Kurzmitteilung

Arbeit und Achtsamkeit

Arbeit könnte so schön sein, bedeutete sie nicht vor allem Stress, Unbequemlichkeit, Freudlosigkeit, Langeweile, Schmerz. Denn Arbeit, so ekelhaft und unwürdig für einen freidenkenden Menschen sie auch sein mag, hat doch auch ihr Gutes: sie versorgt uns mit Sinn, denn das, was wir machen, kann uns zeigen, was wir sind. Das, was wir auf die Beine stellen, kann uns einen Hinweis darauf geben, wozu wir in der Lage sind.

Die Mühen der Arbeit

Gleichwohl bleibt die Arbeit eben in erster Linie, wie es in der etymologischen Wurzel des Wortes steckt, Mühsal und Qual, und Müßiggang ist nicht immer erreichbar. Nicht jede Anstrengung gibt unserem Leben Sinn, und nicht jede sinnlose Arbeit kann umgangen werden.

Doch sie muss es auch nicht. Eine Arbeit muss nicht sinnvoll sein, um sinnvoll zu sein.

Was aber bereitet uns eigentlich ein solches Unbehagen am Arbeiten? Die Handlungen der Arbeit selbst sind es nicht, die diese Mühsal und Qual hervorrufen – Handlungen sind nur Handlungen, die eben getan werden. Wenn eine Arbeit beispielsweise körperlich anstrengend ist, dann ist es nicht in erster Linie diese Anstrengung, die uns Schmerz bereitet. Denn beim Sport strengen wir uns auch an und der daraus resultierende Schmerz ist uns willkommen.

Es ist unsere Reaktion auf die Arbeit, die Stress und Leid verursacht: unser Festhalten an dem Wunsch, dass die Dinge anders wären, als sie tatsächlich sind.

Wenn eine Arbeit geistig fordernd ist, dann ist es nicht in erster Linie diese Herausforderung, die Schmerz bereitet: Wenn wir Rätsel lösen oder Bücher lesen, kann dies auch geistig herausfordernd sein, und diese Herausforderung suchen wir. Und auch die ständigen Unterbrechungen, die uns frustrieren, weil wir uns nicht so auf eine Sache konzentrieren können, wie wir es geplant haben –  all das sind nur Ereignisse, die um uns herum passieren, wie ein Blatt, das vom Baum fällt. Ohne Bedeutung.

Wir halten stets an Vorstellungen fest, Vorstellung von dem, wie die Dinge zu laufen haben, wie man selber handeln sollte, wie die Menschen sein sollten und überhaupt wie unser ganzes Leben eigentlich aussehen sollte.  Doch genau dieses Festhalten ist es, was uns frustriert, nicht die Dinge an sich. Und dieses Festhalten an Vorstellungen ist es auch,  was die Arbeit wirklich unangenehm macht.

BuddhaDie fünf Arten des Festhaltens am Sein sind Leiden.

Buddha

Die anderen Menschen um uns herum sind nicht das Problem, wenn sie auch oft genug so erscheinen mögen: sie sind nur andere Menschen, die versuchen, ihr Bestes zu geben. Es ist unser Festhalten an der Vorstellung, dass sie sich auf eine bestimmte Weise zu verhalten haben, dass sie mehr oder weniger dazu da sind, um uns glücklich zu machen – diese Vorstellung bereitet uns Schwierigkeiten.

Es ist nicht die  Zahl an Aufgaben, Zielen, Projekten, Informationen und Nachrichten, die uns stressen: es ist unsere Reaktion auf sie. Eine To-Do-Liste ist nur eine To-Do-Liste und ein klingelndes Telefon nur ein klingelndes Telefon – an sich harmlose Dinge.  Wir empfinden erst dann Stress, wenn wir an der Vorstellung festhalten, dass wir all diese Dinge tun können und müssen und zwar zur gleichen Zeit und am besten noch heute. Oder wenn wir denken, wir könnten mit unserer Zeit auch besseres anfangen, als hier herumzusitzen und zu arbeiten.

Der Stress entsteht daraus, dass die Wirklichkeit nicht mit unseren Plänen übereinstimmt. Das versetzt unserem Ego einen herben Schlag: Die Welt ist nicht so, wie ICH sie mir vorgestellt habe? Frechheit!

Die Lösung besteht darin, das Loslassen zu lernen.

Der Mensch lasse zuerst sich selbst, dann hat er alles gelassen.

Meister Eckhart

Natürlich – die Arbeit muss erledigt werden, manche zumindest. (Meistens allerdings weniger, als man gedacht hätte – es ist eine tägliche Entscheidung, welche Arbeit man wirklich erledigen will und welche eigentlich vernachlässigt werden kann, wenn man die Konsequenzen dieser Vernachlässigung in Kauf nimmt. Oft fallen diese Konsequenzen allerdings weniger lebensgefährdend aus als gedacht.)

Aber die Frustrationen, der Stress, der Ärger, die Gereiztheit, das Gefühl der Überforderung … alles wird durch das Festhalten verursacht, und dieses existiert nur in unserem Denken. Wir halten zudem daran fest, was früher passiert ist – an dem, was jemand getan oder nicht getan hat, an der Erinnerung an einen Fehler, den wir begangen haben – aber das hält den Schmerz nur fest und lässt ihn endlos wiederkehren. Wir müssen diesen Vorstellungen erlauben zu gehen.

Sicher, loslassen nicht immer einfach. Es ist umso schwerer, wenn man denkt, man könnte für sein kleines Ich noch etwas gewinnen, wenn man festhielte. In Schiffbruch mit Tiger von Yann Martel heißt es:

Ich nehme an, das ganze Leben ist gewissermaßen eine Übung darin, loszulassen.

Diese Übung besteht darin, stete Achtsamkeit zu erlernen. Achtsamkeit ermöglicht es uns, die Denkprozesse, die Schmerz und Leid verursachen, zu beenden.

Achtsamkeit verhilft uns auch zu dem eigentlichen Augenblick zurück – wir nehmen die Dinge wieder so wahr, wie sie sind, ohne Bedeutung und ohne die Macht, uns wirklich zu ärgern und Stress zu bereiten. Alles, was in unserem Kopf an Erwartungen und Wünschen und Ängsten abläuft, kann dann schwächer werden und nach und nach verblassen und wir können in dem leben, was tatsächlich hier und jetzt passiert.

Wir erledigen eine Aufgabe ohne an andere Aufgaben zu denken oder daran, was andere Menschen uns angetan haben. Wir erledigen eine Aufgabe, und dann lassen wir sie los, und gehen weiter zur nächsten Aufgabe. Dabei achten wir einfach auf das, was passiert – auf unseren Atem, auf unseren Körper, auf die Geräusche und Gerüche, auf die Menschen um uns herum.

Dies erfordert Übung, die im Alltag fest verankert werden sollte. Man kann dazu übergehen, den Alltag als Übung zu betrachten, wie es Karlfried Graf Dürckheim formuliert. In ruhigen Minuten können wir meditieren und so unsere Fähigkeit steigern, uns ganz auf den Moment zu konzentrieren – uns ganz auf die Dinge einzulassen. Dann wird irgendwann auch die unangenehmste, langweilige und sinnloseste Arbeit zu einer Übung in Achtsamkeit und Gelassenheit.  Dann kann auch sinnlose Arbeit unserem Leben Sinn verleihen.

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3 Gedanken zu “Arbeit und Achtsamkeit

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