen, was wir sind. Das, was wir auf die Beine stellen, kann uns einen Hinweis darauf geben, wozu wir in der Lage sind.

Die Mühen der Arbeit

Gleichwohl bleibt die Arbeit eben in erster Linie, wie es in der etymologischen Wurzel des Wortes steckt, Mühsal und Qual, und Müßiggang ist nicht immer erreichbar. Nicht jede Anstrengung gibt unserem Leben Sinn, und nicht jede sinnlose Arbeit kann umgangen werden.

Doch sie muss es auch nicht. Eine Arbeit muss nicht sinnvoll sein, um sinnvoll zu sein.

Was aber bereitet uns eigentlich ein solches Unbehagen am Arbeiten? Die Handlungen der Arbeit selbst sind es nicht, die diese Mühsal und Qual hervorrufen – Handlungen sind nur Handlungen, die eben getan werden. Wenn eine Arbeit beispielsweise körperlich anstrengend ist, dann ist es nicht in erster Linie diese Anstrengung, die uns Schmerz bereitet. Denn beim Sport strengen wir uns auch an und der daraus resultierende Schmerz ist uns willkommen.

Es ist unsere Reaktion auf die Arbeit, die Stress und Leid verursacht: unser Festhalten an dem Wunsch, dass die Dinge anders wären, als sie tatsächlich sind.

Wenn eine Arbeit geistig fordernd ist, dann ist es nicht in erster Linie diese Herausforderung, die Schmerz bereitet: Wenn wir Rätsel lösen oder Bücher lesen, kann dies auch geistig herausfordernd sein, und diese Herausforderung suchen wir. Und auch die ständigen Unterbrechungen, die uns frustrieren, weil wir uns nicht so auf eine Sache konzentrieren können, wie wir es geplant haben –  all das sind nur Ereignisse, die um uns herum passieren, wie ein Blatt, das vom Baum fällt. Ohne Bedeutung.

Wir halten stets an Vorstellungen fest, Vorstellung von dem, wie die Dinge zu laufen haben, wie man selber handeln sollte, wie die Menschen sein sollten und überhaupt wie unser ganzes Leben eigentlich aussehen sollte.  Doch genau dieses Festhalten ist es, was uns frustriert, nicht die Dinge an sich. Und dieses Festhalten an Vorstellungen ist es auch,  was die Arbeit wirklich unangenehm macht.

BuddhaDie fünf Arten des Festhaltens am Sein sind Leiden.

Buddha

Die anderen Menschen um uns herum sind nicht das Problem, wenn sie auch oft genug so erscheinen mögen: sie sind nur andere Menschen, die versuchen, ihr Bestes zu geben. Es ist unser Festhalten an der Vorstellung, dass sie sich auf eine bestimmte Weise zu verhalten haben, dass sie mehr oder weniger dazu da sind, um uns glücklich zu machen – diese Vorstellung bereitet uns Schwierigkeiten.

Es ist nicht die  Zahl an Aufgaben, Zielen, Projekten, Informationen und Nachrichten, die uns stressen: es ist unsere Reaktion auf sie. Eine To-Do-Liste ist nur eine To-Do-Liste und ein klingelndes Telefon nur ein klingelndes Telefon – an sich harmlose Dinge.  Wir empfinden erst dann Stress, wenn wir an der Vorstellung festhalten, dass wir all diese Dinge tun können und müssen und zwar zur gleichen Zeit und am besten noch heute. Oder wenn wir denken, wir könnten mit unserer Zeit auch besseres anfangen, als hier herumzusitzen und zu arbeiten.

Der Stress entsteht daraus, dass die Wirklichkeit nicht mit unseren Plänen übereinstimmt. Das versetzt unserem Ego einen herben Schlag: Die Welt ist nicht so, wie ICH sie mir vorgestellt habe? Frechheit!

Die Lösung besteht darin, das Loslassen zu lernen.

Der Mensch lasse zuerst sich selbst, dann hat er alles gelassen.

Meister Eckhart

Natürlich – die Arbeit muss erledigt werden, manche zumindest. (Meistens allerdings weniger, als man gedacht hätte – es ist eine tägliche Entscheidung, welche Arbeit man wirklich erledigen will und welche eigentlich vernachlässigt werden kann, wenn man die Konsequenzen dieser Vernachlässigung in Kauf nimmt. Oft fallen diese Konsequenzen allerdings weniger lebensgefährdend aus als gedacht.)

Aber die Frustrationen, der Stress, der Ärger, die Gereiztheit, das Gefühl der Überforderung … alles wird durch das Festhalten verursacht, und dieses existiert nur in unserem Denken. Wir halten zudem daran fest, was früher passiert ist – an dem, was jemand getan oder nicht getan hat, an der Erinnerung an einen Fehler, den wir begangen haben – aber das hält den Schmerz nur fest und lässt ihn endlos wiederkehren. Wir müssen diesen Vorstellungen erlauben zu gehen.

Sicher, loslassen nicht immer einfach. Es ist umso schwerer, wenn man denkt, man könnte für sein kleines Ich noch etwas gewinnen, wenn man festhielte. In Schiffbruch mit Tiger von Yann Martel heißt es:

Ich nehme an, das ganze Leben ist gewissermaßen eine Übung darin, loszulassen.

Diese Übung besteht darin, stete Achtsamkeit zu erlernen. Achtsamkeit ermöglicht es uns, die Denkprozesse, die Schmerz und Leid verursachen, zu beenden.

Achtsamkeit verhilft uns auch zu dem eigentlichen Augenblick zurück – wir nehmen die Dinge wieder so wahr, wie sie sind, ohne Bedeutung und ohne die Macht, uns wirklich zu ärgern und Stress zu bereiten. Alles, was in unserem Kopf an Erwartungen und Wünschen und Ängsten abläuft, kann dann schwächer werden und nach und nach verblassen und wir können in dem leben, was tatsächlich hier und jetzt passiert.

Wir erledigen eine Aufgabe ohne an andere Aufgaben zu denken oder daran, was andere Menschen uns angetan haben. Wir erledigen eine Aufgabe, und dann lassen wir sie los, und gehen weiter zur nächsten Aufgabe. Dabei achten wir einfach auf das, was passiert – auf unseren Atem, auf unseren Körper, auf die Geräusche und Gerüche, auf die Menschen um uns herum.

Dies erfordert Übung, die im Alltag fest verankert werden sollte. Man kann dazu übergehen, den Alltag als Übung zu betrachten, wie es Karlfried Graf Dürckheim formuliert. In ruhigen Minuten können wir meditieren und so unsere Fähigkeit steigern, uns ganz auf den Moment zu konzentrieren – uns ganz auf die Dinge einzulassen. Dann wird irgendwann auch die unangenehmste, langweilige und sinnloseste Arbeit zu einer Übung in Achtsamkeit und Gelassenheit.  Dann kann auch sinnlose Arbeit unserem Leben Sinn verleihen.

Die Kunst des Müßiggangs

»O Müßiggang, Müßiggang! du bist die Lebensluft der Unschuld und der Begeisterung; dich atmen die Seligen, und selig ist wer dich hat und hegt, du heiliges Kleinod! einziges Fragment von Gottähnlichkeit, das uns noch aus dem Paradiese blieb.« (Friedrich Schlegel: Lucinde)Bild

Faulheit und Nichtstun sind eigentlich nur andere Begriffe für das vollkommene Leben. Im Alltagsgebrauch haben sie oft etwas Anrüchiges, etwas, was man mit mangelndem Ehrgeiz und schlechtem Charakter verbindet. Etwas, was man gerne über andere sagt, aber nicht über sich selbst hören möchte.

Im philosophischen Sprachgebrauch aber kennt man sie unter den Namen Muße und vita contemplativa, und als solche sind sie seit der griechischen Antike positiv konnotiert. Ein kontemplatives Leben führen heißt, das Leben in seinem eigentlichen, dem Menschen zukommenden Sinne zu führen. All der Fleiß und die Mühen der Arbeit, all das Zielesetzen und Aufgabenerledigen, all das Aktivsein und  sind doch im Vergleich zur Ruhe des gekonnten Müßiggangs niedere, geistlose und unkünstlerische Veranstaltungen.

Faulheit, Nichtstun, Müßiggang, Muße, Kontemplation und dergleichen Begriffe haben sicherlich nicht die gleiche Bedeutung – sie unterscheiden sich vor allem in dem Grad von Nützlichkeit bzw. Schädlichkeit, den wir ihnen zusprechen. Während Faulheit bisweilen als moralisch fragwürdig bis gefährlich angesehen wird und Müßiggang als aller Laster Anfang (aber auch als notwendige Auszeit zur Reproduktion von Arbeitskraft), finden Muße und Kontemplation ihren Wert oft in ihrer dienenden Funktion für einen innovativen, kreativen Geist: aus der äußeren Passivität resultiert vermehrte innere Aktivität und Schöpferkraft, die sich wiederum zu Fortschritt und Wohlstand einsetzen lassen.

Aber gemeinsam ist all diesen Begriffen doch eines: die (befristete) Abkehr von unhinterfragter Arbeit und geist- und zwecklos gewordenem Handeln. Und mag es dem Menschen auch nicht gegeben sein, schicksallos wie der schlafenden Säugling in ewiger, stiller Klarheit zu ruhen, so ist es ihm doch erlaubt, zugunsten seines eigenen Glücks Momente der Ruhe und des Nichtstuns zu erleben – wenn er sie sucht!

Die wahre Kunst des Lebens besteht sicherlich darin, Muße und Arbeit, Passivität und Aktivität, Geschehenlassen und In-die-Hand-nehmen miteinander in Einklang zu bringen. Doch während wir in den westlichen Gesellschaften aufgrund unserer kulturellen Prägung seit Jahrhunderten kein Problem damit haben, das Handeln bis zum blinden Aktivismus gutzuheißen, fällt uns das indisch-meditative Einfach-nur-da-sein schwer.

Nichtstun: Es muss begründet werden (als müsste man begründen, dass man „nur“ lebt), es muss seine Rechtfertigung finden (als müsste nicht eher jede Aktion, jedes In-die-Welt-gehen gerechtfertigt werden), man muss es mit gutem Gewissen tun können (als wäre unser gutes Gewissen etwas anderes als die vehement in die Kinderseele eingebleute Instanz der Lehrer, Eltern, Politiker, Unternehmer, deren Lebenszweck schon seit jeher im unhinterfragten Handeln und blinden Fortschreiten in welche Richtung auch immer bestand).

Warum aber kann ich nicht stundenlang am Weiher liegen und den Mücken und Libellen zusehen?

Warum fällt es uns so schwer, die gottähnliche Kunst des Müßiggangs zu pflegen? Und was können wir tun, um das Leben so zu genießen, wie es ist, ohne vermessene Ansprüche, ohne sich Sorgen um die Zukunft zu machen oder reuevoll in der Vergangenheit zu verweilen? Wie können wir den Augenblick wieder heiligen, wie wir es als Kinder taten?