Eigensinn und Glück

Der wahre Besitz eines Menschen ist das, was er in sich trägt. Alles andere sollte demgegenüber völlig belanglos sein. – Oscar Wilde

Was für eine Kostbarkeit ist doch die Persönlichkeit eines Menschen! Man selbst zu sein, eigensinnig, seinen eigenen Kopf haben, manchmal auch einen Dickkopf … die Freiheit, individuell sein zu dürfen, ist das Geschenk, das uns unsere Vorfahren gemacht haben, als sie für die Rechte und die Würde des einzelnen Menschen kämpften. Ein Geschenk, dass wir nur zu oft anzunehmen vergessen …

Aber ist das nicht ein schrecklicher Zwang in unserer modernen Gesellschaft – immer nur man selbst sein, sich immer unterscheiden müssen? Ein Zwang, der geradezu zur Erschöpfung führen kann, wie es der französische Psychologe Alain Ehrenberg in seinem Buch „Das erschöpfte Selbst“ beschrieben hat?

Gewiss, individuell sein zu dürfen ist oft nicht nur Geschenk, sondern kann zugleich Aufgabe, manchmal sogar selbstauferlegte Pflicht. Diese Aufgabe anzunehmen als seine ganz eigene, sie für sich selbst zu gestalten, ist es, die Menschen voneinander unterscheidet. Niemand „muss“ individuell sein, und doch ist es jeder schon zu Beginn an, auch in seinem Bemühen, sich nicht zu sehr von anderen zu unterscheiden.

Oscar Wilde hat in seinem Essay über die „Seele des Mewildenschen unter dem Sozialismus“ beschrieben, was er unter Individualismus versteht, und warum er dem Eigensinn des Menschen seine ganz eigene Verwirklichung sieht.

Wilde sieht die Individualität nicht als Anforderung, die von außen an uns getragen wird, nicht als Anspruch, den andere an uns haben, der uns fremdbestimmt sein lässt, sondern als den Punkt in unserer Seele, zu dem alle Entwicklung drängt.

Die Möglichkeit, ein Individuum zu sein, übt keinen Zwang auf uns aus – aber durch sie erst können wir uns gegen Zwang wehren. Der Eigensinnige weiß, dass er die Menschen nicht zum Guten zwingen darf, ja es nicht einmal muss:

Er weiss, dass die Menschen gut sind, wenn man sie in Ruhe lässt.

 

In dem Menschen aber, in dem der Eigensinn nicht zum Ausdruck findet, handelt es sich um einen Fall von unterdrücktem Wachstum oder von Krankheit oder von Tod.

Oscar Wilde beschreibt den Individualismus als selbstlos und natürlich. Seltsamerweise wird ja heutzutage jemand als geziert und unnatürlich betrachtet, der nur er selbst sein will, der sich z. B. so kleidet, wie es ihm gefällt.

Geziertheit in diesen Dingen ist es, wenn einer sich in seiner Kleidung nach den Ansichten seiner Mitmenschen richtet, die, da sie die Ansichten der Mehrheit sind, wahrscheinlich äußerst einfältig sind.

Und Eigensinn wird mit Egoismus, Egozentrik gleichgesetzt. Dabei ist Eigensinn eine Lebenskunst. Das erste Ziel des Lebens ist es, man selbst zu sein, die Entwicklung des eigenen Selbst zu verfolgen. Oft werden Menschen, die dieses Ziel als das wichtigste erkannt haben, selbstsüchtig genannt. Doch

Selbstsucht heißt nicht: so leben, wie man zu leben wünscht; sie heißt: von andern verlangen, so zu leben, wie man zu leben wünscht. Und Uneigennützigkeit heißt: andrer Menschen Leben in Ruhe lassen, sich nicht einmischen.

Selbstsucht ist der Versuch, alle so zu machen, wie man selber ist oder gerne wäre. Egoist ist der, wer an andere Ansprüche stellt. Dem Individualisten jedoch macht dies keine Freude. Er kann Mitgefühl nur entwickeln und sich in dem anderen einfühlen, wenn er zu sich selbst gefunden hat oder auf dem Weg dahin ist. Der oder die Eigensinnige hat erkannt, dass in der Vielfalt der menschlichen Möglichkeiten der eigentliche Reichtum und Schatz liegt:

Eine rote Rose ist nicht selbstsüchtig, weil sie eine rote Rose sein will. Sie wäre furchtbar selbstsüchtig, wenn sie verlangte, alle andern Blumen im Garten sollten rot und Rosen sein.

 

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3 Gedanken zu “Eigensinn und Glück

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