Ziellos leben

And now that you don’t have to be perfect, you can be good.

 John Steinbeck

Lange Zeit dachte ich, Ziele zu haben wäre das Wichtigste im Leben. Ohne Ziele kein Fortschritt, ohne Ziele keine Veränderung. Wenn man sich nicht vornimmt, etwas zu erreichen, dann wird man auch nie etwas erreichen. Man muss doch bewusst planen, wer und was man werden will, sonst wird man vielleicht jemand oder etwas, aber wer oder was genau man wird, das ist dann dem Zufall überlassen. Wenn man sich nichts vornimmt, wird man immer der unperfekte kleine Mensch bleiben, der man ist, immer unzufrieden mit sich selbst, oft im Stress, neidisch auf andere und den Blick sorgenvoll in eine ferne Zukunft gerichtet.

Seltsamerweise wird man aber auch mit Zielen niemals der perfekte Mensch sein, der zu sein man sich aus welchen Gründen auch immer vorgenommen hat. Man wird nicht einmal besonders zufrieden oder gar glücklich werden. Die Ursache dafür liegt einfach in der falschen Wahrnehmung auf sich selbst, die sich darin zeigt, dass man Ziele überhaupt für nötig hält. Denn gerade in einem Leben voller Ziele bleibt der Stress, der Vergleich, der sorgenvolle Blick in die Zukunft – da wir in Gedanken woanders sind, nicht hier und jetzt, wenn wir an unsere Ziele denken.

Du bist bereits vollkommen

Man hält Ziele für nötig, weil man sich selber für unvollkommen hält. Man hält sich zwar nicht unbedingt für einen schlechten Menschen, zumindest nicht in allen Belangen, einige finden sich sogar in diesem oder jenem Bereich ganz passabel, und auch nicht alle Menschen streben Vollkommenheit an. Aber man denkt doch immer, man könnte noch etwas tun.

Hinzu kommt ein innerer Imperativ, hinter dem sich die böse Gesellschaft versteckt: Du musst dein Leben ändern. Werden wir ihr nicht schon früh und penetrant in der Schule ausgesetzt,  dieser Forderung, man müsse sich entwickeln, man müsse sich bilden, man müsse etwas aus sich machen, man müsse etwas werden, was man noch nicht ist? Irgendwann, zumeist recht früh in unserem Leben, übernehmen wir diese Auffassung und meinen, wir wären ein besserer Mensch, wenn wir vortragsreif vor großem Publikum reden oder fließend Italienisch parlieren oder singen oder tanzen oder Klavier spielen könnten … Oder wenn wir Ruhm und Reichtum, Geld und Größe, Besitz und Beliebtheit erlangt haben. Nun steht sich zu verändern jedem frei, der mit sich unzufrieden ist. Das Paradox liegt allerdings darin, dass die Änderung eines Wechsels der Einsicht bedarf: in die eigene Vollkommenheit.

Niemals wird man vollkommen sein, solange man sich sich nicht selber eingesteht, dass man bereits vollkommen ist – mit all seinen Unzulänglichkeiten.

Verwirrung stiften

Denn mit dem Leben ist es wie mit einem guten Gespräch, einer Wanderung, einer sexuellen Begegnung – es wird besser, wenn man sich keine Gedanken darüber macht, was man damit erreichen will. Wenn man nicht weiß, wo man hin will, sondern sich einfach dem Moment überlässt. Das kann verwirrend sein, aber die Verwirrung im Leben immer wieder anzunehmen kann die erleichterndste Übung überhaupt sein. Dass sein Leben nunmal keinem Schweizer Uhrwerk gleicht, sondern einem Astwerk, das im Laufe der Zeit verwirrend krumm gewachsen ist und weiter wachsen wird – dies sich einzugestehen ist durchaus befreiend – so wie es in Jack Kerouacs Roman Unterwegs heißt:

I had nothing to offer anybody except my own confusion.

Das Leben ist nicht dafür gemacht, Ziele erreichen zu wollen. Denken wir nur an die Begrenztheit unserer Zeit und die Endlichkeit unseres Lebens … wie alles hinfällig wird mit dem Gedanken an den eigenen Tod.

Ziele sind nicht wirklich nötig

Ziele scheinen uns daran zu hindern, mit dem zufrieden zu sein, was wir haben, was wir sind. Denn sie sind nicht real. Sie sind häufig nicht einmal an der Realität orientiert, manchmal sogar nicht an ihr interessiert. Sie sind Gedankenkonstrukte, wie sie nur der Mensch als imaginierendes Wesen (und vielleicht einige Affenarten) erstellen kann. Das bedeutet, dass es relativ wahrscheinlich ist, dass sie mit der Realität nichts zu tun haben. Sobald wir uns auf das Ziel konzentrieren, machen wir uns blind für Möglichkeiten, die das Leben bietet. Wir sind nicht mehr im Fluss, schwingen nicht mehr im Gleichklang mit dem Kosmos. Wir merken nicht, oder nicht schnell genug, wann wir eher in eine andere Richtung gehen sollten. Und Ziele werden niemals wirklich erreicht, und wenn doch, dann finden wir in ihnen nicht die Befriedigung, die wir uns erhofft hatten, wie wir spätestens seit Schopenhauer wissen:

Der erfüllte Wunsch macht gleich einem neuen Platz: jener ist ein erkannter, dieser noch ein unerkannter Irrtum.

Ein Ziel wie Klavierspielen lernen – wann können wir sagen, ob wir es wirklich in die Tat umgesetzt haben? Wenn wir so spielen wie Alfred Brendel? Oder reichen uns die Fähigkeiten eines Barpianisten? Selbst wenn wir unsere Ziele, wie es die Forschung rät, operationalisierter machen, also genau angeben können, was gegeben sein muss, damit das Ziel als erreicht gilt, (110 Tastenanschläge pro Minute), dann verschiebt sich der Horizont unserer Zielsetzung unmerklich nach vorne – und trotz aller Mühe und Anstrengung bleiben wir die abwesend dreinblickenden Zukunftszombies, die wir sind. Oder eben die unermüdlichen Ratten:

The trouble with the rat race is that even if you win, you’re still a rat.

Werte statt Ziele

Aber ist ein zielloses Leben nicht ein vergeblich gelebtes Leben? Man muss doch schließlich darüber nachdenken, was man will! Man darf sein Leben doch nicht einfach nur vorbeiziehen lassen wie einen vertrödelten Sommertag!

Natürlich ist es gut, sich Gedanken darüber zu machen, was man für ein gelungenes Leben hält und was genau dazu gehört. Denn das ungeprüfte Leben ist für den Menschen nicht lebenswert, mit diesen Worten hat Sokrates in seiner Verteidigungsrede vor den Athener Richtern den Wert der philosophischen Selbstreflexion hochgehalten. Tragisch wäre es aber, wenn wir dadurch die Trennung von uns selbst und von dem jetzigen Moment, den einzigen, den wir haben, noch größer machen als er eh schon ist. Und das tun wir immer dann, wenn wir die Dinge, die wir tun, nur als Mittel zum Zweck, zum erhofften Nutzen in einem fernen zukünftigen Augenblick tun.

Natürlich geht es nicht ohne Orientierung – wir wollen den Erfolg unseres Lebens nicht gänzlich den Launen des Zufalls überlassen. Wir sind auch keine Lebewesen, die rein nach ihrem Instinkt vertrauen könnten und mit dem Ergebnis zufrieden wären. Wir brauchen Orientierung. Aber auch ohne Ziele können wir Dinge erreichen. Auch ohne Ziele können wir ein gelingendes, nutzvolles Leben führen. Können wir uns verändern, lernen, wachsen. Der Weg besteht darin, Ziele immer öfter durch Werte zu ersetzen. Prinzipien, Ideale, Wertvorstellungen, die wir haben, geleiten uns viel motivierender und inspirierender durchs Leben als strenge Ziele. Wir sollten uns öfter fragen: Tue ich etwas, was mit meinen Werten und Prinzipien übereinstimmt?

Der Unterschied zwischen Zielen und Werten besteht darin, dass Werte den Spielraum meiner Handlungsmöglichkeiten zwar einschränken, dies jedoch nicht so strikt tun wie Ziele. Ziele sagen mir, was ich tun muss, um eine bestimmte Wirkung zu erzielen – ein Produkt, ein Ergebnis, eine Lösung. Ein Objekt (auch eine erworbene Fähigkeit kann ein Objekt der Außenwelt sein), dessen Existenz mich befriedigt und dessen Nicht-Existenz für mich bedauernswert und leidvoll ist. Werte hingegen sagen mir, ob ich im Einklang mit mir selbst, mit meinem eigentlichen Selbst bin. Handle ich im Einklang mit meinen Werten, dann hat mein Handeln seinen Sinn schon erreicht – unabhängig vom zukünftigen Resultat meiner Tätigkeit. Dies meint der römische Stoiker Seneca:

Seneca

Das größte Hindernis des Lebens ist die Erwartung, die vom Morgen abhängt.

Seneca

Wenn wir uns von der Erwartung, ein bestimmtes Ziel erreichen zu müssen, frei machen, und wenn wir unsere Handlungen von den Zielen, die wir mit ihnen erreichen wollen, frei machen, dann können wir einsehen, dass alles bereits da ist. Dass auch die unangenehme Handlung zufriedenstellend ist, wenn sie mit unseren Idealen übereinstimmt.

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14 Kommentare

  1. Vielen Dank für den schönen Artikel!

    Ich glaube auch, für ein wirklich gesundes Selbstmanagement brauchen wir ein gutes Gleichgewicht zwischen Werten und Zielen. Die Versteifung und Fixierung auf Ziele führt vielleicht kurzfristig zu Erfolgen, aber nicht zu einer wirklichen Lebensführung, in der alle Aspekte der Persönlichkeit ihren Platz haben.

    Michael Lindner

  2. Schön wie dieser Artikel, die Probleme unserer heutigen Gesellschaft aufgreift und zugleich konstruktiv einen Lösungsweg aufzeigt. Es ist Zeit Altes zu bedenken und Neues zu erdenken.

    So begreife ich das Problem ebenfalls in dem jenseitig gefassten Erfolgsdenken unserer heutigen westlichen Kultur.
    Als ließe sich das Glück des Menschen rein inhaltlich bestimmen, präsentiert die Gesellschaft eine entsprechende „to do“ bzw. „to have“ Liste, die man nur abzuhaken braucht. Eine einfache Antwort auf eine schwierige Frage. Denn das gute Leben scheint individuell verschieden auszufallen und eine Gültigkeit für alle schwerlich fordern.
    Doch ist es die vorsokratische Erkenntnis, dass nichts still steht, die Welt ewig im Wandel begriffen ist, die zu einer angemessenen antwort führt. So besteht denn die Kunst zu leben darin, immer wieder im einklang mit der Welt und sich selbst zu sein.

    „Der Weg ist das Ziel“ und dessen Bedeutungstiefe wurden hier – meiner ansicht nach – recht treffend beschrieben. Es handelt sich um eine andere Sichtweise auf Erfolg, der sich für uns alle in einem guten Leben widerspiegeln wird.

    Mit herzlichem Gruß,

    PhilVia – philosophische Praxis
    Ho-Seoung Moon

  3. Wenn ich das Klavierspielen liebe, macht es Sinn es bis zur Exzellenz zu bringen. Aber Klaviersielen lernen um damit etwas zu erreichen, ist Stress und Unsinn. – Ich habe es zu spät begriffen.- Na ja. Jeder Tag ist ein guter Tag um mit dem Leben anzufangen.

  4. Ein gelungener Beitrag! Passend dazu Hermann Hesse:

    „Wenn jemand sucht“,
    sagte Siddhartha,
    „dann geschieht es leicht,
    dass sein Auge
    nur noch das Ding sieht,
    das er sucht,
    dass er nichts zu finden,
    nichts in sich einzulassen vermag,
    weil er nur immer
    an das Gesuchte denkt,
    weil er ein Ziel hat,
    weil er vom Ziel besessen ist.
    Suchen heisst: ein Ziel haben.
    Finden aber heisst: frei sein,
    offen stehen, kein Ziel haben…“

  5. […] Philosophie, das ist für viele zunächst einmal schwer verständliche, welt- und alltagsferne, verschrobene Theorie. Doch die Philosophie gibt Hinweise, wie ein gutes Leben – trotz aller Probleme, die da drücken mögen – gelingen kann. Solche philosophischen Vitamine gibts bei Gunnar Kaiser auf dem Weg zu Weisheit und Glück. Ein inspirierendes Blog zum Stöbern, mit PDFs zum Downloaden und mit Sätzen wie diesem hier: “Denn mit dem Leben ist es wie mit einem guten Gespräch, einer Wanderung, einer sexuellen Begegnung – es wird besser, wenn man sich keine Gedanken darüber macht, was man damit erreichen will.” (Aus dem Beitrag “Ziellos leben“). […]

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