Die großen und geheimen Lehren des Waldes

Die „Brihad Aranyaka Upanischad“  (बृहदारण्यक उपनिषद्, zu deutsch etwa „Die großen und geheimen Lehren des Waldes“) ist einer der ältesten und gleichzeitig wichtigsten Teile der Upanischaden, der zwischen 700 und 200 v. Chr. entstandenen Sammlung philosophischer Grundtexte des Hinduismus.Die Essenz der Upanischaden von Eknath Easwaran

In ihr werden einige Gedanken entfaltet, die auch für unsere heutiges Leben große Bedeutung haben können. Die grundsätzliche Annahme dabei ist, dass es in der Welt ein einziges Prinzip gibt, das alles im Innersten zusammenhält. Die Welt der Vielfalt ist eigentlich eine der Einheit, in der alles mit allem verbunden ist. Die Upanischaden nennen dieses Prinzip Brahman. Es ist nicht nur in der Welt, es ist die Welt. Es ist zugleich immanent und transzendent.

Es ist aber auch zugleich jenseits der Welt, die wir mit unseren Sinnen erfahren können. Daher hat es keine Eigenschaften, die wir an ihm benennen können. Es ist nicht dieses, nicht jenes. Wir selber können es also nicht direkt erkennen, doch wir können seiner bewusst werden. In unserem normalen Alltagsleben jedoch achten wir nicht auf Brahman, weil wir von den Dingen unserer Wahrnehmung sowie von unseren Gedanken und Gefühlen abgelenkt sind. Wir sind von unserer Individualität abgelenkt, auf unsere Besonderheiten, auf die wir so stolz sind. Wir denken, dass uns diese Besonderheiten ausmachen.

Eigentlich jedoch sind wir etwas anderes. Wir sind ein Selbst, das nicht autonom ist, das nicht unabhängig von anderen Wesen wirkt, sondern ein Teil des großen, mit allem verbundenen Netzwerks der Wirklichkeit. Dieses höhere Selbst nennen die Upanischaden Atman.Upanishad_Quotes1

Das Selbst als „Ego“ dagegen ist das, was mit dem Körper und dem sozialen Leben des Menschen verbunden ist. Dieses Selbst ist normalerweise unsere Antwort auf die Frage „Wer bist du?“ – ein Selbst, das einen Namen hat, das wir zu bewahren versuchen, das wir zu bilden und zu verwirklichen versuchen, dem wir Bedeutung beilegen, weil es uns ausmacht: unsere Eigenheiten, unsere Identität, unsere Individualität: das, was uns von anderen unterscheidet, was uns begrenzt und definiert, was uns eben besonders macht.

Das aber ist nicht die wahre Identität des Menschen. Es ist nur eine Maske, endlich und mehr oder weniger zufällig, und mit dieser Maske verbergen wir unsere wahre und unendliche Natur.

Atman selber ist nicht definierbar.

Es ist ungreifbar, denn es kann nicht ergriffen werden. Es ist unverderblich, denn es ist dem Verderben nicht unterworfen. Es ist ungebunden; und doch zittert es weder vor Furcht noch leidet es Unrecht.

Dieses wahre Selbst – „jenseits von Hunger und Durst, Sorge und Illusion, Alter und Tod“ – ist die ewige Dimension der Wirklichkeit. Das, was eigentlich wirklich und wichtig ist, im Gegensatz zu dem, was wir in unserem Alltag so alles für wirklich und wichtig halten. Unser eigentliches, wesentliches Selbst geht über alle Begrenzungen hinaus, auch über Leid und Tod.

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Atman selber ist „der innere Lenker des Lebens“ – es ist kein Gegenstand unseres Bewusstsein, etwas, über das wir nachdenken, oder das wir gar sinnlich wahrnehmen könnten. Atman ist der Wahrnehmer der Wahrnehmung, also das, was allem Bewusstsein zugrunde liegt. Das, was in uns fühlt und denkt. Seiner bewusst zu werden, ist der Weg, auf dem wir uns bewegen sollten, wenn wir die Wirklichkeit erkennen und glücklich leben wollen. Wir bewegen uns dann von der vergänglichen Ich-Identität zum höheren Selbst, das unvergänglich und nicht vom Ganzen unterschieden ist. Ziel des menschlichen Lebens ist es somit, die ursprüngliche Einheit des Atman mit dem Brahman zu erkennen.

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2 Kommentare

  1. Eine wirklich interessante Einführung in die Grundgedanken hinduistischer Philosophie. Auch wenn ich selbst nur wenig mit den Begriffen vom Brahman und Atman vertraut bin, stimme ich der Beschreibung zu.

    Das „Ego“ ist eben nicht identisch mit dem „Selbst“ eines Menschen, die Individualität des Seins ist mehr. Schließlich beschreibt das Ego nicht mehr als eine bestimmte Menge an Eigenschaften, die man hinzugewinnen als auch verlieren kann.
    Es handelt sich hierbei wohl um ein Selbstbild, das losgelöst vom Sein anderer Dinge betrachtet wird. Die Bestimmung des eigenen Seins wird kaum dadurch gefunden, weil es das Selbst nicht erschließt. Das Selbst ist anscheinend allein im Kontext mit dem Sein der Welt zu bestimmen.

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