Jetzt mal was Originelles, bitte.

Auf eine meiner letzten Notizen auf philosophisch-leben.deBild erhielt ich den Kommentar: „jetzt mal was originelles bitte“.

Leider hat der Kommentator seinen Beitrag wieder entfernt – aus welchen Gründen auch immer. Denn das, was seine Forderung suggeriert, ist ja nicht falsch. Alle meine Texte drehen sich im Grunde genommen um ein und dasselbe Thema, und viel Abwechslung ist da nicht auszumachen. Weder inhaltlicher noch formaler Art.

Es geht in ihnen um Achtsamkeit, Im-Moment-sein und Loslassen. Viel mehr ist da nicht.

Soll da aber auch nicht sein. Vielfalt und Abwechslungsreichtum sind mir nicht wichtig. Trotzdem scheint das Thema einen inneren Reichtum zu entfalten, da es mir in zahlreichen Situationen auf verschiedene Art wiederkehrt. Achtsamkeit und Arbeit, unser Verhältnis zur Natur, zum Spielen, zum Müßiggang, zum eigenen Körper … all diese Facetten drängen sich mir auf und wollen beschrieben werden.

Neu ist das alles nicht und originell schon gar nicht. Aber im Grunde genommen ist sowieso schon alles gesagt. Für philosophische Weisheit und Lebenskunst reichen ein paar der Klassiker – wenn man sie nur genau liest, versteht und lebt. Lao-Tses „Tao te King“, Buddhas Reden, Senecas Briefe, Montaignes Essays, Schopenhauers „Aphorismen zur Lebensweisheit“ … alles ist gesagt, nur noch nicht von mir. Wer sich dann noch Selbsthilfe-Literatur kauft, in der Hoffnung auf Neues, wird enttäuscht werden.

Wie heißt es doch in Schopenhauers „Aphorismen zur Lebensweisheit“:

Im allgemeinen freilich haben die Weisen aller Zeiten immer dasselbe gesagt, und die Toren, d. h. die unermeßliche Majorität aller Zeiten, haben immer dasselbe, nämlich das Gegenteil, getan: und so wird es denn auch ferner bleiben.

Wer Originalität und Abwechslungsreichtum will, soll ins Kino gehen. Wenn ich einen Film gesehen habe, den es so oder so ähnlich schon einmal gegeben hat, sage ich mir auch: „Jetzt mal was Originelles, bitte.“ Ich wollte unterhalten werden und wurde gelangweilt.

Doch bei philosophischen Texten zur Lebenskunst scheint mir diese Haltung nicht angebracht. Sie offenbart die Einstellung eines unreifen Teenagers: Unterhalte mich! Wenn man Buddhas Reden zum zwölften Mal liest, wird man hinterher auch nicht klagen: „Jetzt mal was Originelles, bitte.“ Wenn man der Predigt in der Kirche lauscht oder das Vaterunser betet, wird man hinterher auch nicht klagen: „Jetzt mal was Originelles, bitte.“ Wenn man sich zur Meditation niedersetzt, wird man hinterher auch nicht klagen: „Jetzt mal was Originelles, bitte.“ Wenn man in einem Retreat den Gedanken des Zenmeisters zuhört, wird man hinterher auch nicht sagen: „Jetzt mal was Originelles, bitte.“

Weil man eine andere Einstellung zu diesen Dingen hat. Man versucht, sie in sein Leben hineinzulassen. Diesen pseudo-philosophischen Texten zur Lebenskunst auf philosophisch-leben.de ebenfalls mit dieser Einstellung zu begegnen, bewahrt vor Enttäuschung und vertaner Lebenszeit.

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3 Gedanken zu “Jetzt mal was Originelles, bitte.

  1. Wie wahr, viele philosophische Texte muss man sich hart erarbeiten.
    Ich bin ein Laie auf dem Gebiet, dennoch: Das Lesen zwischen den Zeilen, die eigenen Assoziationen und Interpretationen zum Geschriebenen und die resultierenden Gedanken noch Stunden nachdem man gelesen hat, sind das „Originelle“, was ein solcher Text erweckt. Erstaunlicherweise auch noch beim 10. Durchlesen…

  2. Zumal das Wort ‚originell‘ ein ganz andere Bedeutung hat, als im alltäglichen Gebrauch. Ich finde sie berichten über sehr originelle Menschen und Wege zu solchen Menschen werden zu können.
    Und die ganzen gesellschaftlichen Fesseln – fordern originelle Lösungen, um sich ihnen entledigen zu können. Viele Grüße aus der Seconds Redaktion aus köln

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