Den Körper trainieren

Es ist mehr Vernunft in deinem Leibe als in deiner besten Wahrheit.

Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra

Wir brauchen in unserem Leben ein neues Bewusstsein für unseren Körper. Aber was wir aus unserem Körper machen, ist davon abhängig, wie wir uns selber sehen, wer und was wir sein wollen, was wir für den Zweck unseres Lebens halten. Wir haben dabei zwei Möglichkeiten, weil jeder Mensch zwei verschiedenen Bereichen angehört: dem äußerlichen Leben einerseits – dem Weltlichen mit seinen Anforderungen und  Reizen – und dem inneren Leben andererseits – dem Übersinnlichen, der Seite, die uns mit dem Kosmos verbindet, mit unserem höheren Selbst, mit dem echten Menschen in uns.

Beides müssen wir kultivieren, in beiden Welten müssen wir zurechtkommen, wenn wir ein gutes Leben führen wollen.  Normalerweise sind wir in den westlichen Gesellschaften darauf fixiert, unser äußerliches Leben erfolgreich zu gestalten – wir wollen eine funktionierende Partnerschaft, einen angesehenen Beruf, ein hohes Einkommen, ein schönes Haus, eine gute körperliche Verfassung usw. Wir wollen etwas erreichen im Leben, etwas, was man sehen, anfassen und messen kann. Doch es steht uns immer auch eine Sichtweise zur Verfügung, in der wir uns als spirituelle Wesen wahrnehmen – als Teil eines großen Ganzen, gegen das wir nicht ankämpfen können und müssen, in dem wir gut sind, so wie wir sind, und in dem wir uns mit niemandem vergleichen müssen, um uns besser zu fühlen.

Und so ist es auch in Bezug auf unseren Körper und das Bewusstsein, das wir für ihn haben.

Wir können ihm aus weltlicher Sicht begegnen; dann besteht sein Zweck darin, dass wir physisch existieren, dass wir eine körperliche Grundlage in der äußeren Welt haben. Wenn wir unseren Körper trainieren, dann mit dem Ziel, ihn gesund und fit zu halten, damit wir weiterhin in der Welt bestehen können. Auch alle anderen Angelegenheiten, die unserem Körper zugute kommen sollen – Hygiene, Ernährung und Schlaf beispielsweise – dienen dann dem weltlichen Zweck seiner Wiederherstellung, damit wir auch morgen noch kraftvoll zupacken können. Dieser Zweck ist  wichtig, aber er macht uns noch nicht zu ganzen Menschen. Nur ihn zu verfolgen macht unser Leben nicht vollständig – und nicht einmal, ihn zu erreichen.

Unser spirituelles Leben gerät darüber oft genug ins Hintertreffen. Denn eine Einstellung, die uns nur auf das Äußere konzentriert, auf unseren weltlichen Erfolg, macht unseren Geist geradezu „kriegerisch“, wie es Krishnamurti nennt.

Der kriegerische Geist macht euch gehorsam, er macht euch körperlich sehr diszipliniert, aber innerlich wird euer Geist allmählich zerstört, weil ihr imitiert, folgt, nachahmt.

Jiddu Krishnamurti

Sobald wir uns und unseren Körper aber aus der Perspektive des höheren Selbst betrachten, dann trainieren wir, um geistig und seelisch und körperlich ganz da sein zu können. Unser Körper ist dann nicht mehr bloß ein physikalisches Objekt unter anderen in der äußeren Welt, in dem unsere Seele wohnt, wie es noch bei der Hl. Teresa von Ávila zum Ausdruck kommt:

Tu deinem Leib etwas Gutes, damit deine Seele Lust hat, darin zu wohnen. 

Wenn wir uns als ganze Menschen sehen wollen, dann SIND wir auch „Leib“, und haben nicht nur einen Körper, der womöglich wie bei Platon noch das Grab unserer Seele wäre. Und unser Leib kann, wenn wir bewusst trainieren, das Mittel zu einem meditativen Zustand sein, einem Zustand der Achtsamkeit des Geistes. Das geschieht immer genau dann, wenn wir eins sind mit unserem Körper, wenn wir ganz Körper sind, wenn Geist und Körper nicht mehr getrennt sind, getrennte Wege gehen und getrennte Dinge tun. Wenn wir uns im Einklang mit unserer Verfassung befinden, wenn unser inneres Erleben keinen Widerspruch mehr darstellt zu unserem körperlichen Empfinden.

Dabei bemerken wir, dass die Trennung, die wir immer dann vornehmen, wenn wir von „Körper“ oder „Leib“ auf der einen und „Geist“ oder „Seele“ auf der anderen Seite sprechen, gar keine wirkliche Trennung ist, sondern ein Konstrukt. Natürlich haben wir eine körperliche, äußerliche Seite und eine geistige, innerliche. Aber beide Seiten sind nur die Formen, in denen der Mensch sich ausdrückt. Es sind die Formen, in denen wir uns wahrnehmen, obwohl wir immer eins, immer ein Ganzes sind. Manchmal legen wir die Betonung auf das Körperliche, manchmal auf das Geistige. Das Ziel jeder körperlich-geistigen Übung ist es also, diese ursprüngliche Einheit wahrzunehmen, zu erkennen und zuzulassen. Wir können das erreichen durch stetes Einüben in Achtsamkeit – durch ein gelassenes, aber beharrliches Training in der Fähigkeit, das, was ist, ohne Vorbehalt zu sehen und zuzulassen. Wir werten nicht, wir meiden nicht, wir führen nicht herbei, sondern wir achten nur auf das, was sich um uns herum und in uns abspielt. Beispielsweise auf den Atem, der in vielen Religionen die spirituelle Seite des Körperlichen darstellt. Der Atem und die Rückbesinnung auf ihn ist wie eine Synchronisation, die Geist und Körper wieder in Gleichklang geraten lässt.

Aber auch andere Tätigkeiten des Alltags, vor allem die repetitiven, eignen sich dazu, Körper und Geist in Einklang zu bringen. Putzen, Kochen, Essen, Abwaschen, Liegen, Gehen, Stehen aber auch das Reden mit anderen Menschen, das Zuhören, das Schreiben eines Textes, das Üben eines Instruments – all das können wir als Weg dazu ansehen, uns vollständig zu entfalten. Auch sportliche Betätigung, Laufen, Radfahren, Schwimmen, Kraftübungen usw. können wir nicht nur als Körpertraining, sondern auch als Schulung des Geistes und Mittel zur Selbstverwirklichung ansehen. Yoga ist dafür ein gutes Beispiel: Man kann es als reine Körperübung betreiben, zur Kräftigung der Muskulatur, zum Dehnen der Bänder, zur Senkung des Blutdrucks – und das ist nicht der schlechteste „Zeitvertreib“. Aber man kann Yoga auch, wie er ursprünglich konzipiert ist, als körperliche Form der Meditation sehen, als die Art und Weise, wie wir Körper und Geist in Übereinstimmung miteinander bringen können. Dafür müssen wir aber den einzelnen Übungen, den Haltungen und Bewegungen, dem Atem und unseren Gedanken während der Ausführung, ausschließliche Achtsamkeit widmen – gemäß dem Yogasutra des Patanjali:

Yoga ist jener innere Zustand, in dem die seelisch-geistigen Vorgänge zur Ruhe kommen. 

Yoga und alle anderen Tätigkeiten, die wir ausführen, können wir also auch als geistig-seelisch-körperliche Übung betrachten. Wie viel „Körper“ steckt doch z. B. in einer so simplen Tätigkeit wie dem Waschen von Karotten? Die sinnliche Wahrnehmung des ganzen Vorgangs, des kalten Wassers, der rauen Oberfläche, der Farbe, des Geruchs des Gemüses … Das ist es, was Karlfried Graf Dürckheim den „Alltag als Übung“ nennt. „Den Alltag“ bedeutet, auch die scheinbar unbedeutenden, kleinen Momente unseres Lebens können achtsam erlebt werden. Dann gibt es keine sinnlosen, unnützen Augenblicke mehr, die weniger wert wären, nur weil wir uns in ihnen nicht unseren weltlichen Zielen oder Freuden widmen können. Dann gibt es nur das Eine Leben, in dem Alltag und Feiertag nicht getrennt sind, sondern jeder Moment dazu benutzt werden kann, uns selbst in Einklang mit dem höheren Selbst zu bringen.

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