Weg ist das Ziel, und es gibt keinen Weg!

Wenn wir uns irgendwann befreit haben aus der Tyrannei des Augenblicks, in dem wir stets nur dem folgen wollen, was uns unser Körper, unsere Gefühle, unser unkontrolliertes Denken von Moment zu Moment in den Sinn kommen lässt, dann gehen wir – meist im Zuge unseres Erwachsen- und Reiferwerdens – in die Phase über, unserem Leben eine Richtung zu geben, ein Ziel und einen Sinn, der über und hinter dem je Momentanen und Zufälligen liegt. Wir entscheiden uns – meist in Augenblicken der Einsamkeit und Reflexion – der Autor unseres eigenen Schicksals zu werden, und überlegen, welche Werte und Ziele mit unserer Persönlichkeit und dem Bild, das wir von uns haben, übereinstimmen könnten.

Doch auch dies ist nur eine Phase, und vielleicht liegt die Steigerung unserer charakterlichen Reife darin, auch andere Phasen und Seinsweisen kennen zu lernen, vielleicht von der einen zur anderen zu wechseln, ganz den Notwendigkeiten der jeweiligen Lebensphase.

1. Ich bin mein Projekt

Die erste Phase ist die uns bekannte Phase des Zielesetzens und Zieleverfolgens. Ihr Motto ist: Ich bin mein Projekt! Ich habe mich selbst entworfen, da ich mich frei fühle und nun unabhängig, selbstbestimmt und individuell sein will.

Ich mache mir Gedanken über Ziele und Wege. Ich überlege, welche Schritte nötig sind, um meine Ziele zu erreichen. Ich plane, wann und wo ich die Schritte gehen will. Meine Ziele müssen SMART sein: spezifisch, messbar, akzeptiert, realistisch, terminierbar. Der Weg zu ihnen hin ist nur das Mittel zum Zweck – schön, wenn ich ihn genießen und ein paar Blumen am Wegesrand pflücken kann, aber eigentlich spielt das keine Rolle. Ich gehe den Weg nicht wegen der Blumen, sondern weil ich mein Ziel fest im Blick habe und es wirklich erreichen will. Dazu brauche ich Willenskraft und Selbstdisziplin, die ich mir am besten so früh wie möglich in einer harten Selbstschulung aneigne. Ich muss von meinen Werten und Zielen überzeugt sein und ein commitment eingehen. Ich muss Hindernisse überwinden, und darauf gefasst sein, dass mein Weg zur Qual, zum Kampf wird, in dem es vor allem auf Ausdauer, Geduld, Hartäckigkeit ankommt.

Meine Schritte müssen nicht schön sein, und ich muss sie auch nicht mögen. Sie müssen möglich sein. Mit meinen Werten übereinstimmen. Ich muss regelmäßig prüfen, ob ich noch in Übereinstimmung mit meinen Zielen bin, ob ich noch auf dem rechten Weg bin. Wenn nicht, dann besteht die Aufgabe darin, so schnell wie möglich wieder auf die Beine zu kommen. Der Weg erhält seinen Sinn durch das Ziel: Wenn das Ziel gut ist, ist auch der Weg gut. Und wenn ich das Ziel erreicht habe (aber erst dann!), dann war alles sinnvoll und gut.
Mein Eigenwert als Person besteht in dieser Phase vor allem darin, wie sehr ich den Weg verfolge um zum Ziel zu gelangen. Welche Hindernisse ich überwinde, und wie oft ich nach Tiefschlägen des Schicksals wieder aufgestanden bin.

Ein Beispiel für diese Geisteshaltung wäre das Kochen eines Gerichts: Mein Ziel – das Stillen meines Hungers – fest im Blick, beginne ich mit der Herstellung einer Mahlzeit. Das Kochen selber (und die damit verbundenen Aufgaben wie das Einkaufen, Putzen, Schneiden, Tischdecken, Spülen usw.) dient ausschließlich meiner Sättigung, und könnte ich diese auch anders und schneller erreichen, wäre mir das auch recht.

2. Der Weg ist das Ziel

Die erste Phase ist keine schöne Phase. Die Schritte derer, die so denken, mit einem fernen Ziel im festen Blick, sind weder anmutig noch leicht. Sie gleichen eher einem strammen Marschieren. Aber wie viele Errungenschaften hat uns diese Geisteshaltung nicht schon gebracht: das Rad, die Pyramiden, die Schokolade …

Doch irgendwann merke ich, dass es doch noch etwas anderes geben muss im Leben als die sture Ausrichtung auf ein paar ferne Ziele, oder auf einige seltene Momente der Belohnung: das Wochenende, die Ferien, ein Sabbatjahr. Und ich spüre, dass ich selbst dann nicht richtig glücklich werde, wenn ich meine Ziele erreiche. Je mehr Ziele ich erreiche, desto klarer wird mir, dass sie mich nicht befriedigen. Dass die Verheißung, die in ihnen lag, die Mühe nicht wert war, die ich zu ihrer Erreichung investiert habe. Ich habe geackert und mich angestrengt, nun halte ich das Ziel in Händen und das erhoffte Gefühl der Sättigung stellt sich nicht ein, und wenn, dann nur für kurze Zeit, und auf das Gefühl der Befriedigung folgt eine unbestimmte Leere, dann eine unzufriedene Rastlosigkeit und schließlich ein neues Ziel. Ich werde mit Schopenhauer gewahr:

 

SchopenhauerAlle äußeren Quellen des Glückes und Genusses sind, ihrer Natur nach, höchst unsicher, misslich, vergänglich und dem Zufall unterworfen.

Ich merke, dass ich auf dem Weg zu meinen Zielen die Momente nicht genossen habe, sondern Zeit verschwendet habe für die Verfolgung eines Ziels, das sich jetzt als schal darstellt. Nun habe ich zwei Möglichkeiten: Ich stelle das Streben ganz ein, entsage allem Wollen und bescheide mich. Doch dieses asketische Ideal ist mir kaum möglich. Zu sehr ist noch das alte Denken in mir, man müsse doch etwas tun, man könne doch nicht untätig sein. Dann gibt es noch die Möglichkeit, den Weg als Ziel anzusehen. Die vielzitierte Weisheit soll besagen, dass diejenigen, die sie sich zum Motto machen, auf ihrem Weg irgendwohin auch Spaß haben. Dass sie sich durchaus Zeit nehmen, die Blumen am Wegesrand wahrzunehmen. Sie schalten einen Gang runter in der Verfolgung ihrer Ziele, denn sie wissen, dass die Ziele nicht ganz so wichtig sind, und auch der Weg geehrt werden muss.

Wer es ganz ernst damit meint, der stellt sich darauf ein, auch die unangenehmen Seiten des Weges, Schmerz, Langeweile und Einsamkeit, als notwendiges Übel zu akzeptieren – sie vielleicht sogar schätzen und ein bisschen lieben zu lernen.

Und es tritt eine leichte Linderung in mein gestresstes Leben, denn ich besinne mich darauf, dass ich auch das Kochen selber – und nicht nur die Sättigung durch die Mahlzeit hinterher – durchaus wahrnehmen, akzeptieren und schätzen lernen kann. Sogar die unangenehmen Arbeiten kann ich ein wenig schätzen, sind sie doch ein Teil des Weges.

3. Es gibt keinen Weg, es gibt nur gehen.

Ich setze mir also ein Ziel, plane meinen Weg dorthin und nehme mir vor, den Weg mit Achtsamkeit zu gehen – um die Blumen auch genießen zu können und nicht allzu enttäuscht zu sein, wenn ich mein Ziel nicht erreiche oder es doch nicht so befriedigend herausstellt, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich marschiere nicht mehr, ich wandere und genieße dabei die Aussicht. Aber es bleibt doch noch der Weg, der zu gehen ist, um irgendwohin zu gelangen. Und ich merke, dass ich trotz der vielen Blumen, die ich mittlerweile auf dem Weg genießen kann, immer noch auf Hindernisse stoße, und dass diese Hindernisse etwas sind, was ich nicht haben und akzeptieren will – aus dem einfachen Grund, weil sie mich vom vorgestellten Weg abbringen, weil sie nicht zu ihm gehören. Durch sie brauche ich nur länger bis zum Ziel und folglich kann ich den Weg selber nicht mehr so gut genießen, wenn ich von ihm abgebracht werde.

Aber das ist die Welt. Das ist das Leben. Ich merke, dass es meinen Weg eigentlich gar nicht gibt, zumindest nicht in der Wirklichkeit, sondern nur in meiner Vorstellung, als Plan und Entwurf. Ich habe mir Gedanken darüber gemacht, wohin ich gehen will und welche Schritte ich setzen will – und nun, da ich zur Tat schreite, kommt mir etwas dazwischen, was mit meinen Gedanken nicht übereinstimmt. Meine Reaktion darauf, egal, ob ich das Ziel als Hauptsache ansehe oder den Weg als Ziel betrachte, ist die eines erhöhten Stresslevels, einer mehr oder weniger leichten Verärgerung, die sich unmittelbar körperlich bemerkbar macht: meist als ein Gefühl der Enge in der Kehle oder im Brustkorb, als ein Grummeln im Bauch, ein leichtes Zittern der Hände. Ich habe meinen Weg geplant und nun will ich ihn auch gehen, und alles, was mich davon abhält, verursacht mir ein Gefühl der Unzufriedenheit – bis hin zur Aggression.

Ich bin auf Reisen, habe Zeit und Muße, und mein Weg ist gut geplant, sodass ich ihn genießen kann – aber mein Zug hat Verspätung, ein Stau hindert mich an der Weiterfahrt, mir wird meine Tasche gestohlen, jemand braucht unerwartet meine Hilfe – schon bin ich von meinem Plan abgebracht worden und kann weder Weg noch Ziel genießen.

Die Karte ist nicht das Gebiet

Irgendwann also merke ich, dass das, was ich als meinen Weg bezeichne, gar kein Weg ist, sondern nur meine Vorstellung davon, wie die Welt aussehen, was die Zukunft mir bringen, wie ich handeln könnte. Der Weg, den ich gehe, ich gar nicht der Weg, den zu gehen ich mir vorgenommen habe – es ist das tatsächliche Leben mit all seinen Unwägbarkeiten, Zufälligkeiten und Hindernissen, die früher oder später auf mich zukommen. Und ich muss mich entscheiden: Will ich mein Leben als fortwährenden Kampf führen, als ständige Auseinandersetzung zwischen meinen Vorstellungen und dem, was sich tatsächlich abspielt (mit der sich notwendig einstellenden Enttäuschung oder Verärgerung über die Nicht-Kompatibilität beider Seiten) – oder will ich es so erleben, wie es sich tatsächlich, ungeschminkt und bar jeder Verstellung darbietet?

Wenn ich jetzt koche, um satt zu werden, dann genieße ich nicht nur das Kochen und die dazugehörigen Aufgaben, sondern ich akzeptiere auch das Ei, das auf den Boden fällt, und die Tatsache, dass ich kein Salz mehr im Haus habe.

Vom Marschieren über das Wandern zum Tanzen

Im Grunde, merke ich, gibt es keinen Weg. Es gibt nur das Gehen. Und auch hier eigentlich nur jeden einzelnen Schritt, wie er auch aussehen mag. Genauso wenig, wie es in der wirklichen Welt da draußen ein Ziel gibt, gibt es den Plan und die Vorstellung, die ich mir von der Welt und meinem Leben mache. Je mehr ich das verinnerliche, je mehr ich tatsächlich einfach nur gehe, anstatt das Gehen zu planen und die meine Schritte mit dem zu vergleichen, was zu tun ich mir vorgenommen hatte – desto stärker werde ich eins mit dem, was wirklich ist. Mit jedem einzelnen Tanzschritt, mag er auch noch so unbeholfen aussehen. Und je einverstandener ich werde mit meinem Leben, desto achtsamer und intensiver lebe ich wirklich.

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3 Kommentare

  1. Gratulationen, ein sehr guter Beitrag. Im schamanismus redet man diesbezueglich vom Weg des Kriegers und dem Weg des Koenigs. Dem Krieger ist das Ziel wichtig, egal, ob er dabei verletzt wird, der schaden wird sogar in den weg zum Ziel einkalkuliert. Der Koenigsweg ist viel eleganter, man goennt sich koeniglich alles, was sich auf dem Weg so bietet und man kommt trotzdem am Ziel an, sozusagen als „Nebenwirkung“ wird das Ziel auch noch realisier, wenn auch anders als wir es uns vielleicht vorgestellt haben.

    Mit den Zeilen, die du niedergeschrieben hast, kann ich mich sehr identifizieren. Du hast eine sehr gute Beobachtungsgabe und eine sehr sanfte Art dein Wissen weiterzugeben.

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