Dabei sein ist alles.

I did not care what it was all about. All I wanted to know was how to live in it. Maybe if you found out how to live in it you learned from that what it was all about.

Ernest Hemingway


Worauf kommt es eigentlich wirklich an im Leben?

Wir hetzen von einem Moment zum anderen, von einem Ort zum anderen, von einem Produkt zum anderen, von einem Partner zum anderen. Wie heißt es bei Lawrence Sterne:

Was ist des Menschen Leben? Ein Schwanken hierhin – dorthin – von Sorge zu Sorge. Ein Loch stopft man zu, – ein anderes ist gleich wieder da.

Aber der Wechsel an sich ist doch nichts Schlechtes! Schließlich liegt das Wesen des Lebens in Veränderung und Wandel: „Wer lebt, muß auf Wechsel gefasst sein.“ (Goethe) Wir müssen uns verändern, um uns treu zu bleiben, und nichts ist doch schlimmer als der Spruch „Bleib wie du bist.“

Das Problem ist jedoch zweierlei: erstens, dass die Veränderung immer schneller vonstatten geht. Dass wir uns mit dieser Veränderung Schritt halten müssen, um etwas zu gelten. Und dass wir das Gefühl haben, irgendwann nicht mehr nachkommen zu können. Wir wollen uns ja verändern, aber doch nicht in dieser Geschwindigkeit.

Zweitens verliert die Veränderung ihren Zweck. Im Grunde wissen wir gar nicht so genau, wo wir eigentlich so schnell hinwollen. Dies führt zu dem Gefühl der Entfremdung – einem aus der Soziologie bekannten Begriff, der das Empfinden einer Distanz von unserem eigenen Erleben beschreibt: die Dinge, die Orte, unsere Mitmenschen,unsere Arbeit, unsere Tätigkeiten, jeder Moment scheint uns umso fremder zu werden, je schneller sich alles um uns herum verändert und je zweckfreier der ganze Stress ist. Und je mehr wir dabei mitmachen wollen, desto eher erleben wir, dass wir uns in all dem nicht mehr zu Hause fühlen.

Lineares vs. zyklisches Zeitempfinden

Alles hängt damit zusammen, wie wir unsere Zeit wahrnehmen. Bekanntlich gibt es zwei Arten, Zeit und Veränderung zu empfinden: die lineare und die zyklische.
Die lineare Zeit ist die der Uhr und der Objektivität. Solange wir in der Art linearen Zeitempfindens denken, ist die Abfolge der Geschehnisse für uns nichts anderes als ein Weg, auf dem wir die unterschiedlichsten Schritte setzen, um ein fernes Ziel zu erreichen. Wir tun die Dinge, die wir tun, um etwas damit zu erlangen: Besitz, Ruhm, Macht, Anerkennung, Liebe. Nach Aristoteles kann am Schluss unserer Bestrebungen immer nur das höchste Gut stehen, und das ist immer unsere eigene Glückseligkeit. Alles andere tun wir nur, weil wir uns davon Glückseligkeit versprechen.

Das Problem ist nun, dass unser letztes Ziel sich stets vor unseren Augen von uns entfernt. Wenn wir etwas erreicht haben, finden wir es schnell langweilig und wollen etwas Neues. Setzen uns ein neues Ziel. Und müssen weitergehen auf dem linearen Weg, um in ferner Zukunft einmal – so hoffen wir – Seelenfrieden und Glück zu erlangen.

Das alles wäre ja noch gar nicht so schlimm, wenn wir unser Seelenheil nicht oft aus dem Vergleich mit anderen ziehen wollten. Ob wir etwas wert sind, ob wir mit uns zufrieden, ob wir glücklich sein dürfen, bemessen wir oft danach, wo wir verglichen mit anderen stehen: Wie viel Geld wir im Verhältnis zum Durchschnitt verdienen, wie viel wir verglichen mit unseren Nachbarn besitzen, wie gebildet, sportlich, attraktiv wir sind – alles immer im Vergleich. Daher dürfen wir niemals stoppen, wir müssen uns bemühen, müssen üben, müssen weitergehen auf unserem linearen Weg zum Glück.

Dieses Denken beeinflusst uns noch in den grundlegendsten Momenten unseres Lebens: alles wird der Logik der linearen Zeit, mit ihr der Effizienz und Zweckgerichtetheit unterworfen. Wenn wir essen, tun wir dies beispielsweise vornehmlich, um uns gesund zu halten. Wenn wir kochen, tun wir das, um essen zu können und gesund zu bleiben. Könnten wir schneller essen und kochen, wäre das aus dieser Sicht ein Gewinn.Das Essen selber verliert an Eigenwert.

Natürlich denken wir nicht dauernd alle so. Die Gefahr besteht jedoch, dass wir immer öfter so denken, auch in Bereichen, die eigentlich einer anderen Zeit angehören: dem körperlichen Genuss, dem Gespräch mit Menschen, dem Erleben von Natur und Kunst, dem Schaffen von Neuartigem, dem Schlafen und Träumen.

Doch die Welt hat auch eine andere Art von Zeit. Es ist die Zeit des biologischen Rhythmus. Es gibt hier keine Eile, denn diese Zeit ist zyklisch – was einmal geschieht, wird wiederkehren. Die Abfolge der Tage und der Jahreszeiten sind das Vorbild für diese Form des Zeitempfindens.

Wenn wir uns in diesem Zeitempfinden bewegen, verliert unser Handeln plötzlich an Bedeutung, wenn es nur darauf ausgerichtet war, ein fernes Ziel zu erreichen. So verliert auch jeder einzelne Moment an Wichtigkeit, da wir ihn nicht wirklich erlebt haben. Das Essen und das Kochen haben keinen Wert mehr, wenn sie morgen sowieso wieder kehren. Wir haben es verpasst, weil wir geistig auf das ausgerichtet waren, was wir damit erreichen wollen. Wir haben unsere Momente entwertet und mit ihnen unser Leben. Und plötzlich fragen wir uns: Was ist denn sonst wichtig, wenn es nicht das Erreichen von Glückseligkeit zu einem zukünftigen Zeitpunkt ist?

Dabei sein ist alles

Die Qualität unseres Lebens hängt von den Momenten ab, die wir erlebt haben. Und die Qualität unserer Momente hängt von der Aufmerksamkeit ab, die wir ihnen geschenkt haben. Ein Moment, den wir nicht bewusst und achtsam erlebt haben, ist ein verschenkter Moment. Je mehr Momente wir verschenken, desto ärmer wird unser Leben. Wir verschenken unsere Momente, wenn wir mit ihnen in erster Linie etwas anderes erreichen wollen – wenn wir im Moment des Tuns und Empfindens bereits etwas anderes denken – sei es, dass wir Künftiges befürchten oder Vergangenes bedauern.

Während des ganzen Lebens geht es nicht darum, etwas zu erreichen, an dem wir uns vielleicht irgendwann erfreuen könnten. Denn entweder werden wir es nicht erreichen oder es wird uns nicht die erhoffte Freude bringen. Während des ganzen Lebens geht es darum, jeden einzelnen Moment bewusst zu erleben: bei unseren Empfindungen und Gefühlen während des jeweiligen Augenblicks. Es geht darum, das Essen wirklich zu essen. Dabei sein ist alles.

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