Was will der Kosmos von mir?

Wir sind nicht Herr unseres Lebens. Auch wenn der Augenschein dagegen sprechen mag – wir sind dem Schicksal unterworfen.

Normalerweise denken wir so nicht. Unsere Einstellung als modernes Individuum, als freies, unabhängiges Subjekt, verbietet uns das. Wir lernen früh, dass wir unser Schicksal in der Hand haben, dass wir keine Opfer sein dürfen, dass wir unseres Glückes Schmied sind. Dass es darauf ankomme, sich selbst zu verwirklichen. Dass wir uns als Autoren unseres eigenen Lebens begreifen müssen, engagiert, selbstbestimmt. Und dass der Erfüllung unserer Träume und Wünsche kaum mehr Grenzen gesetzt sind als die unseres Willens.

Daher begreifen wir uns als frei und darin finden unseren Wert und unsere Selbstbestätigung.

All dies ist nicht vollständig falsch. Doch es hinterlässt in uns das Gefühl, wir könnten gänzlich über unser Leben bestimmen und wären für das verantwortlich, was mit uns geschieht. Und hätten Schuld an dem, was nicht funktioniert hat wie geplant – denn unsere Schuld liegt darin, dass wir schlecht geplant haben.

Die Illusion der Kontrolle 

Aber im Grund ahnen wir, wie wenig wir wirklich unter Kontrolle haben. Wir geben uns nur der Illusion hin, unsere Kontrolle wäre größer als die Unwägbarkeiten des Lebens.

Im Grunde ahnen wir, auf wie dünnem Eis unsere Existenz eigentlich steht – wenn wir es wirklich wüssten, wären wir schon nicht mehr handlungsfähig.

Im Grunde sind wir nicht mal Herren im eigenen Haus, haben weder Gedanken noch Gefühle im Griff. Auch unsere Wünsche und Begierden können wir kaum steuern.

Auch unsere Selbstverwirklichung, die Richtung unseres Werdens und Wachsens, scheint nur für den jetzigen Moment in unserer Hand zu liegen. Wenn wir später auf unser Leben zurückblicken, merken wir, wie wenig wir davon selber gesteuert haben. Wie sehr das, was wir geworden sind, von einer unsichtbaren Hand geführt zu sein scheint.

Das wäre alles noch kein großes Problem – was soll dabei sein, wenn wir glauben wir wären der Autor unseres Lebens, doch in Wirklichkeit schreibt sich das Buch unseres Lebens selbst? Eine weitere kleine Selbsttäuschung unter vielen …

Wäre da nicht die Isolation, die wir empfinden. Mit jedem Plan, den wir gegen „die Welt“ durchsetzen. Mit jedem Wunsch, der an der „Realität“ scheitert. Stets begreifen wir uns dann als im Wesen einzelne, vereinzelte, einsame. Natürlich können wir Freunde haben – aber wehe, wenn sie unseren Zielen im Weg stehen. Natürlich können wir unsere Mitmenschen sympathisch finden – aber wehe, wenn sie unsere Selbstentfaltung behindern. Natürlich können wir die Welt schön finden  – aber wehe, wenn sie uns daran hindert unseren Weg zu gehen. Wehe, wenn irgendetwas nicht so funktioniert, wie wir es geplant hatten.

Dann merken wir, was vielleicht unser Grundgefühl ist: dass wir und die Welt verschieden sind, dass die Welt uns feindlich gesinnt ist und wir ihr nicht vertrauen können. Dass wir uns nicht voll und ganz auf sie verlassen können, um erst einmal zu sehen, was das Leben uns bringt. Wir müssen kämpfen, sind getrennt und allein.

Ich wechsele die Perspektive

Ich versuche, das Leben als weise anzusehen. Das Leben, die Welt, das Schicksal, das dharma, das taiji, das dao – wie immer man es nennen mag – ist älter als ich und erfahrener. Es ist länger da und weiß vielleicht mehr. Vielleicht hat es einen Plan für mich und ist nicht bloß unvorhersagbares Chaos. Vielleicht bin ich Teil dieses Plans und Teil des Kosmos. Vielleicht bin ich der Kosmos, habe es nur noch nicht erkannt.dharma

Daher frage ich mich: „Was will der Kosmos von mir?“ In allen Momenten, in denen ich merke, dass jetzt etwas mit meinem Leben passiert, was ich nicht vorhergesehen habe, was ich ablehne, was ich vermeiden will, frage ich mich: „Was will der Kosmos von mir?“

Immer, wenn ich auf etwas stoße, das mich an der Durchführung meiner Pläne hindert, frage ich mich: „Was will der Kosmos von mir?“

Immer, wenn ich irgendwo unerwartet anhalten muss, von meinem Weg abweichen muss,

wenn ich merke, dass sich Stress, Druck und Angst in mir ausbreiten, sage ich mir: Der Kosmos wird in seiner Weisheit schon seine Gründe dafür haben. Und ich frage mich: „Was will der Kosmos von mir?“

Und die Antwort darauf ist immer: Das, was jetzt geschieht. Denn immer ist das, was geschieht, das, was geschehen soll. Das, was der Kosmos für mich vorgesehen hat. Der Kosmos will anscheinend, dass ich jetzt hier stehen bleibe, dass ich einen Umweg gehen muss, denn es scheint keine vernünftige Alternative zu geben.

Der Kosmos will anscheinend, dass mir das jetzt passiert, wie schlimm es auch sein mag. Irgendetwas daran scheint notwendig zu sein, denn sonst wäre es nicht geschehen.

Und sobald ich dies denke, sobald ich mich dem höheren kosmischen Willen anheim gebe, kehrt innerlich Ruhe ein und der Druck löst sich. Ich fühle mich nicht vereinzelt und im Kampf gegen das Schicksal, sondern in Harmonie mit dem Leben.

„Schon wieder so ein Idiot, der mit dem Kosmos im Einklang ist.“
Funny van Dannen

Und aus diesem Gefühl heraus, dem Gefühl ruhiger Akzeptanz des Gegebenen, kann ich Wege finden, die mich die Situation verändern lassen. Die mir zeigen, wie ich angemessen, mit dem Wissen grundlegenden Einssein, mit dem Leben umgehen kann.

Ich kämpfe nicht. Ich suche mit dem Leben zusammen nach dem Weg, den der Kosmos für mich will.

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