Die Kunst des Müßiggangs

»O Müßiggang, Müßiggang! du bist die Lebensluft der Unschuld und der Begeisterung; dich atmen die Seligen, und selig ist wer dich hat und hegt, du heiliges Kleinod! einziges Fragment von Gottähnlichkeit, das uns noch aus dem Paradiese blieb.« (Friedrich Schlegel: Lucinde)Bild

Faulheit und Nichtstun sind eigentlich nur andere Begriffe für das vollkommene Leben. Im Alltagsgebrauch haben sie oft etwas Anrüchiges, etwas, was man mit mangelndem Ehrgeiz und schlechtem Charakter verbindet. Etwas, was man gerne über andere sagt, aber nicht über sich selbst hören möchte.

Im philosophischen Sprachgebrauch aber kennt man sie unter den Namen Muße und vita contemplativa, und als solche sind sie seit der griechischen Antike positiv konnotiert. Ein kontemplatives Leben führen heißt, das Leben in seinem eigentlichen, dem Menschen zukommenden Sinne zu führen. All der Fleiß und die Mühen der Arbeit, all das Zielesetzen und Aufgabenerledigen, all das Aktivsein und  sind doch im Vergleich zur Ruhe des gekonnten Müßiggangs niedere, geistlose und unkünstlerische Veranstaltungen.

Faulheit, Nichtstun, Müßiggang, Muße, Kontemplation und dergleichen Begriffe haben sicherlich nicht die gleiche Bedeutung – sie unterscheiden sich vor allem in dem Grad von Nützlichkeit bzw. Schädlichkeit, den wir ihnen zusprechen. Während Faulheit bisweilen als moralisch fragwürdig bis gefährlich angesehen wird und Müßiggang als aller Laster Anfang (aber auch als notwendige Auszeit zur Reproduktion von Arbeitskraft), finden Muße und Kontemplation ihren Wert oft in ihrer dienenden Funktion für einen innovativen, kreativen Geist: aus der äußeren Passivität resultiert vermehrte innere Aktivität und Schöpferkraft, die sich wiederum zu Fortschritt und Wohlstand einsetzen lassen.

Aber gemeinsam ist all diesen Begriffen doch eines: die (befristete) Abkehr von unhinterfragter Arbeit und geist- und zwecklos gewordenem Handeln. Und mag es dem Menschen auch nicht gegeben sein, schicksallos wie der schlafenden Säugling in ewiger, stiller Klarheit zu ruhen, so ist es ihm doch erlaubt, zugunsten seines eigenen Glücks Momente der Ruhe und des Nichtstuns zu erleben – wenn er sie sucht!

Die wahre Kunst des Lebens besteht sicherlich darin, Muße und Arbeit, Passivität und Aktivität, Geschehenlassen und In-die-Hand-nehmen miteinander in Einklang zu bringen. Doch während wir in den westlichen Gesellschaften aufgrund unserer kulturellen Prägung seit Jahrhunderten kein Problem damit haben, das Handeln bis zum blinden Aktivismus gutzuheißen, fällt uns das indisch-meditative Einfach-nur-da-sein schwer.

Nichtstun: Es muss begründet werden (als müsste man begründen, dass man „nur“ lebt), es muss seine Rechtfertigung finden (als müsste nicht eher jede Aktion, jedes In-die-Welt-gehen gerechtfertigt werden), man muss es mit gutem Gewissen tun können (als wäre unser gutes Gewissen etwas anderes als die vehement in die Kinderseele eingebleute Instanz der Lehrer, Eltern, Politiker, Unternehmer, deren Lebenszweck schon seit jeher im unhinterfragten Handeln und blinden Fortschreiten in welche Richtung auch immer bestand).

Warum aber kann ich nicht stundenlang am Weiher liegen und den Mücken und Libellen zusehen?

Warum fällt es uns so schwer, die gottähnliche Kunst des Müßiggangs zu pflegen? Und was können wir tun, um das Leben so zu genießen, wie es ist, ohne vermessene Ansprüche, ohne sich Sorgen um die Zukunft zu machen oder reuevoll in der Vergangenheit zu verweilen? Wie können wir den Augenblick wieder heiligen, wie wir es als Kinder taten?

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12 Kommentare

  1. schön geschrieben!

    das Zeitalter, in dem wir leben ist eines der Arbeitswut! bist du nicht arbeitswütig, dann hast du hier nix zu suchen, denn dann ist deine Existenz gefährdet, indem dir die kohle entzogen wird zum anfachen deines lebensfeuers, das passiert insbesondere bei andauernder Faulheit und Nichtstun…

    ein bisschen müßiggang wird toleriert, aber du musst dir diese Zeiten erkämpfen!

  2. Zum Müsiggang gehört Vermögen!
    Ein Vermögen zu haben, bedarf´s den Müsiggang?
    Erst das Vermögen, dann der Müsiggang,
    Sonst wird es langweilig,
    Wer hat das Vermögen, zum wahren Müsiggang?

    • Was tue ich gern? Wer bezahlt micht dafür? Reicht das zum leben? (Miete, Essen, Kleidung) Der Rest ist Müßiggang. – Teuere Hobbies sind kein Müßiggang. Zeit haben ist Müßiggang.

  3. man muß lassen
    muß man lassen
    was muß man lassen
    lassen muß man nichts

    man hätte gelassen
    hätte man gelassen
    was hätte man gelassen
    hätte man was gelassen

    lassen was man muß
    was man lassen muß
    lassen muß man
    was muß man lassen

  4. Eine etwas andere und ergänzende Perspektive: Es gibt im allgemeinen Sprachgebrauch zwei Wendungen, die erahnen lassen, was der Müßiggang ist und nicht ist. Im Felix Krull heißt es: >>Die Kellner standen müßig.<< Das Adverb müßig steht hier gleichbedeutend für: taten nichts oder Nichtstun, aus diesem Nichtstun folgt nicht notwendig, dass die Kellner faul sind; es könnte ihnen höchstens zugeschrieben werden, dass sie faulenzen. Abseits der falschen Identifikation von Müßiggang und Faulheit steht manchmal zu lesen: Ich übe mich im Müßiggang oder: Ich habe die Muße zu etwas.

    Das Beispiel verdeutlicht, dass es Bedeutungsunterschiede zwischen müßig und faul und Nichtstun und Müßiggang gibt. Spreche ich vom Müßiggang, dann spreche ich von einem selbstbezüglichen Verhalten zur eigenen Lebenszeit. Ich habe Muße könnte bedeuten: Ich nehme mir die Freiheit, d.h. zweckfrei und frei von Nützlichkeitserwägungen, in und mit meiner Lebenszeit etwas zu tun, etwas nicht zu tun oder faul zu sein. Müßiggang ist der Freiraum meines Handelns, in dem ich meine Lebenszeit mit dem selbstbestimmten Dreitakt aus schöpferischer Tätigkeit, Nichtstun und Faulheit rhythmisiere.

    Das ist auch der Grund, weshalb sich der Müßiggang nicht in den Zweitakt aus Arbeit und Muße, Aktivität und Passivität fügen will. Dann wäre Muße nicht zu übersetzen mit freier Zeit, sondern mit der Auszeit; und die ist bekanntlich die Gnadenfrist, d.h. zweckbestimmte Zeit, um sich für die Arbeitszeit zu erholen. Aber Schlegel lässt keinen Zweifel daran, dass der Müßiggang etwas Göttliches ist, das sich abseits der Arbeit entfaltet. Gott arbeitet nicht, woraus nicht folgt, das er faul ist oder nichts tut. Prometheus allerdings schuftet und gilt als Sinnbild redlichen Schaffens. Bekommt er einen Burnout, empfehlen ihm die Work-Life-Balanciers, fünfe mal gerade sein zu lassen; das ist keine göttliche Muße, sondern das ganze Gegenteil: die Instrumentalisierung von Muße.

    Gruß Phileos

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