Der Umweg ist der Weg ist das Ziel

Wenn Sie mit jedem Schuss die Scheibe treffen, sind Sie nichts anderes als ein Kunstschütze, der sich sehen lassen kann… Die ‘Große Lehre’ des Bogenschießens hält dies für reine Teufelei. Sie weiß nichts von einer Scheibe, die in bestimmter Entfernung vom Schützen aufgestellt ist. Sie weiß nur von dem Ziel, das sich auf keine Weise technisch erzielen lässt, und dieses Ziel nennt sie, wenn sie es überhaupt nennt, Buddha… Es gibt Stufen der Meisterschaft, und erst, wer die letzte erreicht hat, kann auch das äußere Ziel nicht mehr verfehlen…“

Eugen Herrigel: Zen in der Kunst des Bogenschießens

Wenn man sagt, der Weg sei das Ziel, so will man damit betonen, dass man ihn nicht deswegen geht, weil man mit ihm irgendetwas erreichen will, sondern eben weil man ihn geht. Wohin man geht, ist aus dieser Sichtweise zweitrangig. Bezogen auf unser eigenes Leben geht es darum, dass wir es nicht leben, um irgendein fernes Ziel zu erreichen, um irgendetwas zu werden, um irgendetwas zu besitzen. Sondern dass es Zweck in sich ist.
Aber wenn wir genau hinsehen, ist der Weg nicht das Ziel. Er ist nicht einmal der Weg. Unser Leben ist kein Weg, den wir gehen. Es ist nur eine Abfolge von Schritten, die wir unternommen haben. Denn das, was wir für unseren Weg halten, ist meistens nicht das, was wir wirklich tun, leben und gehen.
Wir machen einen Plan, setzen Fristen und machen Termine, und all das ist oft notwendig, um mit der Außenwelt auf organisierte Weise zurecht zu kommen. Wir stellen uns unser Leben vor, wie es im Idealfall aussehen soll, und diesem Muster streben wir nach. Wir haben ein Modell der Wirklichkeit, eine Landkarte des Gebiets – die wir leider zu oft miteinander gleichsetzen. Wir denken, was wir von der Wirklichkeit erwarten und wie wir unser Leben planen, sei irgendwie mit der Wirklichkeit und dem Leben identisch.
Aber wenn wir losgehen, wenn wir wirklich handeln, haben wir den Plan verlassen – wir sind in der Wirklichkeit angekommen.
Jetzt befinden wir uns nicht mehr in der Vorstellungswelt von Plänen und Projekten … sondern in der Wirklichkeit.
Oft genug machen wir aber den Fehler, diese Wirklichkeit auf unsere Pläne abstimmen zu wollen. Den geplanten Weg wollen wir durchsetzen, Hindernisse stören da nur und bringen uns von unserem eigentlichen Ziel ab. Hindernisse sind schlecht, weil sie uns daran hindern, das zu sein, was wir eigentlich sein wollen.
Doch wenn wir nur das sein wollen, was wir uns für uns ausdenken, wäre es dann nicht am besten, wenn die Welt mit ihren Grenzen, Hindernissen und Widerständen uns gar nicht erst in die Quere kommen würde? Am besten blieben wir in einer virtuellen Welt, die uns so wenig Widerstände wie möglich entgegensetzt. Das Ausführen unserer Pläne dient aus dieser Sichtweise eigentlich nur der Bestätigung unseres Wertes durch andere, die erst sehen können, wer wir sind, wenn wir etwas getan haben, dass eine bestimmte Wirkung hat. Wenn wir unser Ziel erreicht haben, so denken wir, werden die anderen schon anerkennen, wie toll wir sind.
Wenn es gar nicht nötig wäre, in der Außenwelt etwas zu bewirken, um anerkannt zu werden, dann müssten wir auch gar nicht handeln, sondern könnten ganz im Einklang mit uns selbst in unserem Innenleben bleiben und unsere Träume ungehindert weiterträumen.
Da das leider nicht so ist, ringen wir uns dazu durch, gegen Hindernisse anzugehen und unsere Träume in die Tat umzusetzen. Gleichwohl stoßen wir auf Hindernisse, die uns von unserem Ziel abbringen wollen, und gehen mal gut, mal schlecht mit ihnen um: Gemeinhin sehen wir es als gut an, wenn wir auf ein Hindernis vorbereitet sind und ihm mit einem Plan B begegnen, oder wenn wir, nachdem wir getroffen wurden, wieder aufstehen und allen beweisen, wie groß unser Wille und unser Durchsetzungsvermögen ist. Frustrationstoleranz.
Allerdings können wir Hindernisse nicht als solche voraussehen, und wir können auch nicht stur durchs Leben gehen, ohne die Zeichen der Zeit zu beachten.

Wir müssen also lernen, Hindernisse und eigene „Fehler“ als Bestandteil unseres Weges anzusehen. Erst, wenn wir merken, dass unser Plan vom rechten Leben nur eine Fantasie ist, die mit der Wirklichkeit so wenig zu tun hat wie unser Traum von einem besseren Leben, dann können wir der Wirklichkeit angemessen begegnen. Wenn wir losgehen, wissen wir, dass uns früher oder später etwas von unserem geplanten Weg abbringen wird. Wir wissen dann auch, dass dieser Umweg der eigentliche Weg ist.

Unseren eigenen Weg können wir nämlich nicht planen und voraussehen, sondern erst im Nachhinein als solchen beschreiben. Es sind die Schritte, die wir wirklich gegangen sind, mit allen vermeintlichen Umwegen.

Es ist ganz wahr, was die Philosophie sagt, daß das Leben rückwärts verstanden werden muß. Aber darüber vergißt man den andern Satz, daß vorwärts gelebt werden muß.
Sören Kierkegaard

Unser Leben und das, was wir tun, ist der Umweg, den wir gegangen sein werden. Diese Einstellung weigert sich, das Leben in ein eigentliches, richtiges und in eine falsches, verfehltes einzuteilen. Es gibt in diesem Sinne keine guten Momente oder schlechten. Es gibt in diesem Sinne keine guten oder schlechten Entscheidungen. Unsere „Fehler“ haben einen Sinn. Wir leben richtig, wir müssen es nur bemerken.

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5 Gedanken zu “Der Umweg ist der Weg ist das Ziel

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