Wie wäre es, jeden Moment zu nutzen?

Allein die Frage klingt schon schrecklich. Klingt nach Effizienz, Kosten-Nutzen-Rechnung, nach Produktivität um jeden Preis, nach schnödem Zweckdenken, nach der Prosa der Verhältnisse und überhaupt nach der optimalen Ausnutzung humaner Ressourcen – nichts, was wir in einem wahrhaft philosophischen Leben haben wollen. Im Gegenteil – wir brauchen zwecklose Schönheit, Poesie und Besinnung, Nachdenklichkeit bis ins Grüblerische, Verschwendung und Faulheit, Muße und Müßiggang – erst dann werden wir ein wahrhaft weises Leben führen können. In Friedrich Schlegels „Lucinde“ findet sich die Schlussfolgerung:

Und also wäre ja das höchste vollendetste Leben nichts als ein reines Vegetieren.

                                        Friedrich Schlegel: Lucinde

Reines Vegetieren also. Klingt einfach, doch wer tut es? Sicher, niemand tut es, weil es niemand (bis auf ein paar gesellschaftliche missfits) als wertvoll anerkennt. Weil jeder, der etwas auf sich hält, dem Diktat der Selbstverbesserung, des „Du musst dein Leben ändern“ unterworfen ist. Aber gesetzt den Fall, man wollte ernst machen mit dem Dahinvegetieren – harte Arbeit würde unser harren. Und wir würden es „progressive Entspannung“, „geführte Meditation“, „mystische Selbstversenkung“ nennen, gemäß der Anekdote von der Frau, die einer Mutter auf deren Auskunft, ihr Sohn habe jetzt mit Meditation angefangen, antwortet: „Na, besser, als wenn er nur rumsitzt und nichts tut.“

Aber wenn wir die Frage anders verstehen, nicht als Ausgeburt neo-liberalen Rationalisierungsdenkens, das den Menschen zur Verfügungsmasse wirtschaftlichen Handelns machen will, sondern als ernsthaftes Nachdenken über die Art und Weise, wie wir unsere Zeit verwenden – dann könnten wir ihr doch für eine weise Lebensführung einigen Nutzen abgewinnen. Denn uns ist Zeit gegeben, jeden Tag aufs Neue. Genauer und mit Augustinus gesagt: Uns ist Gegenwart gegeben, denn Vergangenheit ist stets nur Erinnerung und Zukunft nichts als Erwartung. Was wir haben, ist der Moment.

Er wird uns geschenkt, von wem auch immer. Doch wie lange diese Gabe, mag sie als Last oder als Segen empfunden werden, noch andauert, bleibt uns verborgen. Das ist das Tragische: Jack Kornfield formuliert es so: „The trouble is that you think you have time.“

Es kommt vor allem darauf an, ob es jemand anderes ist, der diesen Anspruch an uns richtet, oder ob das Verlangen nach einem produktiv geführten Leben in uns selbst seine Quelle hat und wir als autonome Subjekte handeln. Das mag schwer zu entscheiden sein, ist doch alles Verlangen auch wieder von außen, vom Anderen vermittelt. Aber mit ein wenig Selbstprüfung wird sich bald auch ein klarer Blick auf den wahren Ursprung unserer Wünsche einstellen.

Wenn der Imperativ „Nutze den Tag“ also nicht von anderen an uns gerichtet wird, sondern aus dem echten persönlichen Willen heraus, das Beste aus seinem Leben, seiner Zeit und seinen Fähigkeiten zu machen, sich selbst und anderen Lebewesen zum Gefallen: dann wäre es vielleicht doch klug, sich zu fragen, ob man jeden Moment auch so nutzt, wie man ihn in einem idealen Leben nutzen würde.

Man könnte sich mit Nietzsche beispielsweise vorstellen, dass dieses Leben und jeder Augenblick in ihm immer wiederkehren würde:

Wenn jener Gedanke über dich Gewalt bekäme, er würde dich, wie du bist, verwandeln und vielleicht zermalmen; die Frage bei Allem und jedem „willst du dies noch einmal und noch unzählige Male?“ würde als das größte Schwergewicht auf deinem Handeln liegen!

                      Friedrich Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft

Das wäre eine wahrhaft schwere Aufgabe. Nietzsches Aphorismus weist darauf hin, dass jeder Moment zwei Seiten hat: das, über das wir verfügen, und das, über das wir nicht verfügen.

Das, worüber wir nicht verfügen in den Augenblicken unseres Lebens, mag uns übermächtig vorkommen: oft genug verfügen wir nicht einmal über genug Zeit, um das zu tun, was wir wirklich tun wollen. Wir verfügen nicht immer über genug Geld, Macht, Ruhm, Ansehen, intellektuelle, seelische oder körperliche Fähigkeiten. Nicht einmal das Wetter können wir beeinflussen.

Doch in jedem Moment haben wir die Macht, etwas zu wollen bzw. nicht zu wollen –  unsere Einstellung gegenüber den Dingen zu ändern.

Also müssen wir akzeptieren, was nicht zu ändern ist, und mehr noch: wir können damit zufrieden sein, denn es ist das, was der Kosmos für uns vorgesehen hat. Das heißt freilich nicht, dass wir nicht versuchen sollten Dinge zu ändern, die wir für schlecht halten. Aber ändern können wir nur, was wir zuvor als real existent anerkannt haben.

Alle Momente lassen sich einteilen in zwei Oberkategorien:

  • Momente, in denen du allein bist.
  • Momente, in denen du mit Menschen zusammen bist.

Die Momente des Alleinseins lassen sich wiederum einteilen:

  • Momente, in denen du frei über deine Zeit verfügen kannst.
  • Momente, in denen du verpflichtet bist, irgendetwas zu tun.

Und auch die mit anderen Menschen verbrachten Momente lassen sich einteilen:

  • Momente, in denen du in relativ engem persönlichem Kontakt mit den Menschen stehst.
  • Momente, in denen der Kontakt eher rein physischer Natur ist (man teilt sich beispielsweise das gleiche Zugabteil mit Fremden)

In den Momenten, in denen wir allein sind, aber Verpflichtungen zu erfüllen haben, denen wir eine Priorität in unserem Leben zusprechen, ist es einfach, das Richtige zu erkennen: „Tu, was getan muss sein, und eh man dir’s gebeut“, wie es in einem Gedicht Paul Flemings heißt. Und es ist ratsam, den Dingen, mit denen man umgeht, uneingeschränke Aufmerksamkeit zu schenken.

In den Momenten, die wir mit Menschen verbringen, die uns und denen wir aus irgendeinem Grunde wichtig sind – sei es generell oder nur in dieser einen Situation – sollten wir ganz bei diesen Menschen sein. Wir sollten uns und den anderen die Höflichkeit und den Respekt schenken, den wir als fühlende Wesen verdienen, indem wir dem anderen vollkommene Aufmerksamkeit zukommen lassen. Das kann ein geliebtes Wesen, ein Kind, für das man sorgt, ein Mensch, mit dem man zusammen arbeitet, sein – aber auch der Verkäufer, der Postbote, der Nachbar im Treppenhaus sein.

Die Momente, die wir mit Menschen verbringen, die aber in dieser Situation keine absolute Priorität beanspruchen, gestalten sich hingegen etwas schwieriger: Wir können nicht immer tun, was wir wollen, haben aber bisweilen die Möglichkeit, uns uns selbst zu widmen. Ein gutes Beispiel ist die Warteschlange. Wir können nichts tun, außer warten, wir müssen aber auch nichts tun, außer warten. Hier beginnt es, problematisch zu werden, wenn wir unzufrieden darüber werden, dass wir jetzt warten müssen und nicht tun können, was wir wollen. Wir empfinden Langeweile, wir driften in Gedanken ab, wir werden unruhig, wir führen innere Selbstgespräche, wir sind nicht im Moment. Jedes Mal, wo wir denken: „Wäre ich doch jetzt …“, „Könnte ich doch jetzt …“, „Hätte ich doch …“ fliehen wir vor dem einzigen, das wir haben, und verneinen das Angebot, dass der Moment uns mit seiner Gegenwart macht.

Im Bus, in der Bahn, beim Gehen auf der Straße, im Auto, in der Warteschlange, überall dort, wo wir weder richtig alleine noch richtig in Gesellschaft sind, wird es gefährlich. Dies sind die Momente, in denen wir uns jedes Mal aufs Neue entscheiden müssen: gedanklich fliehen oder im Hier und Jetzt bleiben. Sich dem Leben stellen.

Die Möglichkeiten, sich „die Zeit zu vertreiben“, den Moment zu nutzen, sind natürlich dank diversen Tools und Gadgets ins Verführerische gestiegen. Die Nötigung, Einsamkeit, Langweile und Leere auszuhalten, ist aus unserem modernen Leben verschwunden. Aber gleichzeitig wissen wir, dass diese Nötigung für unseren hektischen Alltag vielleicht die allernützlichste sein. Diesen Moment zu nutzen hieße, ihn als solchen zu akzeptieren, ihn nicht zu fliehen. Ihn als Angebot aktiver Meditation wahrzunehmen. Sobald wir merken, dass wir nicht mit dem Moment und seinem Geschenk an uns eins sind, sobald wir Schmerz, Sehnsucht, Langeweile empfinden, können wir gewahr werden, dass nun die Zeit gekommen ist zu wachsen. Das Leben wahr- und hinzunehmen. Umgehen wir das reale Leben nicht mithilfe technischer Krücken. Sondern nutzen wir den Moment, um uns selber darin zu trainieren, achtsamer und aufmerksamer zu sein. Unser Glück und unsere Seelenruhe könnte davon abhängen.

Through meditation and by giving full attention to one thing at a time, we can learn to direct attention where we choose.

                                                               Eknath Eawaran

 

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