Heidegger und die Langeweile

Wo ist die Langeweile hin?

leereWir langweilen uns heutzutage eigentlich nicht mehr. Die Angebote der Unterhaltungsindustrie sind so vielfältig und umfassend geworden, dabei so preiswert zu haben und so verführerisch, dass kaum ein Augenblick vorbeigeht, an dem wir uns langweilen MÜSSTEN.

Es gibt zwar noch hier und da den Moment, da uns die Leere in unserem Leben bewusst wird, aber es dauert keine fünf Sekunden, da wir diesen Moment überdecken können mit einer Kommunikation, einem Spiel, einem Film, einer Musik, einer Lektüre.

Und dass allein die MÖGLICHKEIT da ist, jeden Moment sofort aus der Leere hinauszureißen, die Leere zu füllen, die Langeweile zu übertünchen, dass macht unser Leben schon zu einem, dem Langeweile an sich fremd geworden ist.

Langeweile droht nicht mehr am Horizont. Sie steht nicht als ein Schreckensgespenst am Morgen mit uns auf, so dass wir uns bewusst fragen müssten, was wir heute tun können, um die Langeweile zu vertreiben. Das Smartphone ist immer griffbereit, auch ohne dass uns die Langeweile uns erinnern müsste, wie öde uns die Zeit ohne es werden würde.

Unsere heimliche Gebieterin – die Langeweile

pexels-photo-91224Und trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen, ist die Langeweile die Beherrscherin unseres Lebens. Sie ist präsent, aber eben nur im Hintergrund. Da sie uns nicht mehr auffällt, kann sie uns um so schonungsloser antreiben, vor sich her treiben, herumkommandieren. Weil wir sie nicht bewusst wahrnehmen, spüren wir ihre Herrschaft nicht. Spüren nicht die Rute, mit der sie uns Tag für Tag knechten.

Und auch über unsere ganze Lebensgestaltung hat die Langeweile das Zepter übernommen: Wir wählen, wie wir leben wollen, weil wir unbewusst niemals mehr in die Verlegenheit kommen wollen, der Langeweile ganz und gar schutzlos ausgeliefert zu sein. So wählen wir unseren Job, der uns die Langweile vom Hals halten soll, unsere Beziehungen, unsere Freizeitgestaltungen. Unser Job soll dafür sorgen, dass wir stets genug Mittel zur Hand haben, durch den Konsum neuer Unterhaltungsprodukte der Langeweile ein Schnippchen zu schlagen – sie aus unserem Leben zu verbannen.

Die Leere bleibt im Hintergrund

Und doch bleibt da im Hintergrund die Leere. Das Grundrauschen der Existenz, wie sie der Philosoph Martin Heidegger genannt hat.

Hinter jedem Augenblick versteckt sie sich, die Leere, sie bleibt anwesend, wie die Stille unter dem Geräusch, wie die Sonne hinter den Wolken. Sie, diese allumfassende Leere, die wir in Momenten der Langeweile so qualhaft verspüren, ist die Basis unseres Daseins.

Dabei ist für Heidegger die Langeweile als Empfindung ein Initiationsereignis der Philosophie. Nur wenn wir uns langweilen, der Langeweile aussetzen, kommen wir zu einer metaphysischen Erfahrung.

lenbach_hirtenknabeDaher fordert Heidegger, dass der Mensch den Augenblick des leeren Verstreichens der Zeit ungeschützt und bewusst erfährt. Denn die Zeit ist es ja, die stets untergründig fortschreitet, verstreicht, dahinfließt – und diesen Fluss verdecken wir in jedem Moment, den wir mit irgendetwas Welthaltigem verbringen. Beschäftigt, besorgt, angeregt, vertieft in eine einzelne Tätigkeit. Doch in dem Moment, in dem sich kein Weltgehalt anbietet, also keine Beschäftigungsmöglichkeit da ist, an der wir uns festhalten und orientieren können, keine Unterhaltung, keine Arbeit, keine Bespaßung, kein Vergnügen – in diesem Moment bemerken wir die reine Zeit, die reine Anwesenheit.

Dem Schrecken des Nichts standhalten

Aber vor den Abgründen der Langeweile packt uns normalerweise die Angst vor der Leere – der horror vacui. Es zu unterlassen, diese Leere zu füllen, ist eine alltägliche Übung – eine Übung im Alltag. Der Mensch, der die Langeweile zulässt, kämpft gegen seine spontane Neigung an, unsere Verlorenheit und Verlassenheit zu bemerken. Denn dieses Bemerken erzeugt Schrecken. Diesen Schrecken muss man aushalten. Er macht einen intim bekannt mit dem Nichts.

Wir haben ja oft eine Sehnsucht nach einer echten Verbundenheit, nach Nähe, nach Intensität. Wir wollen echt und voll und wild leben. Wir wollen authentische Erfahrungen machen, wirkliche Begegnungen mit Menschen. Keine Sekunde ungenutzt verstreichen lassen. Unsere Zeit nicht nutzlos herumbringen, sondern voll und ganz ausfüllen und ausschöpfen. Und sei es bis zur Erschöpfung.

Erfüllung durch Leere

heidegger3Doch diese Sehnsucht nach Erfülltheit wird nicht befriedigt, indem wir den Dingen hinterherlaufen, uns von ihnen anregen, erregen lassen. Sie wird nicht gestillt durch Unterhaltung und Spaß und Beschäftigung.

Wir wollen ergriffen sein, doch all die kleinen Ablenkungen – ein Spiel auf dem Smartphone, ein oberflächlicher Smalltalk, eine Erholungsreise – ergreifen uns nie wirklich.

„Der einzelne“, sagt Heidegger, „wird vom Ganzen der Welt gerade dadurch ergriffen, das er davon nicht ergriffen, sondern leer zurückgelassen wird.“

Sich nicht ergreifen lassen – und selber wiederum nichts ergreifen. Die Stille hören, die Leere spüren, das Rauschen der Zeit wahrnehmen, das Nichts empfinden. Erst dadurch werden wir tatsächlich ergriffen.

 

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2 Gedanken zu “Heidegger und die Langeweile

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