Vom rechten Üben

Wer hat nicht in der Vergangenheit sich vorgenommen, zu üben – ein Musikinstrument, eine Sprache, einen Sport, meditieren, tanzen, Handstand, Yoga, Klimmzüge, malen – und es dann nach einiger Zeit aufgegeben? Weil sich der rechte Erfolg nicht einstellen wollte oder weil das Ziel doch nicht mehr so verführerisch schien – der Mensch, den man mit seinen Handstandfähigkeiten beeindrucken wollte, hat sich jemand anderen gesucht, Schlagzeugspielen ist einfach nicht gut für die Ohren und die ganzen ölbemalten Leinwände stauen sich auf dem Speicher. Oder man hat sein Ziel verändert, weil es so viele andere tolle Fähigkeiten gibt in diesem Leben, die es sich zu erwerben lohnt.

Uns begegnen täglich vielerlei Hindernisse auf dem Weg zu unseren Zielen, sei es auch nur in der Form der Furcht vor ihrem Eintreten:

zu wenig Zeit
zu wenig Energie
zu aufwendig,
zu unbequem
zu langweilig
zu schmerzhaft
zu herausfordernd
zu teuer
zu wenig gute Lehrer
zu viele andere Übungen und Ziele
und, und, und …

Der übliche Ansatz, diese Stolpersteine zu überwinden, ist der von Willenskraft und Selbstdisziplin. Wir müssen uns einfach nur mehr, öfter und stärker anstrengen. Und dazu müssen wir uns einfach stärker auf unsere Ziele konzentrieren. Doch paradoxerweise scheint das Gegenteil zuzutreffen: Wir werden diesen Hindernissen so lange begegnen, wie wir unseren Fokus zu sehr auf das Ziel gerichtet haben.
Wie kann das sein? Das Ziel im Fokus haben soll negativ sein? Ich kann doch auch keinen Ort erreichen, wenn ich mich nicht auf ihn konzentriere!
Das ist richtig. Im geeigneten Moment ist es notwendig, sich an seine Ziele zu erinnern und an die Wünsche und Hoffnungen, die man mit ihrem Erreichen verbunden hat. Das kann durchaus motivierend sein.

Aber:

Viele denken, wenn sie zehn oder zwanzig Jahre üben, werden sie schließlich etwas erreichen. Das ist aber nur ein Aufschieben, denn wenn sie jetzt nicht völlig lebendig sind, weshalb glauben sie dann, dass sie es einen fernen Tages sein werden. Dieser Tag wird nämlich nie kommen. Es gibt immer nur das Hier und Jetzt, und wer im Hier und Jetzt, in der Übung und Anstrengung heute nicht vollkommen lebendig und da ist, der wird es nie sein. (Alan Watts)

 
Während des Übens selber also, beim Ausführen einer bestimmen Tätigkeit, ist es nicht unbedingt von Vorteil, nur an das Ziel zu denken. Einen Ort erreichen wir ja auch nicht hauptsächlich durch die Konzentration auf ihn, sondern durch das Gehen. Und während wir üben, müssen wir unseren Fokus verändern: Wir müssen im Moment bleiben, im Hier und Jetzt des Tuns selber sein, und das Tun genießen.

Nach Aristoteles trägt „jedes Lebewesen Ziel und Zweck in sich selber und entfaltet sich dieser seiner inneren Zielstrebigkeit gemäß.“ Dies macht gleichzeitig seine Lebendigkeit aus und seine Schönheit. Das rechte Üben ist also viel mehr als der Weg zur Erreichung eines bestimmten Ziels, von dem wir uns Seelenruhe, Glückseligkeit, Zufriedenheit, Befriedigung, Lust, Freude, usw. erhoffen, ein Gehen ohne Ankommen. Aber ein Gehen, das zugleich ein lustvolles, befriedigendes ist, bereits während seiner Ausführung. Wenn man das Üben richtig begreift und in ihm aufgeht, „seiner inneren Zielstrebigkeit gemäß“, im Hier und Jetzt des Übens, dann kann man Zufriedenheit verspüren, ohne dass man dazu erst das Ziel erreicht haben müsste. Beim Üben muss man nicht an das Ziel denken, nicht einmal an den Weg, sondern nur im Üben selbst ganz da sein. Gemäß dem spanischen Sprichwort: „Es gibt keinen Weg, es gibt nur Gehen.“ Und wenn das Üben langweilig, unangenehm oder schmerzhaft ist, heißt es, diese Gefühle anzunehmen und ins Tun hinüberzunehmen. Dann übe ich heute eben unter Langeweile.

Es geht darum, die richtige Technik einer Fertigkeit, die man einüben will, nicht so sehr um das Ergebnis, das Produkt willen erreichen zu wollen (das allerdings ein angenehmer Nebenwert ist), sondern um der Technik selber willen. In der Tradition der Zen-Kalligrafie wird das besonders anschaulich, wenn das Produkt (das Bild) hinter dem Tun (dem Malen) zurücktritt.

Eigentliches Produkt ist dann nicht so sehr ein äußeres materielles, sondern der Mensch, der produziert, selber. Der Sinn der Übung ist die Verwandlung, sagt Karlfried Graf Dürckheim. Leistung kann dann nicht so sehr als Ergebnis eines willentlichen Könnens, sondern einer „Verwandlung im Sein“ begriffen werden.

Diese rechte Einstellung zum Üben bedarf selber einiger Übung. Das Gute daran ist aber, dass es nicht noch eine Tätigkeit ist, die hinzukommt und unseren vollen Terminkalender zum Überlaufen bringt mit noch einer Trainingseinheit. Das Einüben ins rechte Üben kann vielmehr jederzeit geschehen, vor allem bei jeder Übung, die wir ausführen. Denn was ist unser Alltag anderes als eine Abfolge von Übungen? Wenn wir mit Menschen sprechen, üben wir uns im empathischen Zuhören. Wenn wir allein sind, üben wir uns in der Sorge um uns selbst. Sogar das triviale Putzen kann dann zum Selbstzweck werden und zur Gelegenheit, das achtsame Tun einzuüben. Das Leben ist dann nicht mehr bloß eine langweilige Abfolge notwendiger Schritte zur Erreichung eines fernen Ziels, sondern voller Gelegenheiten, im Hier und Jetzt zu sein, das Tun zu genießen und uns im Üben selber zu verwandeln.

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Ein Gedanke zu “Vom rechten Üben

  1. Eine Frage der Zufriedenheit. Einem Ziel entgegen streben ist gleichzeitig damit verbunden sich aus dem Jetzt heraus in eine Zukunft zu begeben. Warum sollte man das wollen? Meistens sitzt man doch auf glühenden Kohlen, weil einem etwas – gegenwärtig – fehlt. Ich glaube, dass Zufriedenheit (manch einer sagt auch „in seiner Mitte sein“) am ehesten ein „rechtes Üben“ bzw. das Gegengenwärtig sein schlechthin fördert.
    Achtsamkeit ist ein schwieriger Begriff, finde ich. Möglich, dass du dich mit der Zenphilosophie auseinander gesetzt hast. Ich habe zu meiner Teenage-Zeit versucht diesem Ideal nahe zu kommen, aber ob es mich wirklich achtsamer gemacht hat, weiß ich nicht. Wichtig ist, sich nicht auf das „bewusst“ sein zu konzentrieren denke ich. Denn wir sind sehr viel unbewusst und funktionieren so auch meistens am effizientesten. Bei sogenannten Flow-Zuständen ist man, glaube ich, am meisten bei der Sache und gleichzeitig auch von sich aus so sehr da, dass es einen von der Gegenwart wiederum distanzieren würde, wenn man sich aus der Situation rausholt (metakognitiv) indem man sich wieder darauf konzentriert, dass man achtsamer sein sollte, um Achtsamkeit, bzw. „Jetzt-Sein“ zu üben.
    Sinnvoll ist wahrscheinlich das phasenweise Abwechseln von bewusstem Reflektieren, planen usw. und dem loslassen, dass es einem ermöglicht sich dem Moment tatsächlich hinzugeben.

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