Festhalten – loslassen – festhalten – loslassen

Warum halten wir in unserem Leben überhaupt an Dingen und Menschen fest? Von allen Seiten hören wir doch, man müsse nur loslassen, dann habe man die Hände frei und es lebe sich leichter. Trotzdem sind wir traurig, wenn uns genommen wird, was wir hatten, oder zornig, wenn wir nicht bekommen, was wir uns wünschten.

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Dabei hat das Festhalten für uns eine wichtige Bedeutung: wir wollen glücklich leben, und seit unserer Kindheit haben wir erfahren, dass Glück oder zumindest Lust, aus den äußeren Dingen kommt. Wenn unsere Bedürfnisse befriedigt werden durch Essen oder Trinken, wenn unsere Wünsche erfüllt werden durch ein nettes Gespräch mit jemandem, wenn unser Ehrgeiz befriedigt wird durch einen Sieg bei einem Spiel – immer dann, wenn unser Ich an etwas Äußerem anhaftete, empfanden wir Vergnügen – und dieses Vergnügen trug das Versprechen der Dauer in sich.

Doch alle Lust will Ewigkeit -,

– will tiefe, tiefe Ewigkeit.

Friedrich Nietzsche

Freilich ein trügerisches Versprechen, denn das Wesen des Vergnügens ist eben seine Vergänglichkeit. Alles Festhalten an den weltlichen Dingen kann uns doch keine ewige Befriedigung verschaffen.

Doch es scheint, dass es noch eine andere Art von Glück gibt. Eine Art höheres Glück, nämlich das des spirituellen Wachstums, das dem der sinnlichen Befriedigung entgegengesetzt ist. Denn wenn man einem Gegenstand oder einem Menschen verhaftet bleibt, ist es doch nur unser nach sinnlicher Befriedigung dürstendes Ego, das sich davon Glück verspricht.

Alles Festhalten beginnt damit, dass wir etwas sinnlich erfahren. Wir empfangen einen Reiz und reagieren auf ihn. Wir sehen oder riechen, hören oder fühlen etwas, das in uns eine Reaktion auslöst. Nun haben wir zwei Möglichkeiten: entweder, wir lassen das Ego reagieren, das uns erzählt, mit dem Reiz sei die Möglichkeit einer Befriedigung verbunden. Dieses Ego jedoch, das unser Selbstbild ausmacht, das also definiert, wer wir sein wollen, ist nur die äußere Oberfläche unseres Wesens. Diese äußere Oberfläche ist darauf aus, sich selbst zu stärken und zu bestätigen, und dies kann sie nur durch äußere Reize: unsere Identität baut auf unserem Status auf, auf unserer Kontrolle über uns selbst und auf den sinnlichen Glücksmomenten, die wir genießen. Das Ego sich gut und besonders fühlen, und es will uns glauben machen, all dies könnte gestärkt werden, wenn wir nur diese eine Sache genießen: dieses eine Ding kaufen, diese eine Süßigkeit essen, diese eine Ablenkung zulassen, dieses eine Kompliment bekommen usw.

Dabei hat unser Ego in Wirklichkeit nur Angst. In Wirklichkeit ist es von seinem Wissen getrieben, nur oberflächlich zu sein, nur Vergänglichem nachzujagen und früher oder später sterben zu müssen. Also muss es sich gegen seine Angst auflehnen, und dieses Auflehnen verursacht unser Festhalten an den Dingen. Und die Enttäuschung, die ausgelöst wird, wenn das Begehrte sich als langweiliger, weniger befriedigend entpuppt als erhofft, erzeugt im Ego neue Angst. Erneut sind wir gezwungen zu handeln, auf Reize zu reagieren, zu klammern, damit wir unsere Angst erst gar nicht bemerken.

Doch wahres Glück entsteht natürlich nicht dadurch, dass wir unser endliches Ich stärken und vergänglichen Genüssen nachjagen. Es besteht nicht im Erlangen von Status und Kontrolle. Wahres Glück besteht nicht in der Abhängigkeit von etwas außerhalb von uns. Das wissen wir, doch wir wissen nicht, wie wir es erreichen können. Es besteht im Loslassen, und auch so viel ist uns oft klar, zumindest auf einer oberflächlichen Ebene.

Das Loslassen muss geübt werden. Es muss uns zu einer zweiten Natur werden – eigentlich zu einer ersten, zu einer tieferen, wahreren Natur. Dieses Üben kann immer dann geschehen, wenn unsere Sinne durch Äußeres gereizt werden. Wenn wir die Chance sehen, unser Ego zu befriedigen, müssen wir gewahr werden, dass jetzt die Zeit ist, loszulassen.

Wir können das Loslassen üben, indem wir immer wieder vom Festhalten zum Loslassen wechseln. Es ist eine ständige Bewegung – das Ego will festhalten, weil es ängstlich ist und süchtig nach Ablenkung, und das höhere Selbst will loslassen, weil es weiß, dass sein Glück nicht in Äußerlichkeiten liegt. Wenn wir unser Leben als stete Übung im Loslassen begreifen, können wir auch die Momente schätzen lernen, in denen wir versucht werden.

Die Übung besteht dabei in zwei Schritten:

1. Gewahrwerden, dass ein Reiz vorliegt, und dass unser Ego darauf zu reagieren wünscht, indem wir etwas kaufen, essen, trinken, sagen sollen, was wir ohne diesen Reiz nicht tun würden.

2. Abstand nehmen. Wir verschieben „einfach“ den Moment der Befriedigung auf einen Zeitpunkt in der Zukunft. Wir nehmen uns vor, in einer Woche zur gleichen Zeit auf den Reiz zu reagieren. Oder auch in einer Stunde, wenn wir es gar nicht aushalten können. Mit der Zeit kann man die Abstände auch größer machen.

Dadurch lernen wir, uns nicht von den Reizen und Versuchungen überwältigen zu lassen. Wir nehmen dem kleinen Ego die Herrschaft über unser Handeln. Wir werden uns darüber klar, dass unser Leben aus mehr besteht als aus einem einzigen Reiz-Reaktions-Schema.

Manchmal nimmt uns das Leben auch die Mühe ab, aktiv verschieben zu müssen. Wenn eine erhoffte Gelegenheit nicht eintritt, wenn eine Glück verheißende Erfahrung doch nicht gemacht wird, wenn wir eine Meinung nicht äußern können – dann verschiebt das Leben für uns den Moment der Erfüllung. Üblicherweise ärgern wir uns darüber und fragen uns, warum das Schicksal es böse mit uns meint und warum es immer uns trifft. Doch es meint es in Wirklichkeit gut mit uns, da es uns wieder einmal Gelegenheit gibt, loszulassen und dafür, sich zu sagen: Wenn es jetzt nicht sein sollte, dann wird es vielleicht später geschehen. Vielleicht sollte es auch einfach nicht sein. Unser höheres Selbst wird es uns danken.

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5 Gedanken zu “Festhalten – loslassen – festhalten – loslassen

  1. Das Schema find ich sehr gut !:D Aber finden sie ehrlichermaßen nicht, dass in der Schule dieses Ego ständig bestärkt wird ? Die ganzen Benotungen und Selektionen wofür, wenn man das Wohlsein des Kindes im Fokus hätte ? Wir definieren uns durch materielle Güter, Meinungen, Gefühle und Gedanken und fragen uns am Ende warum wir doch noch unglücklich sind….

    1. Ich gebe dir Recht, dass eine Aufgabe des Schulsystems die Selektion ist, und die wird mittels Benotung durchgeführt. Das kann zu einer Bestärkung des Ego führen.
      Andererseits bin ich ganz froh, dass der Schule eigentlich nicht das Wohlsein des Kindes im Fokus hat. Denn dazu müsste es definieren, was es für das „richtige“ Wohlsein hält. Für jeden Menschen ist das aber individuell. Ein System, das Menschen beglücken will, läuft schnell Gefahr, totalität zu werden, weil es behaupten muss, es wisse besser als der jeweilige Mensch, was gut für ihn ist. Je mehr Freiheit das Schulsystem den Schülern da lässt, desto eher kann jeder Mensch für sich selbst herausfinden, was er als sein Wohlsein ansieht. Für manche mag das auch das Ego und materielle Güter sein, und wenn das seine/ihre Entscheidung ist, hat kein System ihm/ihr da reinzureden.

  2. Ja das stimmt, aber sollte einem die Schule zumindestens nicht genug Zeit und Raum geben, damit jeder sein Wohlsein fördern kann. Ich meine in der heutigen ,,Zeitnot“ schafft das einer doch kaum !

    1. Auf jeden Fall! Da würde es schon viel bringen, wenn Schule die Kinder und Eltern nicht zwingen würde. Sie könnten sich dann selber aussuchen, wo und mit wem sie wie viel Zeit verbringen und wie sie ihr eigenen Wohlsein fördern können. Die Ansicht, ein paar Politiker wüssten, was für das Wohlsein von 80 Mio. Menschen am besten ist, ist verrückt.

  3. Ich denke auch, es ist jedem seine Entscheidung, wie und wodurch man sich definiert. Ob materielle Werte oder Innere. Meine Frage ist, wann ist unsere Entscheidung frei ? Wenn unser Ego uns kontrolliert und nicht umgekehrt, sind wir abhängig vom äusserem, dazu kommen die auferlegten Grundsätze der Eltern, die unsere Entscheidung beeinflussen. Entscheiden wir selbst uns dafür, mithalten zu müssen, den Wettlauf, am meisten mitzunehmen, besser sein zu müssen als andere ? Als Preis zahlen wir unsere Freiheit und Zeit. Macht uns das zum Sieger? Es gibt das Sprichwort: der Erfolgreiche hat Zeit . Also, was lenkt uns oder übernehmen wir lieber Verantwortung für uns.

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