Woher kommt die Angst?

Wenn wir zögern, wenn wir zweifeln, wenn wir nicht handeln, wo wir handeln könnten … wenn wir schweigen, wo wir sprechen müssten, wenn wir nicht die Wahrheit sagen, obwohl wir sie kennen, wenn wir nicht für jemanden oder etwas einstehen, der oder das uns wichtig ist … woher kommt das? Warum weichen wir dem Leben so oft auVon der Angst zum jetzigen Moments?

Die Angst hindert uns oft daran, das zu tun, was wir eigentlich tun wollen. Das zu sagen, was wir für richtig erachten. Sie zeigt sich in den unterschiedlichsten Gestalten, die je nach Situation, je nach Charakter wechseln können: in körperlicher Anspannung, Nervosität, Schrecken, Unruhe, Lähmung. Aber oft steht die Angst nicht mit einer konkreten, echten Gefahr im Zusammenhang – oft ist sie unbegründet, unecht, geradezu unnötig.

Woher aber kommt dieser Zustand in unserer Seele, der uns zagen und sorgen lässt? Es ist unsere Identifikation mit unseren Gedanken, die die Angst erst zulässt. Wir gelangen zu dem Glauben, wir seien nicht mehr als unsere Gedanken: die an das Gestern und die an das, was wohl morgen sein wird.

Solange wir uns mit diesen Gedanken identifizieren, tun wir, was das kleine Ego von uns will. Es will beachtet, will gehört werden. Es will uns beherrschen, und das lassen wir zu, wenn wir denken, dass es nichts anderes gibt als unsere Reue über Vergangenes und unsere Sorgen über die Zukunft.

Letztlich ist diese Angst, die Herrschaft unseres Ego über uns, die Angst eben dieses Ego vor dem Tod. Wenn wir befürchten, etwas zu verlieren, zu versagen, verletzt zu werden, dann ist das letztlich dieses kleine Ich, das gehört werden will, das nicht sterben will.

Sobald wir aber aufhören, uns mit unseren Gedanken zu identifizieren, spielt das alles keine Rolle mehr. Die Möglichkeit von Verlust und Versagen kratzen nicht an uns, der Zwang, Recht zu behalten, bestimmt nicht mehr unser Selbstwertgefühl.

Der Verstand versucht, diese einfache Methode zu leugnen. Er will Herrscher sein, also macht er uns vor, unabkömmlich zu sein. Je stärker wir uns aber mit unserem Denken identifizieren, desto mehr leiden wir. Dann hören wir auf, uns künstlich selbst zu vermehren. Denn nichts anderes ist es, was der Verstand, das kleine Ich, das Ego mit uns macht: sich selbst vermehren, indem die Gedanken auf die ganze Welt hin ausgreifen, auf das unveränderbare Gestern und das unsichere Morgen, selbst auf andere Menschen und ihre Meinungen.

Wie können wir nun aufhören, uns mit unseren Gedanken zu identifizieren? Wie hindern wir den Verstand daran, die Herrschaft über uns zu übernehmen, sich zu vermehren und uns zu lähmen?

Wir werden uns bewusst, dass der jetzige Augenblick, die reine Gegenwart, alles ist, was wir jemals haben werden. Dies wird auch morgen, auch im nächsten Jahr, auch in ferner Zukunft nicht anders sein: Immer werden wir nur diesen einen Augenblick haben. Er wird zum Brennpunkt unseres Lebens. Wenn wir üben, in diesem Jetzt zu bleiben, und der Vergangenheit und der Zukunft nur kurze Besuche abzustatten, bewusst und geplant und nur sooft es für unser praktisches Leben nötig ist, dann lernen wir, ohne Angst zu leben.

 

 

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5 Gedanken zu “Woher kommt die Angst?

  1. Ein schöner Eintrag, aber ist man wirklich mehr als seine Gedanken? Ist das Ego nicht schließlich das Ich in seiner Gesamtheit?
    Für mich stellt sich das alles viel mehr als ein Problem der Vereinbarung zwischen „Ich“, „Über-Ich“ und „Es“, um es nach Freud einzuordnen.

      1. Das könnte man doch eigentlich auch unter Gedanken fassen oder zumindest werden die Gefühle und Instinkte durch die Gedanken vermittelt an das Ich. Schließlich weiß man erst wie man sich fühlt, wenn man reflektiert, wie die Gefühle einen beeinflussen. Wobei mir der Instinkt einfach nur ein Ur-Gedanke zu sein scheint, der schnellstmögliche Weg, den ein Gedanke zurücklegen kann.
        Aber, wie du das so schreibst … danke für die Öffnung des Thema.

      2. Danke auch, für die Kommentare. Ich denke, Gefühle und Gedanken sind fundamental verschieden, fast eher so wir Körper und Geist. Aber natürlich beeinflussen sie sich gegenseitig, wie sich auch Körper und Geist gegenseitig beeinflussen. Ich denke, man weiß schon genau, wie man sich fühlt, noch bevor man ja bewusst darüber reflektiert hat – aber es ist eben kein rein kognitives Wissen, sondern ein leibliches. Es ist wichtig, sich den Zugang zu diesem leiblichen Wissen zu erhalten, das immer wieder zu üben.

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